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Startseite > Bücher > Thriller > Oldigor Verlag > Wolfgang A. Gogolin > DUNKLES LICHT IN HELLER NACHT > Leseproben > Leseprobe 3

Leseprobe 3

DUNKLES LICHT IN HELLER NACHT

Wolfgang A. Gogolin
Roman / Thriller

Oldigor Verlag
Covergestaltung: Klaud Design

Taschenbuch, 128 Seiten
ISBN: 978-3945016060

Nov. 2013, 8.99 EUR
Bestellen: Jetzt bestellen / auch als eBook erhältlich

Der Himmel über Paris war traurig. Er vergoss ein paar Tränen, tröstete sich für ein paar Minuten und hinterließ den Eindruck, dass es nur eine kurze Milderung der Melancholie gab. Die beiden Ermittler hockten am Rande eines Kinderspielplatzes. Der Spielplatz war leer.
Drei Parkbänke nebeneinander, dahinter ein schmaler Grünstreifen, mit einem Eisengitterzaun von der Straße getrennt. In der wassergetränkten Atmosphäre wirkte der Platz abweisend, doch man konnte sich vorstellen, wie munter es an diesem Flecken Grün bei Sonne zuging. Ganz gewiss war er kein Ort zum Sterben. Die Rue du Parc-Royal lag im dritten Arrondissement. Einige Hotels, ein paar Geschäfte und eine bunte Mischung von alten Wohnblöcken rundeten das Viertel ab.
„Dort drüben im Gebüsch ist sie gefunden worden.“
Emil Durand zeigte mit dem Finger auf eine Ansammlung von Grünpflanzen. Die Büsche trugen trotz des Frühjahrs schon Blätter.
Die Ermittler ließen sich auf der ersten Bank nieder, nahe den Spielgeräten. Eine Rutsche, ein überdachtes Kletterhäuschen aus Holz und ein Drehgestell mit hängenden Leitern. Natürlich gab es auch eine Sandkiste. Besonders originell waren die Spielgeräte nicht. Durand saß weit vorgebeugt, zündete sich eine Zigarette an und ließ den Tatort nicht aus den Augen. Tief nahm er einen Zug.
„Seit wann rauchst du wieder?“
„Seit eben.“
„Rauchen ist mindestens genauso schädlich wie Süßes naschen.“
Fallende Nässe von ausgefransten Wolken bestätigte heulend die Feststellung.
„Ihr Hinterkopf war eingeschlagen.“
„Genau genommen sind Croissants sicherlich ungefährlicher als Rauchen.“
„Dann hat er sie in das Gebüsch geschleift.“ Durand entließ eine Nikotinwolke aus den Nasenlöchern.
„Wer sagt überhaupt, dass Süßes schädlich ist?“
Paralleluniversen gab es nicht nur in Science-Fiction-Filmen, sie waren allgegenwärtig. Häufig traf man sie in Ehen an, manchmal in Büros und sehr selten auf einem Kinderspielplatz im dritten Arrondissement. Lichtjahre vom Kommissariat entfernt drang Ermittler Legard zu Erkenntnissen vor, von denen nie ein Mensch zuvor etwas geahnt hatte.
„Eigentlich sind Croissants gesund und machen glücklich!“ Emil freute sich über seine eigenständige Gedankenleistung, die gleichzeitig die Freisprechung von seinen Sünden und die Entdeckung eines neuen Naturgesetzes beinhaltete. Nur an der Würdigung dieser existenziellen Erkenntnis haperte es.
„Keine weiteren Spuren. Kein Hinweis auf den Täter. Nur Spielsachen, zertrampelte Wege mit Fußabdrücken von Kindern und Reifenabdrücken von Buggys. Wir sollten von Tür zu Tür gehen, mit den Anwohnern reden. Eventuell Handzettel verteilen. Vielleicht gibt es Zeugen.“
„Mathis Durand! Hörst du mir überhaupt zu?“
„Was?“
„Warum hört mir niemand zu? Mach es wenigstens jetzt!“
Die Regentropfen wurden dichter und lauter. Dickblättrige Rhododendronbüsche gaben ein Konzert. Die Ermittler feuchteten ein.
„Ich hab dort drüben ein Café gesehen. Vielleicht hat es schon auf. Gesunde Kost und einen heissen Kaffee wird man sicherlich für uns haben.“
Durand nickte. Drückte die Zigarette auf dem Fußboden aus und ließ sie liegen.
„Das ist ein Kinderspielplatz! Warum lässt du die Kippe liegen?“
Durand schlug den Kragen hoch. Steckte fröstelnd die Hände in die Jeans.
„Nur an schlechten Beispielen kann man lernen.“
„Du bist unmöglich! Absolut unmöglich!“

Schnellen Schrittes gingen die Männer die schmale Seitengasse entlang bis zur nächsten Einmündung. Vor einer dunkelroten Fassade standen einige runde Tische, kaum geschützt durch eine Markise. Die Tür des Cafés öffnete sich knarrend. Emil ging voran.
„Bonjour!“
Der Kellner nickte ungehalten, grüßte nicht. Wer mochte schon Montage, an denen die Gäste vor der Zeit das Lokal betraten? Die schwarzen Bistrostühle scharrten auf dem Steinfußboden.
„Du, die haben hier Crème caramel mit Mandelbiskuit.“ Emil zeigte auf eine Tafel am Eingang, auf der in Kreide die Tageskarte geschrieben war.
„Es hätte mich auch überrascht, wenn dir so etwas entgangen wäre. Keine zwei Sekunden im Café und du kennst die Dessertkarte! Das ist zirkusreif.“ Durand schüttelte den Kopf. Die Augen der beiden verhakten sich ineinander.
„Nur an schlechten Beispielen kann man lernen! Du musst ja nichts essen!“

„Zwei Kaffee und eine Crème caramel. Mit Mandelbiskuit.“ Der Kellner schaute von seinem Schreibblock hoch. Sein War-das-schon-alles-Blick verschreckte Durand nicht.
„Das ist alles! Gibt’s ein Problem?“
Nur für einen Augenaufschlag überlegte der Kellner eine herbe Antwort, als er jedoch in die Augen Durands sah, stellten sich scheinbar unwillkürlich seine Nackenhaare auf. Wortlos ging er.
„Du bist verliebt?“
Emils Augen wurden groß. Er schnappatmete. „Also … ich …“
„Wie heißt sie?“
„Ich … äh … kannst du aufhören, so direkt zu sein! Wer hat dir das erzählt?“
„Emil, schau mich an. Wie heißt sie?“
„Magda hat dir das erzählt. Genau. Sie weiß gar nichts. Hörst du, gar nichts weiß sie! Oder war es Gaspard? Die schnatternde Schwuchtel?“
„Was habe ich dich gefragt?“
Der Kellner brachte den Kaffee. Sorgfältig stellte er die Tassen ab. Legte die Löffel auf eine Papierserviette. Die präzise Definition von Ewigkeit schwebte im Raum. Der Zuckerstreuer erhielt seinen Platz, wurde dann allerdings kurzerhand umdrapiert, um dem Gast günstiger zur Verfügung zu stehen, anschließend bekam das glückliche Milchkännchen auf Anhieb sein Fleckchen Heimat. Die Männer sprachen kein Wort. Erst als der Kellner nicht mehr zu sehen war, folgte ein allumfassendes „Und?“
Emils Blick senkte sich, als würde er vor einem Schuldbekenntnis stehen. Wozu sich wehren? Vermutlich wussten ohnehin alle alles.
„Sie heißt Marie.“
Durand nahm den ersten Schluck des wunderbar duftenden Kaffees. „Ein schöner Name.“ Kräuselnde Dampfwolken stiegen aus der Tasse hoch. Typische Restaurantmusik setzte ein. Unbedeutendes Gedudel, das die Stille in den Gesprächspausen erträglich machen sollte. Tat sie das?
„Ich wollte es dir schon früher erzählen. Aber …“
„Was für ein Problem hast du?“
Die Crème caramel kam mitsamt dem schweigenden Kellner. Nur ein Teller und ein Löffel. Ewigkeit konnte manchmal kurz sein. Emil schaute seinen Kollegen an. Zwischen Durand und ihm lagen Welten. Er würde es nicht verstehen. Durand war nicht so wie er.
„Das verstehst du nicht!“
„Dann erkläre es mir. Ich höre zu!“
Erst rang man um Aufmerksamkeit. Beschwerte sich über fehlende und wenn sie dann doch gewährt wurde, erdrückte sie.
„Ich …“
„Vielleicht fangen wir kleiner an. Wie lange geht das schon mit euch?“
Emil wog den Kopf. Maß die Dinge. Schätzte. Überlegte. „Ungefähr ein Jahr.“
„Seid ihr glücklich?“ Smaragdgrüne Augen sondierten jede Regung.
Emil schürzte die Lippen. „Also. Nicht direkt … eher nein oder vielleicht ...“
„Emil!“
Der Vielleicht-Glückliche seufzte. „Wir sind noch nicht richtig zusammen.“
Durands Augen verstanden nicht, trotz intensiver Sondierung. Dennoch hatte der Ermittler den Kern erfasst. Nebulös das Drumherum. Schleichend braute sich die restliche Wahrheit zusammen.
„Willst du mir sagen, dass du ein Jahr in eine Frau verliebt bist und noch nicht zum Zug gekommen bist?“ Durand ließ Emil keine Zeit für Faselmorast. „Ein Jahr?!“ Zwei präzise, vorgeworfene Wörter fegten durch den Raum.
Emil beschwichtigte mit einer wippenden Handbewegung, legte dann den Zeigefinger über den Mund und flüsterte: „Könntest du bitte etwas weniger laut sein.“
„Ein Jahr!?“ Durands dunkle Stimme hallte ausgerechnet in einer Musikpause ungehindert durch den Raum. „Sag mal, wer hat dir denn so etwas beigebracht? Kein Wunder, dass du langsam durchschmorst!“
„Ich versuche, nichts zu überstürzen! Sie ist so … wundervoll, weißt du. So einzigartig. Sie hat ein winziges Grübchen in der Wange. Ihr Lächeln ist, als würde die Welt nur aus wärmenden Sonnenstrahlen bestehen. Und ihre Figur … die ist so … ach, Mathis. Sie ist so fleischig!“
„Kennt sie überhaupt deinen Namen?“
„Was?“ Emil hieb mit der Gabel auf seine Crème caramel ein. Ein Stückchen davon dirigierte er darauf, um es weiter in den Mund zu schieben. „Du bist so ein Unromant!“, nuschelte er. Erneut traktierte er die Süßspeise, wurde dabei immer aufgeregter. „Total unsensibel!“ Sein Doppelkinn wackelte.
„Heißt das Nein?“
Emil hörte auf zu kauen. Die Welt bekam eine andere Zeitrechnung. Sie zog sich wie ein fetter, langsam herabtropfender Karamellfaden hin. Emil sah eine Menge Smaragdgrün und sagte leise „Ja“.

Der Regen über Paris schüttete sich aus. Vor dem Restaurant pöbelten zwei Autofahrer. Offensichtlich wollten auch andere Autofahrer etwas zu der lautstarken Auseinandersetzung beitragen. Sie hupten. Der junge Mann in dem roten Sportwagen stieg aus, mit einem Baseballschläger in der Hand. Deutlich erkennbar suchte der Aussteiger eine endgültige Lösung. In der Wärme des Cafés, unbeeindruckt von der Straßenschlacht, schien man ebenfalls keilförmig ein Unterhaltungsende zu finden.
„Hast du überhaupt jemals mit ihr gesprochen!“
„Jaaa. Selbstverständlich. Wir reden fast jeden Tag miteinander.“
Eine Polizeisirene näherte sich. Doch selbst bei einem Granateneinschlag oder wenn der Louvre eingestürzt wäre, hätte Durand seine Ermittlung fortgesetzt. „Aber sie kennt deinen Namen nicht?“
„Das kommt schon noch!“
„Worüber redest du mit ihr?“
Aufgewühlt rührte Emil in seinem kläglichen Rest Kaffee herum. Würde er weiter in der Geschwindigkeit etwas unterarbeiten, das sowieso untergearbeitet war, so würde durch die Reibungswärme in Bälde nichts mehr vorhanden sein. Abrupt hörte das Rühren auf. „Reden, reden. Irgendwie wird das überbewertet.“
„Emil!“
„Zwei Croissants bitte!“
„Was?“
„Das rede ich mit ihr!“
Durand sah seinen Kollegen irr an. So viele Fragezeichen waren in seinem Gesicht nur selten zu sehen.
Emil senkte seinen Blick in den Kaffee. „Sie ist meine Bäckereiverkäuferin, in der Bäckerei neben dem Musikladen. Du weißt schon.“
Durand verdrehte die Augen, sein Körper sackte zusammen.
„Sie ist gerade in Urlaub. Ich kann gerade nicht mehr mit ihr reden!“
„Emil. Manchmal denke ich, es ist ein Wunder, dass du bis heute überleben konntest!“

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