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emperor-miniature

Leseprobe 3

MARTY I

Sören Prescher
Roman / Mystery-Thriller

rouven-finn verlag
Covergestaltung: Klaud Design

Taschenbuch, 225 Seiten

Mar. 2015, 13.90 EUR
Bestellen: Jetzt bestellen / auch als eBook erhältlich

Erschöpft schleppte er sich weiter und hielt nach einer Nebenstraße oder einem unscheinbaren Hinterhof Ausschau. Im Moment war ihm fast alles recht.
Er passierte ein schäbiges Lokal, vor dessen Eingang einige zum Gebäudezustand passende Prostituierte warteten. Sie musterten ihn, verloren aber schnell das Interesse. Verdenken konnte Marty es ihnen nicht. Momentan sah er ziemlich heruntergekommen aus. Wahrscheinlich war das auch der Grund, weshalb noch keiner versucht hatte, ihn auszurauben.
Nach weiteren zehn Minuten fühlte er sich, als würde er barfuß über Rollsplitt laufen. Seine Ansprüche auf eine Ruhemöglichkeit waren inzwischen so gering, dass er alles akzeptiert hätte, was keine Fenster besaß und von der Hauptstraße nicht direkt einsehbar war.
Er fand sein Glück in einer kaum beleuchteten Seitengasse. Hinter einem überquellenden Müllcontainer, der säuerlichen Fischgeruch verströmte, entdeckte er einen Berg weggeworfener Pappkartons, der nicht mal so ungemütlich aussah. Ihm genügte es vollkommen.
Selig lächelnd streckte er sich auf der weichen Unterlage aus und spürte die Schwere seines Körpers erst richtig. Seine Füße pulsierten und schienen mehr als das Dreifache ihres eigentlichen Gewichts zu wiegen. Mit Armen und Beinen war es nicht anders.
Wie schön wäre es gewesen, einfach liegen zu bleiben und zu schlafen. Doch beim kleinsten Geräusch riss er die Augen auf. Richtig zur Ruhe würde er hier definitiv nicht kommen. Die Gegend und die ganze Situation waren falsch. Statt in der Gosse hätte er daheim in seinem Bett liegen sollen. Oder sich mit Carol amüsieren.
Bei dem Gedanken an sie verzog er angewidert das Gesicht. Erst in der Not hatte sie ihm ihr wahres Gesicht gezeigt. Aber welchen Vorwurf konnte er ihr machen? Immerhin kannten sie beide sich lediglich seit drei Verabredungen. Das genügte sicher nicht, um tatsächlich über einen Menschen Bescheid zu wissen.
Trotzdem hätte er an ihrer Stelle völlig anders gehandelt. Es gehörte sich einfach nicht, jemand dermaßen im Regen stehen zu lassen.
Die Faulheit hielt ihn einige Zeit lang auf der Pappunterlage. Dann wurde ihm der Fischgeruch zu penetrant und er humpelte zur Straße zurück. Seine Knochen schmerzten bei jedem Meter.
Mittlerweile stammte das einzige Licht von Scheinwerfern, Straßenlaternen und den Neonleuchten in den Schaufenstern. Zusammen mit der langsam stiller werdenden Stadt besaß es etwas Melancholisches. Marty fühlte sich einsam, ausgestoßen und elend. Er war kein Teil mehr der sauberen, strahlenden Welt, in der er früher gelebt hatte. Alles, was ihm geblieben war, trug er bei sich.
Der Fußweg war mit Abfällen übersät, die der Wind bei jeder sich bietenden Gelegenheit als Spielbälle verwendete. Die Fußgänger bestanden inzwischen zum Großteil aus Drogensüchtigen, Jugendlichen in Ganguniformen und Freaks, die bestimmt aus irgendeiner Anstalt ausgebrochen waren.
So wie Marty.
Im Vorbeigehen vernahm er aus einem offenen Fenster laute Hip-Hop-Musik. Irgendein Hinterhof-Rapper zählte auf, was er mit jedem anstellte, der seinem Auto und seinem Mädchen zu nahe kam.
Die Probleme hätte ich auch gern, sagte sich Marty und schaffte es kurzzeitig, zu lächeln.
Weiter vorn gab es ein Spirituosengeschäft mit hellblauer Neonbeleuchtung, das vierundzwanzig Stunden am Tag geöffnet hatte. Drinnen könnte er sich mit billigem Fusel eindecken und endlich den ganzen Schlamassel wenigstens kurzzeitig hinter sich lassen. Doch noch schlimmer als sein jetziger Zustand wäre dann wohl das Erwachen morgen früh. Darauf konnte er getrost verzichten.
Hinter dem Schnapsladen lag die nächste unbeleuchtete Nebenstraße. Ein weiterer idealer Ort für einen Überfall. Waren da hinten nicht auch irgendwelche dubiosen Geräusche zu hören? Marty lauschte und versuchte, etwas in der Finsternis zu erkennen.
Wahrscheinlich nur ein paar Penner. Dann hörte er etwas, das sich wie Schläge und unterdrückte Schreie anhörte.
Oh, oh.
Was nun? Immerhin hatte er selbst genug Probleme am Hals. Dennoch brachte Marty es nicht übers Herz, wegzusehen. Hatte er nie gekonnt. Wenn schon sein Leben keinen Cent mehr wert war, beim Leben des Opfers sah es vielleicht ganz anders aus.
„Hey, ihr da! Verschwindet! Sonst hol ich die Bullen“, rief er, so laut er konnte. Hielt jemand inne? Zu erkennen war nichts, aber zumindest folgten keine weiteren Aufschreie. Marty betrat die Gasse. Nach den ersten Metern zählte er vier oder fünf Personen in der Finsternis. Eine weitere lag am Boden.
Er lief schneller. Jeder Muskel schmerzte, aber das war egal. Er hoffte bloß, dass die Schlägertypen durch sein plötzliches Auftauchen genug Angst bekamen, dass sie sich verdrückten. Falls nicht, musste er versuchen, das Problem mit den Fäusten zu lösen. Körperlich waren die anderen eindeutig im Vorteil, Marty andererseits hatte nichts mehr zu verlieren. Fest entschlossen ballte er die Hände.
Doch die Angreifer wichen tatsächlich zurück. Anfangs nur zögerlich, als sie jedoch sahen, dass Marty nicht anhielt, drehten sie sich um und ließen ihr Opfer zurück.
Der Zusammengeschlagene und er waren allerdings nicht allein. Abseits stand eine zitternde Frau, offenbar in seinem Alter. Ihr Haar schimmerte rötlich im letzten Glanz der weit entfernten Straßenlaternen.
Marty sah an ihr keine Verletzung und widmete sich dem Mann am Boden. Er schien ebenfalls im gleichen Alter wie er selbst, hatte dunkle Haare und zahlreiche dunkle Stellen im Gesicht. Vermutlich Schmutz und Kratzer. „Alles in Ordnung?“
„Geht schon wieder“, stöhnte er. „Danke für deine Hilfe. Ohne dich wäre das bestimmt noch eine Weile weitergegangen.“
„Eric, bist du okay?“ Die Frau kam vorsichtig zu ihnen. Ihre Hände waren leer. Das genügte Marty für den Moment, um sie als ungefährlich einzuordnen.
„Alles bestens“, antwortete Eric.
„Die haben dir ganz schön zugesetzt.“ Marty streckte ihm die Hand entgegen.
Nach kurzem Zögern griff Eric danach.
„Was war los zwischen denen und dir?“
„Eine alte Rechnung. Nichts Dramatisches. So was passiert hier jeden Tag.“
„Geht es dir wirklich gut?“, hakte die Frau wieder nach.
„Habe mich nie besser gefühlt.“ Er versuchte zu lächeln, schien aber schnell zu merken, wie schmerzhaft es war. „Nochmals danke für deine Hilfe“, sagte er an seinem Retter gewandt. „Ich bin Eric.“
„Ich bin Marty. War doch selbstverständlich.“
„Sag das nicht. Die meisten Leute wären weitergegangen.“ Er zeigte auf die Frau neben ihm. „Die Schönheit hier ist Kate.“
„Hi.“ Sie winkte schüchtern und Marty versuchte, mehr von ihr zu erkennen. Unmöglich in dieser Dunkelheit.
Gemeinsam kehrten sie zur Straße zurück. Eric humpelte, verlor aber kein Wort über seine Verletzungen.
„Ist eine Scheiß-Gegend“, sagte Kate neben ihm. „Hier kannst du froh sein, wenn du nicht hinter jeder zweiten Ecke überfallen wirst.“
„Nun übertreib mal nicht.“ Eric schüttelte den Kopf. „So schlimm ist es auch nicht.“
„Das haben wir gerade gesehen“, sagte Marty.
„Das war auch bloß halb so schlimm.“
„Ja, ja“, sagte Kate. „Im Krankenhaus komme ich dich bestimmt nicht besuchen.“
„Brauchst du auch nicht. Mir passiert schon nichts.“
„Idiot.“
Sie kamen an einer verbeulten Straßenlaterne vorbei, die mehrfach das Ende einer rasanten Autofahrt bestimmt haben musste, aber immer noch funktionierte. Im Lichtschein musterte Marty seine Begleiter genauer. Sein erster Eindruck hatte ihn nicht getäuscht.
Die zwei waren in seinem Alter und Kate besaß tatsächlich schulterlange rote Haare. Mit ihrer Stupsnase und den grünen Augen war sie überaus hübsch und sah trotz ihrer schmutzigen Jeans und des mindestens zwei Nummern zu großen Pullovers überhaupt nicht wie ein Straßenmädchen aus.
Erics Kleidung schien ebenfalls vom Ausverkauf im Secondhandladen zu stammen. Die blauen Jeans waren ausgebleicht und an mehreren Stellen aufgerissen. Darüber trug er ein T-Shirt, das früher einmal blau gewesen war, jetzt aber mehr ins Weiße ging und mit etlichen Flecken verziert war. Letzteres traf auch auf sein Gesicht und seine Arme zu. Ein heißes Bad hätte Kate und ihm sicherlich gut getan. Aber Marty wollte nicht die Nase rümpfen, auch seine letzte Dusche lag einige Zeit zurück.
Sie bogen auf die Hauptstraße ab, schwenkten aber zwei Häuserblocks später in die nächste Gasse ein.
Vielleicht wollen sie mich hier ja ausrauben, überlegte Marty. Bisher machten seine Begleiter zwar einen sympathischen Eindruck, aber was sagte das schon?
„Wo kommst’n eigentlich her?“, fragte Eric.
„Eigentlich aus dem Westteil der Stadt, aber das scheint eine Million Jahre zurückzuliegen.“
„Bist also viel rumgekommen, willst du damit sagen?“
„Ja, fast so was wie eine Weltreise.“
„Klingt interessant. Wir sind ganz Ohr.“
„Lassen wir das lieber. Es ist eine verdammt lange und komplizierte Geschichte.“
Die mir ohnehin keiner glauben würde, fügte er in Gedanken hinzu. Abgesehen davon wusste er nicht mal, ob er den beiden vertrauen konnte. Womöglich lieferten sie ihn nach seinem Geständnis an die Behörden aus, weil sie auf eine Belohnung hofften.
„Wir haben die ganze Nacht Zeit. Zufälligerweise sind heute Abend noch Termine frei“, sagte Kate.
„Bist du sicher?“, fragte Eric und machte mit Daumen und kleinen Finger ein Telefon nach. „Lass mich erst unsere Sekretärin anrufen.“
Beide prusteten vor Lachen, Marty hingegen runzelte die Stirn. War das ein Insiderwitz oder besaß er einfach nur einen komplett anderen Humor? Nach Lachen war ihm zwar nicht zumute, dennoch erhellten die fröhlichen Gesichter seine Miene.
„Wo schläfst du eigentlich heute Nacht?“ wollte Kate wissen.
„Vielleicht holt ihn sein Chauffeur ab.“
„Schön wär’s“, sagt Marty. Wenn mich hier einer abholt, dann Polizei oder FBI. „Ehrlich gesagt habe ich noch keine Ahnung, wie es weitergeht.“
Die beiden tauschten stumme Blicke aus und Marty tat, als bemerke er nichts davon.
„Dann komm mit uns“, sagte Eric gleich darauf. „Wir zeigen dir einen Platz, wo du dich ausruhen kannst. Wir schlafen seit einigen Tagen dort.“
Kate nickte. „Was Besseres als die Straße ist es allemal.“
Das wollte Marty nicht bestreiten, dennoch suchte er nach Argumenten, die gegen den Vorschlag sprachen. Er fand keine, eine Alternative war ebenfalls nicht in Sicht.
„Okay“, sagte er deshalb und erntete von Kate ein dünnes Lächeln.
Eric klopfte ihm auf die schmerzende Schulter. „Gute Entscheidung. Hast du so was wie ’nen Schlafsack?“
Marty schüttelte den Kopf.
„Oder wenigstens ‘ne Decke?“
Abermals nein. „Wohin wollt ihr mit mir? Zum Campen?“
„Nicht ganz. Zu einem Abrisshaus in der Beaumont Street. Ist nicht weit von hier.“
Vor Martys geistigem Auge erschien ein maroder Schuppen mit vernagelten Fenstern, Löchern im Boden und einsturzgefährdeten Wänden. Doch selbst das schreckte ihn nicht ab. Hauptsache, er kam weg von der Straße und konnte sich endlich ausruhen.

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