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Ausschnitt aus DIE EHRENBÜRGER VON MONTEAGUDO von Arthur Gordon Wolf

MEERKATZEN
MEERKATZEN

Alisha Bionda (Hrsg.) / Tanya Carpenter (Autor) u.a.
Anthologie / Kurzgeschichten

Arunya-Verlag
Covergrafik: Shikomo
Covergestaltung: Shikomo
Innengrafiken: Shikomo

PFOTEN-REIHE: Band 1
eBook

Jan. 2016, 4.99 EUR
auch als eBook erhältlich

Ich hasse den Winter. Ich hasse die Kälte, die nebligen, lichtlosen Tage. Die tote, erstarrte Natur. Die Einsamkeit. Und daran kann auch die Tasse Tee der Sorte „Hol dir Kraft“ nichts ändern. Jenny hat mir die kleine Tee-Kollektion zu Weihnachten geschenkt; sie meinte es sicher gut – auf ihre augenzwinkernde Art, doch nun schaue ich nur zu, wie der Kräutersud langsam erkaltet. Immerhin hat er einen angenehmen Duft nach Ringelblumen und Minze im Raum verbreitet.
Ich seufze schwer. Der Blick hinaus auf die Veranda ist auch nicht dazu angetan, meine Stimmung zu heben. Überall nur grau in grau. Es ist jetzt Ende Februar und der Frühling scheint noch immer in unerreichbarer Ferne zu sein. Eigentlich sollte ich mich wenigstens darüber freuen, dass zumindest der Schnee verschwunden ist, doch das schwache anämische Grün des Rasens, die knorrigen nackten Äste der Bäume und das trübe Wasser des Seerosenteichs offenbaren nun umso deutlicher, was die Schneedecke bislang verdeckt hielt: Kälte, Erstarrung und Tod.
Wunderbar!, denke ich. Das sind genau die Gedanken, die mich weiterbringen. Nervös trommeln meine Finger auf die Tischplatte, während ich die leere Seite auf dem Monitor anstarre. Nun, völlig leer ist sie nicht. Immerhin habe ich schon eine Überschrift geschafft: „Biosphere Expeditions – ein Projekt zur Rettung der Wallriffschildkröte“. Ich soll für Geo-Online einen Artikel über dieses Projekt in West-Australien verfassen, doch irgendwie kann ich mich nicht darauf konzentrieren. Ich sitze vor dem verdammten Computer wie eine richtige Schriftstellerin mit Schreibblockade. Hah, schön wär’s! Um überhaupt irgendetwas zu tun, studiere ich zum x-ten Mal meine Notizen. Die Wallriffschildkröte oder auch Australische Suppenschildkröte steht auf der Roten Liste der gefährdeten Arten. Ihr lateinischer Name lautet ‚Natator depressus’. Ich seufze erneut. Na, ist das nicht passend? Wie soll sich meine Laune bessern, wenn ich es mit einem derartigen Namen zu tun habe? Depressus. Also wirklich! Eins weiß ich sicher: Wenn ich jetzt im warmen Wasser des Indischen Ozeans schwimmen könnte, wäre ich jedenfalls alles andere als depressiv.
Ich tagträume immer noch von warmem, kristallklarem Wasser unter südlicher Sonne, als plötzlich etwas auf meinen Schoß springt und von dort auf den Tisch. Seine Hoheit Sir Francis gibt sich die Ehre. So, als sei die Tastatur ein für ihn ausgebreiteter roter Teppich, stolziert er mit erhobenem Kopf und aufgeregt zuckendem Schwanz darüber hinweg und lässt sich dann wie selbstverständlich auf meinen Notizen nieder, die Teetasse in gefährlicher Reichweite seiner ausgestreckten Pfoten. Sir Francis gähnt genussvoll und schaut mich dann mit seinen wundervollen Augen grinsend an. Ja, wirklich! Leute, die glauben, grinsende Katzen gäbe es nur bei ‚Alice im Wunderland’, kennen meinen Kater nicht. Und es ist keineswegs eine optische Täuschung wie etwa bei den scheinbar ewig lächelnden Delphinen. Nein, Sir Francis kann sein vorwitziges Schnäuzchen tatsächlich zu einem Grinsen verziehen; allerdings nur, wenn er in der entsprechenden Stimmung dazu ist. Und an diesem Morgen scheint er sich entsprechend zu fühlen. Dafür lacht er natürlich niemals. ‚Lachen’ wäre auch etwas, was nicht im Einklang mit dem reservierten Wesen einer Katze stünde. Katzen sind selten aktiv und vordergründig; sie sind geduldige Beobachter, die ihre Umwelt aus einer gewissen Distanz heraus wahrnehmen. Und in Sir Francis’ Fall führen diese heimlichen Beobachtungen zuweilen zu einem stillen, leicht ironischen Grinsen. Und selbstverständlich bin meist ich es, die ihn zu jenem ungewöhnlichen Mienenspiel bewegt. Es ist seine Art des Kopfschüttelns.
Ich streichle ihm zärtlich über den Kopf und kraule ihn dann an seiner Lieblingsstelle hinter dem rechten Ohr. Diese Liebkosung ist keineswegs einseitig, es ist merkwürdig, aber allein die Berührung seines samtenen warmen Fells, das sanfte Schnurren und der grinsende Blick verschaffen auch mir augenblicklich ein Gefühl des Wohlbehagens. In Sir Francis’ Nähe kann ich einfach nie lange trübsinnig bleiben. „Du magst ja ein kleiner Macho mit dem Ego eines Löwenrudels sein“, sage ich, „aber als Psychotherapeut bist du wirklich unbezahlbar.“
Sir Francis zwinkert nur zustimmend mit den Augen. Diese Augen. Immer wenn ich ihren Blick erwidere, glaube ich nicht einfach nur ein Tier anzuschauen, sondern direkt in die Seele eines guten Freundes zu sehen. Es sind nämlich keine gewöhnlichen grünen oder bernsteinfarbenen Katzenaugen; Sir Francis’ Augen schimmern seltsam türkis. Bei bestimmten Lichtverhältnissen erscheinen sie sogar ultramarinblau. Bei Katzenbabys sind blaue Augen ja keine Seltenheit, bei Sir Francis jedoch blieb der Blauton bestehen. Es waren eindeutig diese großen, strahlenden Augen, mit denen dieser kleine Racker mein Herz im Sturm erobert hat.
Ich schaue wieder auf den Monitor. Diesmal steht dort: „2XX§EVFT(KKKKKKKKKP=)Ü’“
„Es ist ja nett, dass du mir helfen willst, Francis“, sage ich lächelnd, „aber dein Katzen- Steno beherrsche ich leider nicht.“
Er legt den Kopf etwas schief und gibt ein kurzes „Maauuuh!“ von sich. Der Betonung nach dürfte es in etwa heißen: „Du meine Güte! Muss man denn in diesem Haushalt ALLES selbst machen?!“
„Ja, ich weiß“, antworte ich. „Du hast es hier bei mir wirklich nicht leicht. Nur nervige Frauen um dich.“ Außer meiner besten Freundin Jenny, die unangemeldet zu jeder Tages- und Nachtzeit bei mir hereinschneit, kommt nur noch die Putzfrau jeden Freitag in die Wohnung. Und gelegentlich meine Mutter, wenn sie nicht gerade wieder einmal auf der AIDA oder ähnlichen Ungetümen die Weltmeere unsicher macht. Ansonsten: nada. Was das ‚Problemfeld Männer’ betrifft, so habe ich dies vorerst ‚ad acta’ gelegt. Männer bringen einfach zu viel Unruhe in mein Leben und ich benötige halt mein ‚Rückzugsgebiet’, meine ‚Oase der Stille’. Als Freelance-Journalistin muss ich meine fünf Sinne stets hundertprozentig auf meine Arbeit richten können; die Wohnung, der Wagen, die Versicherungen und der ganze übrige Plumquatsch bezahlen sich schließlich nicht von allein. Und außerdem wird dem ganzen Beziehungskram meiner Meinung nach ohnehin viel zu viel Bedeutung beigemessen.
Sir Francis wirft mir einen ‚Das-glaubst-du- doch-selbst-nicht-Blick’ zu. Kann er jetzt etwa auch Gedanken lesen?
„Was ist?“, spiele ich die Unschuldige. Das Katergrinsen hat jetzt eine joviale Note angenommen. Aber er sagt kein Wort. Was denke ich da nur für einen Unfug? Selbstverständlich sagt er nichts. Katzen haben nun mal die Angewohnheit, mit Worten recht sparsam umzugehen. Mich beschleicht allerdings der Verdacht, dass Sir Francis auch dann nichts sagen würde, wenn er der menschlichen Sprache mächtig wäre. Katzen sind meist sehr zurückhaltende Wesen, die nicht gleich polternd mit der Tür ins Haus fallen. Und mein Kater ist trotz all seiner Allüren ein Gentleman alter Schule. Es käme ihm nie in den Sinn, meine Entscheidungen offen zu kritisieren (mit Ausnahme vielleicht, wenn ich anfinge, ihm Tofu anstatt Thunfisch, Rind oder Lamm vorzusetzen), stets beschränkt er sich auf dezente Blicke, ein zufällig klingendes Räuspern oder eben sein vielsagendes Grinsen. Ich muss wieder unwillkürlich lächeln. Neckend kitzele ich seine Schwanzspitze, die wie ein flauschiger Scheibenwischer zwischen Tastatur und Monitor hin und her zuckt. „Du glaubst wohl alles besser zu wissen, nicht wahr, du alter Seeräuber?“
Sir Francis bedenkt mich mit einem langen, fast feminin aufreizenden Augenaufschlag. Seine typische Art eines Kopfnickens. Mein Kater ist wirklich das feline Gegenstück zu Kapitän Jack Sparrow alias Johnny Depp in „Fluch der Karibik“. Für einen Kater ist er eigentlich viel zu schlank und grazil geraten; sein dichtes rot-weiß gestreiftes Fell wirkt dabei ähnlich verwegen aber gleichzeitig elegant wie das Äußere des androgynen Depp. Und der kleine schwarze Fleck über seinem linken Auge sieht aus wie die obligatorische nach oben geschobene Klappe eines jeden tollkühnen Seeräubers. Es war mir von Anfang an klar, dass er den Namen eines Piraten erhalten musste, nur habe ich dafür nicht den fiktiven Jack Sparrow, sondern die historische Person des Freibeuters Sir Francis Drake gewählt. Dies hängt mit der Heimat meines schnurrenden Mitbewohners zusammen: Monteagudo.
Allein beim Klang dieses Namens verspüre ich eine Gänsehaut. Monteagudo! ‚Insel der Götter’ im Galizischen Meer. Im Grunde ist Monteagudo der nördliche Teil einer Inselgruppe; die ‚Cies-Inseln’ bestehen zudem noch aus ‚Do Faro’ und ‚San Martinho’ und sie liegen vor der galizischen Küste im Nordwesten Spaniens. Mein Blick ruht verträumt auf Sir Francis’ ausgestrecktem Körper. Eigentlich müsste man ihn zur Sondergattung der See- oder Meerkatzen zählen, doch mein Kater ist natürlich wesentlich attraktiver und schlauer als die wahren Namensträger.
Ich halte kurz inne. Ein Gedanke kommt mir plötzlich in den Sinn: Wenn ich schon keine Lust dazu habe, über Schildkröten zu schreiben, warum stattdessen nicht über meinen Kater?
„Miauuuh!“, bekräftigt mein rot-weiß gestreifter Gedankenleser.
Also gut. Abgemacht. Dann erzähle ich halt von diesem frechen Seeräuber und davon wie ich ihn kennengelernt habe. (Aber tue ich das nicht schon die ganze Zeit über?)

Shikomo
Shikomo
© http://www.shikomo.de

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