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Ausschnitt aus DAS KIND MIT DER FREMDEN SPRACHE von Ladina Bordoli

MEERKATZEN
MEERKATZEN

Alisha Bionda (Hrsg.) / Tanya Carpenter (Autor) u.a.
Anthologie / Kurzgeschichten

Arunya-Verlag
Covergrafik: Shikomo
Covergestaltung: Shikomo
Innengrafiken: Shikomo

PFOTEN-REIHE: Band 1
eBook

Jan. 2016, 4.99 EUR
auch als eBook erhältlich

Rauer Wind kam auf und wirbelte einige Sandkörner durch die Luft. Roxy kniff die Augen zu. Obwohl sie auf Fuerteventura geboren worden war, hatte sie sich immer noch nicht an den hartnäckigen Wind in Küstennähe gewöhnt. Aber wie so oft an einem Nachmittag, hatte sich die graue, grazile Katzendame auf einen Felsvorsprung gesetzt, um dem bunten Treiben der Wassersportler zuzusehen. Hier im Norden der Insel, in der Nähe der Stadt Corralejo, befand sich das Mekka der Kite- und Windsurftouristen aus aller Welt. Neben dem Wassersport und der kargen, wüstenähnlichen Natur hatte die Insel nicht viel zu bieten. Roxy fand ihre Heimatinsel inmitten des Atlantischen Ozeans dennoch liebenswert. Mit dem ungewöhnlich gesprenkelten Sand, den zerklüftet ins Meer ragenden Klippen und den künstlich gezüchteten Palmen strahlte Fuerteventura eine eigenwillige Mischung aus Authentizität und Touristenliebe aus. „Wusstest du, dass Fuerteventura aus der Luft betrachtet aussieht wie ein Grillhähnchenschenkel?“, fragte Silver und setzte sich neben Roxy. Im Gegensatz zu der grauen Katzendame war Silver ein etwas pummeliger, rot getigerter Kater, dessen Taufname Quicksilver man ziemlich rasch auf Silver reduziert hatte. Roxy rollte genervt die Augen, strich sich ihre Schnurrbarthaare würdevoll glatt und meinte trocken: „Musst du immer ans Essen denken? Ein bisschen Entbehrung hie und da würde dich jedenfalls nicht gerade unter die Erde bringen.“ Sie maß Silver mit einem leicht abschätzigen Blick und starrte dann wieder nach vorne.
Silver sprang aufgeregt auf die Beine und erzählte mit bebender Stimme: „Aber wer denkt denn heute nicht ans Essen? Hast du es noch nicht gespürt? Der Calima ist im Anmarsch! Und weißt du, was uns der heiße Ostwind aus der Sahara bringt?“
Roxy seufzte resigniert und gelangweilt. „Echt jetzt? Wer weiß das nicht. Wanderheuschrecken und Insekten. Aber deshalb müssen wir uns doch nicht gleich verhalten, als wären wir einer seltenen Form von Schwachsinn anheimgefallen, oder?“
Manchmal fragte sich Roxy ernsthaft, womit sie es verdient hatte, gerade am selben Tag wie Silver auf die Welt gekommen zu sein. Seit sie geboren worden waren, folgte ihr der rote Garfield-Verschnitt wie ein Schatten. Roxy fand jedoch, dass sie so gut wie keine Gemeinsamkeiten hatten. Sie handelte überlegt, war gepflegt, schlank und agil. Ihr scharfer Verstand arbeitete rund um die Uhr auf Hochtouren und ihren Argusaugen entging nichts. Silver hingegen war wohlgenährt (bis voluminös), irrational, grundlos ängstlich und, wenn es nicht gerade ums Essen ging, auch noch schleichend langsam. So jedenfalls sah es Roxy. Wenn es denn an ihr etwas zu bemängeln gab, dann die Tatsache, dass ihr Fell nicht lückenlos grau war, sondern auf der Brust einen ärgerlichen weißen Ausrutscher aufzeigte. Eine fiese Laune der Natur, die sie wohl daran erinnern sollte, nicht die Bodenhaftung zu verlieren.
„Sieh nur, da sind sie wieder!“, stieß Silver aus und verteilte vor Aufregung einen Sprühregen aus Speichel und Nahrungsresten auf dem Felsvorsprung.
„Beruhige dich wieder, ich war gestern auch hier. Ich weiß, wer die beiden sind. Das junge Windsurfer-Paar, die Besitzer der Surfschule unten am Strand“, wies ihn Roxy zurecht und reckte neugierig ihren Hals.
„Hey, Miss Giraffe, siehst du, was ich sehe? Der Bauch des Mädchens wölbt sich mit jedem Tag mehr und ich habe sie schon lange nicht mehr in See stechen sehen!“, ereiferte sich Silver weiter.
„Natürlich nicht, wenn sie schwanger ist! Das Baby wird bald kommen – jedenfalls ist es bei den Katzen so, wenn sie etwa so rund sind wie dieses Mädchen hier.“
Silver nickte ernst. Wenn Roxy das sagte, würde es so sein. Er zweifelte nie an ihren Worten.
Roxy und Silver hatten zwar kaum etwas gemeinsam, aber diese Leidenschaft teilten sie. Sie bewunderten das junge Menschenpaar. Nein, sie vergötterten es. Sie nannten sie Tarzan und Jane. Diese beiden jungen Menschen stellten für die Katzen die Ursprünglichkeit des Menschseins dar. Beide waren wunderschön, mit gut definierten Muskeln und einem sonnigen Lachen. Sie hatte die zarte Haut weißer Orchideen, während er von schimmernder Bronze umhüllt war. Und beide hatten jenes exklusiv bei Menschen vorkommende helle Haar, welches dem makellosen Sandstrand der Tropen im Fernen Osten glich. Silver und Roxy waren fasziniert von Tarzan und Jane. Sie konnten es kaum mehr erwarten, das süße Baby der beiden endlich zu sehen. Würde es auch dieses reine, weiße Haar haben, bloß viel weicher?
„Morgen um dieselbe Zeit?“, fragte Silver und machte Anstalten zu gehen.
„Ich dachte, du bist im Calima-Fieber? Hast du da nicht Wichtigeres zu tun, als dir mit mir ein paar Menschen anzugucken?“, entgegnete Roxy schnippisch und machte keinen Hehl daraus, dass sie auf seine Gesellschaft gut verzichten konnte.
Silver schien ihren bissigen Unterton nicht zu bemerken und fuhr treuherzig fort: „Ach mach dir um mich keine Sorgen! Am Morgen der Calima-Schmaus, am Nachmittag Tarzan und Jane!“ Er wedelte zum Abschied mit seinem buschigen Schwanz und zottelte davon. Auch das war eine Macke, die ihm Roxy erfolglos versucht hatte abzutrainieren. Irgendwann war sie zu dem Schluss gekommen, dass Silver wohl einfach ein genetisches Desaster sein musste. Vielleicht konnte er sich dieses Goodbye-Zucken gar nicht abtrainieren, genauso wenig wie seinen chronischen Hunger. Wer weiß, möglicherweise war Silver ja die erste Katze auf Fuerteventura, deren DNA nur aus einer einfachen anstatt einer Doppelhelix bestand. Somit besäße er wohl gerade noch genug Gene, um nicht eines Tages aus purem Stumpfsinn von der Klippe zu springen.

Shikomo
Shikomo
© http://www.shikomo.de

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