Main Logo
LITERRA - Die Welt der Literatur
Home Autoren und ihre Werke Übersicht
Neu hinzugefügt
Serien / Reihen
Genres
Leseproben
Bücher suchen
Signierte Bücher Künstler und ihre Werke Hörbücher / Hörspiele Neuerscheinungen Vorschau Musik Filme Kurzgeschichten Magazine Verlage Specials Rezensionen Interviews Kolumnen Artikel Partner Das Team
PDF
Startseite > Bücher > Fantasy > Fabylon > Laura Flöter > NIRGENDLAND > Leseproben > Leseprobe 3

Leseprobe 3

NIRGENDLAND

Laura Flöter
Roman / Fantasy

Fabylon
Covergrafik: Laura Flöter

Taschenbuch
ISBN: 978-392707187-2

Mar. 2013, 16.90 EUR
Bestellen: Jetzt bestellen

Wie sollte sie Lîskith finden? Líl-Laë wusste nicht, wo sie suchen sollte, und wie (schließlich hatte er zu ihr gesagt, es ist besser, wenn ich hier unten bleibe).
Auf dem Jahrmarkt trugen, wie Líl-Laë jetzt herausfand, die Leute Masken und Gewänder, die zusammengeträumt waren und nicht geschnitten und genäht. Einige von ihnen glaubten, auch sie trüge ihr Gefieder nur als Feder-Kleid, lobten sie dafür und berührten es – und erkannten bestürzt, die Flügel waren echt.
Womöglich war es das, woran Líl-Laë den Zauberer erkennen konnte: Auch er würde echt sein. Ein Zauberer war immer nur er selbst, gleichgültig, wie viel Masken er im Gesicht trug. Aber jemanden, der niemand war, konnte man nicht wie jeden anderen suchen.
Hier unten.
Líl-Laë blieb stehen und hielt diesen Gedanken fest – ja! Vielleicht sollte sie dorthin zurückkehren, wo ihre Pfade einander das erste Mal gestreift hatten. Sie musste nur ein Stück Himmel finden zwischen den Segeln, die sich über den Gassen spannten, denn ihr Weg nach unten, an die Pfadkreuzung zurück, entsprang nicht in der Stadt. Zwischen zwei Herzschlägen graute ihr davor, diesen Himmel, diesen sternenleeren Abgrund über ihr mit den Flügeln zu berühren, aber sie hatte es eilig. Solange der Himmel sie nicht verschlucken wollte, sollte ihr gleich sein, ob die Sterne heute Nacht dort oben standen oder nicht. Fast schien ihr, als sie umkehrte, als würde sie ein leises Knirschen hören, so als trete sie auf Glas. Hinaus auf einen Weg, der voller Spiegelscherben war. Sie durfte sich nicht schneiden lassen ...
Auf ihrer Suche nach einem Spalt zwischen den Planen begegnete Líl-Laë noch weiteren kleinen und große Wundern, die das Jahresende schmückten. Und jetzt, wo die Dunkelheit vollkommen war, färbte sich die Nacht bunt von den Laternen. Die Menschen von Gîldharath zogen sich jetzt die Haut von Spukgestalten an, um die Schrecken der Äußeren Finsternis von der Schwelle fernzuhalten – vom Loch in der Sternenmauer. Sie gaben sich als finstere Feen, Kinderschrecken, Böse Königinnen, Verlorene Kinder, Vogelscheuchen.
Als Líl-Laë an eine Straßenecke kam, geriet sie in eine Menschenmenge. Die Leute sahen sich ein Schauspiel auf einer Bühne an, die so klein war, dass nicht einmal Kinder darauf hätten spielen können. Aber es waren auch keine Kinder.
Líl-Laës abendrote Augen wurden weit: Spielboden, Portal und eine winzige Kulisse waren aus dunklem Holz geschnitzt und bunt bemalt, und statt einem aufgestellten Bühnenbild war in diesem allerkleinsten Theater ein feines weißes Tuch gespannt; darauf tanzten Schatten, nicht größer als Líl-Laës Hände. Ein Ross ohne Reiter; ein grausiger Wald aus Pfählen, mit aufgespießten Menschen für ein Blätterwerk aus Fleisch und Blut; ein schwarzer Stern darüber wie ein Loch im weißen Stoff; und hinter all dem der Schattenriss von Gîldharath, unverkennbar, mit seinen sieben Türmen.
Líl-Laë sah keinen Schattenspieler, der die Figuren führte. Nur eine Gestalt stand da, groß und schmal und so düster wie die Schattenrisse; sie trug ein Gewand aus schwarzen Fetzen und Flügel auf dem Rücken wie ein dunkler Schmetterling, zerschlissen und voll Löchern. Das Gesicht war das eines Menschen – fast. Der Schattenspieler trug eine Maske aus Spiegel.
»Es ist keineswegs so«, sagte er gerade, »dass es bloß Helden waren, die all das vollbrachten, was in der Siebten Zeit geschah – oh nein. So war das nicht. Deshalb erzähle ich euch heute, in dieser ganz besonderen Nacht, eine ganz besondere Geschichte: ein dunkles Märchen. Es handelt von einem, der auch ein Held war – auf seine Weise. Nur weiß das heute niemand mehr. Möglich, dass es mit Absicht vergessen wurde. Geschichten wie die seine machen sich nicht so gut im Sängerwettstreit. Denn Chast, den sie Königstöter nannten – dabei hat er gar keinen König umgebracht ... nun ja, zumindest nicht so -, ist ein Daemon gewesen. Und Daemonen können keine Helden sein, nicht wahr? Jedes Kind weiß das. Und trotzdem ist seine Geschichte die eines Helden. Ohne ihn –«
»Bah«, fuhr jemand dem Schattenspieler ins Wort, »glaubt Ihr, wir sind so töricht, dass wir Daemonen nicht von Helden unterscheiden können? Geschichten von Daemonen sind finstere Geschichten, gleichgültig, wovon sie handeln!«
Der Schattenspieler seufzte, leise und ungehalten. Dann wies seine lange, schlanke Hand, die schwarz gekleidet war, wie alles andere an ihm auch, auf die Bühne. »Das hier ist ein Schattentheater«, erwiderte er, »versteht Ihr? Schatten sind hier das Wichtigste. Und Schatten sind nun einmal düster. Wenn Euch das nicht gefällt, sucht Euch ein Theater, in dem lichte Geschichten gegeben werden. Aber erwartet dann nicht, dass sie auch wahr sind. Ich warne Euch – man hat ihnen bloß die Schatten abgeschnitten und erzählt sie licht; aber das ist schon fast gelogen.«
Da schlug es in Líl-Laës Herz ein wie ein Blitz. Diese Stimme. Diese beiden Stimmen. Er war es! Der Schattenspieler, mottengeflügelt und mit Spiegel maskiert, das war der Zauberer.
Das war Lîskith.
Sie hatte ihn gefunden.
Ihr wurde ein bisschen schwindlig. Wie im Taumel hörte sie seine Glockenstimme (Glas) ihre Weisen spielen. »Ich sehe, wir verstehen uns.« Das Spiegelgesicht lächelte nicht, aber die beiden Stimmen des Halbelden verrieten, dass er es trotzdem tat. »Nun also – wo war ich? Ach ja – außerdem ist er nicht gestorben, dieser Chast, wie es sich für einen Helden ja eigentlich gehört. Trotzdem – ohne ihn wäre Felerion, der Stern der Elden, dunkel geblieben, und der Sturmreiter hätte als Nâchra, als Dunkler Prinz der Seelentrinker, den Nachtschattenthron bestiegen und in Laescars Namen Hof gehalten ...«
Der liebliche Klang seiner Stimmen lockte die Lauschenden fort in das Glimmerland der Träume und der Wünsche, unter den Sternenlichtschatten, in die Siebte Zeit. Selbst Líl-Laë, die als Arkhalaéyi gegen viel Trug und Blendwerk gefeit war, vermochte sich dem Zauber kaum zu entziehen, den seine Zunge sprach; auch sie verlor sich fast zwischen seinen Stimmen. Ob es die Worte selbst waren oder ihr Klang nach gläsernen Glocken, man musste mit ihnen gehen, wenn man sie hörte. Und auch die Schatten auf dem weißen Tuch tanzten dazu – sie malten die Geschichte aus mit Schwarz.
»Eins hab ich noch vergessen«, sagte der Schattenspieler/Zauberer, und ein neuer Klang gesellte sich hinzu, der hart und kalt war (Spiegel). Ein Beben erschütterte das Glimmerland, und es tat beinahe weh. »Wir brauchen noch einen Helden, selbstverständlich. Das heißt – einen Schatten dafür. Aber ein gemachter Schatten taugt da nicht: Es muss ein echter sein.«
Auf hundert zerschlissenen Flügeln flogen Seufzer durch die Menge, die in Lîskiths Geschichte gefangen war; auch Líl-Laë schloss sich an.
»Wer also von euch vielmals Geschätzten möchte dem Erzähler seinen Schatten geben? Keine Angst! Es wird nicht weh tun. Und Ihr werdet ein Held sein, am Ende. Versprochen.«
Die Menge stand still; Líl-Laë fröstelte plötzlich. Der Jahrmarkt schien mit einem Mal verblasst – als erinnere man sich seiner nur. Líl-Laë blinzelte, einmal, zweimal: Da rückte die Welt ihr wieder näher.
»Nun?« Lîskiths Stimme.
»Ich!«, sagte eine Frau (es klang, als schliefe sie mit offenen Augen). »Ich gebe Euch meinen Schatten.«
»Fein. Dann kommt – kommt her zu mir.«
Die Frau trat aus der Menge vor, ihr Kleid ein Rausch aus Gold und Blau; die Maske, die sie im Gesicht trug, mochte sie der Lieblingspuppe eines Königskindes gestohlen haben. Die Wangen wie mit Morgenrot gepudert, die Haut so weiß wie der erste Schnee des Jahres, der winzige Mund eine Rosenknospe. Nur ihre Stirn war entzweigerissen bis zur Nase, und rote Bäche flossen über ihre Wangen. Ihre Augen standen deshalb schief.
Das Fräulein machte einen Schritt auf Lîskith zu, noch einen, als würde es an Fäden geführt.
Und der Zauberer hatte plötzlich eine Klinge in der Hand – nein, keine Klinge, erkannte Líl-Laë: eine Scherbe. Eine Spiegelscherbe, blank und glänzend wie sein falsches Gesicht.
»Ihr müsst ihn mir aus freien Stücken geben – den Schatten, versteht Ihr?«, erklärte er. »So ist es Brauch, und unser Handel ist nicht gültig ohne ihn. Tut Ihr’s?«
»Ja. Ja!«
»Dann sagt es.«
»Ich gebe ihn Euch freiwillig, Schattenspieler: meinen Schatten.«
»Tausend Dank Euch, meine Schöne.«
Der Magier kniete zu Füßen der Dame nieder. Seine zerlumpten Mottenflügel verbargen, was er tat. Nur die Klinge (Scherbe. Spiegelscherbe) blitzte einmal, zweimal auf, dann erhob sich Lîskith wieder. Er hielt den Schatten des Fräuleins in den Armen.
Und dann erstarrte er; sein Blick fror an etwas jenseits der Menge fest. Líl-Laë wendete den Kopf, während die Leute um sie her noch im Halbtraum dämmerten.
Dort standen zwei Gestalten, und irgend etwas verriet Líl-Laë, dass die Gewänder, die sie trugen, keine Kostüme waren. Lange Kleider, Mäntel darüber mit weiten Armen, auf den Köpfen die dreispitzigen Hüte, die man Nebelspalter nennt, und Masken vor dem Gesicht mit langen Perlenschnüren darüber. Alles weiß, nur weiß. Eine der Gestalten wies auf den Zauberer, die ausgestreckte Hand im weißen Handschuh.
Sie standen auf eine Weise da, die deutlich machte: Wir gehören nicht hierher. Wir sind nur Besucher auf eurem Dunkelheit-und-Farben-Fest.
Wir sind auch echt.
Und dann kamen sie auf das Schattentheater zu – ganz ruhig, als fließe die Zeit nur für sie.
Der Zauberer mit den Mottenflügeln stand einen Herzschlag lang ganz still, als habe er vergessen, dass er lebte. Dann riss er sich los; Líl-Laë glaubte fast, die Welt drehe sich plötzlich schneller, so rasch geschah, was Lîskith tat. Er schleuderte den losen Schatten vor sich auf das Pflaster.
Die weißen Gestalten, lautlos und mit wogenden Gewändern, Wolken gleich, die sich in Menschen verwandelt hatten, teilten die Menge, die nur widerwillig erwachen wollte.
Lîskith tat einen Tritt nach vorn, und der Schatten hing an seinen Füßen fest.
Die weißen Erscheinungen waren schon sehr nah. Jetzt hob die zweite ihre rechte Hand. Nur noch wenige Schritte trennten Schwarz und Weiß.
Lîskith sah auf. Sein Spiegelgesicht hielt den Fremden ihre eigene Gestalt entgegen. Das Weiß tränkte es durch und durch; gleich würde es davon überfließen.
So schnell sich die Welt auch für ihn drehte – es war nicht schnell genug. Das erkannte Líl-Laë plötzlich.
Sie dürfen ihn nicht erreichen.
Mit einem rauen Aufschrei stieß Líl-Laë nach vorn. Sie schlug mit ihren Flügeln; die Zuschauer warfen ihre Dämmerträume ab, als Líl-Laë zwischen ihnen durchbrach, verwirrt und ein wenig erschrocken.
Líl-Laë ließ den Weißen nicht die Zeit, sie einzuholen.
Sie sprang ab, schlug mit halb offenen Flügeln, dann war sie zwischen Lîskith und den weißen Fremden und zeigte ihnen fauchend ihre Zähne. Ihr Speer zielte auf einen der beiden.
Die Erscheinungen verhielten, zögerten, wenn auch nur einen Lidschlag lang. Dann teilten sie sich auf. Eine wich nach links aus, die andere nach rechts.
Das wollte Líl-Laë nicht zulassen. Sie breitete ihr Gefieder aus, eine kupferrote Mauer zwischen Weiß und Schwarz. Sie zischte den Fremden ins Gesicht: »Ihr rührt ihn nicht an, Gespenster!«
Die beiden weißen Gestalten blieben erneut stehen, tauschten einen raschen Blick. Dann näherten sie sich Líl-Laë weiter; und da brach plötzlich eine Welle von Schwäche über die junge Arkhalaéyi herein – eine Übelkeit, als läge eine vergiftete Quelle tief in ihr, die jetzt aufgebrochen wurde.
Kaum hörbar kam ein Ächzen über ihre Lippen; die Kraft rann ihr aus den Gliedern, tropfenweise, sie spürte jeden einzelnen davon. Die zwei in Weiß kamen einen weiteren Schritt näher; Líl-Laë brach der Schweiß aus. Was war das für üble Zauberei? Sie biss sich auf die Zunge. Ihr Blick trübte sich ein.
Und der Schattenspieler? Sie sah sich um nach ihm; Schwindel stieg ihr in den Kopf.
»Diesmal nicht, Schwestern«, hörte sie im gleichen Augenblick zwei Stimmen gleichzeitig sagen. Er war es – Lîskith. Líl-Laë sah, wie er in den Schatten sprang, der vor seinen Füßen lag – und der Schatten verschluckte ihn. Einen Herzschlag blieb der Schatten noch liegen, wo er war – dann schauerte er zusammen, wie ein düsteres Gewässer, über das ein kalter Wind geht, und zerstob in hundert kleine Schattensplitter. Ein Schwarm von Motten wirbelte auf und davon auf löchrigen Flügeln.
Líl-Laë starrte auf den bleichen Fleck, wo eben noch der Schatten gelegen hatte – und wo, nur einen Herzschlag zuvor, der Zauberer noch selbst gestanden hatte.
Ein zorniges Knurren kam aus einem weiß maskierten Mund. Líl-Laë wusste sofort, sie musste weg. Und nicht nur, weil sie sonst die Spur des Zauberers verlieren und ihn wer weiß wann erst wiederfinden würde.
Die weißen Fremden würden sonst vielleicht sie statt seiner nehmen.

Weitere Leseproben

Leseprobe 1 - Prolog & Teil 1
Leseprobe 2

[Zurück zum Buch]

Manuskripte

BITTE KEINE MANUS­KRIP­TE EIN­SENDEN!
Auf unverlangt ein­ge­sandte Texte erfolgt keine Antwort.

Über LITERRA

News-Archiv

Special Info

"Flucht aus der Komfort- zone!"
Im Sachbuch "TOP: Die neue Wissenschaft vom bewussten Lernen" geht es um die Befähigung Höchstleistungen zu vollbringen.

LITERRA - Die Welt der Literatur Facebook-Profil
Signierte Bücher
Die neueste Rattus Libri-Ausgabe
Home | Impressum | News-Archiv | RSS-Feeds Alle RSS-Feeds | Facebook-Seite Facebook LITERRA Literaturportal
Copyright © 2007 - 2017 literra.info