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Die Phantasie wird immer wieder neue originelle Bahnen entdecken, um sich die Wirklichkeit zu erschaffen, die Menschen wünschen.

Interview mit Roman Hocke, geführt von Thomas Harbach am 22. Okt. 2007.


Roman Hocke Roman Hocke
Herr Hocke, um allen den Einstieg zu erleichtern: Was für ein Mensch ist Roman Hocke, was zeichnet ihn aus Ihrer eigenen Sicht aus und was hat ihn zumindest literarisch geprägt?
Um ehrlich zu sein: ich bin mir selbst ein Rätsel und brauche immer wieder neue Spiegel, um mich darin zu erkennen. Mein Lieblingsspiegel sind gute Geschichten, deswegen ziehen sie mich an wie die Motte das Licht: Sie bieten mir Sinnangebote, die meine Existenz in dieser geheimnisvollen Welt in einem immer neuen Licht erscheinen lassen. Mich mit den großen Fragen des Lebens – Woher komme ich? Wer bin ich? Wohin gehe ich? – in Beziehung setzen. Und je mehr ich lese, von der Welt und all die merkwürdigen Schicksalen erfahre, die Menschen erleben, desto mehr stelle ich die Vielfalt der Möglichkeiten fest – und das versetzt mich in ein tiefes Staunen. Und ich gestehe: ich staune gerne.

Sie waren lange Jahre Freund und Lektor Michael Endes. Ist diese Verbindung vom Privaten und Beruflichen eher hilfreich oder hinderlich? Was ist noch heute die besondere Faszination an Michael Endes zeitlosen Werk?
In meiner ersten Lebenshälfte habe ich gelesen, um in eine Kultur hineinzuwachsen - in der zweiten lese ich, um die Welt zu begreifen. Michael Ende ist es gewesen, der meine Vorstellung von Literatur, die von einem Germanistikstudium geprägt waren, auf die Füße stellte, so dass ich endlich laufen lernte. Aus der Geschäftsbeziehung zwischen einem Lektor und seinem Autor entwickelte sich ein Meister-Schüler-Verhältnis, später dann eine sehr herzliche Freundschaft. Was mich persönlich an dem poetischen Konzept von Michael Ende besonders fasziniert und auch für meine Haltung sehr entscheidend geworden ist, ist dessen Dreh- und Angelpunkt: Die Welt, in der wir leben, besteht im Wesentlichen aus unseren Vorstellungen. Deswegen ist Kunst wichtig, denn durch sie erzeugen wir neue Vorstellungen und Zusammenhänge. Selbst Werte sind Erfindungen der Menschen und wachsen in deren Vorstellungen – in Phantásien eben. Die Welt entsteht durch die Kunst und Literatur. Und ich freue mich, an diesem großen Gewebe von Wirklichkeit mitzuwirken.

Sie haben dann die "Legenden von Phantasien" mit Autoren wie Ralf Isau oder Tanja Kinkel ins Leben gerufen. Was war Ihre Intention, wie sind Sie an das Projekt herangegangen und wie zufrieden sind Sie mit der Resonanz auf die Bücher ?
Neue, bisher noch unbekannte Regionen des unerschöpflichen Kontinents von Phantásien zu entdecken und damit buchstäblich neue Vorstellungsgebiete und Werteclaims dem Nichts zu entreißen, und das gemeinsam mit deutschen Vollbluterzählern, die ich sehr schätze – das war meine persönliche Antriebskraft für dieses große abenteuerliche Erzählunternehmen. Und natürlich wollte ich auch darauf aufmerksam machen, dass die Erfindungen von Michael Ende nichts von ihrer Wahrheit und Überzeugungskraft verloren haben, sondern eine sehr wesentliche Grundbefindlichkeit allen schöpferischen Schaffens der Menschen in einem überzeugenden Mythos bannen. Als ich dieses Projekt den Autoren vorstellte, waren alle gleich begeistert dabei. Jeder bzw. jede von ihnen – die Damen zuerst: Tanja Kinkel, Ulrike Schweikert, und die Herren: Peter Dempf, Wolfram Fleischhauer, Peter Freund und Ralf Isau – hat ein eigenständiges Werk geschaffen, das zwar auf den "Naturgesetzen" beruht, die Michael Ende für Phantásien entdeckt hat, doch eine neue, überzeugende Erfindung darstellt.

Als literarischer Agent vertreten Sie eine Reihe von Autoren. Ihr Motto ist "Gute Geschichten gut aufbereitet". Was zeichnet eine gute Geschichte aus?
Wie kann ich erklären, warum ein Wein besser schmeckt als ein anderer? Qualitäten lassen sich nicht durch Begriffe erklären, sie sind nur zu erleben, müssen im wahrsten Sinn des Wortes "geschmeckt" werden. Trotzdem gibt es einige abstrakte Hilfskonstruktionen, die Wichtiges nachvollziehbar machen. Eine gute Geschichte besteht in aller Regel aus drei Ebenen. Erstens aus einer Unterhaltungsebene (ist ein Muss), zweitens aus einer Informationsebene (ist fakultativ) und drittens aus einer Bedeutungsebene (ist ein Muss!). Allein, wenn die Unterhaltungsebene in ihren möglichen Zusammenhängen kunstvoll und engmaschig mit der Bedeutungsebene verwoben ist, wird die Geschichte ein authentisches Sinnbild, das nicht allein unsere Köpfe und Bäuche beschäftigt, sondern pfeilgerade in unseren Herzen wirkt. Um es anders zu erklären: Ein Wort besteht aus einem Laut- oder Schriftkörper, das in meinen Vorstellungen der Unterhaltungsebene einer Geschichte entspricht, wie auch einer zugeordneten Bedeutung. Nichts anderes ist eine Geschichte: Ihr Körper ist die Handlung, die aber auf etwas hinaus deutet, was mit Worten nicht überzeugend genug ausgedrückt werden kann.

Oft ist in der heutigen Zeit die Vorbereitung/Aufbereitung eines Textes für die Verlagspräsentation fast noch wichtiger als der eigentliche Text. Was empfehlen Sie hier den Autoren und wie schaffen Sie die Synthese zwischen einer Verlags- und Autorenagentur?
Das Wichtigste für einen angehenden Autor ist es heute, sehr präzise die eigene schriftstellerische Identität zu erkennen bzw. zu bestimmen. Ich wiederhole meine drei Fragen von vorhin, aber dieses Mal in einem neuen Zusammenhang: Woher komme ich? Wer bin ich? Wohin gehe ich? Diesen Fragen muss sich jeder Autor stellen – und wir helfen ihm gerne auf der Suche nach der für ihn richtigen Antwort. Sehr viele Autoren, die bei uns anfragen, schreiben recht konzept- und visionslos darauf los, ohne eine klare Vorstellung von der angestrebten Identität ihres Werkes zu haben. Da ist verlegerisch nur schwer etwas damit anzufangen, vor allem wenn auch Tonfall oder Erzählhaltung nicht über die Maße herausragen. Ein Literaturagent sollte einem Autor dabei behilflich sein, buchstäblich in Art eines alchemistischen Prozesses, zwar nicht Blei in Gold, doch Geschichten in Produkte und Bücher in ein Werk zu verwandeln. Das ist es, worauf wir aufmerksam machen wollen, wenn wir uns als eine Autoren- und Verlagsagentur bezeichnen. Ich kenne beide Seiten sehr genau, die Verlagsinteressen und dessen Perspektive wie auch die Anliegen der Autoren: Schließlich habe ich 17 Jahre im Verlag, erst als Lektor, dann als Verlagsleiter, gearbeitet und nun bin ich mit der AVA international bereits schon wieder über 8 Jahre für Autoren und ihre Interessen tätig.

Was raten Sie einem jungen Menschen, der unbedingt Schriftsteller werden möchte?
Bücher schreiben kann heute jeder. Die Welt ist voller One-Book-Men. Ein Schriftsteller, der mit seinem Namen verdienen will, weil er sich mit seinem Werk auf dem Büchermarkt behauptet, sollte sehr klare Vorstellungen über sich und sein Werk haben, bevor er zu schreiben beginnt. Dazu gibt es einige gute Gedankenübungen – und damit verweise ich auf meine letzte Antwort.

Wenn er dann im Schweiße seines Angesichts das erste Manuskript fertig gestellt hat, wie ist der weitere Ablauf bzw. welche Aufgaben und Hilfestellung können Sie ihm dann geben?
Dreierlei ist strengstens zu berücksichtigen. Erstens: verdichten. Zweitens: verdichten. Drittens: verdichten. Alles muss kunstvoll miteinander in Beziehung gesetzt, alles Unnötige gestrichen werden, damit ein wirklich dichtes Gewebe entsteht. Jeder Teil muss im dramaturgischen System eine Funktion haben: hat es diese nicht, muss er gestrichen werden. Nichts darf aufgesetzt und absichtsvoll, nichts künstlich und erzwungen wirken, nichts dem Zufall überlassen sein. Das ist die hohe Kunst des Gleichgewichts, des Austarierens, des richtigen Maßes. Für dieses Qualitätsempfinden bringen einige Autoren ein echtes Naturtalent mit, aber sie ist in sehr hohem Maße auch lernbar.

In den letzten Jahren ist es für die Verlage immer schwieriger geworden, die notwendige Geduld für neue Autoren aufzubringen. Spüren Sie einen entsprechenden Druck? Oder hat ein Autor noch den notwendigen Entwicklungsspielraum?
Sowohl Verlag wie auch Autor arbeiten kreativ im jeweiligen Bereich, für den sie auch allein die Verantwortung tragen. Die Erzähler müssen sich ihr eigenes Zeitreservat schaffen, damit sich eine Geschichte ungestört entfalten kann. Eine gute Geschichte braucht Zeit, um zu wachsen, um sich zu verdichten, um Figuren in Personen zu verwandeln. Jeder Verdichtungsprozess benötigt Muse. Sich diese zu leisten, ist die Aufgabe der Autoren. Für den Druck, und zwar durchaus in der doppelten Bedeutung des Wortes, sind die Verlage zuständig. Leider leisten sich diese Zeit viele Autoren nicht mehr, weil sie an den Büchern nicht genügend verdienen. Das scheint mir das Hauptproblem zu sein: der Teufelskreis allen einseitig ökonomischen Denkens. Wie ist dieser Kreis aufzubrechen? Am Besten kann dies der Autor eines Erstlings leisten, in dem er sich die Zeit nimmt, um so optimal wie möglich zu weben und zu verdichten. Er hat nur einen einzigen Schuss, um ins Schwarze zu treffen. Mehr Chancen gibt ihm der Markt nicht.

Ein stärkeres Gewicht hat die "Book on Demand"-Szene. Beobachten Sie diesen Markt auch oder erwarten Sie, dass ein Autor den ersten Schritt auf Sie zumacht?
Nein, ich beobachte diesen Markt nicht. Der Autor muss schon auf uns zukommen und auf sich aufmerksam machen. Täglich melden sich neue Autoren bei uns, dessen Texte bei uns in der AVA international Uwe Neumahr auf Herz und Nieren prüft. Wir freuen uns auf gute Autoren! Bitte aber nicht jeden ersten schriftstellerischen Versuch einsenden, sondern unsere Arbeitskraft und Lebenszeit nur in Anspruch nehmen, wenn Sie – ich richte mich jetzt ganz direkt an die Autoren unter den Lesern – wirklich überzeugt sind, etwas Besonderes geleistet zu haben. Senden Sie uns dann einfach ein ausführliches Exposé (2 bis 3 Seiten) samt einer Leseprobe von ca. 30 bis 50 Seiten zu. Und vergessen Sie nicht, uns Ihre persönlichen Vorstellungen über Ihr Schreiben und Ihre Autorenidentität zu vermitteln. Nur wenn wir wissen, wohin sich ein Autor entwickeln will, können wir die entsprechenden Marktchancen hierfür einschätzen, uns einen Eindruck darüber verschaffen, ob die Qualität reicht, und eine entsprechende Strategie entwickeln.

Ein altes Sprichwort sagt: Aller Anfang ist schwer. Doch oft stellt man fest, dass nach der ersten Veröffentlichung die Schwierigkeiten für viele Autoren erst beginnen. Ist der Folgetext wirklich besser, kann sich ein Autor weiter entwickeln, erreicht der Autor das ihm zugedachte Publikum? Welche Hilfestellung können Sie diesen Autoren geben?
Aller Anfang ist schwer, vor allem wenn jedes Buch eines Autors sich immer wieder an einen neuen Leserkreis wendet und die Bücher eines Autors keinen eigenen, in sich stimmigen Weg aufzeigen. Auf diese Weise kann kein Autor eine eigene Lesergemeinde aufbauen. Mein Rat an alle Autoren: Machen Sie sich klare Vorstellungen von dem Werk, das Sie realisieren wollen, bevor Sie anfangen zu schreiben. Überlassen Sie nichts dem Zufall! Wir helfen gerne weiter: Wenn wir ein Talent mit einem schmackhaften Weltbild und dem dazu nötigen erzählerischen Willen erkennen, stehen wir gerne zur Verfügung und beraten weiter.

Fantasy in Deutschland. Lange Jahre galten Michael Ende gefolgt von Wolfgang Hohlbein als die herausragenden Meilensteine dieser Literaturgattung in Deutschland . Inzwischen hat sich eine breite Schicht deutscher Autoren – Bernhard Hennen, Ralf Isau, Monika Felten, etabliert. Geschieht das mehr aus der Notwendigkeit der Verlage heraus , bei den teuren angloamerikanischen Rechten und Übersetzungen zu sparen, oder ist es eine echte qualitative Bereicherung ?
Vergessen Sie Markus Heitz nicht, den ich als Mensch und Autor sehr schätzen gelernt habe. Er hat mit seinen "Zwergen" einen wirklich beachtlichen Erfolg hingelegt und sich damit in die erste Reihe der Vollbluterzähler geschrieben! Er ist heute ein vielfach preisgekrönter Autor. Aber Sie haben natürlich Recht: Ganz offensichtlich besetzen Verlage in Deutschland die Genres mit zunehmend deutschen Autoren. Diese Rechte sind weniger teuer als angloamerikanische Rechte, und zusätzlich erspart sich der Verlag die Übersetzungskosten. Darüber hinaus verfügt er auch noch über ein wesentlich umfangreicheres Rechtepaket, das auch international verwerten werden kann. Bedenken Sie aber bitte, dass das alles nur möglich ist, weil es wieder deutsche Erzähler gibt, die aus dem langen Schatten der Nachkriegsliteratur herausgetreten sind und frei und selbstbewusst ihre Qualitäten entfalten konnten. Michel Ende mit seiner "Unendliche Geschichte" war sicherlich einer der Wegbereiter und Vorbilder für diese Entwicklung. Viele, die heute erfolgreich Romane veröffentlichen, sind mit seinen Büchern aufgewachsen. Kurzum: Ich halte die Zunahme deutscher Autoren in den Publikumsverlagen schon für eine Bereicherung: Heute haben Autoren, die sich klar in einem Genre positionieren wollen und können, eine echte Chancen bei Verlagen. Solche Positionierung ist aber Profiarbeit.

Was zeichnet – aus Ihrer persönlichen Sicht – deutsche Fantasy aus? Was ist für Sie eine überzeugende phantastische Geschichte allgemein?
Ich trenne gerne zwischen den Begriffen "fantasy" und "phantastisch". Nicht jede "fantasy"-Geschichte ist für mich phantastisch. Und es gibt auch sehr realistische Geschichten, die ich als phantastisch bezeichnen würde. Noch vor zehn Jahren hätte ich auf Ihre Frage anderes geantwortet, denn da lag mir die Entwicklung der Phantastik sehr am Herzen. Heute bin ich der Überzeugung, dass jede wirklich gute Geschichte "phantastisch" ist. Ist nicht alles, was geheimnisvoll ist, phantastisch? Und ist nicht das Geheimnisvolle eine wesentliche Qualität aller guten Geschichten? Was für mich eine gute Geschichte ist, ist nach meinen bisherigen Ausführungen wohl klar geworden: sie muss mich packen und unterhalten, Personen echt und lebendig darstellen, geheimnisvoll und überraschend sein, bestens in Szene gesetzt sein, sprachlich und stilistisch überzeugen, aber auch einen tieferen Sinn aufweisen, der eben nur über diese eine Geschichte zum Ausdruck kommen kann.

Ein Spekulation: Wie wird sich aus Ihrer Sicht insbesondere der deutsche phantastische Markt weiter entwickeln?
Weiss ich nicht. Und ich wüsste auch keine ehrliche Antwort darauf. Mir geht es wirklich allein um gute Geschichten, und zwar hier und jetzt. Alles fließt, nichts ist von Dauer – und wie die Menschen und ihre Welt sich stetig ändern, so ändern sich auch ihre Geschichten. Stetig müssen wir sie von Neuem erfinden, sind doch Geschichten, die Menschen sich erzählen, die Kohle in dem Heizkessel unserer Zeitgeist-Lokomotive, die den Zug der Wirklichkeit, in dem wir alle sitzen, mit zunehmender Geschwindigkeit antreibt. Die Phantasie wird immer wieder neue originelle Bahnen entdecken, um sich die Wirklichkeit zu erschaffen, die Menschen wünschen. Erst im Kopf, dann vielleicht auch in der Realität. Das sicherzustellen und zu fördern, sehe ich als meine Aufgabe.


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