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Wetzlarer Wolfstag 2014


Himmelfahrt 2014. Es ist gerade mal 9.45 Uhr und der Andrang ist riesig.

Elli Radinger hat zur Naturschutz Akademie Wetzlar gerufen und über 100 Wolfsfreunde sind diesem Ruf gefolgt. Beim Einlass hat sich eine lange Schlange gebildet, die Elli nur gemeinsam mit ihrer Freundin Gudrun bewältigen kann. Ich bin froh, bereits drin zu sein, weil ich ja meinen eigenen Büchertisch neben dem von Elli schon aufgebaut habe.

Günter Bloch, der den heutigen Wolfstag hauptsächlich bestreiten soll und dafür extra aus dem fernen Kanada angereist ist, wird erst gegen 11 Uhr ankommen. Bis dahin hat Elli das Zepter fest in der Hand.

Es dauert fast eine Dreiviertelstunde bis endlich alle ihren Seminarleitfaden in der Hand halten und auf ihren Plätzen sitzen. Jetzt beginnt Elli mit einer kurzen Einführung, erklärt den Ablauf, den Getränke-SB, die Büchertische in den Pausenzeiten und sie erzählt ein wenig von ihrer Zukunftsplänen. Nach zwanzig Jahren keine Yellowstone-Reisen mehr. Die amerikanische Politik ist schuld. Nachdem Obama auf Druck der Farmer-Lobby die Wölfe wieder zum Abschuss freigegeben hat, sobald sie auch nur eine Pfote außerhalb des Parks setzen und es dabei duldet, dass die Rudel bewusst mit Futter angelockt werden, damit man sie abschießen kann, hat sich Elli entschlossen, dass sie das weder länger ertragen noch unterstützen möchte. Ich kann sie verstehen – und so geht es sicher auch allen anderen hier im Raum. Es herrscht betroffenes Schweigen über diese Unfassbarkeit.
Aber Elli hat auch gute Neuigkeiten. Demnächst wird es einige Lesungen aus ihrem Minnesota Winter geben und ihr neues Buch – eine Wolfweihnachtsgeschichte – erscheint im Herbst. Das Wolf Magazin wird mangels Abonnentenzahl künftig nur noch alle 1-2 Jahre in einem dicken Sonderband erscheinen. Keine zwei Ausgaben mehr pro Jahr. Ganz verschwinden soll es aber nicht.

Um die Zeit bis zu Günters Eintreffen zu überbrücken, legt Elli noch den neuesten Film von Bob Landis ein – „She Wolf“. Er handelt vom Leben einer der berühmtesten Yellowstone-Wölfinnen (genannt 06 Female), die zum Oberhaupt ihres Rudels wurde. Sie durchlebt wunderschöne Welpenjahre, lernt das Jagen, doch dann kommen harte Zeiten. Wenig Beute und ein fremdes Wolfsrudel, das ihr Revier beansprucht. Die Familie wird auseinandergerissen, ihre Eltern sterben, sie kann entkommen und bleibt allein zurück. Der Überlebenskampf für eine einsame Wölfin ist hart, Hunger an der Tagesordnung. Doch sie schafft das Unmögliche. Sie bleibt am Leben, wächst zu einer starken Wölfin heran und findet schließlich zwei Gefährten. Beide jünger als sie, so bleibt auch nach der Geburt ihrer ersten Welpen die Ernährung der kleinen Familie ihre Aufgabe. Aber sie erzieht ihre Kinder gut. Ihr Rudel wird stark. Als erneut ein fremdes Rudel ihren Frieden bedroht, schafft sie es diesmal, ihr Revier zu verteidigen. Eine bewundernswerte Wölfin, die so sehr der Inbegriff von Freiheit, Mut, Stärke und Familienzusammenhalt ist, dass man zu Tränen gerührt ist.
Aber dann kommt der Mensch. Shewolf fällt einer Kugel zum Opfer. Die Legende tot? Nicht ganz. Denn eine von Shewolfs Töchtern trägt das Erbe ihrer Mutter in sich. Ebenso klug, stark und mutig. Ein Stück Zukunft, ein Stück Hoffnung – wenn der Mensch sie lässt.

Pünktlich um Elf ist auch Günter da. In seiner liebenswert-direkten Art mit viel rheinischem Humor begrüßt er die Seminarteilnehmer und stellt zuallererst mal klar, dass er sich jetzt eine neue Berufsbezeichnung ausgesucht hat. Schließlich muss man sich von den ganzen Flüsterern, Profis und Experten ja unterscheiden können. Nach reiflicher Überlegung hat er dann auch den treffenden Titel für seine Tätigkeit gefunden. Er ist Kaniden-Gucker. Das ist es was er tut und liebt, den Begriff gibt es sonst auch noch nirgendwo, also passt das prima.

Was der Kaniden-Gucker sehr erfreulich findet, ist die Entwicklung der Wolfpopulation in Deutschland. Sie kommen zurück, die grauen Vorfahren unserer Haushunde. Und sie fügen sich sehr gut ein, ins heutige Ökosystem, mitsamt dessen menschlichen Bewohnern und seiner Haustiere. Die Gefahr, die von ihnen ausgeht, ist eher gering. Natürlich sollte ein freilaufender Hund nicht unbedingt dem Wolfsbau nahekommen, wenn gerade Welpenzeit ist. Aber würden wir unsere Kinder etwa nicht bis aufs Blut verteidigen? Und man muss auch nicht verneinen, dass es hin und wieder zu Schaden an Nutztieren kommt. Dies besonders dann, wenn unwissende Jäger oder gar Privatpersonen aus Wut auf die Wölfe adulte Tiere abschießen, die mit ihrer Jagderfahrung den jüngeren erst beibringen müssen, wie und was man jagt. Werden sie getötet, bleibt den unerfahrenen Jungtieren oft nichts anderes übrig, als leichte Beute zu suchen, damit sie nicht verhungern. Würden wir unter solchen Umständen nicht auch schlicht versuchen zu überleben? Hier empfiehlt Günter das Buch „The ninemile Wolves“ von dem amerikanischen Farmer Rick Bass, der jahrelang eine Wolfsfamilie beobachten durfte, wie sie täglich an seinen Rindern vorbei zu einem nahegelegenen Wald zog, um dort zu jagen und anschließend auch wieder zurück. Nie wurde dabei eines seiner Rinder angegriffen oder gar getötet.

Allmählich nähern wir uns dem eigentlichen Thema des Seminars. Es geht um soziale Strukturen in Wolfsfamilien und wie sie sich entwickeln und am Rande geht es auch um die Thematik der„vererbten Rudelstellung“.

Als Kaniden-Gucker kann man viel gelassener mit der Kritik an den Wolfs-Experten umgehen, die von den Verfechtern dieser angeblich angeborenen und somit unabänderlichen Rudelstellung zunehmend häufiger geäußert werden. Günter sieht es locker und bleibt seinem rheinischen Humor weiterhin treu. Was soll man sich auch drüber streiten, wer hier der echte Experte ist? Lieber ist man halt Kaniden-Gucker und lehnt sich mit entspanntem Schmunzeln zurück. Die Seminarteilnehmer hat er mit dieser feinen, humorvollen Spitze jedenfalls sofort auf seiner Seite. Erst recht, als er expliziter auf die diversen Vorwürfe und Behauptungen eingeht, die von den Urhebern dieses Trends geäußert werden. Er nimmt es mit Humor, dass jahrzehntelange Wolfbeobachtungen und verhaltensbiologische Forschungen mit der schnöden Behauptung vom Tisch gewischt werden, dass die angesehenen Experten alle keine Ahnung hätten und man strukturierte Rudel ja sowieso nicht in freier Wildbahn beobachten könne. Es stellt sich zwar die Frage, woher die Verfechter der angeborenen Rudelstellung dann ihr Wissen haben, wenn sie es ja eh nicht beobachten können, und wie man wohl die erste Schlafphase von Wolfswelpen in freier Wildbahn, die zumeist in Höhlen geboren werden, überhaupt beobachtet haben will, um von deren angeborener Rudelstellung nun auf unsere Haushunde zu schlussfolgern, aber darauf wird es wohl nie eine Antwort geben. Ebenso wenig wie auf die widersprüchliche Behauptung, dass ein strukturiertes Rudel von einem einzelnen Alphawolf dominiert wird, der die Aufgaben an seine Zuträger delegiert, ohne mit ihnen zu kommunizieren. Wie erhält man Infos oder verteilt Aufgaben, ohne Kommunikation? Sollte sich darauf jemals eine Antwort finden, wäre dies vielleicht ein ausgesprochen deeskalierendes Modell für die moderne Büro- und Arbeitsplatzgestaltung. Nun denn …

Bevor wir uns zu lange an diesem durchaus amüsanten wenn auch recht obskuren Denkmodell festbeißen, zeigt uns Günter doch lieber etwas Material über die angeblich unstrukturierten, losen Gruppen, die der normale Wolfsforscher … äh, Kaniden-Gucker … so vor die Linse bekommt. Übrigens eine Wolfsfamilie, bestehend aus den beiden Eltern, den halbwüchsigen Nachkommen aus dem letzten Jahr und den neu geborenen Welpen. Soweit also zur Strukturfrage.

Die nächste Überraschung, wenn man die Aussagen der vererbten Rudelstellung im Hinterkopf behält, ist das tägliche Begrüßungsritual. Da wird tatsächlich kommuniziert. Und zwar sehr deutlich und sehr freundlich. Schwanzwedeln, berühren, anstupsen, miteinander spielen. In strukturierten Gruppen soll übrigens nie gespielt werden, was in jedem Hundehalter wohl diverse Fragen aufwerfen dürfte, da wir aufgrund der modernen Verhaltensbiologie a) alle mit unseren spielen – der Bindung wegen und b) Hunde untereinander, die sich kennen und verstehen, grundsätzlich erstmal zusammen herumtollen, wenn sie sich treffen. Ich persönlich rechne es Günter hoch an, dass er bei den Vergleichen zwischen seinen Wolfsbeobachtungen, deren Übertrag auf unsere Haushunde und danach dem Blick auf die Theorie der vererbten Rudelstellung nie persönlich wird. Er bleibt stets sachlich, sogar ein wenig amüsiert, aber das kann er auch ruhigen Gewissens sein, da sich die Behauptungen der gegnerischen Partei, die durchaus zu persönlichen Angriffen neigt, allesamt selbst widerlegen.

Wir lassen uns davon die gute Laune nicht verderben. Es geht jedem das Herz auf, wenn er anhand der Wolfsfamilie sieht, wie Bindung aufgebaut und gelebt wird. Wie die älteren Geschwister die Rollen der Nannys übernehmen und den neugierigen Nachwuchs, sanft aber konsequent erziehen. Ihn seine Erfahrungen machen lassen und stets geduldig sind, aber dennoch Grenzen setzen, wo es nötig oder gar gefährlich wird. Uns erstaunt es nicht, dass jeder Blick, jede Berührung, jede Körperhaltung und jeder leise Laut Kommunikation sind. Ein hochsoziales Familiengefüge, das ineinandergreift, füreinander sorgt und miteinander harmoniert.
Das müssen die Welpen allerdings erst lernen, denn bei der Geburt ist jeder Welpe erst einmal ein Egoist und nur auf den eigenen Vorteil bedacht. Im Verlauf der ersten Lebenswochen lernen sie erst, dass man als Team – als Familie – füreinander Verantwortung trägt und dadurch stark wird, dass jeder auf den anderen aufpasst. Das lehrt die Mutter als erstes durch die Futterverteilung. Sie bestimmt, welcher Welpe wieviel Futter bekommt, indem sie es ihnen vorwürgt. Teilen ist also angesagt.
Werden die Welpen älter, probieren sie ihre Kräfte aneinander aus. Erst jetzt zeigt sich nach und nach, wer der stärkste und dominanteste Welpe ist. Der sich früher als die anderen weiter von der Höhle wegbewegt. Neugieriger und mutiger ist. Und der Schüchterndste aus dem Wurf, der immer vorsichtig ist, lieber die anderen vorausgehen lässt und sich im Hintergrund hält. Die Ränge dazwischen jedoch sind variabel und wechseln von Situation zu Situation. Auch läuft nicht immer der Stärkste vorweg oder der Schwächste am Schluss. Das ändert sich ständig, denn es ist eine Familie und keine Truppe von Soldaten, die in Reih und Glied zu bleiben haben.

Sehr schön auch ist der Film über eine Wolfsfamilie mit mehreren jungen Schnöseln, Babys und fast erwachsenen Jungwölfen, die versucht zu einer kleinen Halbinsel zu schwimmen, wo ein Kadaver liegt. Als das Wetter umschlägt, führt die Mutter die Kleinsten sicher zurück, während der Vater mit den älteren Kindern zum Kadaver durchschwimmt. Dabei kommunizieren die Eltern ständig miteinander durch Heulen, bis die Familie wieder vereint ist.

Der Tag geht viel zu schnell vorüber, die Aufnahmen der Wölfe sind atemberaubend und rührend, obwohl sie auch zeigen, dass das Leben in der Wildnis hart und fordernd ist. Eine Erkenntnis ist jedenfalls für mich –und ich denke, so geht es den meisten Seminarteilnehmern – am Ende unumstößlich: Eine vererbte oder angeborene Rudelstellung, die gibt es nicht. Ein Wolf und ebenso ein Hund wird in seinem Grundcharakter geprägt durch Erbgut, aber vor allem entscheidend für seine Entwicklung, sein Wesen und sein Verhalten, sind Zucht und Aufzucht, Erziehung und Prägung. Wir haben es in der Hand – mit Liebe, Zuneigung, Bindung und Konsequenz.

WOLFSPUREN
Beitrag Wetzlarer Wolfstag 2014 von Tanya Carpenter
vom 07. Jul. 2014


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