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Eine Recherchereise ins berüchtigte Belfast


SANDRA BINDER berichtet.

Mein aktuelles Buchprojekt »Feindliche Herzen« für die Familiengeheimnis-Reihe von Bastei Entertainment hat mich zur Recherche nach Belfast geführt.
»Da willst du wirklich hin?«, wurde ich vor der Reise oft gefragt. »Hast du keine Angst vor Ausschreitungen?«
»Nein«, lautete meine Antwort. »Nicht einmal ein nervöses Kribbeln in der Magengegend.«
Viele Leute denken immer noch an ein Kriegsgebiet, wenn sie Belfast hören. Ardoyne, Shankill, die Falls: Das sind Namen von Stadtvierteln, die unweigerlich kleine Totenköpfe vor dem inneren Auge erscheinen lassen. Man denkt an zerbombte Gebäude, Straßensperren, bürgerkriegsähnliche Zustände, an paramilitärische Vereinigungen wie die IRA oder – auf der anderen Seite – die UVF, und an eine britische Regierung, die mit der Situation völlig überfordert scheint. Die sogenannten Troubles beherrschten die nordirische Politik für lange Zeit. Und selbst jetzt noch, nach dem Karfreitagsabkommen von 1998, spricht die Welt von einem brüchigen Frieden. Doch das wilde und tapfere Nordirland verändert sich. Es ist mir wichtig, diesen Wandel in meinem Roman rüberzubringen und zu zeigen, dass das kleine Ulster auch eine sehr schöne Seite hat. Und damit ich einen besseren Eindruck von der aktuellen Lage bekomme, habe ich meine Koffer gepackt und bin – gemeinsam mit meinem Mann – nach Belfast gereist.


Ein unvoreingenommener Blick lässt das Städtchen charmant und idyllisch erscheinen: Belfast kuschelt sich zwischen grüne Berge und den Meeresarm Belfast Lough. Wenn man von der Ferne auf das hügelige Gebiet blickt, bekommt man das Gefühl, die Stadt würde auf Wellen getragen. Die niedrigen Häuser – überwiegend Backsteingebäude in viktorianischem Stil – verleihen dem Ort einen beinahe dörflichen Charakter. Und sie erlauben es, dass man von einem höheren Punkt aus über weite Teile der Stadt schauen kann. Bis der Blick an irgendeinem Berg oder Hügel hängen bleibt.
Wer hätte das gedacht, vor vierzig Jahren, dass dieser verwüstete Ort zu einem so netten Städtchen werden könnte? Aber wie sieht es denn hinter der lauschigen Fassade aus?
Wie immer, wenn ich eine fremde Stadt besuche – egal, ob ich schon einmal dort war – beginne ich mit einer Stadtführung. Meistens habe ich zu wenig Zeit und die will ich nicht mit ewigem Suchen auf dem Stadtplan verschwenden. Dadurch begegneten wir Ronny, einem fröhlichen, älteren Herrn, bei dem wir einen einstündigen Stadtspaziergang gebucht hatten, der jedoch so erfreut über unser Interesse war, dass er uns zwei Stunden lang kreuz und quer durch die Stadt gescheucht hat. Hier habe ich hauptsächlich eines gelernt: Ich bin nicht in Form.
Ronny hat jede meiner noch so dümmlichen Fragen ehrlich und ausführlich beantwortet und hatte zu jedem Thema eine kleine Anekdote auf Lager. Interessant war vor allem seine positive Zukunftssicht. Laut Ronny wächst momentan eine Generation heran, die einander begegnet, sich zögerlich annähert und somit den tiefen Graben zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen langsam schmälert. Es werde zunehmend friedlicher, meinte er. Unter anderem, weil die Leute – speziell die Jüngeren – heute viel reisen und mehr besitzen, damit auch mehr zu verlieren haben. Trotzdem hat er sich unbehaglich umgesehen, als er uns seine ungewöhnliche politische Einstellung erklärt hat.
Ganz grün sind sie sich noch immer nicht, die Katholiken und Protestanten, die Nationalisten und Unionisten. Das eigentliche Problem ist, dass sich der katholische Teil der Bevölkerung als Iren und der protestantische Teil als Briten sieht. Das hat historische Gründe: Die Katholiken sind sozusagen die Ur-Bevölkerung, die Protestanten dagegen eingewanderte Engländer oder Schotten. Dass es brenzlig wird, wenn sich zwei dickköpfige Nationen eine so kleine Provinz teilen, kann man sich vorstellen. Vor allem, weil die einen unbedingt mit Irland wiedervereinigt werden wollen und die anderen das unbedingt verhindern wollen. So ist es seit Jahrhunderten und vermutlich wird das auch die ewige Streitfrage bleiben. Aber in einem sind sich (fast) alle einig: Sie haben die Gewalt satt und möchten in Frieden leben.


Ronny sagte es bereits und bei unserem Stadtrundgang ist es unübersehbar: Es sind andere Zeiten angebrochen. Die Paramilitärs haben ihre Waffenlager vernichtet, Unstimmigkeiten werden auf politischer Ebene ausgefochten und auf den Straßen ist es friedlich geworden. Die Wirtschaft boomt, die Arbeitslosenzahlen sind niedrig, der Lagan ist sauber und der Tourismus wächst stetig. Für Letzteres sind wohl besonders zwei Attraktionen verantwortlich: Zum einen die HBO-Serie »Game of Thrones«, die zu großen Teilen im Belfaster Studio und im traumhaften Umland gedreht wird. Und zum anderen die Titanic, die am Belfaster Hafen gebaut wurde. Lange Zeit haben sich die Einheimischen für den berühmten Luxusdampfer geschämt. Heute sagen sie: »Hey, als sie unseren Hafen verlassen hat, war sie noch völlig in Ordnung.«
Belfast erholt sich allmählich, hübscht sich auf und im Stadtkern merkt man als Tourist überhaupt nichts von den Troubles. Das ändert sich, wenn man das Zentrum in Richtung Westen verlässt. Die sorgfältig sanierten Altbauten und modernen Glasgebäude weichen bescheideneren Häuschen aus Backstein. In Shankill und den Falls zieren unzählige Wandmalereien die Gebäude und Mauern, um an den Konflikt und seine Opfer und Helden zu erinnern. Verirrt man sich in eine Seitenstraße, begegnet man hier und da, an Hauswände gepinselt, verschiedenen Formen dreier berüchtigter Buchstaben (IRA, UVF, usw. – es existieren ja eine Menge dreibuchstabiger Organisationen in Nordirland).
Trotz aller positiver Veränderungen hat Belfast auch eine hässliche Seite – das will ich nicht verschweigen. Wegen Hardlinern und Radikalen werden heute noch die Tore der Friedensmauer zwischen Shankill und Falls über Nacht geschlossen. Gewalt war für viele Jahre zu einer Art Lebensstil in Nordirland geworden, einer eigenen Form der Normalität. Es dauert bei manchen eben länger, aus dieser Spirale auszubrechen.
Wir hatten jedenfalls – obwohl Fremde in diesem Gebiet – keine Probleme mit den Bewohnern bei unserem Irrlauf durch den Westen. Ohnehin habe ich die Belfaster als überaus aufgeschlossene und lockere Menschen erlebt, die erfrischend selbstironisch sind. In den Wohnzimmern der Einheimischen, den Pubs, steht man nie lange allein an der Theke. Und bei einem bierseligen Gespräch plaudern sie gerne – sogar über ihre politischen und religiösen Ansichten. Hier lernt man dann auch mal die hitzigere Seite der Nordiren kennen – sowie deftige Schimpfwörter. Bei diesen Unterhaltungen bin ich den unterschiedlichsten Meinungen begegnet; manche waren erschreckend, manche sehr optimistisch. Es sind eben nicht alle Menschen und Ansichten gleich. Bei den einen sitzt der Hass noch tief in den Herzen. Andere schauen hoffnungsvoll in die Zukunft.
Belfast ist eine Stadt der Gegensätze auf einem holprigen Weg zum Frieden, aber längst kein Schlachtfeld und auch kein touristisches Niemandsland mehr. Im Gegenteil. Es gibt eine Menge zu entdecken in diesem charmanten Städtchen. Und nicht nur dort, die gesamte Gegend ist eine Reise wert.
Man sagt, dass Irland in ungefähr vierzig verschiedenen Schattierungen von Grün strahlt. Ich kann das nur bestätigen. Ein Tagesausflug hat uns auf die Causeway Coastal Route geführt. Die Straße verläuft zwischen Belfast und Derry/Londonderry und entlang einer atemberaubenden Landschaft – neun Täler, die sich zum Meer hin öffnen.

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Man weiß gar nicht, wo man zuerst hingucken soll. Auf der einen Seite sieht man hügelige Felder und Wiesen, die ein wenig ans Allgäu erinnern, und auf denen pummelige Schafe grasen. Auf der anderen Seite erstreckt sich eine traumhafte Küstenlandschaft mit hübschen Stränden und wuchtigen Felsformationen. Ich hätte stundenlang an der Küste stehen und mir den Wind um die Ohren pfeifen lassen können, während ich beobachte, wie die Wellen gegen die Klippen schlagen. Plötzlich stand ich mitten im nirgendwo, vor mir das Meer, hinter mir das weite Grün – etwas so Friedliches und gleichzeitig Gewaltiges sieht man nicht oft. Als Mensch fühlt man sich da auf einmal klein und unbedeutend. Es ist überwältigend, was die Natur über die Jahre schaffen kann. So wie zum Beispiel am Giant’s Causeway, der aus ungefähr vierzigtausend gleichmäßig geformten Basaltsäulen besteht, die etwa sechzig Millionen Jahre alt sind. Ein beeindruckendes Stück Land, weswegen es auch zur UNESCO-Welterbestätte erklärt wurde.
Die nordirische Küste ist wohl eine der eindrucksvollsten Landschaften Europas. Ich freue mich riesig darauf, meine Protagonisten dort hinzuschicken. Denn mit diesen frischen Eindrücken mache ich mich nun an die Überarbeitung meines Romans.
Eine fantastische Reise ist vorbei und doch fängt sie erst an.
Bei meinem nächsten Projekt werde ich auf jeden Fall wieder eine Recherchereise einplanen. Es ist ein gigantischer Unterschied, ob man Urlaub macht oder eine Gegend besucht, weil man seine Geschichte dort spielen lassen will. Spannend ist vor allem, die Wege seiner Protagonisten abzulaufen. Man schaut sich die Dinge anders an, prägt sich Kleinigkeiten ein und hält an bestimmten Orten inne, um sie wirken zu lassen. Man bekommt ein völlig anderes Gefühl für Stadt, Land und Leute. Gut, manchmal sieht es ein bisschen albern aus, wenn man mit dem Notizblock durch die Straßen rennt und Fotos vom Fußboden macht. Aber das gehört nun einmal dazu. Ich kann es nur empfehlen.

AGENTUR ASHERA
Beitrag Eine Recherchereise ins berüchtigte Belfast von Alisha Bionda
vom 17. Nov. 2016


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