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The Fallen Idol


Der 1948 enstandene Film “The Fallen Idol” (auf Deutsch “Kleines Herz in Not”) ist die dritte Zusammenarbeit in den vierziger Jahren zwischen Carol Reed und Graham Greene. Einige Jahr später sollte der britische Regisseur noch den berühmten „Unser Mann in Havanna“ nach der Vorlage Greenes inszenieren. „The Fallen Idol“ steht teilweise unberechtigt zwischen den bekannteren Meisterwerken „Der dritte Mann“ und “Odd Man Out“, die erwachsenere Themen vor interessanteren Hintergründen wie dem zerstörten Wien oder dem nordirischen Konflikt angesprochen haben. Aber basierend auf einer Kurzgeschichte „The Basement Room“ von Greene hat Carol Reed zusammen mit den Drehbuchautoren William Templeton und Lesley Storm einen auch heute noch interessanten Thriller gedreht, der vor allem in einem direkten Vergleich zu den Hitchock Produktionen dieser Zeit in keiner Weise nachsteht.
Philippe ist der junge Sohn eines in London stationierten Diplomaten wahrscheinlich französischer Herkunft, was ihn in London nicht mehr von anderen Kindern isoliert. Seine wichtigste Bezugsperson ist der Butler Baines – Ralph Richardson – seines Vaters. Baines hat um den Jungen zu beeindrucken zu einem kleinen Trick gegriffen. Er erzählt ihm von seinem abenteuerlichen Leben unter anderem in Afrika. Dort hat er gegen die Eingeborenen gekämpft, Löwen gejagt und schließlich sogar einen Aufstand eigenhändig und alleine niedergeschlagen.
In Wirklichkeit hat der ältliche Butler niemals Afrika erreicht. Er ist gefangen in seiner im Grunde anspruchslosen Arbeit und vor allem einer distanzierten wie lieblosen Ehe. In Wirklichkeit hat er sich in eine jüngere Frau verliebt, die er aus der Not Philippe als Nichte vorstellt.
Nachdem Baines mit seiner Frau gestritten hat, fällt sie aus Versehen von der Treppenplattform und stirbt.
Unabhängig vom weiteren Verlauf des Films ist ein Teil dieser Ausgangssituation auch für „Downtown Abbey“ Fans interessant. Auch in der Serie gibt es einen allerdings durch eine Kriegsverletzung behinderten Butler, der allerdings sowohl im Krieg als auch Gefängnis gewesen ist. Er verliebt sich in eine junge Frau, ist aber noch nicht geschieden. Seine Frau willigt nicht in die Scheidung ein, sondern bringt sich selbst um. Die Justiz ist der Überzeugung, dass Baines seine Frau getötet hat, um wieder heiraten zu können. Hinzu kommt, dass dieser Baines im Gefängnis gewesen ist.
Der große Unterschied zwischen der erfolgreichen „Downtown Abbey“ Serie und dem vorliegenden Film ist eine Frage der Perspektive. Der junge Philippe ist nicht zuletzt dank seiner Phantasie der Ansicht, dass er gesehen hat, wie Baines seine Frau die Treppe herunter gestoßen hat. Er will sein großes Idol – der Titel des Films ist passender als Greenes Kurzgeschichtenname – schützen und durch seine naiven Versuche, ihn zu retten, bringt er die Polizei darauf, sehr viel tiefer zu ermitteln.
Auch wenn die meisten Plotelemente aus Graham Greenes Kurzgeschichte übernommen worden sind, handelt es sich bei „The Fallen Idol“ um den wahrscheinlich cineastisch besten Film in der langen und erfolgreichen Karriere Carol Reeds.
Ganz bewusst grenzt er die Außenaufnahmen gegen die vielen im Inneren des Gebäudes spielenden Szenen ab. Während in „Der dritte Mann“ das zerstörte Wien und lange Zeit der Schatten Harry Limes die subjektiv vom Amerikaner erzählten Handlung dominierten und in „Odd Man Out“ der verzweifelte Todesmarsch James Masons im Vordergrund gestanden haben, fügt Carol Reed diesem Streifen ein surrealistisches Element hinzu.
Der Plot wird ja fast ausschließlich aus der Perspektive eines im Grunde Kindes erzählt. Von Beginn an ist seine isolierte Welt von Lügen durchzogen. Baines entwickelt eine Phantasie, aus der weder er noch der Junge vor allem in den Augen der Polizei entkommen können. Es ist fast tragisch, wenn der Butler den Jungen bittet, ab jetzt nur noch die Wahrheit zu sagen, nachdem er so lange wie harmlos gelogen hat. Mitten in der Handlung dreht sich nicht zum letzten Mal das Rad. Plötzlich soll er lügen oder zumindest einen Teil der Wahrheit verdrehen, um Baines zu helfen. Der Junge sitzt nicht zum letzten Mal zwischen zwei Stühlen, zumal sich Carol Reed bei der Inszenierung schon entschieden hat, den potentiellen Mord als Unfall zu entlarven und damit den Zuschauer besser zu stellen als vor allem Philippe. Mit diesem einfachen Trick kann Carol Reed die Spannungsschraube erhöhen und die plötzlich irreale Wahrheit gegen die verdrehten Fakten stellen.
Durch diese subjektive Wahrnehmung hat der Regisseur aber auch einen visuellen Vorteil. Sein London wird weniger zu einer sich vom Krieg langsam erholenden Stadt, sondern zu einer Art urbanem Dschungel, in dem gänzlich andere Gefahren auf Philippe und seine kräftige Phantasie warten.
Selbst im hellsten Tageslicht ist dieses London genauso bedrohlich wie das zerstörte Wien bei Nacht oder die Gassen in Belfast, durch die sich James Mason schleppen muss. Diese Art der nicht immer subtilen, manchmal verspielten Manipulation findet sich später noch in „The Man between“ sowie teilweise in den überdrehten Zeichnungen des britischen Agenten auf Kuba in „Unser Mann in Havanna“ wieder.
Ganz bewusst verfremdet Carol Reed im Grunde harmlose Kindheitserlebnisse beginnend von der erzählten Gute Nacht Geschichte über das Versteckspiel im Haus und der Umgebung bis zu einem Picknick. Höhepunkt in dieser Hinsicht ist der Besuch im Zoo. Wahrscheinlich hat Rowling den Film früher gesehen und wollte in einem ihrer Harry Potter Bücher eine entsprechende Anspielung unterbringen.
Ohne viele Erklärungen erhalten diese bislang Routineereignisse eine gänzlich andere Bedeutung und Carol Reed ist sich nicht zu schade, sie wie es auch Hitchcock gemacht hat subjektiver und vor allem bedrohlicher erscheinen zu lassen.
Höhepunkt sind in dieser Hinsicht die Gespräche mit den beiden Polizisten, von denen einer später als “M“ in der James Bond Serie für Furore sorgen sollte. Bernhard Lee wirkt auf der einen Seite väterlich, auf der anderen Seite hat er offensichtlich Blut geleckt und hofft ein Verbrechen aufklären zu können, das es in dieser Form nicht gegeben hat. Auch diese Prämisse ist in „Downtown Abbey“ wieder aufgenommen worden. In der Fernsehserie wie auch dem vorliegenden Film gehören die in erster Linie verbalen Schlagabtäusche zwischen dem Verdächtigen und der Polizei aufgrund der verzweifelten, im Kern fast aussichtslosen Situation zu den Höhepunkten.
In der Botschaft selbst ist die gigantische Treppe ein visueller Anziehungspunkt. Orson Welles hat das Innere eines Hauses ähnlich prunkvoll in „The Magnificent Ambersons“ gestaltet. Auch „Gone with the Wind“ gehört in diese Liga. Selten ist aber eine Treppe wichtiger und damit Hitchcocks „Fenster zum Hof“ gleichgestellt gewesen als in diesem Film. Die Treppe ist im Grunde der Mittelpunkt des Hauses und spielt sowohl im ersten als auch letzten Drittel eine wichtige Rolle. Sie verbindet wie in „Das Haus vom Eaton Place“ die Obrigkeit mit den Räumlichkeiten der Diener. Carol Reed lässt mehrfach seine Kamera diese Treppe hinauf und herab gleiten. Immer haben diese Fahrten eine wichtige Bedeutung.
Diese Treppe ist aber auch das Verbindungsglied zu einer Welt der Voyeure. Die Reichen schauen aus den Fenstern der oberen Galerie, das Fußvolk von unten in der Froschperspektive nach oben. Während des Höhepunkts zeigt Carol Reed nicht nur die Treppe in voller Pracht, sie wird zu einer Art Spielplatz, in dem über die Freiheit oder Strafe für Baines entschieden wird. Minutiös hat der Regisseur diese Szene vorbereitet und mit sadistischer Freude zieht er sie spannungstechnisch, aber auch visuell interessant in die Länge.
Während „Der dritte Mann“ und „Odd Man Out“ vor allem sehr lange Verfolgungspassagen durchziehen und für potentielle Spannung sorgen, lebt „The Fallen Idol“ von den doppeldeutigen Dialogen und vor allem einem Kind, das auch mangels Lebenserfahrung die Informationen nicht filtern oder gar verarbeiten kann. Philippe versteht kontinuierlich fast alles falsch, was ihm die Erwachsenen zeigen und sagen. Hinzu kommt, dass Baines ja ein Lügengerüst aufgebaut hat, um den Jungen zu unterhalten.
Neben der eher subtilen, nicht selten auch ironisch überzogenen Handlung sind es vor allem die Charaktere und einhergehend die herausragenden schauspielerischen Leistungen, welche den Film auch heute noch aus der Masse herausragen lassen.
Im Mittelpunkt steht Ralph Richardson. Auf der einen Seite ist er der perfekte Vaterersatz für einen Sohn, den er sich anscheinend immer gewünscht hat. Auf der anderen Seite wird er von seiner Frau – Sonia Dresdel – schikaniert und immer wieder blamiert. Er versucht seine Wut zu kanalisieren und lange Zeit sein Gesicht zu wahren. Die rein platonische, aber auch nicht kitschig gedrehte Liebesbeziehung zur jüngeren sehr attraktiven Sekretärin im Hause wird ja durch den langen Schatten seiner Ehe fast erdrückt. Trotzdem gelingt es Ralph Richardson, diese Augenblicke des Glücks in seiner Mimik und Gestik perfekt auszudrücken. Später von der Polizei verhört, in die Enge getrieben steht er immer noch zu seiner Pflicht und will auch nicht Philippe als Lügner bezeichnen.
Vor allem haben Baines und Philippe ein gemeinsames Problem. Beide wissen nicht, wie Frau Baines um Leben gekommen ist.
Während die beiden Verschwörer ihren Plan aushecken, zeigt sich die schauspielerische Klasse des jungen Bobby Henrey. Er muss auf der einen Seite kindlich, fast naiv erscheinen, auf der anderen Seite ambitioniert und euphorisch bis hin zur „Überführung“ Baines. Hinzu kommt, dass er zwischen alle Fronten seinen eigenen Weg finden muss. Seine Mutter ist anscheinend „krank“ und lebt nicht in London. Sein Vater ist meistens außer Haus und arbeitet. In dem riesigen Garten hat er sich sein eigenes Paradies aufgebaut. Eine Schlange, versteckt unter Steinen, ist neben Baines sein einziger Freund. Ohne Mitleid oder Pathos zeigt Carol Reed die Einsamkeit des Jungen, dessen überschaubare Welt immer mehr verdunkelt wird. Es ist ein schmaler Grat, auf dem sich Bobby Henrey bewegt, aber auch aus einer Distanz von mehr als sechzig Jahren überzeugt er immer noch als kindlicher, aber nicht kindischer Charakter.
Das Drehbuch muss Baines Frau besonders negativ zeichnen. Immerhin hat ihr Mann eine Affäre und verletzt damit das Ehegelöbnis. Sie ist neugierig, boshaft und liebt Intrigen. Um ihn endlich zu überführen, begibt sie sich absichtlich immer wieder in Gefahr, so dass ihr Schicksal im Grunde nur folgerichtig ist. Ganz bewusst verzichtet das Drehbuch in diesem Abschnitt auf eine moralische Wertung und beginnt den Zuschauer genauso zu manipulieren wie Philippe von den Geschichten Baines eingefangen worden ist.
Julie – gespielt von Michele Morgan – als attraktive, junge und vor allem zweisprachige Mittlerin zwischen Philippe und schließlich der Polizei muss attraktiv, häuslich, verletzlich und trotzdem stark sein, damit der Zuschauer die Liebesgeschichte zwischen ihr und Baines nachvollziehen kann. Auch hier bestehen Ähnlichkeiten zu „Downtown Abbey“, wobei sich Baines in die Dienerin der Frau seiner Lordschaft verliebt.
Beginnend mit einem ausgesprochen kompakten, sehr fokussierten, sich aus dem Nichts heraus entwickelnden Plot und der überdurchschnittlichen schwarzweiß Fotographie - vor allem ein Spaziergang durch das nächtliche London und das angesprochene Versteckspiel im Dunkeln in den Räumen der sehr spärlich bewohnten gigantischen Botschaft zeigen die visuelle Meisterleistung Carol Reeds - ist „The Fallen Idol“ eine Wiederentdeckung wert. Neben der Criterion DVD ist der Film in seinem originalen 35 mm Format in verschiedenen in erster Linie amerikanischen und britischen Kinos neu aufgeführt worden. Es wäre vermessen, ihn noch einmal auf der großen Leinwand zu sehen, aber zusammen mit „The Third Man“ und „Odd Man Out“ unterstreicht „The Fallen Idol“, wie herausragend Carol Reed nach dem Zweiten Weltkrieg mit diesen drei Filmen das britische Kino dominierte.

CINE TRASH & TREASURY
Beitrag The Fallen Idol von Thomas Harbach
vom 14. Nov. 2017


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