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Donald Cammell – ein bittersüßes wildes Leben![]() Sechs Jahre haben die beiden Filmjournalisten und Dozenten Rebecca und Sam Umland – Artikel im „Video Watchdog“ oder „Wrapped in Plastic“ – recherchiert. Vier Jahre länger als geplant. "Life on the Wild Side" ist die Lebensgeschichte eines Mannes, der in seiner fast dreißigjährigen Karriere im Filmcircus insgesamt 3.5 Filme fertig stellen konnte. Die Kritiker spotten über den Regisseurcredit für seinen bekannten Film "Performance" zusammen mit Nicolas Roeg, dass in erster Linie dieser und nicht Cammell für den außergewöhnlichen Schnitt verantwortlicht ist. Eine These, welche die Umlands in ihrem Buch nachdrücklich und beweisbar dementieren. Weder Cammell noch Roeg dürfen sich dieses Lob aneignen. Zu den wenigen Filmen kommen ein Rockvideo für „All you Zombies“ der Hooters eine Handvoll kaum seinen Visionen entsprechender und von anderen Regisseuren verfilmter Drehbücher, unzählige nicht produzierte Projekte, ein Roman geschrieben mit Marlon Brando und schließlich eindrucksvolle Zeichnungen und Portraitbilder. Ihr Buch ist aber mehr als nur die Geschichte eines Künstlers, der sich Zeit seines Lebens oft selbst im Wege gestanden hat. Es ist die Geschichte des 20. Jahrhunderts in seinen vielen Facetten. Donald Cammell ist während des 2. Weltkriegs aufgewachsen, stammt aus vermögendem, adligen Haus – das schließlich in Armut geriet -, er studierte an einer bekannten Kunstakademie, konnte den moralisch – sittlichen Wandel in den swinging sixthies miterleben, die politischen Unruhen der siebziger Jahre, den Konservatismus der achtziger Jahre und schließlich die Aussichtslosigkeit der neunziger Jahre, in denen er sich während einer depressiven Phase selbst erschossen hat. Obwohl Donald Cammell im Mittelpunkt des Buches steht, erwecken die Umlands eine Zeit wieder zum Leben, an die sich viele ihrer Leser noch erinnern können. An Hand dieser auch in sich zerrissenen Persönlichkeit, die insbesondere in den sechziger Jahren das Glück hat, mit den schönsten Modells zusammenleben zu können und insbesondere in der blühenden Rockszene zu einer bekannten Persönlichkeit geworden ist, versuchen sie emotionslos den Lebensweg eines Menschen nachzuzeichnen, der in vielen seiner Ideen revolutionär und progressiv gewesen ist. Der allerdings niemals die richtigen Tasten der Macht drücken konnte und wollte. Um sein kleines, aber signifikantes Werk analysieren zu können, versuchen die beiden Autoren sich erst einmal dem Menschen Donald Cammell zu nähern. In seinen Filmen von „Performance“ über „Des Teufels Saat“, dem vernachlässigten Thriller „White of an Eye“ und seinem letzten Werk „Wild Side“ hat er sich immer mit der Metamorphose von Menschen, von Identitäten auseinandergesetzt. Dazu beginnen sie mit seiner Jugend in der behüteten, künstlerisch ambitionierten Familie. Während des Zweiten Weltkriegs ist Donald Cammell nach Schottland auf eine Schule geschickt worden. Hier – so unterstellen die Cammells – könnte er Opfer eines sexuellen Missbrauchs geworden sein, der schließlich zu dem von ihnen diagnostizierten Borderline Sydrom und seiner gestörten Persönlichkeit mit liebenswerten Momenten und unerklärlichen, destruktiven Wutanfällen geführt hat. Im Anhang untersuchen sie die klassischen Eingangssymptome dieser Krankheit an insgesamt zehn Fragen und Ereignissen aus Donald Cammells Leben. Natürlich stellt sich die Frage, ob dieser Versuch, einer laienärztlichen Diagnose die Grenzen einer Biographie überschreitet. Aus diesem Grund haben sie die Autoren dieses Kapitel nicht in den eigentlichen Text integriert, sondern separiert. So überzeugend ihre Thesen auch sein könnten, so fragwürdig sind ihre Folgerungen. Donald Cammell hat insbesondere seine Jugend immer mit Legenden umgeben und viele der Zeitzeugen haben zwischen der Wahrheit und den Fiktionen nicht unterscheiden können. Das Cammell mehrmals in seiner Biographie die Unwahrheit erzählt hat, belegen die Umlands an verschiedenen Fakten. Ob es wirklich zu einem sexuellen Missbrauch gekommen ist oder der behütete Junge in der Einsamkeit der Schule einen Nervenzusammenbruch mit den entsprechenden Folgen erlitten , ob sein früher Drogenkonsum in den Künstlergemeinden schließlich zu dieser potentiellen Krankheit geführt hat, wird wahrscheinlich niemals geklärt werden. Mit fast übertriebener Präzision versuchen die Umlands den Fall „Donald Cammell“ abzuschließen. Sie beantworten und negieren viele Fragen um seinen Selbstmord. S hat Cammell keine 45 Minuten noch gelebt, nachdem er sich eine Kugel in den Kopf gejagt hat. Aus unzähligen Gesprächen mit seinen Freunden, Kollegen oder Bekannten setzen sie ein faszinierendes Portrait eines Menschen zusammen, der charismatisch und scheu zu gleich sein könnte. Aber in dem Nachwort übertreiben sie ein wenig und versuchen den fesselnden Schleier um Donald Cammell zu einseitig und zu penetrant aufzuschneiden. Neben seiner zeitweiligen Drogen – und wahrscheinlich Alkoholabhängigkeit kursieren insbesondere wilde Geschichten um sein ausschweifendes Sexualleben. Wenn selbst bekannte Persönlichkeiten der sechziger Jahre aus dem Umfeld der Rolling Stones von sich als Waisenknaben im Vergleich zu Cammell sprechen, ahnt der Leser zumindest die Richtung. Bis auf zwei rückblickend für die Umlands mehr oder weniger wichtige Ereignisse bleiben sie auf der streng journalistisch deduzierenden Schiene und berichten nur sachlich distanziert die Fakten. Das Cammell in früher Jugend zwei Frauen beim Sex beobachtet hat, von denen er mit einer liiert gewesen ist, erscheint als Tatsache. Das es sich bei der zweiten Frau um deren Schwester gehandelt haben soll, wird ins Reich der Fabel verwiesen. Das sich der begabte Portraitmaler Cammell in den sechziger Jahren durch die Betten seiner älteren und vor allem im Rampenlicht der Gesellschaft stehenden Vorlagen geschlafen hat, ist ein weiteres Faktum. Namen werden diskret verschwiegen. Cammell hat in den sechziger Jahren mit einigen sehr schönen Topmodells zusammengelebt, im Grunde sich zeitweise aushalten lassen. Ein Schelm, wer heutzutage an Kate Moss denkt. In allen seinen Filmen – sowohl die Werke, die nach langem Kampf die Leinwand erreicht haben als auch die vielen Drehbücher und Entwürfe, welche die Umlands zum Teil sehr detailliert vorstellen – spielen Beziehungen eine wichtige Rolle. Neben der Gegenüberstellung des Gangsters mit dem Künstler gibt es in seinen Filmen immer Dreieckskonstellation. Selbst in „Des Teufels Saat“ lebt Julie Christie mit ihrem Mann zusammen und wird von der künstlichen Intelligenz begehrt und als Mutter seines Kindes auserwählt. Wie in seinem wirklichen Leben spielt die Menage-a-trois eine wichtige Rolle. Dabei verweisen die Umlands erst im letzten Kapitel – ein wenig makaber und im Gesamtkontext des Werkes an einer unpassenden Stelle – auf Cammells zumindest latente Homosexualität. Bislang hatte der Leser den Eindruck, als könne Donald Cammell in erster Linie von schönen Frauen nicht genug bekommen und von ihren lesbischen Neigungen erregt. Wer zwischen den Zeilen diese immer wieder in den Text gestreuten pikanten Episoden liest, wird überrascht sein, wer zumindest von Hollywoods Persönlichkeiten einen intimeren Kontakt mit dem als schwierig geltenden Donald Cammell und seiner weiblichen Gesellschaft unterhalten hat. Die Umlands versuchen allerdings nach einer sehr langen und guten Darstellung von Cammells Jugend und „Ausbildung“ als Maler seine Interessen in einen engen Zusammenhang mit seinem insbesondere für ihn unbefriedigenden Filmwerk zu stellen. Nach den ersten Drehbüchern für Filme wie „The Touchables“ und vor allem „Duffy“ – den es nur in Spanien und Deutschland auf Video gibt – folgt nicht zuletzt aufgrund seiner Freundschaft mit Mike Jagger „Performance“. Ein Film, der nicht zuletzt aufgrund seiner revolutionären Schnitttechnik trotz aller Zweifel beim Verleihstudio Warner Brothers sich im Laufe der Jahre als Bahn brechend durchsetzte. Die Umlands zeigen in einer der besten Passagen des Buches auf, dass weniger Nicolas Roeg – der in seinen folgenden Filmen die Technik adaptierte und weiterentwickelte – für den Look dieses Films verantwortlich gewesen ist, sondern der nicht namentlich im Nachspann aufgeführte Editor Frank Mazzola. Er wird alle Filme von Donald Cammell schneiden und später nach dessen Selbstmord dafür sorgen, dass die Öffentlichkeit zumindest einen Director´s Cut seines letzten Films „Wilde Side“ zu sehen bekommt. Die Freundschaft auf einer beruflichen Grundlage zwischen den beiden sehr unterschiedlichen Männern bestimmt die zweite Hälfte des Buches. Das Mazzola in ein Projekt sein gesamtes privates Vermögen steckt und seine gesicherte bürgerliche Existenz für einen schließlich abgebrochenen und fast fünfzehn Jahre notdürftig zu Ende geführten Film aufs Spiel setzt, zeigt Cammells charismatischen Einfluss. Die Umlands sezieren seine folgenden Filme mit einem intimen Wissen über Donald Cammells Stärken und Schwächen, seine Vorlieben und Abneigungen. So fügt sich der von vielen als Auftragsarbeit acht Jahre nach dem Beginn der Dreharbeiten gestartete „Des Teufels Saat“ thematisch perfekt in Cammells verschobenes Familienweltbild ein. Sie zeigen auf, wie ein sehr guter mit einem geringen Budget gedrehter Film „White of a Eye“ vom Verleih Cannon systematisch zugrundegerichtet worden ist. Sie bemühen sich, Donald Cammells ständigen und oft dickköpfigen Kampf um seine künstlerische Authentizität genauso aufzuzeigen wie seine steige, oft von ihm heruntergespielte Auseinandersetzung mit seinen immer schlimmer werdenden Depressionen. Mit dem letzten Film „Wilde Side“ schließt sich im Grunde der Kreis. Wieder geht es um die Geschichte eines Gangsters, der schwache Menschen in seinen Bann schlägt. Da in diesem Fall zumindest neben dem vom Produzenten gekürzten Film auch der „Director´s Cut“ vorliegt, lässt sich Cammells Intention mit der Kurzsichtigkeit der Produzenten sehr gut vergleichen. „Donald Cammell - A life on the Wilde Side“ zeigt den lebenslangen Kampf eines Individuums mit seiner Umwelt und vor allem seinen inneren Dämonen, die er nur kurzzeitig überdecken konnte. Zu seinen Freunden gehörten Mike Jagger und Marlon Brando, die ihm aber auch mit ihren schließlich aufgrund von Launen eingestellten Projekten Jahre der Produktivität gekostet haben. Zumindest der gemeinsame Piratenroman von Donald Cammell und Marlon Brando ist inzwischen auch auf Deutsch erschienen. Viele der Konflikte, die sein Privatleben wie auch seine Arbeit bestimmt haben, hat Donald Cammell verloren. Trotzdem ist es immer wieder überraschend, wie optimistisch und voller Euphorie er sich in neue Projekte gestürzt hat, in der Hoffnung, sich endlich als Künstler etablieren zu können. Das er Jahrelang darum gekämpft hat, überhaupt im Zusammenhang mit seinem ersten Film „Performance“ eine historisch richtige Rolle zugewiesen zu bekommen, ist eine bitter ironische Fußnote in dieser Auseinandersetzung. Neben vielen Fotos – zum Teil auch aus privaten Sammlungen – werden in der ersten Hälfte des Buches viele Zeichnungen von Donald Cammell zum ersten Mal seit vier Jahrzehnten einem größeren Publikum vorgestellt. Da er ausgerechnet eine Geschichte um die Tafelrunde und König Arthur sehr schön illustriert hat, passt zu der optisch in die Zukunft schauenden und in ihrem Inneren zerrissenen Persönlichkeit. Es ist unwahrscheinlich, dass Cammell in der Filmgeschichte noch einen größeren Platz als Visionär eingeräumt bekommt. Dazu ist sein Werk – das geben auch die Umlands zu – trotz seiner künstlerischen Raffinesse zu klein und teilweise zu uneinheitlich. Neben den Einblicken in Cammells Persönlichkeit, seine manchmal sehr unorthodoxe und Schwierigkeiten provozierende Arbeitsweise ist die vorliegende Biographie vor allem ein Spiegelbild der wilden sechziger Jahre. Dieser Abschnitt ist – auch wenn es paradox klingt – der beste Abschnitt des Buches. Ob die Zeit viele Wunden geheilt hat, die Donald Cammell mit seiner narzisstischen Art geschlagen hat, lässt sich nicht beantworten. Aber die Antworten, welche die Umlands auf ihre vielen Fragen an Freunde, Geliebte und Kollegen Cammells gestellt haben, wirken ehrlicher, warmherziger als zum Beispiel aus den achtziger Jahren, in denen er viel Zeit mit Projekten verschwendet hat, die für ihn enttäuschend verliefen. Auch wer sich nicht für Donald Cammells Filme und Zeichnungen interessiert, wird in der vorliegenden, sorgfältig geschriebenen, wenn auch gegen Ende im Anhang unabsichtlich belehrend und zu entschuldigend erklärend wirkenden Biographie vielen Fakten zu dem kurzzeitig Phänomen des New Hollywood finden. Wer sich nur ein wenig für Filme wie „Performance“ oder „Des Teufels Saat“ interessiert, wird überrascht sein, in diesem Buch eine schwierige, nicht immer sympathische, aber auf seine Art faszinierende Persönlichkeit im stetigen, verlorenen Kampf mit seiner Umwelt kennen zu lernen. Die größte Überraschung ist allerdings, an wie vielen Projekten Cammell gearbeitet und das er überhaupt diese vier Filme mit seiner Art zu arbeiten finanziert und produziert bekommen hat. CINE TRASH & TREASURY, Beitrag vom 26. Jul. 2007![]() Weitere Beiträge
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