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Das Herz des Universums von Stella M. Th. Sigl
Illustration © Wolfgang Sigl

Das Herz des Universums
© http://www.wolfgangsigl-grafiken.de/
Auszug aus der Biographie des 2081 geborenen Gründers der Firma Saturn Travelling Company, William Baumann:

Einst fragte mich eine Passagierin, mit welchem Wort ich das Universum beschreiben würde, wenn ich alle wissenschaftlichen Begriffe weglassen müsste, die ich während meiner Arbeit in der Weltraumtouristikbranche gelernt und täglich angewandt hatte.
Ich schlug wohlweißlich das Wort unbeschreiblich vor. So musste ich mich nicht lange damit quälen, eine Beschreibung für etwas zu finden, das, wenn ich ehrlich bin, niemals in einem Wort unterzubringen wäre.
Es bräuchte vermutlich das Wissen des Göttlichen selbst, um die richtige Definition zu finden.

***

Aber dennoch ließ mich das Thema nicht mehr los und so suchte ich die passende Beschreibung, die alles umfasste, die Physik und Wissenschaft in poetische Form bringen könnte. Aber nicht lediglich in ein Wort.
Es musste schlichtweg eine Beschreibung sein, die der unwirtlichen Kälte der Unendlichkeit eine poetische Ansicht verleihen würde.
Letztendlich wurde daraus ein lyrischer Reiseführer, der den Touristen durch die Galaxis führen soll, aus dem ich hier einige Auszüge zitieren möchte,.
Also bitte schnallen Sie sich an, stellen Sie das ungesunde Rauchen ein und sehen Sie auf dem Flug in meinem Raumtransporter Space-XFLR9 die Sterne im Lichte der Ewigkeit.

Haben Sie jemals in das Herz der Sonne geschaut?
Oder sehen Sie nur das, was Ihnen die Wissenschaft sagt?
Ein Klumpen heiße Materie, der Hitze und Feuer spuckt. Gut, das war nicht sehr professionell ausgedrückt. Aber es zeigt die Kälte, die hinter dieser Beschreibung steckt und lässt sogar die Sonnenwinde erschauern.
Also lassen Sie uns im gebührenden Abstand das Antlitz der Sonne erkunden. Lassen Sie uns einen Blick in ihr Licht wagen, das sie der Erde schenkt und alles Leben darauf ermöglicht. Ohne sie würden wir der Sterne nicht gewahr werden, ohne sie könnten wir in unserer irdischen Form nicht auf unserem Planeten existieren. Kein Baum, keine Blume, kein Tier vermag es sein Leben ohne die erhellenden und wärmenden Strahlen der Sonne zu verbringen.
Interessanterweise bezeichnet man die Sonne im Lateinischen mit Sol ( nach dem römischen Sonnengott) und als Gegenstück bezeichnet man den Mond mit Luna (nach der römischen Mondgöttin). Die Pole scheinen vertauscht zu sein. Die Sonne ist daher eigentlich männlich und der Mond weiblich.
Aber unabhängig davon – die beiden ergänzen sich als das Göttliche, das in unseren Herzen, auf Erden allgegenwärtig ist. Sie bilden eine ewige Einheit, die Mutter Erde ihre Daseinsform ermöglicht.

Aber lassen Sie uns nicht hier verweilen. Die Sonnenwinde greifen sonst irgendwann unser Hitzeschild an.
Bitte sehen Sie einmal auf die handlichen Displaykarten, die Ihnen am Beginn der Tour ausgehändigt wurden. Damit verschaffen Sie sich einen kurzen Überblick über Ihre Tour. Sie sehen an dieser Stelle auch eine Auflistung verschiedener Galaxien.
Eine Galaxie besteht unter anderem aus einer Ansammlung von Sonnen, Planetensystemen, Gasnebeln und Staubwolken, wie die staubtrockenen Gelehrten unter uns sagen.
Ich bezeichne sie anders.
Denn sie sind ein Blick in die Seele des Universums. Unser Auge, das durch Teleskope ihre Farben sieht, erfasst diesen grandiosen und unendlich scheinenden Anblick in einem nicht greifbaren Moment und sendet dieses Bild an unseren Verstand und unser Herz. Und Letzteres sieht in diesem Anblick den Begriff aller Existenz, aller Dinge, die der Verstand nicht anders zu fassen vermag, als durch die Worte „unbeschreiblich schön“…

Und nun von den Staubwolken… pardon, von dem grandiosen Anblick hinüber zu unserer so benannten Milchstraße, die wir bei guter Sicht von der Erde aus bestaunen können und uns in ihrem Antlitz so manches Mal zu verlieren glauben.
Sie scheint uns in die Ewigkeit führen zu wollen. Einmal quer durch das Universum hindurch. Aus unzähligen Sternen besteht sie – und ist eine von Milliarden Galaxien. Nicht spiralförmig zu erkennen, wie manche andere. Aber dafür scheinbar unendlich wie der Nachthimmel, der uns bewegt, nach oben zu schauen und uns das Glitzern ihrer Sterne zeigt, um es uns auf wirklich traumhafte Weise genießen zu lassen. Uns für einige ruhige Minuten aus unserem Dasein auszuklinken, uns von ihm gefangen nehmen zu lassen und alles um uns herum zu vergessen.
Haben Sie sich schon einmal vorgestellt, auf dem Schweif eines Kometen zu reiten… zum Beispiel Hyuakutake, der vor über hundert Jahren dicht an der Erde vorbeigeflogen ist? Klingt vermutlich ziemlich töricht, aber bemühen Sie Ihre Fantasie!
Wer sonst hat denn schon so viel vom, für den menschlichen Geist kaum vorstellbaren, unendlichen Universum gesehen, als ein Komet?
Einen Blick in die Ewigkeit wagen, ohne dabei an Physik zu denken – das sollten wir öfters wagen, denn es bringt uns zurück zu unserem Geist, zu unserer Seele und beweist uns, dass das schön ist, was unser Herz als schön empfindet.
Und nun, meine Damen und Herren, erreichen wir nach wenigen Lichtsekunden die äußeren Ringe des Saturn. Sie werden erkennen…


Von einer zur anderen Sekunde schlug ich die Augen auf.
Etwas hatte mich aus meinen poetischen Träumen gerissen. Es war mein Wecker, der da mit solcher Inbrunst seiner Aufgabe frönte.
Im nächsten Moment fragte ich mich, wie ich einen solchen Traum in meinem Hirn hatte fabrizieren können. Wer will denn schon einen vor Schmalz triefenden Reiseführer lesen, wenn er stattdessen die logischen wissenschaftlichen Erklärungen für alles hören kann?
Echt lächerlich, stellte ich stumm fest und machte mich schlaftrunken auf ins Badezimmer. Ein Blick in den Spiegel verriet mir, dass ich augenscheinlich gestern Abend in der Raumfliegerkneipe eine Flasche Bier zu viel getrunken hatte.
Während ich noch versuchte, die Mundwasserflasche aufzudrehen, flog mit einem lauten Krachen die Badezimmertür auf und mein Bobtail stürmte mit seiner Leine in der Schnauze herein. Timmy sprang mich genau in der Sekunde an, als ich endlich diese verflixte Flasche aufbekommen hatte.
Ich stellte gerade fest, dass ich mir wohl eine neue kaufen musste – die Mundspülflüssigkeit war nämlich längst im Waschbeckenabfluss verschwunden – da bemerkte ich, dass es bereits ziemlich spät war.
In einer halben Stunde kam die erste Touristengruppe. Heute war der große Rundflug aus dem Winterspezialprogramm dran. Erde – Jupiter – Saturn – Uranus und zurück. Das ziemlich öde Spiel Saturnringe zählen stand natürlich auch wieder auf dem Programm.
Ein paar umherirrende Eisbrocken, die Jahrmillionen lang in ein und derselben Flugbahn schweben. Wirklich spannend.

Timmy, dem ich, wie ich feststellte, als ich sah, dass er statt seiner Leine doch nur meine Krawatte erwischt hatte, mal wieder seinen viel zu lang gewachsenen Pony schneiden musste, würde ich mitnehmen. Zum Gassi gehen war keine Zeit. So war das eben, wenn man in der Wintersaison in der Stadt lebte. Der nächste Park war irgendwie immer woanders, als im eigenen Block. Da musste das Geschäft anders erledigt werden. Sprich in der Hundetoilette, besser gesagt in der umgebauten Katzentoilette im Cockpit des Raumgleiters. War ja abgetrennt von den Passagieren, also konnte sich keiner beschweren – außer der Geruch würde ins Frischluftsystem geraten…
„Komm Timmy!“

***

Eine Viertelstunde später fanden wir uns im Stau auf der Hydrogleiterstraße wieder.
Seitdem die Gleiter mit Wasser angetrieben wurden, benutzten viele Menschen die neue Motorentechnik und mieden die elektrosmogverseuchten Luftstraßen, auf denen die alten elektromagnetischen Antriebe weiterhin benutzt werden konnten.
Das ist das Problem, wenn man sich zu zügig auf neue Technik einlässt, stellte ich ernüchtert fest, als sich der Stau doch endlich auflöste. Wurde auch höchste Zeit.
So kamen Timmy und ich noch, trotz meiner aufkeimenden Panik, rechtzeitig am Touristenraumhafen an.
Ich heizte die Aggregate meiner Space-XFLR9 umgehend vor und schon stand die erste Touristin auf der Einstiegsrampe.
Wir unterhielten uns eine Weile. Die hübsche junge Frau hatte eines meiner Bücher gelesen. Eine wissenschaftliche Abhandlung über Raumgleiter in ihrem Element, dem leeren Raum.
Sie war nett, irgendwie hatte sie etwas Besonderes an sich. In ihren Augen schimmerte etwas, das mir sofort sympathisch war. Es war, als schenkte sie mir einen Blick ins Universum. Ich hatte beinahe das Gefühl, sie zu kennen – oder stieg mir noch das Bier vom Vorabend in den Kopf?
Während ich überlegte, ob ich sie später noch zu einem Spaceburger im MCMars einladen sollte, fragte sie mit ihrer melodiösen Stimme: „William, mit welchem Wort würden Sie das Universum beschreiben, wenn Sie es nur mit Ihrem Herzen sähen?“

Ich zögerte, bis ich lächeln musste, ein Gefühl des traumbedingten Déjà Vus unterdrückte und antwortete: „Unbeschreiblich.“

***

Es verging einige Zeit. Weihnachten, das damals kurz vor der Tür gestanden hatte, brachte meine ursprünglichen Pläne durcheinander. Es gab zu viele Touristen, die sich Rundflüge zu Weihnachten schenkten – aber immerhin war es mein Job, selbst wenn mein Privatleben darunter litt.
Nun hatten wir bereits Januar, als ich eines Morgens wieder unter Zeitdruck in meinem Badezimmer stand, denn heute war die letzte Tour der Saison vor meinem wohlverdienten Urlaub.
Merkwürdig, manche Dinge wiederholen sich. Und zwischen Hundeleine, zu langen Bobtailhaaren und den letzten geretteten Tropfen meines Mundwassers, stellte ich fest, dass ich in den nächsten Tagen viel zu tun hatte.
Friseurtermine standen an.
Timmy mussten endlich die Haare gekappt werden, mein Dreitagebart wucherte aus, die Rumpfdüsenaggregate meines Raumgleiters wollte ich auch schon lange frisieren…, ich würde einmal wieder neues Mundwasser kaufen müssen… ach ja und ich hatte mich in die junge Frau mit den wie Sterne funkelnden Augen verliebt.
Und ich wollte damit beginnen einen Reiseführer zu schreiben.
Der Titel würde lauten: Das Herz des Universums.

25. Aug. 2007 - Stella M. Th. Sigl

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