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Startseite > Kurzgeschichten > Stella M. Th. Sigl > Science Fiction > Im Garten der Vergänglichkeit

Im Garten der Vergänglichkeit von Stella M. Th. Sigl
Illustration © Wolfgang Sigl

Im Garten der Vergänglichkeit
© http://www.wolfgangsigl-grafiken.de/

Vergänglichkeit – Was ist das?
Sind es die verblassenden Erinnerungen?
Die verhallenden Laute der Vergangenheit?
Oder der verdrängte Schmerz des Gedenkens einer besseren Zeit?




Karg und öde war es hier einmal. Neues Leben wurde in Armut und Verwahrlosung hinein geboren. Die Gegenwart bewegte sich stets zwischen Angst und Dunkelheit, die Zukunft schien aussichtslos.
Doch eines Tages entwickelte ein Forscher einen Androiden, der für Frieden sorgen sollte. Nein, nicht lediglich einen – sondern eine Armee, die in friedlicher Mission alle rivalisierenden Gruppen zum Frieden zwingen sollte.
Dies hatte auch funktioniert.
So war es immer mit der Vergänglichkeit einer jeden Zeit. Sie fand ihr Ende.

***


Paul lächelte, als er an diesem, wie auch an jedem anderen Morgen der vergangenen Zeit, aus dem Fenster blickte. Er liebte den Anblick der aufgehenden Sonne über dem grünen Hügel gleich vor seinem Haus.
Er war froh, dass die grausame Vergangenheit vorbei war.
Beschwingt, in seiner freundlichen Art lächelnd, machte er sich – oftmals vor sich hinhüpfend - auf den Weg in seinen Garten von beachtlichen Ausmaßen.
Aber Paul hatte viel Zeit.
Es war kein Problem alles zu pflegen. Zuerst würde er die Rabatten neben dem Hauptweg jäten, damit die gesetzten Tulpen zwischen dem Unkraut Platz fanden, sich im anstehenden Frühjahr zu entfalten.
Im Jahr 2260 hatte man längst einen Weg gefunden, diese zeitraubende Aufgabe einfach zu erledigen – und so setzte Paul einen kleinen flachen Roboter auf die Beete und gab ihm den Sprachbefehl, alles zu beseitigen, das nichts mit den Tulpen zu tun hatte.
Danach folgte Paul dem gewundenen Kiesweg, der durch das Gelände führte, weiter zum Gartenteich. Schließlich sollte auch dieser in bester Ordnung gehalten, und die Goldfische mussten gefüttert werden. Paul sorgte sich, dass der Fischreiher wieder geräubert hatte.

***


Eine schnelle Zählung seiner Fische beruhigte Paul jedoch nach wenigen Minuten und er ging weiter, bis er zu einem großen eingezäunten Teil seines Gartens gelangte. Er war riesig. Mindestens drei Fußballfelder groß. Aber es nützte nichts. Auch hier hatte er zu tun. Und das überließ er nie seinem Unkrautroboter. Das war seine Aufgabe. Es war eine friedliche Angelegenheit, die er da täglich vollzog. Dieser Garten war ein besonderer, sozusagen der Ausgangspunkt.
Von Parzelle zu Parzelle ging Paul, goss hier Blumen, zupfte dort Unkraut oder legte neue Bepflanzungen an.
Meistens liefen dabei Erinnerungen in seinem Gedächtnis ab. Grausame, aber auch schöne. Doch welcher Art sie auch waren, er hatte dabei stets ein Lächeln auf den Lippen. Immerhin war er verantwortlich für diesen eingezäunten Bereich. Er hatte ihn einst angelegt und würde ihn nun bis in die Ewigkeit pflegen, wie er stets mit heiteren Gedanken feststellte.
Einmal verweilte er länger an einer Parzelle. Dort standen Worte, von Paul selbst in Stein gelasert, die er jeden Tag laut vorlas.

„In Erinnerung an Professor Foster. Seine Genialität erstrahlt noch heute in seinen Geschöpfen, die er im Kriege erschuf und die den Frieden brachten.“

Ja, diese Worte las Paul jeden Tag. Oft schon hatte er sich überlegt, ob es richtig gewesen war, auch Professor Foster, seinem Schöpfer, den Frieden zu bringen.
Aber es war ja dessem Schuld gewesen. Hätte er Paul die korrekten Befehle in seine künstliche Intelligenz einprogrammiert, hätte Paul sie vermutlich anders „umgesetzt“.
Doch so musste Paul zu dem Schluss kommen, dass der Mensch nicht fähig ist, im Frieden zu existieren. Somit produzierten seine Denkmuster eine für ihn logische Konsequenz – der Mensch musste von diesem Planeten verschwinden!

***


Beschwingt verließ Paul das Grab seines Schöpfers und pflegte auch die anderen Ruhestätten, so wie jeden Tag. Denn welch ein friedliches Bild war es doch. Niemand beschwerte sich, niemand kämpfte, niemand tötete mehr.
In Pauls Garten der Vergänglichkeit herrschte ewiger Frieden.

***


Vielleicht hätte Professor Foster seines und auch das Schicksal der Menschheit nicht in die Hände der Technik legen sollen. Und er hätte sich einer seiner liebsten Lehrsätze bedienen sollen, mit denen er stets seine Studenten gequält hatte. „Nur präzise Angaben führen zum gewünschten Ziel!“

19. Okt. 2007 - Stella M. Th. Sigl

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