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Die schönere Art des Kennen lernens von Stella M. Th. Sigl Illustration © Wolfgang Sigl
 © http://www.wolfgangsigl-grafiken.de/
Ein wunderschöner Tag, um eine Reise zu unternehmen, dachte Pia, als sie in den Fernzug stieg und sich einen Platz in einem der großzügig gebauten Wagen suchte. Sie freute sich auf ihren dreitägigen Aufenthalt in Köln.
Die junge rothaarige Frau war Studentin für mittelalterliche Geschichte und wollte für ihre Abschlussarbeit eine Abhandlung über die Hexenverfolgung in Köln verfassen. Vor Ort ließ sich dafür am Besten recherchieren. Außerdem lebte dort eine Freundin, die sie eingeladen hatte, die Tage bei ihr zu wohnen.
Pias Blick wanderte aus dem Fenster, als sich der ICE in Bewegung setzte und den Bahnhof von Hannover verließ.
Als die Landschaft zu schnell und verzerrt an ihren Augen vorbeizog, holte Pia ihr Notebook hervor. Wohlweislich hatte sie sich einen Sitzplatz mit integrierter Möglichkeit zur Benutzung des WLAN-Angebotes der Bahn gebucht. So konnte Pia kabellos mit ihrem tragbaren Computer ins Internet gelangen.
Ein Grinsen fuhr über ihr Gesicht.
Wieder war eine neue Email für sie eingetroffen, wie sie erfreut und nicht minder neugierig feststellte, nachdem sie sich in ihr Emailsystem eingeloggt hatte.
Hallo Manuela…
Das war natürlich ihre Internetbekanntschaft. Pia hatte sich oft überlegt, ob es wirklich Sinn machte, sich auf diesem unpersönlichen Weg einen Partner zu suchen. Wie konnte denn der anonyme Datenhighway einen persönlichen Kontakt überbieten? Man musste sein Gegenüber doch riechen können, wie Pia immer selbst sagte, wenn ihre Freundin wieder von deren Internetverabredungen erzählt hatte.
Na ja, dachte Pia, mal schauen, was der Gute heute schreibt.
Jack nannte er sich. Sie mochte diesen Namen, aber welcher deutschte Mann trug den schon? Vermutlich war es nur sein Nickname. Fast jeder im Internet benutzte einen solchen. Sie selbst eingeschlossen. So unterschrieb sie jede Email an Jack mit ihrem zweiten Vornamen Manuela.
Jack war ein angenehmer Mail-Gespächspartner und sie hatten bereits einige Gemeinsamkeiten entdeckt. Sie lasen beide mit Vorliebe Sachbücher über das Mittelalter, die manch andere für zu trocken hielten, sie liebten es, ins Kino zu gehen, sie kochten gerne – und sie beide hassten die heutige Einstellung der so genannten Spaßgesellschaft.
***
Pia fiel es jedoch schwer, ihre Sätze an Jack zu formulieren. Etwas in ihr sträubte sich partout gegen diese Art der Konversation. Trotz des augenscheinlich netten Kontaktes zu Jack war sie sich nicht sicher, wie ein reales Treffen verlaufen würde, und nur das konnte zeigen, ob die berühmte Chemie zwischen ihnen stimmte.
***
Während Pia überlegte, mit welchen Zeilen sie Jack noch etwas über sich berichten konnte, blickte sie kurz auf. Sie war als Erste in den ICE eingestiegen. Danach hatte sich der Zug recht gut gefüllt, aber einen Nachbarn hatte sie an ihrem begehrten Tischplatz bislang nicht gehabt.
Daher war sie um so überraschter, als sie aufsah.
Sie hatte nicht bemerkt, wie ein junger Mann, höchstens dreißig, ihr gegenüber Platz genommen hatte.
Pia merkte nicht, dass sie ihn anstarrte.
Mit überraschend tiefer Stimme unterbrach er plötzlich das Schweigen. "Habe ich mich bekleckert?" Übertrieben und mit einem gewissen Funkeln in den braunen Augen sah er an sich herunter und lächelte Pia verschmitzt an.
Die erwachte endlich aus ihrer Gedankenversunkenheit, lachte amüsiert und lief rot an. "Entschuldigen sie bitte… ich… ich war einfach in Gedanken." Sie verlor sich von einem auf den anderen Moment, in den Augen des Fremden. "Ich hatte nicht bemerkt, dass Sie sich zu mir gesetzt haben."
"Ich nahm an, hier sei noch frei."
"Oh, natürlich. Ich hab ja schließlich nur für einen Platz bezahlt.", mehr brachte Pia nicht hervor.
"Dann freut es mich umso mehr, diesen Platz erwischt zu haben", bemerkte der Fremde lächelnd und nickte ihr anerkennend zu.
Meine Güte, schoss es Pia durch den Kopf. Der Typ ist richtig nett und versucht sich auch noch an Komplimenten… da muss etwas faul sein.
"Sie reisen also mit elektronischem Gepäck?" meinte er und zeigte auf Pias Notebook, das schräg zwischen ihnen auf dem schmalen Tischchen stand.
So, dachte Pia, jetzt schlägt du einfach auch in seine Kerbe. "Ich konnte ja nicht ahnen, dass ich einem netten Gesprächspartner begegnen würde."
"Und, sind sie ihm begegnet?"
"Da ich ein menschliches Wesen jedem Computer vorziehe..." Sie ließ ihre mit sanfter Stimme gesprochene Antwort verklingen und klappte den Deckel ihres Notebooks zu. Dann blickte sie den Fremden lächelnd und herausfordernd an und erwartete die passende Antwort.
Doch die Technik machte ihr einen Strich durch die Rechnung, als plötzlich ein Mobiltelefon klingelte.
Einige Sekunden lang blickten sich die Beiden direkt in die Augen, bis der Fremde schließlich mit der linken Schulter zuckte und sein Handy aus der Jackentasche hervorholte.
"Hansen", meldete er sich und zwinkerte Pia kurz zu, bevor er seinen Blick abwandte.
Pia seufzte innerlich, widmete sich wieder ihrem Notebook und klappte es auf. Ihre Email wartete noch auf sie, der sie lediglich noch ein paar Worte über das sonnige Wetter beifügte und versendete sie.
Zur Tarnung ließ sie ihr Notebook dieses Mal offen, schielte aber immer wieder zu ihrem Gegenüber. Auf das Gespräch, das er führte, konzentrierte sich Pia weniger. Er hatte ein viel zu interessantes Gesicht. Zwar markant, war es dennoch nicht das eines Schönlings. Dafür war aber die Ausstrahlung des Mannes unbestreitbar männlich. Der leichte Bartansatz, unterstrich dies. Und dort, diese kleine Falte unterhalb seines linken Auges bewegte sich auffällig, wenn er lächelte. Pia entdeckte immer mehr Einzelheiten, während sie bemüht unauffällig zu ihm schielte.
Irgendwann beendete er das Gespräch und da er dachte, Pia arbeite an ihrem Notebook, behielt er das Handy in der Hand und tippte darauf. Offenbar schrieb er eine SMS. Als er nach einigen Minuten fertig war, steckte er das Handy wieder zurück in seine Jackentasche.
"Entschuldigung", begann er, als sie aufsah. "Ich musste wegen einer Familienangelegenheit spontan das Büro verlassen und habe wohl zu gut die Akten einsortiert", erklärte er und setzte mit vorgehaltener Hand hinzu, "jetzt findet sie niemand wieder."
Pia musste erneut lachen. "Also herrscht geordnetes Chaos? Ich bin sozusagen Spezialistin in solchen Dingen."
Der Fremde lächelte. "Das ist eine perfekte Beschreibung. Man findet sich halt nur in seiner eigenen Ordnung zurecht – oder soll ich sagen – Unordnung? Ach, ich versäumte es, mich vorzustellen: Peter Hansen!" Er reichte Pia die Hand.
"Pia Wunsch."
"Ach", meinte er mit einem Funkeln in den Augen, das Pia sofort bemerkte. Und noch etwas registrierte sie: er hielt noch immer ihre Hand fest. "Ich glaube, es ist ein blöder Scherz, aber habe ich jetzt einen Wunsch frei?" Als Pia nicht antwortete, fuhr er fort: "Kommen Sie, ich lade Sie in das Restaurant ein. Der Kaffee, den ich vorhin hatte, schmeckte zwar grauenvoll, aber der Tee soll hier eine wahre Köstlichkeit sein."
Pia wunderte sich, dass sie aufstand und ihm einfach folgte. Nein, eigentlich folgte er ihr, denn er gab den Gentleman und ließ ihr den Vortritt, was ihr zugegebenermaßen sehr imponierte. Und wieder schoss ihr der Gedanke durch den Kopf, dass an diesem Kerl etwas faul sein musste.
***
"Wohin fahren Sie?" fragte Pia und nippte an ihrer Tasse mit schwarzem Tee.
"nach Köln, meine Familie lebt dort."
"Das hört man Ihnen nicht an. Da klingt eher ein… mhh… helfen Sie mir auf die Sprünge…"
Peter lachte. "In mir steckt die Mischung aus einem waschechten Hamburger und einer Engländerin."
"Oh", brachte Pia hervor. "Aber Sie haben immer in Köln gelebt?"
"Ja. Aber der Köllsche Dialekt ist an mir vorbeigegangen. Aber nun verraten Sie mir, wohin Sie fahren!"
Pia grinste. "Ich will auch nach Köln. Also hätten wir theoretisch genug Zeit um…"
Peter unterbrach sie. "Um uns näher kennen zu lernen?" Eigentlich wollte Pia sagen, um auch einen Happen zu essen, aber dieses Satzende gefiel ihr erheblich besser.
Anstelle einer Antwort lächelte sie ihn an und nickte.
Sie unterhielten sich eine Weile und verstanden sich so prächtig, dass sie während all ihres Scherzens, Erzählens und Flirtens kaum bemerkten, dass sie bereits die halbe Strecke hinter sich gelassen hatten.
Lachend gingen sie zurück zu ihrem alten Platz zurück. Pia entschuldigte sich und überprüfte rasch ihre Emails. Irgendwie hatte sie ihrer Internetbekanntschaft gegenüber ein schlechtes Gewissen. Aber, auf der anderen Seite war die Zufallsbekanntschaft mit Peter Hansen ihr Beweis, dass ein realer Kontakt noch immer am Besten funktionierte.
Sie hatten sich sogar schon verabredet, sich am nächsten Abend in einem Restaurant zu treffen und nach einem gemütlich Essen die Kölner Altstadt zu erkunden.
Pia entschloss sich, ihre Intenetbekenntschaft zu beenden. Sie wollte sich kurz fassen, doch Jack hatte ihr bereits wieder geschrieben. Etwas schuldbewusst las sie die Email.
Er hatte ihr ebenfalls lediglich wenige Zeilen geschrieben. Pia war froh darüber, denn so hatte sie das Gefühl, dass auch seinerseits wenig Interesse bestand.
Also schrieb sie in kurzen Sätzen, dass sie den Kontakt beenden wolle, weil sie jemand kennen gelernt habe.
Erleichtert schloss sie nach Versenden der Nachricht das Notebook.
"Ich musste nur etwas erledigen." Pia blickte Peter Hansen ernst an. "Was hältst du eigentlich von Internetkontaktbörsen?" Als sie es ausgesprochen hatte, fragte sie sich bereits, warum sie ihm die Frage gestellt hatte.
Peter steckte sein Handy ein, auf das er eben geschaut hatte und meinte verdrießlich: "Man schreibt sich die Finger wund und dann war die ganze Mühe doch vergebens."
Einige Sekunden schwiegen sie, bis sich Peters Miene wieder aufhellte. Er beugte sich leicht vor und nahm ihre Hand. "Ich freue mich jedenfalls, dass ich dir begegnet bin." Er beugte sich weiter vor und küsste sie,
***
Etwa ein halbes Jahr war vergangen.
Peter und Pia hatten sich nicht mehr aus den Augen gelassen. Beide wussten, dass sie füreinander bestimmt waren und waren dankbar für die "schönere Art des Kennen lernens", wie sie es nannten. Weil es persönlicher und nicht von virtuellen Chatrooms abhängig gewesen war.
Nun war es Mai, die Sonne erstrahlte am Frühlingshimmel und sandte auch ihr warmes Licht in das Vorzimmer des Standesbeamten, in dem Peter und Pia standen, um ihr Aufgebot zu bestellen.
"Geben Sie mir bitte noch Ihre Personalausweise", bat die junge Frau, die sich um die Termine kümmerte.
Während sie die Daten in ihren Computer eintippte, las sie laut die Namen vor. "Pia Manuela Wunsch und Peter Jack Hansen. Sie nehmen den Namen ihre Mannes an?" fragte sie geschäftsmäßig. Doch die Brautleute reagierten nicht, sondern sah sich verunsichert an.
"Manuela?" fragte Peter.
"Jack?" füsterte Pia.
Beide nickte stumm, sahen sich eine Weile fassungslos an, lachten dann laut auf und fielen sich in die Arme.
21. Okt. 2007 - Stella M. Th. Sigl
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