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Kreise im Kornfeld
von Bernhard Weißbecker

Diese Kurzgeschichte ist Teil der Kolumne:

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A. Bionda
98 Beiträge / 27 Interviews / 31 Kurzgeschichten / 5 Artikel / 59 Galerie-Bilder vorhanden
Stefan Lechner Stefan Lechner
© http://www.fabylon-verlag.de
Langsam schwenkte Dirx den Kopf hin und her, um seine zwölfendrige UHF-Antenne besser auszurichten. Er schnaubte angewidert durch die haarigen Nüstern, als er daran dachte, dass die von Affen abstammenden Bewohner dieses primitiven Planeten seine Antennen schlichtweg als Geweih bezeichneten. Einfach lächerlich! Endlich gelang es ihm, den Sender klar zu empfangen.

»… krrrchz …fessor Honepiep vom Institut für Grenzwissenschaften erläuterte heute seine Theorie, wonach die immer häufiger zu beobachtenden Kornkreise auf brünstige Hirsche zurückzuführen seien. Er steht mit dieser Auffassung im Widerspruch zu Professor Blohmann, der die These vertritt, dass die Kornkreise Zeichen sind, mit denen Kontakt zu außerirdischen Lebensformen …«

Bedächtig schüttelte Dirx seinen mächtigen Kopf, wodurch der Empfang des Wissenschaftskanals abrupt unterbrochen wurde. Fetzen eines Musikprogramms drangen in die Wahrnehmung des Deerdaners – irgendetwas, das sich anhörte wie »Yeah, yeah, ooh baby, baby …«
Hastig beendete Dirx den Empfang. Die Menschen waren so unglaublich primitiv! Trotzdem würden sie sich nicht mehr lange täuschen lassen. Blohmann und Honepiep gönnten sich gegenseitig nicht die Butter auf dem Brot – doch was wäre, wenn sie sich eines Tages zusammenraufen würden, um ihre Theorien gemeinsam zu überdenken? Das wäre das Ende.
Dirx setzte seinen Weg durch den nächtlichen Wald fort. Die Morgendämmerung war nicht mehr fern, und ein kühler Wind rauschte in den Wipfeln der Baumpflanzen, die ihm fast wie die Bäume seiner eigenen Heimat erschienen. Die Erde war wirklich ein schöner Planet. Beiläufig ließ sich Dirx von dem Wellensalat berieseln, mit dem die eingeborenen Affenwesen den Äther durchsetzten. Kurz verfolgte er eine Science-Fiction-Serie, in der ein paar Menschen in ihrem Raumschiff von Sternensystem zu Sternensystem gondelten, wo sie überall auf menschenähnliche Wesen trafen. Wie kamen diese rückständigen Kreaturen nur dazu, sich für die Krone der Schöpfung zu halten? Dirx wusste es besser, denn die Krone der Schöpfung waren natürlich die Deerdaner. Fast jeder bewohnbare Planet der Galaxis hatte im Lauf seiner Entwicklung Hirschwesen hervorgebracht. Und im Gegensatz zu den Affenwesen waren die Bewohner von Deerda tatsächlich auch dazu fähig, von Planet zu Planet zu fliegen, um ihre fernen Verwandten zu besuchen. Deshalb war er hier, auf der Erde. Vier Erdenjahre hatte Dirx nun verdeckt auf diesem Planeten gelebt, um die Entwicklung der hiesigen Hirschwesen zu studieren. Sie waren körperlich hoch entwickelt – vor allem die Weibchen waren wirklich prächtig. Leider verbot es die Oberste Direktive der Deerdaner, mit diesen Artverwandten anzubandeln. Vier Jahre waren wirklich eine lange Zeit – insbesondere, wenn man mit niemandem reden konnte. Die hiesigen Hirschwesen waren geistig auf einer niedrigen Entwicklungsstufe zurückgeblieben und kommunizierten nur mit animalischen Lauten. Gewiss steckte in ihren Genen ein höheres Potenzial, doch die irdischen Affenwesen ließen es nicht zu, dass dieses sich entfalten konnte. Ein Umstand, der dringend korrigiert werden musste.
Dirx stoppte abrupt, als seine empfindlichen Ohren ein Geräusch vernahmen. Schritte! Leise verbarg er sich hinter einem Busch und äugte zu dem nahen Waldweg herüber. Tatsächlich – es war ein Jäger. Ein Angehöriger jener geheimen Bruderschaft, die nun schon seit hunderten von Erdenjahren ihren Kampf gegen die Hirschwesen führten. Lautlos verharrte Dirx im Gesträuch und beobachtete das Affenwesen. Einen Moment überlegte er, aus seinem Versteck hervorzubrechen, um Rache an dem Jäger zu üben – Rache für die vielen Opfer, die nun schon durch die Grüne Bruderschaft ums Leben gekommen waren. Doch Dirx beherrschte sich, denn sein Auftrag hatte Vorrang.
Heute Nacht war es soweit – ein Raumschiff der Deerdaner würde sich diesem Planeten nähern, um den jährlichen Statusbericht entgegenzunehmen. Schon jetzt musste es in der Reichweite seines UHF-Senders sein, doch Dirx wusste, dass ihm der Gebrauch des Transmitters verboten war. Die Menschen hatten viele Fortschritte gemacht im letzten Jahrhundert, und eine Funkübertragung würde ihnen nun nicht mehr entgehen. Doch zum Glück gab es die geheimen Zeichen, die von den Menschen immer noch nicht entschlüsselt worden waren.
Die Nachricht, die Dirx heute übermitteln würde, war von großer Wichtigkeit. In den letzten vier Jahren hatte sich sein Entschluss gefestigt: Die Affenwesen dieser Welt mussten vernichtet werden. Diesen Rat würde er dem Obersten Deerdax erteilen.
Dirx lauschte, wie sich die Schritte des Jägers langsam entfernten. Es war soweit! Der Deerdaner durchbrach das Gestrüpp des Waldrandes und trat ins Freie hinaus, wo sich ein großes Weizenfeld im Licht der Morgendämmerung ausbreitete.
Vorsichtig bewegte sich Dirx durch das Getreide, um möglichst wenige Halme zu beschädigen. Als er weit genug vom Rand des Feldes entfernt war, begann er das erste Symbol: Ein weiter Kreis, genau zwölf deerdanische Suuls im Durchmesser. Es war nur eine Höflichkeitsfloskel und bedeutete so viel wie: »Ich senke meine Antennen in Ehrfurcht vor dem Obersten Deerdax.«
Es erforderte mehrere Umläufe, bis das Symbol in der gebührenden Deutlichkeit zu erkennen war. An den Kreis schloss sich tangential ein kleinerer Halbkreis an, was man übersetzen könnte mit: »Mögen deine Antennen niemals kürzer werden.« Die Deerdaner waren eine sehr förmliche Rasse.
Sofort begann Dirx mit der zweiten Figur. Zwei Kreise, vier und sieben Suuls im Durchmesser in einem Abstand von acht Suuls zueinander. Nun fehlte nur noch eine Verbindungsgerade zwischen den Kreisen.
Als Dirx gerade auf dem Weg war, fühlte er, dass er beobachtet wurde. Misstrauisch blieb er stehen, und seine scharfen Augen suchten den Waldrand ab. Erleichtert atmete Dirx auf, als er erkannte, dass es nicht der Jäger war. Eine prächtige Hirschkuh stand halb im Gesträuch verborgen und sah ihm erwartungsvoll entgegen. Dirx seufzte und setzte seinen Weg fort. Eine derartige Störung passte nicht in seinen Zeitplan. Zum Glück war Disziplin eine der höchsten Tugenden seines Volkes. Trotzdem durchpulsten Hormone seinen Körper, und er drehte sich sehnsüchtig zu dem verlockenden Weib um. Prompt geriet er dadurch aus dem Schritt, und die Linie, die den Kreis mittig treffen sollte, streifte ihn nun tangential. Dirx knirschte mit den Zähnen. Die verschobene Linie änderte den Sinn des Zeichens vollständig.
Dirx stieß ein ärgerliches Schnauben aus, das die Hirschkuh offensichtlich missverstand. Lüstern kam sie auf ihn zu und gab lockende Laute von sich. Sie drohte, auch das erste Zeichen zu ruinieren, und Dirx eilte ihr entgegen, um sie zu vertreiben. Spielerisch wich die Hirschkuh seinem Ansturm aus und lief leise grunzend vor ihm her. Eine Weile verfolgte Dirx das dämliche Geschöpf, doch bald wurde ihm klar, was gerade geschah. Die Hirschkuh war im Kreis gelaufen, und mit vereinten Kräften hatten sie einen weiteren Kreis in das Feld getrampelt. Konsterniert blieb Dirx stehen und betrachtete misstrauisch seine lüsterne Widersacherin. Noch fünfzehn Zoreks, bis das Raumschiff die Nachricht erwartete. Auch die Hirschkuh blieb stehen und sah ihn erwartungsvoll an. Langsam kam sie auf ihn zu, und ihr herber Duft drang in Dirx’ Nüstern. Wieder erwachten seine Hormone zum Leben. Es gab offenbar nur eine Möglichkeit, die aufdringliche Hirschkuh loszuwerden – auch wenn sie der Obersten Direktive widersprach. Solange man ein Präservativ benutzte, wurden kleine Übergriffe geduldet. Dirx machte sich ans Werk, und für einige Zoreks tönte lustvolles Grunzen über die Felder. Als die Angelegenheit zu beiderseitiger Zufriedenheit geregelt war, verabschiedete sich Dirx hastig von seiner Verehrerin. Zum Glück ließ sie sich ohne größere Szene abwimmeln, ganz anders als die weiblichen Hirschwesen zu Hause auf Deerda. Einen gewissen Vorteil schien die beschränkte Intelligenz der irdischen Artverwandten doch zu haben.
Mit ein klein wenig Wehmut schaute Dirx zu, wie das entzückende Hinterteil der Hirschkuh in den Schatten des Waldes verschwand. Noch einmal atmete Dirx tief durch, dann wandte er sich wieder seiner Aufgabe zu. Tiefer Schrecken erfasste ihn, als er sah, welche Spuren der wilde Paarungstanz in dem Feld hinterlassen hatte. Nur vage konnte er erahnen, welche Bedeutung die Zeichen aus dem Weltall gesehen haben würden. Nur noch fünf Zareks. Dirx musste handeln, die irrige Botschaft korrigieren, irgendwie. Wild trampelte er durch das Feld, doch schon merkte er, dass die Zeit zu knapp geworden war. Es gab nur noch eine Möglichkeit – seine Antennen. Er hatte bereits die Oberste Direktive gebrochen, auf einen Verstoß mehr kam es auch nicht an. Sollten die Affenwesen seine Transmission ruhig orten – wenn es nach ihm ginge, würden sie sowieso baldmöglichst vernichtet werden.
Dirx blieb stehen, um seine Antennen auf das Raumschiff auszurichten, das sich nun im Tarnflug der Erde näherte. In dem Moment, als er die Übertragung beginnen wollte, nahm er das Schimmern der Morgensonne auf einem metallischen Gegenstand wahr. Instinktiv wich der Deerdaner zur Seite, kurz bevor der Schuss ertönte. Ein harter Schlag erschütterte seinen Kopf, als das Projektil seine Antenne streifte, und Dirx stürzte benommen zu Boden. Eine Weile war er nicht fähig, seine Umgebung wahrzunehmen, doch als er wieder zu sich kam, hörte er, wie die Schritte des Jägers sich ihm näherten. In seinem Kopf drehte sich alles, und er hörte eine Stimme, die »Uuh, uuh, baby, yeah, yeah …« plärrte.
Er versuchte, seinen Empfänger neu zu tunen, aber irgendetwas klemmte. Der Schuss musste seine Antenne beschädigt haben. Doch es war keine Zeit, darüber nachzudenken. Der Jäger näherte sich mit seiner Flinte im Anschlag, um ihm den Fangschuss zu geben. Dirx stellte sich tot, bis der Jäger so nahe heran war, dass es zu spät für ihn war. Dann sprang der Deerdaner auf, und mit einem raschen Stoß seiner Antenne entwaffnete er das erschrockene Affenwesen. Sofort nahm der Jäger Reißaus, doch Dirx setzte hinterher, erfüllt von dem Wunsch nach grausamer Rache. Das Affenwesen floh den Hang eines Hügels hinauf, und Dirx setzte hinterher, immer noch ein wenig benommen von dem Schuss, der seinen Kopf erschüttert hatte. Als sie den höchsten Punkt des flachen Hügels erreicht hatten, fiel Dirx’ Blick auf das Weizenfeld hinunter, wo sich eben noch die dramatischen Szenen abgespielt hatten. Schockiert blieb er stehen. Die Zeichen, die durch die seltsame Begegnung mit der Hirschkuh verfälscht worden waren, leuchteten weithin sichtbar im Morgenlicht.
Fassungslos las Dirx die Worte.

Die Menschen zerwuseln den Antennenflaum (1) ,
die Deerda-Herpes (2) schüttelt den Gurga-Baum (3) .

Dirx stöhnte – die Nachricht ergab keinen Sinn, aber es gehörte sich nicht, gegenüber dem Obersten Deerdax in Reimen zu schreiben. Und die Erwähnung der Deerda-Herpes konnte nur eine Konsequenz haben: Der Oberste Deerdax würde eine Sperrzone um den Planeten legen, für die nächsten zwanzig Jahre.
Verzweifelt blickte Dirx zum Himmel empor und versuchte, seine Antenne auf die Frequenz des Schiffs einzustellen, doch in seinem Geist hörte er nur so etwas wie »Uuuh Baby, Baby, yeeiah …«.
Er hatte versagt, auf der ganzen Linie. Und nun war er dazu verdammt, für die nächsten zwanzig Jahre auf diesem idiotischen Planeten zu verharren.
Als Dirx den Blick wieder senkte, stand vor ihm ein Rudel von Hirschkühen, die ihn erwartungsvoll anglotzten. Dirx seufzte. Scheiß auf die Oberste Direktive, dachte er sich. Irgendwie musste er sich ja ablenken während der nächsten zwanzig Jahre. Und wenn die Präservative ausgingen – was soll’s. Wenn seine Nachkommen wenigstens die Hälfte seiner Intelligenz erbten, dann würde er zumindest jemanden haben, mit dem er reden konnte.

Anm:
(1) Antennenflaum: feiner Haarkranz um die Antennen der Deerdaner
(2) Deerda-Herpes: der Leser möge sich seinen Teil dazu denken
(3) Gurga-Baum: Nur auf Deerda heimischer Laubbaum. Wenn er geschüttelt wird, gibt er Töne von sich, die sich wie »Gurga! Gurga!« anhören.

28. Sep. 2008 - Bernhard Weißbecker

Bereits veröffentlicht in:

DARWINS SCHILDKRÖTE
T. Bader u.a. (Hrsg.)
Anthologie - Kurzgeschichten - Fabylon - Okt. 2008

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