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Startseite > Kurzgeschichten > Nicolaus Equiamicus > Düstere Phantastik > Die schwarze Kerze

Die schwarze Kerze
von Nicolaus Equiamicus

Crossvalley Smith Crossvalley Smith
© http://www.crossvalley-design.de
Der Saal des trierischen Diözesangerichts war völlig überfüllt. Männer, Frauen und Kinder, sie alle harrten mit größter Aufmerksamkeit auf den Spruch des ehrenwerten Richters Franz Georg Sponheimer, der sich nach der Abschlussrede des fürstbischöflichen Anklägers in Malefizange-legenheiten Karl Christian Winninger erhob, um das Urteil über Johann Roth, Viehhirten und Anführer eines der unheilvollsten Hexenzirkel im Bistum, zu verkünden. Absolute Stille herrschte im Raum, als Sponheimer laut zu verlesen begann:

„Johann Roth, wir, das hochlöblich-bischöfliche Gericht, erkennen durch Eure eigene Erzählung und die durch mehrfachen Eid von Euch geschehene Bekenntnis, als auch nach Aussage der Zeugen, und ferner aus Reden, Werken, und Beweisen:
Dass Ihr samt und sonders Gott, dem Schöpfer der Welt und allen Lebens abgeschworen, und stattdessen den verdammten Teufel, den Erbfeind des menschlichen Geschlechts geehrt und für Euren Gott angenommen habt. Dass Ihr vor dem Teufel, der in menschlicher Gestalt vor Euch erschienen ist, der christlichen Taufe absagtet, worauf Ihr vom diesem nochmals und in seinem Namen eine neuerliche Taufe empfangen habt.
Dass Ihr vom Widersacher nächtens durch die Luft zur verfluchten Versammlung der Hexen und Zauberer geführt worden seid.
Dass Ihr dort das heilige Zeichen des Kreuzes unseres Herrn und Heilands Jesus Christus bespuckt und mit Füßen getreten habt.
Dass Ihr vor dem Teufel, der Euch dort in Bocksgestalt erschien, niedergeworfen und ihn an Gottes Statt angebetet habt.
Dass Ihr ihm, zu Eurer noch größeren Schande, aus Verehrung den Hintersten geküsst habt.
Dass Ihr von ihm das Zaubern gelernt, und als er Euch über andere Hexen und Zauberer, als deren Hauptmann gesetzt hat, diese gleichfalls das abscheuliche Laster der Zauberei gelehrt habt.
Dass Ihr Zauberpulver vom Teufel empfangen und diese auch selbst zugerichtet habt, um Menschen, Vieh und Früchte zu verderben.
Dass Ihr auf den Sabbaten eigenhändig, um dem verfluchten Teufel zu opfern, Kinder getötet, diese hernach zu einer Masse gekocht habt, um Zaubermittel daraus zu gewinnen, auch diese zu einer widernatürlichen und verwerflichen Mahlzeit für euch und eure Spießgesellen hergerichtet habt.
Dass Ihr mehrfach über viele Jahre hinweg mit einem Buhlteufel grässliche Unzucht getrieben habt, etc.
Aus diesen und noch viel weiteren Ursachen werdet Ihr, Johann Roth, als ein abscheulicher Verbrecher, Verleumder, Mörder, Schänder, Ketzer, Verdammter, Zauberer, und vom reinen christlichen Glauben Abgefallener hiermit vom Leben zum Tode hin verurteilt, der euch durch das allezeit reinigende Feuer zuteil werden soll!“

Johann Roth, der Zauberer, legte hierzu nur ein bösartiges Lächeln auf und spuckte zum Richterstuhl hin. Nur unter größter Mühe gelang es den Gerichtsdienern, das Volk von dem zum Tode Verurteilten abzuhalten; sie hätten ihn sonst an Ort und Stelle in Stücke zerrissen.

*

Karl Christian Winninger rieb sich im Morgengrauen die Augen und setzte sich mit einem Ruck auf die Bettkante.
„Musst du heute so früh schon aus, Karl?“ Winningers Ehefrau Agnes hatte die Bewegung ihres Mannes, der gestern wegen des Prozesses sehr spät nach Hause kam, bemerkt.
„Ja, leider,“ seufzte dieser, „der Hexenmeister Roth wird noch heute Mittag verbrannt. Ich muss mich beeilen, wenn ich noch rechtzeitig zum Gericht kommen will. Franz Sponheimer erwartet mich dort, und auch seine Eminenz, der Weihbischof Peter Binsfeld, wird anwesend sein. Ach, Agnes, dieser Roth ist der Schlimmste, den ich bis jetzt zu fassen bekommen habe. Hätte die Hexe Bernharda, die vor drei Wochen verbrannt worden ist, während ihres letzten Verhörs nicht geplaudert, würde er immer noch frei herumlaufen. Und während seines Prozesses zeigte er keinerlei Anzeichen von Reue, er schien jegliche Autorität zu verhöhnen, – gelacht hat er, stell dir vor, nach der Urteilsverkündung hat er gelacht! Doch damit ist es nun aus, jetzt wird er gerichtet werden.“ Winninger blieb auf der Bettkante sitzen. In Gedanken durchlebte er den Roth’schen Prozess noch einmal: Seine Gefangennahme, die entsetzlichen Dinge, die in seinem Versteck gefunden wurden, die Überbleibsel von Leichen und zerschnittenen Kinderleibern. Ihn schauderte bei der Erinnerung.
„Karl, bleib dort nicht zu lang. Ich brauche dich heute noch hier.“ Die Stimme seiner Frau holte Winninger aus seinen Gedanken zurück. Er schlüpfte in seine Kleider und ging die Treppe zur Küche hinunter. Stumm aß er ein wenig Brot mit Käse.
Kühl war es, als er das Haus verließ, und grabesstill. Als er sich dem Stadtzentrum näherte, mischte sich verhaltenes Vogelgezwitscher unter die Geräusche der erwachenden Bevölkerung. Träge floss die Mosel an den Mauern der Bischofsmetropole vorüber. Je näher ihn sein Weg zum Gericht führte, umso mehr Volk belebte die Gassen. Niemand mochte die Hinrichtung des Ungeheuers versäumen. Als er hinter der letzten Häuserzeile das Gerichtsgebäude vor sich auftauchen sah, musste er sich bereits energisch durch die Trauben der Neugierigen drängen, um den Eingang zu erreichen. Die Wächter davor hatten alle Hände voll zu tun, damit die herandrängende Masse das Tor, aus welchem der Armesünder-Zug bald herauskommen würde, nicht versperrte. Am Eingang wurde Winninger angesprochen. „Doktor Winninger, Ihr werdet bereits erwartet“, begrüßte ihn ein bereits in die Jahre gekommener Wachtposten mit grauem Bart, „die Schöffen, der ehrenwerte Herr Richter und Seine Eminenz, der Weihbischof sind schon da.“ Er beugte sich zu Winninger hin. „Hört Ihr, wie der Roth flucht? Er wird gerade am Wagen festgezurrt. Man kann seine Gotteslästerungen bis hierher hören.“ Der alte Mann hatte recht. Trotz des Lärmes, den die Menge veranstaltete, war durch das geschlossene Tor deutlich die Stimme des Verurteilten zu hören, wie er unablässig Drohworte schrie. Der Posten schloss eine kleine Tür innerhalb des großen Eingangsportals auf und Winninger schob sich in den Hof hinein. Dort herrschte ein geschäftiges Treiben: Geistliche und Stadtwachen trafen die letzten Vorbereitungen für den Abmarsch des Zuges zum Richtplatz. Der Scharfrichter Andreas Jung befand sich mit seinen beiden Söhnen und einem Gesellen bei dem Schinderkarren auf welchem, angebunden, der unablässig fluchende Johannes Roth saß. Als dieser Winninger erblickte, verstummte er und sah ihn finster an. Ein boshaftes Lächeln verzog seinen Mund. Winninger merkte davon nichts, denn im Winkel des Hofes erspähte er Richter Sponheimer, die Schöffen und seine Eminenz, den Weihbischof Peter Binsfeld, die sich angeregt unterhielten. Er wollte eilig an dem Schinderkarren vorbeischreiten, als er von oben eine ihm nur zu gut bekannte Stimme vernahm: „Doktor Winninger, seht her zu mir“, klang es dünn und schneidend, und er zwang sich, nach oben zu blicken. „Doktor Winninger“, setzte Johannes Roth nochmals an, „ich habe Euch noch etwas zu sagen!“
Der Doktor sah ihm fest in die Augen. „Was habt ihr mir zu sagen, Johannes? Wollt Ihr mich nun auch beschimpfen, wie Ihr es mit allen anderen getan habt, die sich auf diesem Platz befinden?“ Der Verurteilte grinste. „Das nicht, Doktor, im Gegenteil. Ich möchte Euch ein Erbe anvertrauen!“ Seine Stimme senkte sich, bis sie zu einem leisen Zischen wurde. „Meinen Fluch schenke ich Euch! Keine glückliche Stunde sollt Ihr fortan mehr haben. Dafür, dass Ihr mich gefangen habt, wird der dunkle Fürst Euch Euren Lohn geben. Ihr werdet schon sehen!“
Weiter kam er nicht.
Der Scharfrichter, Meister Jung, versetzte ihm mit seiner Bärenpranke einen Hieb, dass dem Zauberer Blut aus Mund und Nase schoss. Er wandte sich an Winninger, „Bitte entschuldigt, Doktor, ich habe nicht gleich bemerkt, dass er Euch belästigte“, und wandte sich wieder dem Verurteilten zu, den er in die andere Ecke des Wagens stieß und ihn dort festband.
Winninger entfernte sich angewidert von dem Karren und entschuldigte sich bei den Gerichtspersonen und dem Weihbischof für sein verzögertes Erscheinen. Bald darauf setzte sich der Zug in Bewegung. Das große Portal des Gerichts öffnete sich, und Johannes Roth wurde unter geistlichen Gesängen hin zur Richtstatt geführt. Er bereute nicht, sprach auch kein weiteres Wort mehr. Auch als die Flammen seinen Leib verzehrten, gab er keinen Laut von sich.

*

Seine Zauberbücher und sonstigen Mittel wurden mit ihm dem Feuer übergeben, auf dass nichts mehr von ihm in dieser Welt zurückbliebe. Als die Söhne Meister Jungs diese Arbeit verrichteten, kam Winninger mit dem Oberrichter Franz Georg Sponheimer daran vorbei. „Elias!“ Der älteste Sohn des Scharfrichters, der genau so kräftig gebaut war wie sein Vater, blickte auf. „Ja, Doktor Winninger?“
„Wirf bitte nicht alles ins Feuer. Ich möchte mir noch etwas für meine Sammlung mitnehmen.“
„Ihr solltet diesen Dingen nicht zu viel Beachtung schenken, Doktor.“, bemerkte der Richter in missfälligen Ton. „Ich kann nicht verstehen, weshalb Ihr eine so ausgefallene Anhäufung von dämonischen Kuriositäten in Eurem Hause beherbergen wollt. Ihr solltet Euch vorsehen!“
„Ich bitte um Entschuldigung, Sponheimer“, gab Winninger freundlich zurück, „doch, wie Ihr sicher wisst, habe ich die ausdrückliche Erlaubnis hierfür. Außerdem erachte ich es von größter Wichtigkeit, das Handwerkszeug der Zauberer als Lehrstücke für die Studenten beider Rechte zu bewahren.“ Er griff sich eine kleine schwarze Kerze, die er in seine Manteltasche steckte und ließ den Richter stehen. Der schüttelte nur verständnislos den Kopf und ging zur Tribüne zurück, wo der Weihbischof jetzt zusammen mit den Schöffen zu Mittag aß.

*

Karl Christian Winninger hingegen lenkte seine Schritte erheblich leichter als am Morgen nach seinem Hause zu. Auch freute er sich über den kleinen Schatz, den er vergnügt in seiner Tasche befühlte. Er wusste, dass es sich dabei um eine sogenannte Diebskerze handelte, ein ganz besonderes Zaubermittel, für das manche Menschen bereit wären, erhebliche Summen zu zahlen, wenn es ihnen nur möglich wäre, dergleichen zu bekommen. Wenn diese Kerze brennt, so heißt es, könne man unbemerkt in das Haus eines jeden Beliebigen steigen um ihn zu berauben. Niemand könne den Dieb dann bemerken. Menschen in diesem Hause erwachten nicht aus dem Schlaf und diejenigen die wachten, können den Dieb nicht sehen, da er für sie unsichtbar sei. Winninger glaubte nicht so recht an die Eigenschaften eines solchen Zauberstücks, da er schon etliche Diebe zur Verurteilung gebracht hatte, die gleichfalls im Besitz einer solchen Kerze waren, was aber die Hausbewohner mitnichten davon abhielt, zu erwachen und die Räuber auf frischer Tat zu ertappen. Bis jetzt wurden jedoch alle diese Kerzen, bevor er sie zu Gesicht bekam verbrannt. Bis auf diese jetzt ...

Szenentrenner


Die Worte des Zauberers hatte Winninger schon vergessen, als er an seinem Hause anlangte. Dort aß er hastig zu Abend und wich den neugierigen Fragen seiner Frau aus. Da er noch das Protokoll der Hinrichtung sowie einen abschließenden Bericht über den letzten Verhandlungstag im Prozess gegen Johannes Roth verfertigen musste, zog er sich mit einer gemurmelten Entschuldigung mit seiner Errungenschaft und einem dicken Paket voller Akten nach oben in seine Schreibstube zurück.
Der Abend wich tiefschwarzer Nacht. Winninger schmerzte die Hand bereits erheblich, als er bemerkte, dass sein letztes Licht zu einem kleinen Stummel heruntergebrannt war. Er hatte fest zugesagt, die Berichte gleich am nächsten Tage abzuliefern. Nachdenklich befühlte er die Kerze, die er von der Richstätte mitgenommen hatte und betrachtete sie sich etwas genauer. Dann zündete er sie vorsichtig an dem immer schwächer leuchtenden Stumpen an; und fast hätte er sie dabei wieder aus seinen Händen fallen lassen. Was er sah, war kein gewöhnliches Kerzenlicht; diese Kerze brannte mit einer leuchtend blauen Flamme! Dergleichen hatte Winninger niemals zuvor gesehen. Er drückte das Licht auf den jetzt verlöschenden Rest seiner verbrauchten Kerze, so dass es fest stand und betrachtete es genauer. Er wusste nicht genau, wie eine solche Kerze hergestellt wurde. In den Aussagen der verurteilten Hexen und Zauberer gab es erhebliche Widersprüche darüber und bisher hatte er nicht einmal im Traum an eine tatsächliche Wirkung einer solchen Kerze gedacht. Doch dieses Licht war in der Tat seltsam. Er blickte die Kerze eine Zeitlang an, ob sie sich etwa veränderte, doch nichts geschah; sie behielt ihr stetig blaues leuchtendes Licht bei. Doch halt. Er besann sich, dass er die Kerze bereits seit mindestens einer halben Stunde beobachtete und doch schien sie nicht kleiner zu werden. Ihr Wachs verflüssigte sich zwar, wie dies auch bei einer gewöhnlichen Kerze der Fall war, doch verbrauchte es sich scheinbar nicht. In diesem Moment öffnete sich plötzlich die Tür hinter Winninger. Seine Frau stand im Rahmen und blickte in den Raum. Er war zuerst erschrocken, dann jedoch stellte er fest, dass sie ihn nicht zu bemerken schien. Sie ließ ihre Augen durch den Raum gleiten, schüttelte verwundert den Kopf und schloss die Tür wieder hinter sich. Dann hörte Winninger, wie sie die Treppe wieder hinunterging. Sie schien weder ihn noch die Kerze gesehen zu haben, obwohl er direkt vor ihr auf seinem Stuhl saß. Winninger zitterte vor Aufregung. Gleich morgen muss ich das beim Gericht bekannt machen, war sein erster Gedanke. Doch dann hielt er inne. Obwohl, sein Geist arbeitete fieberhaft, Sponheimer würde die Kerze sofort verbrennen lassen. Und ich kann sie unmöglich zu den Vorlesungen an der Universität benützen. Soll ich sie selbst verbrennen? Das Klügste wird wohl sein, wenn ich sie erst einmal gut verschließe.
Mit diesen Gedanken schrieb Winninger fahrig seine Berichte zu Ende, blies seinen neugewonnenen Schatz aus, verbarg ihn in seinem Hemd und tastete sich im Dunkeln in sein Bett.
„Karl, wo kommst du her?“ Seine Frau war noch wach, und er hörte die Überraschung in ihrer Stimme. „Ich war doch eben erst in deiner Schreibstube und habe dich nicht gesehen. Und nun kommst du von oben herunter, wie kann das sein?“
Winninger fühlte sich ertappt, wollte seiner Frau aber das Geheimnis nicht preisgeben. „Ich war oben auf dem Dachboden und habe nach einigen Akten gesucht, die ich vor einiger Zeit dorthin gebracht habe“, log er und war froh, dass es im Zimmer sehr düster war. Agnes ließ es dabei bewenden. Er hatte recht, sie war schon sehr schläfrig gewesen, als sie oben nach ihm sehen wollte. Sie drehte sich zur Seite und schlief bald ein. Ihr Mann lag noch lange wach, während ihm das Herz vor Aufregung hart gegen die Brust schlug.

*

Der Morgen ließ sich dann auch viel zu früh nach der kurzen Nachtruhe verspüren. Winninger hieß Agnes aus dem Zimmer gehen, indem er noch Müdigkeit vortäuschte. Sobald jedoch die Tür in die Angel gefallen war, sprang er aus dem Bett und kramte hastig die kleine schwarze Kerze unter seinem Kissen hervor. Er betrachtete sie wieder eingehend: Nichts unterschied sie von einer gewöhnlichen Kerze, außer vielleicht ihre etwas unüblichen Färbung. Er stieg auf einen Schemel und versteckte sein kostbares Kleinod hinter einem Wäschestapel in der hintersten Ecke des großen Kleiderschrankes, dahin, wo Agnes und sei es nur durch Zufall, kaum hinlangen und sie entdecken könnte. Nachdem er das getan hatte, kleidete er sich rasch an und ging mit seinen in der vorigen Nacht verfertigten Berichten hinunter. Er überflog sie nochmals kurz, und nachdem er sich von seiner Frau verabschiedet hatte, schlug er den geraden Weg zum bischöflichen Palast ein, um Seiner Eminenz die georderten Papiere zu überreichen. Er passierte den zu linker Hand reizvoll angelegten Lustgarten des fürstlichen Palais, wo man ihm als oft gesehenen Gast bereitwillig Zutritt gewährte. Im Eingangsbereich traf er auf Peter Binsfeld, der sich angeregt mit dem Fürstbischof Johann VII. unterhielt. Winninger erwies den beiden hohen Persönlichkeiten durch eine tiefe Verbeugung seine Reverenz. Binsfeld winkte ihn mit einer Handbewegung zu sich heran. Der Doktor verbeugte sich nochmals und mit wenigen Worten überreichte er dem Weihbischof das Aktenstück.
„Ich werde mich nun zurückziehen, lieber Binsfeld.“ Johann VII. ließ die beiden Männer alleine. „Bald muss der Gesandte des lothringischen Herzogs eintreffen. Ich überlasse den ehrenwerten Herren das weitere Vorgehen in dieser unangenehmen Angelegenheit.“ Ohne sich weiter um sie kümmern, begab sich der Fürstbischof in den Empfangssaal seiner Residenz.
Winninger blickte fragend zum Weihbischof hinüber: „Welche unangenehme Angelegenheit, wenn die Frage gestattet ist, meint Seine fürstliche Gnaden, Eminenz?“
Der Weihbischof holte tief Luft. Beinahe resigniert begann er zu sprechen: „Nun, Herr Doktor Winninger, ich fürchte, dass mit der Hinrichtung dieses Hirten der teuflischen Umtriebe in der Wittlicher Gegend noch nicht genügend gesteuert wurde. Ein Eilbote brachte heute noch vor Sonnenaufgang diese Meldung.“ Er gab Winninger ein gefaltetes Blatt Papier. In diesem stand, dass in der vergangen Nacht im Dorf Salmtal drei Dutzend Stück Vieh vergiftet worden waren, und was noch schlimmer war, zwei tote Kinder zu beklagen sind, die sterbend in ihren Wiegen aufgefunden wurden. Dazu lag auf dem Dorfplatz der abgeschnittene Kopf eines Ziegenbocks, der untrügliche Beweis dafür, wer der Verursacher des ganzen Unglücks war. Winningers Gesicht verlor seine Farbe. Hatte er nicht alle von dieser heillosen Gesellschaft gefangen? Konnte es noch welche geben? Mit der Hinrichtung Roths hätte der Spuk ein für allemal in jener Gegend ausgemerzt sein sollen; offensichtlich war dem jedoch nicht so.“
„Euer Eminenz können versichert sein, dass ich mich umgehend darum kümmern werde!“ Binsfeld nickte ihm ernst zu. „Ihr habt Vollmacht zu tun, was Euch als nötig erscheint.“ Der Weihbischof reichte Winninger das Dokument. „Aber, Doktor!“, seine Stimme wurde schärfer, „Ich verlange ebenso von Euch, dass in dieser Angelegenheit gründlich, ich betone es nachdrücklich, gründlich verfahren wird.“
Winninger verstand. Er verbeugte sich zum Abschied und ging nach seinem Haus zurück, um seine Frau von seiner baldigen Abreise zu unterrichten. Er packte eben seine Sachen zusammen, als an der Tür bereits Claudius Gerber, sein langjähriger Freund und gleichfalls Anwalt am bischöflichen Gericht zu Trier, anklopfte. Mit ihm zusammen hatte er bereits etlichen Zauberern, Hexen und Verbrechern das Handwerk gelegt. Der Doktor erinnerte sich noch seiner schwarzen Kerze, die er im Schrank versteckt hatte; vielleicht konnte sie ihm ja nützlich sein. Er steckte sie wieder in die Manteltasche, nahm sein Gepäck auf die Schulter und verabschiedete sich. Gerber führte ein geschmeidiges Pferd am Zügel, die er Winninger reichte. Mit ihm standen noch etliche Schreiber und Soldaten der bischöflichen Miliz, alle zu Pferde, auf der Gasse vor seinem Haus. So machten sich an die dreißig Männer auf den Weg nach Salmtal. Der Atem stand ihnen weiß vor den Köpfen. In der Nacht hatte es gefroren, der Frost überfiel das Land früh in diesem Jahr. Winninger schlang seinen Mantel enger um sich. Die Hufe der Pferde verursachten einen tosenden Lärm auf dem Pflaster der engen Strassen, so dass alle froh waren, als sie die alte Römerbrücke über die Mosel hinter sich gelassen und das freie Land mit hohen geschwungen Hügelkuppen und den endlos dichten Wäldern erreicht hatten. Nun gab es keine steingepflasterten Wege mehr. In den Wäldern schlängelten sich unergründliche Pfade, gerade breit genug, dass die kleinen zweirädrigen Ochsenkarren der Bauern darauf Platz fanden. Es hatte schon seit längerer Zeit nicht geregnet und das war auch gut so, verwandelten sich diese Wege doch dann in fast unpassierbare Sümpfe, die nur noch unter größten Strapazen zu benutzen waren. Dennoch musste man ihnen folgen, denn der dichte Wald, der sich ringsum mit seinen gewaltigen uralten Bäumen erhob, ließ ein Durchkommen nur auf diesen dünnen Adern zu. Doch trotz des schönen Wetters erwies sich der Weg als beschwerlich genug. Nach einer holperigen Tagesreise und mit schmerzenden Gliedern erreichte die Reisegesellschaft noch rechtzeitig vor dem Einbruch der Nacht das Dorf Salmtal.
Nach einem erholsamen Schlaf im Hause freundlicher Bauern stellten sich bereits frühmorgens die Eltern der gestorbenen Kinder ein, um zu berichten, was in jener Nacht vorgefallen war.
Winninger und Gerber kannten solche Berichte nur zu gut. Viel zu oft hatten sie sich schon anhören müssen, wie die Eltern jener unglücklichen Kinder des Nachts von deren Geschrei erwachten und gerade noch sahen, wie sich ein Schatten von ihren Bettchen löste, der flugs verschwand, eine Schlange daraus unter die Bodendielen glitt und nicht mehr gefunden wurde, und dergleichen mehr. Das Resultat war jedoch immer gleich: Die Kinder hatten ihr Leben verloren. Auch die Bauern, denen das Vieh gestorben war, berichteten in ähnlicher Weise: Durch den Lärm, den das Vieh im Stall verursachte, gingen die Männer oder Frauen in den Stall, um nach dem Rechten zu sehen. Dort sah man dann das Vieh, wie es sich in erbärmlichen Krämpfen am Boden wand und gleich darauf seinen letzten Atemzug tat. Schon oft hatte man bei Hexen und Zauberern Pulver gefunden, die diese zu solchen Unternehmungen benutzten. Es war keine Zauberei vonnöten, den Tieren solche Qualen zuzufügen: Es handelte sich dabei schlichtweg um Gift, das die Verbrecher dem Vieh unbemerkt, wenn alles schlief, unters Futter mischten. Winninger wusste dies, die Bauern jedoch hielten es für Hexerei. Den Hexen selbst war das nur recht, kamen sie doch frech immer zu den Leuten hin und erbaten sich etwas Mehl, Honig, eine Decke oder sonstiges; und wehe, es wurde ihnen von dem Gebetenen verwehrt! Dann starben diesem bald seine Hühner, Schweine, oder noch schlimmer, derjenige selbst oder ein Familienmitglied wurden von einer unerklärlichen Krankheit heimgesucht, die nur vom Zauberer oder der Hexe, die diese erst verursachte hatte, geheilt werden konnte. Das musste dann noch mit viel Geld bezahlt werden. So und anders ergaunerten diese verbrecherischen Menschen sich ihren Lebensunterhalt, bis sie irgendwann einmal der Justiz in die Hände fielen. Gerber notierte alle Aussagen gewissenhaft. Hier und da fügte Winninger eine Randnote hinzu. Er wusste, dass alle Details in solch heiklen Dingen wie Verbrechen, die Zaubereiverdächtig sind, bei den unweigerlich folgenden Prozessen äußerst wichtig sind. So schritt der Tag voran und mit jeder weiteren Stunde füllte sich der Tisch Winningers mit beschriebenen Blättern. Als es bereits wieder zu dunkeln begann, sagte Claudius Gerber den wenigen verblieben Anwesenden, dass sie ihre Aussage doch am morgigen Tag noch geben könnten, er und der Herr Untersuchungsbeauftragte seien schon zu müde, um sich um weitere Aussagen zu kümmern. Die Leute, zwei Männer und eine alte Frau entfernten sich daraufhin aus der Wohnstube des Bauernhauses, das Winninger und Gerber als Quartier diente und die sie zu einem Verhörzimmer umgebaut hatten. Als sie sich allein befanden, versuchte Gerber ein Gespräch anzuknüpfen: „Was hältst du von der Angelegenheit, Karl?“
Winninger, von dem anstrengenden Tag gereizt, antwortete: „Was soll ich schon davon halten, Claudius? Es ist immer wieder die gleiche Geschichte. Hier wird jemand umgebracht, das Vieh wird vergiftet, Höfen der Rote Hahn aufs Dach gesetzt ... Zauberer und Hexen überall. Man könnte glauben, es gäbe niemanden mehr, der nicht einer von ihnen ist! Wie viele sind dieses Jahr bereits gerichtet worden? Ich kann mich gar nicht mehr daran erinnern, so viele waren es. Johannes Roth war der schlimmste bis jetzt. Ich dachte wirklich, wir hätten alle erwischt, und nun das!“ Er schlug mit der Faust auf den Tisch, dass es krachte.
„Du kannst nicht wissen, ob das, was hier vorgefallen ist, mit Roth zusammenhängt“, wandte Gerber ein.
„Nicht?“, gab der Doktor zurück, “Warum sollte das hier sonst geschehen sein, gerade mal einen Tag, nachdem er verbrannt wurde?“
Gerber seufzte. „Karl, vielleicht sind es ja auch nicht mehrere, sondern nur einer, der uns entwischt ist.“
„Nein, das glaube ich nicht. Der Schaden, der hier im Dorfe angerichtet wurde, ist zu groß, als dass dies das Werk von nur einer Person sein könnte.“
„Möglich, aber wie du schon sagtest, Karl, wie hätten uns mehrere entgehen können?“
„Ich weiß es nicht, und doch scheint es so zu sein. Aber Claudius, bitte verzeih mir, mein Kopf schwirrt bereits vom vielen Grübeln; ich bin müde und werde wohl besser zu Bett gehen.“
„Du hast recht. Der Tag war lang und ich werde mich gleichfalls zurückziehen.“
Mit diesen Worten verabschiedete sich Gerber höflich und verließ die kleine Bauernstube. Winninger blieb alleine bei dem verglimmenden Feuer des Kamins sitzen. Er wusste nicht, wie lange er dort gesessen hatte, auf jeden Fall musste er eingeschlafen sein. Draußen herrschte bereits tiefe Nacht, als er von einem seltsamen Geräusch am Fenster aufgeschreckt wurde. Verwirrt sah er sich um. Das Feuer im Kamin war erloschen, die Kerzen, welche er zuvor angezündet hatte, waren zu kleinen Stumpen zusammengeschmolzen. Da! Wieder ein scharrendes Geräusch am Fenster! Langsam erhob sich Winninger von seinem Sitz, seine Rechte umfasste fest den Griff seines Rapiers, das er vom Boden neben sich aufnahm. Erneut raschelte es am Fenster. Doch vorsichtiger, als hätte der Verursacher festgestellt, dass er die Aufmerksamkeit des Doktors auf sich gelenkt hatte. Winninger schob vorsichtig den Riegel des Fensters zur Seite und stieß es abrupt auf. Augenblicklich fuhr eisig kalter Wind ins Zimmer hinein. Er beugte sich vor, um sich draußen umzusehen; doch es war nichts zu erkennen als die Schwärze der Nacht; kein anderer Laut zu vernehmen als das Rauschen der alten Bäume. Winninger schalt sich bereits einen Narren, als er eine schnelle Bewegung an der Scheune des Bauernhauses wahrzunehmen glaubte. Mit einem Schlag war er hellwach. Seinen Mantel überwerfend ging er mit einem der Kerzenstummel in der Hand und mit gezogener Waffe schnurgerade zur Scheune hinein. Drinnen war es stockfinster. Alles Licht, das die Kerze ausstrahlte, wurde von der Tiefe des Raumes verschlungen. Winninger lauschte angestrengt; doch nichts als Stille hing in der Luft. Schemenhaft tanzte der schwache Lichtschein an den Wänden des Stalls. Doch was war das, dort in der Ecke? Die Umrisse einer menschlichen Gestalt, kaum wahrnehmbar, hoben sich grau von der herrschenden Dunkelheit ab. Winninger, der ein beherzter Mann war, wollte den sich vor ihm befindlichen Schatten gerade anrufen, als er eine dünne, vom Alter zittrige Stimme vernahm: „Ich freue mich, dass Ihr mir gefolgt seid, Doktor Winninger. Ich habe Euch etwas zu sagen. Aber was ich Euch mitzuteilen gedenke, ist nur für Eure Ohren bestimmt, und niemand sonst braucht davon zu wissen.“
Er schritt näher zu dem Schatten heran und wurde gewahr, dass es sich um die alte Frau handelte, die Claudius Gerber am Abend auf den nächsten Tag vertröstet hatte. „Liebe Frau, warum könnt Ihr nicht bis morgen warten ...?“
Sie ließ ihn nicht ausreden: „Weil ich das, was ich Euch mitzuteilen habe, nur jetzt und unter vier Augen sagen werde. Morgen bin ich schon auf und davon. Wenn Ihr mir nicht zuhören wollt, so seid Ihr’s selber schuld.“ Winninger bedeutete ihr zu sprechen. „Gut Doktor, dann hört: Ihr seid dabei, in einem Wespennest zu rühren. Glaubtet Ihr ernsthaft, mit Johannes Roth dem ganzen Hexenkonvent die Lebensader durchschnitten zu haben? Dann seid Ihr ein großer Tor gewesen! Wenn Ihr die Grundsuppe dieses Höllenpfuhls ausheben wollt, dann geht noch jetzt zur Maiwiese; dort werdet Ihr finden, was Ihr sucht. Geht allein, das ist alles, was ich Euch zu sagen habe.“
In einem Augenblick, ohne die Möglichkeit sie aufzuhalten, war die Alte durch eine Tür an der Rückseite der Scheune verschwunden. Winninger versuchte sie einzuholen, doch als er ins Freie trat, war nichts mehr von ihr zu sehen. Fieberhaft drehten sich seine Gedanken. Was sollte er tun? Auf die Alte hören oder doch besser Gerber und die anderen wecken?
Die Maiwiese.
Er kannte diesen Platz. In manchen Aussagen gerichteter Hexen fand sie sich als Treffpunkt der Sabbatfeier wieder und er hatte ihn schon vor einiger Zeit aufgesucht, um die Angaben der gefangenen Hexen zu überprüfen. Es handelte sich um eine abseits liegende, leicht abschüssige Lichtung, mit langem Waldgras bewachsen und von riesigen knorrigen Bäumen umgeben. Winninger entschloss sich, dem Rat der alten Frau zu folgen. Er ging ins Haus zurück und versorgte sich dort mit einer Laterne, in welche er eine neue Kerze stellte. Bald schon verlor er sich im Dunkel der Nacht. Beschwerlich zog sich der Weg dahin. Ständig Ästen ausweichend, die unvermittelt aus der Schwärze auftauchten, und über Holz und Wurzeln stolpernd lenkte er seine Schritte abseits der üblichen Pfade quer durch den Wald. Nach etwa einer Stunde glaubte er einen flackernden Lichtschein, leises Stimmengewirr und Lachen zu vernehmen. Behutsam schlich er sich gebückt vorwärts, denn der Lichtschein entpuppte sich beim Näherkommen als ein großes loderndes Feuer, um das Männer und Frauen tanzten. Vorsichtig löschte er seine Laterne aus und kroch auf allen vieren näher, um die Gruppe unbemerkt beobachten zu können. Die tanzenden Menschen, er schätzte sie auf zwanzig Personen, hatten um das Feuer herum Bänke und Stühle aufgestellt, auf denen opulente Mahlzeiten kredenzt standen. Wilde Musik begleitete die Tänzer, die sich in obszönen und immer ekstatischeren Bewegungen hin und her warfen. Seine Blicke glitten wieder zu den Bänken und dort sah er, was er sich nie in seinem Leben hätte vorstellen können: Auf einem großen hölzernen Thron saß eine Gestalt von einer Monströsität, die ihn erschauern ließ. Ihr Kopf schien der eines Ziegenbocks zu sein, der Rest menschlich, bis auf die Füße, welche, soweit er es im Zwielicht erkennen konnte, gleichfalls unförmig und ungestalt waren. Sollte das ein wahrhafter Dämon sein? Oder ein verkleideter Mensch? Winninger wagte vor Schreck kaum mehr zu atmen. Doch hatte er nun nicht die Gelegenheit, einen Hexensabbat beobachten können, was nur wenige je gesehen hatten? Er wollte näher heran, um sich die Gesichter merken zu können, aber dies war ihm unmöglich, ohne seine Deckung zu verlassen. Wenn er entdeckt würde, würden die Hexen ihn unzweifelhaft auf der Stelle töten. Angestrengt überlegte er was zu tun sei. Da kam ihm mit einem Mal die Diebskerze wieder in den Sinn. Fahrig krempelte er seine Manteltaschen um, und tatsächlich! – da war die kleine unscheinbare schwarze Kerze. Aufgeregt suchte er Werk und Feuerstein hervor und nach wenigen Augenblicken leuchtete sie mit ihrer strahlend blauen Flamme in seiner Hand. Mit pochendem Herzen fasste er all seinen Mut zusammen, richtete sich hinter seinem Versteck auf und betrat den Sabbatplatz. Er ging einen Schritt vor, dann noch einen und noch einen. Ganz frei stand er jetzt für jeden sichtbar auf der freien Wiese. Oder doch nicht? Obwohl ihn jetzt jeder hätte bemerken müssen, tanzten und schmausten die Anwesenden ohne sich um ihn zu kümmern in einem fort.
Die Kerze tat ihre Wirkung.
Winninger, immer noch ein wenig zweifelnd, trat nun mitten unter sie. Er versuchte keinen Laut von sich zu geben, damit ihn nichts verrate. Er wollte am liebsten laut loslachen, so unwirklich erschien ihm dies alles. Fest die Kerze umklammernd setzte er sich sogar an einen Tisch direkt gegenüber einem der Gäste. Erschrocken fuhr Winninger zusammen, als der Mann aufschaute und ihm geradewegs ins Gesicht blicken musste, doch nahm jener keinerlei Notiz von ihm. Der Doktor versuchte sich zu sammeln und wollte dann seine Exkursion fortsetzten, um die Teilnehmer dieses teuflischen Festes näher zu betrachten, als plötzlich aus allen Richtungen bewaffnete Männer mit Hunden, teils zu Pferde den Platz bestürmten. Äste krachten, die Musik verstummte, Schreie ertönten. Hexen und Zauberer versuchten in alle Richtungen zu fliehen. Einige wurden niedergeschossen, andere gefangen oder von den Hunden zu Boden gerissen. Winninger wusste nicht, was er tun sollte. Er dachte schon selbst an Flucht, als ihn einer der Fliehenden so hart anrempelte, dass seine Kerze zu Boden fiel und erlosch. Der Bewaffnete, der den Zauberer verfolgt hatte, reagierte panisch, als wie aus dem Nichts ein Mann vor ihm auftauchte, doch besann er sich nicht lange und versetzte dem vermeintlichen Zauberer mit seinem Knüppel einen Schlag über den Kopf. Winninger schwanden die Sinne, Dunkelheit senkte sich über ihn, der Lärm verstummte.

*

Aus dieser Stille wurde er unsanft geweckt. Ein Eimer eisig kalten Wassers setzte seiner Ohnmacht ein jähes Ende. Der Kopf schmerzte ihm entsetzlich. Er tastete unbeholfen danach und bemerkte eine Platzwunde, sein Haar war blutverkrustet. Er hörte Vogelgezwitscher und rauschenden Wind. Er befand sich immer noch im Freien. Undeutlich, wie durch Nebel, nahm er eine dunkle Gestalt wahr, die vor ihm auf und nieder schritt.
„Es ist, als ob ich es immer schon gewusst hätte, Winninger!“, sprach diese nun in einem scharfen Ton. Eiseskälte kroch durch Winningers ganzen Körper. Angestrengt blickte er die Gestalt an, bis er sie deutlich sah. Er hatte sich nicht getäuscht. Vor ihm stand der Richter Franz Georg Sponheimer. Dieser sprach weiter: „Ihr fragt Euch, wie ich hierher komme? Nun das möchte ich Euch sagen. Seine Eminenz, der Weihbischof, hegte einen gewissen Argwohn gegen Euch, so dass er mich inkognito Euch hinterher sandte. Und wie ich selbst schon seit längerem vermutet hatte, dass Eure ungewöhnliche Sammelleidenschaft nicht einem lobenswerten Grunde entsprang, sehe ich mich nun dessen leider allzu bestätigt. Seine Eminenz fand es äußerst merkwürdig, dass Ihr nicht fähig wart, der Gesellschaft um Johannes Roth Herr zu werden. Ich habe vielmehr die starke Vermutung, dass Ihr, Doktor Johann Christian Winninger, ein verkappter Zauberer seid und Euch durch die Beseitigung Johannes Roths an dessen Platz setzen wolltet!“

*

Winninger protestierte verwirrt gegen die wider ihn vorgebrachten Anschuldigungen, doch als der Prozess gegen seine Person eingeleitet wurde, musste er den Gebrauch der Diebskerze eingestehen. Als er erzählte, weshalb er sie verwandte, und aus welchem Grund er sich bei der Sabbatgesellschaft aufgehalten hatte, wurde ihm kein Glauben geschenkt. Am 03. Januar 1593 verurteilte das bischöfliche Gericht unter dem Vorsitz Franz Georg Sponheimers Karl Christian Winninger und acht weitere Personen, die an diesem Abend gefangen genommen wurden, als Hexen und Zauberer zum Tode durch Verbrennen.

16. Okt. 2008 - Nicolaus Equiamicus

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