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Auf den Schwingen der Elim
von Petra Hartmann

Gaby Hylla Gaby Hylla
© http://www.gabyhylla-3d.de
Unglaublich, wie sich diese Burschen aufspielten! Jicar ballte die Faust in der Tasche und bemühte sich, nicht in den Abgrund zu blicken. In den Strahlen der untergehenden Sonne sah er den Mondberg geheimnisvoll aufblinken, den Berg, von dem Läufer wie er nur träumen konnten, während diese Elim …
Da, nun ließ sich der Vordere sogar in seinem Übermut in den Sturzflug fallen. Klar, die Geflügelten wussten, dass er hier stand und ihnen zusah. Erst wenige Handbreit über dem Boden breitete der El seine Schwingen aus, fing sich geschickt ab und stieß mit einem hellen Triumphschrei in den Himmel empor. Jicar zuckte die Achseln. Er hatte gewusst, dass dem Angeber nichts geschehen würde. Manche Provokationen der Elim übersah man besser. Und Daid hatte ihn ausdrücklich zu bescheidenem Auftreten ermahnt.
Noch immer war die Faust in seiner Tasche geballt. Doch nun hob er die offene Rechte und zwang seine Lippen zu einem Lächeln. „Seid gegrüßt, edle Elim vom Mondberg. Ich bin Jicar, der Sohn des Häuptlings Daid. Mein Vater heißt euch in unserem Dorf willkommen und freut sich, dass ihr unser Herbstfest mit eurer Anwesenheit beehrt.“
Mit mächtigem Flügelrauschen setzten die Elim vor ihm auf. Jicar war wider Willen beeindruckt. Die drei Geflügelten überragten ihn um mehr als Haupteslänge, und ihre muskulösen Oberkörper waren braungebrannt – wie die aller Menschen von jenseits der Schlucht, die sich über der Wolkendecke von der reinen Sonne durchglühen ließen. Neidvoll musterte Jicar die kräftigen Muskelpakete, gestählt vom Flügelschlag und vom wagemutigen Spiel mit dem Wind.
„Sei uns gegrüßt, Sohn Daids“, sprach der Älteste der drei Flügelherren würdevoll. Die gefiederten Schwingen umgaben ihn wie ein Königsmantel, und mit majestätisch-herablassendem Tonfall fügte er hinzu: „Dein Vater ist ein weiser Mann, junger Läufer. Er hat erkannt, dass er dem Boden gehört und nicht für den Himmel geschaffen ist. Möge seine Weisheit auch in dein Herz einkehren.“
Jicar neigte den Kopf. Innerlich aber kochte er. Und das breite, selbstgefällige Grinsen des jüngsten der Elim machte die Sache nicht leichter. Der rothaarige Bursche war kaum älter er und blickte doch auf ihn herab, als sei Jicar der erbärmlichste seiner Flügelputzer. Der sollte ihm nur einmal abends allein und abseits des Tanzplatzes begegnen, da würde er einmal sehen, dass auch Jicars Fäuste fliegen konnten …
„Mein Vater wird entzückt sein, euch zu sehen“, hörte sich Jicar selbst mit seltsam tonloser Stimme sprechen. „Wenn ihr mir bitte folgen wollt, edle Gäste vom heiligen Mondberg …“ Er machte eine einladende Geste, und die Geflügelten nickten würdevoll. Mit gebauschten Schwingen und stolzer Haltung schritten die drei Elim ihm nach zum Dorf.
Szenentrenner

Das Feuer loderte hell, zuckende Flammen warfen ihre Muster auf die Tänzer, die sich zu den wilden Rhythmen von Trommel und Flöte aufbäumten. Daid und der Häuptling der Elim saßen einträchtig nebeneinander auf zwei geschnitzten Holzthronen und sahen mit wohlgefälligem Lächeln dem Treiben des Volkes zu. Der Wein und das Pochen des Trommelschlags waren den Läufern in die Köpfe gestiegen, höher und wilder wurden die Sprünge der Tanzenden, und mehr als einer riss die Arme empor, als wolle er sich dem Wind entgegenwerfen.
Jicar biss sich auf die Unterlippe. Sahen sie es nicht, sahen diese armen trunkenen Läufer nicht, dass die Geflügelten sich nur über sie lustig machten? Dass sich der Häuptling der Elim stolz auf seinem Adlerthron zurücklehnte, während seinem Vater Daid nur der niedrigere Schildkrötenthron zustand? Das amüsierte, verachtungsvolle Zucken im Mundwinkel des Rothaarigen war ihm keinesfalls entgangen. O ja, er und sein Bruder hatten sich unter das Volk gemischt, das berauscht von dieser Herablassung der hohen Herren war. Läufermädchen anfassen, die weißen Schwingen ausbreiten und ihnen einen Platz auf dem Mondberg versprechen – Jicar spuckte verachtungsvoll aus. Die jungen Frauen mussten doch wissen, dass diese Elim sie nach einer Nacht bereits wie einen wertlosen Stein fallen lassen würden.
Wer mochte das junge Ding sein, das der Rothaarige dort in den Armen hielt? Jicar konnte die zierliche Gestalt hinter den ausgebreiteten Schwingen des Elim kaum erkennen.
„Ach, wenn ich mit dir tanze, ist es, als würde ich schweben“, seufzte eine glückstrunkene Stimme.
„Dann sieh einmal nach unten, mein Kleines“, säuselte der Rothaarige. Tatsächlich schwebten die beiden mehrere Handbreit über der Tanzfläche. Ein glückliches Kichern und Glucksen erklang. Jicar wurde übel. Wie konnte sich das Mädchen nur so vergessen!
Doch plötzlich zuckte der junge Läufer zusammen. Ciora! Das Mädchen in den Armen des El war seine Ciora!
Wütend bahnte er sich einen Weg durch die Tänzer und brüllte: „He, Hühnerjunge! Nimm deine dreckigen Flügel von ihr, sonst rupfe ich dir die Federn!“
Der Rothaarige wandte sich provozierend langsam um. Er landete sanft auf beiden Füßen und ließ das Mädchen zu Boden gleiten. Ciora verharrte zu seinen Füßen und sah zu ihm auf wie zu einem Götterbild.
„Redest du mit mir, Fußgänger?“
Jicar ballte die Fäuste. Doch schon hatten ihn zwei kräftige Läufer gepackt und hielten ihn fest. Daid hielt auf strenge Ordnung beim Herbstfest.
„Nur ein Neider“, meinte der Rothaarige trocken. „Achte nicht auf ihn, meine liebe Ciora. Morgen will ich dir einen Strauß Sternenblumen vom Mondberg holen, du schönes Kind.“
Jicar schrie wütend auf, als er das Leuchten in Cioras Augen sah. „Hör nicht auf ihn, Ciora, bitte!“, rief er verzweifelt. „Und wenn dir danach ist, bitte, dann werde ich dir diese dämlichen Sternenblumen selbst holen.“
Mit einem Male waren alle Gespräche auf dem Festplatz verstummt.
Die Musik brach ab.
Stille.
Dann begann der Rothaarige laut zu lachen. „So, du willst also auf den Mondberg fliegen! Wo hast du denn deine Flügel, kleiner Läufer? Niemand außer den Elim kann den Himmel durchqueren. Oder bist du etwa ein El, hm?“
Jicar richtete sich zu seiner vollen Größe auf. Er reichte dem Rothaarigen fast bis zum Kinn. „Aber ich bin der Sohn Daids“, sagte er fest. „Und Ciora soll ihre Sternenblumen bekommen. Morgen fliege ich über die Schlucht.“
Aus dem Augenwinkel sah er, wie sein Vater erbleichte. Der alte Mann sank auf dem Schildkrötenthron in sich zusammen. Fassungslos und wie aus einem Rausch erwacht, standen die Läufer um ihn.
„Na, das will ich sehen“, höhnte der Rothaarige.
An diesem Abend tanzte niemand mehr.
Szenentrenner

Daid sah grau und übermüdet aus, als Jicar in seine niedrige Hütte trat. „Du willst es also wirklich tun?“, fragte er. Unendliche Trauer lag in seiner Stimme – so, als sei der Sohn bereits verstorben.
Doch Jicar stand stolz und tatendurstig vor ihm, die Augen blitzten, das Kinn war entschlossen vorgereckt. „Ja, Vater. Ich werde Ciora die Sternenblumen bringen. Gib mir deine Schwingen, Vater.“
Dais schwerer Schädel pendelte betrübt hin und her. Wie von einem fremden Geist betäubt tappte der alte Häuptling hinüber zu der schweren Ebenholzkiste. Er schlug den Deckel zurück. Mit den Fingerspitzen zog er das Seidentuch zur Seite.
Jicar stieß einen Schrei der Überraschung aus. Die legendären Schwanenschwingen leuchteten weiß wie am ersten Tag. Und doch waren über 30 Jahre vergangen, seit Daid damals für seine Geliebte die Sternenblumen von der anderen Seite der Himmelsschlucht geholt hatte.
„Ich bin seit dem Tag nie wieder geflogen“, murmelte Daid, mehr zu sich selbst als zu Jicar. „Schon der eine Flug eines Läufers, er bedeutete, die Götter herauszufordern. Die Läufer sind nicht für den Himmel bestimmt, Jicar.“
Ehrfürchtig strich Jicar mit dem Finger über die schneeweißen Schwanenfedern. Seine Wangen glühten vor Aufregung. „Aber der Himmel ist für die Läufer bestimmt, Vater“, sagte er. Dann griff er entschlossen zu und presste die Schwanenschwingen an seine Brust. „Und ich werde ihn erstreiten.“
Szenentrenner

Nebelfetzen wogten um den Gipfel des Mondbergs. Noch war im Osten die Sonne nicht aufgegangen, doch am Horizont war bereits eine leichte rötliche Färbung zu sehen. Jicar stand breitbeinig am Rand der Schlucht. Er hielt den Blick fest auf den Berg gerichtet. Rotes Sonnenlicht ergoss sich über den jungen Läufer. Doch die Schwanenschwingen schimmerten in ihrem fleckenlosen Weiß, das blutige Rot der aufgehenden Sonne schien ihnen nichts anhaben zu können. Jicar atmete tief ein. Er wusste, dass die Augen aller Dorfbewohner in diesem Moment auf ihn gerichtet waren. Und er wusste auch, dass die drei Elim hinter ihm standen. Dass sie in der Luft standen, die Arme vor der Brust verschränkt und die Schwingen weit ausgebreitet. Er konnte den höhnischen Gesichtsausdruck des Rothaarigen und seine Blicke förmlich spüren. Jicar lächelte grimmig. Der Himmel hatte niemals den Elim allein gehört. Vater hatte es mit einem einzigen Flug über die Schlucht bewenden lassen und war in sein Dorf zurückgekehrt. Er aber würde sich niemals wieder von diesen Geflügelten in den Staub niederdrücken lassen.
Jicar breitete die Arme aus, und das Leuchten der Schwanenschwingen verstärkte sich. Unter den breiten Lederriemen, die die Flügel an seinen Armen hielten, traten die Muskeln des jungen Läufers hervor, kräftige, zähe Muskeln, gestählt in unzähligen Jahren der Feldarbeit und in den Kämpfen der Dorfjugend.
Daid räusperte sich. „Bist du sicher, dass du es tun willst?“
Jicar nickte. Ein hartes, ruckartiges Nicken. Seine Augen leuchteten.
„Dann tu es. Aber was immer auch geschieht: Sieh dich vor dem Felsboden vor. Und flieg auf gar keinen Fall zu hoch. Der Höhenwind würde dich zerreißen. Mögen die Götter mit dir sein.“
„Na, bekommt der kleine Fußgänger jetzt doch Angst?“, spottete der Rothaarige. „Ist doch schön, wenn man zu Papi laufen und sich bei ihm ausweinen kann!“
Jicar spuckte wütend aus. Dann rannte er los und sprang.
Der Wind raubte ihm den Atem. Jicar stürzte ins Bodenlose, dann, endlich, besann er sich auf die Schwanenschwingen und breitete die Arme aus. Ein Ruck ging durch seine Schulterblätter, schmerzhaft riss das Flügelpaar ihm die Arme nach oben, dann griff der Wind in die Federn, und der Sturz verlangsamte sich. Mit übermenschlicher Anstrengung spannte Jicar die Muskeln an. Langsam, unendlich langsam zwang er die Schwingen nach unten, während der Boden ihm entgegenraste. Und noch ein Flügelschlag. Auf. Nieder. Er hatte das Gefühl, sein Brustkorb müsse zerbersten, doch jetzt, mit dem nächsten Schlag der Schwanenschwingen spürte er, dass der Wind ihn trug. Noch ein Flügelschlag. Jicar stieg. Jetzt hatte er die Höhe des Felsenrandes wieder erreicht und hörte die bewundernden Rufe der Läufer zu ihm herüberschallen. Doch er hütete sich, zu ihnen zurückzublicken. Es war ein weiter Weg zum Mondberg, und er würde alle Kraft brauchen, um den Himmel zu durchqueren ...
Szenentrenner

„Er ist zu hoch geflogen“, murmelte der älteste der Elim mit rücksichtsvoll gesenkter Stimme. „Es tut mir leid.“
Daid senkte den Kopf. „Es hatte so kommen müssen“, flüsterte er.
Die Elim hatten Jicars Leichnam am späten Abend entdeckt. Er lag zerschellt am Grund der Schlucht, die zerbrochenen Schwanenschwingen glänzten rot vom Blut. Herabgefallene Sternenblumen waren auf den Toten herabgerieselt, und eine der Blüten lag wie eine letzte Totengabe auf seiner Brust.
„Es tut mir leid, dass wir deinen Sohn nicht bergen konnten“, sagte der El mit einer entschuldigenden Geste. „So tief unten in der Schlucht kann keiner von uns fliegen.“
Die Elim wandten sich ab. Am Rand der Schlucht breiteten sie ihre strahlenden Schwingen aus. Dann stießen sie mit schnellen Flügelschlägen in den Himmel. In der Ferne schimmerte der Mondberg.

05. Feb. 2009 - Petra Hartmann

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