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Startseite > Kurzgeschichten > Bernd Rümmelein > Düstere Phantastik > Das Wiegenlied der Wölfe

Das Wiegenlied der Wölfe
von Bernd Rümmelein

Crossvalley Smith Crossvalley Smith
© http://www.crossvalley-design.de
Die vier Reisenden hatten sich nach langer Wanderung für die Nacht einen Lagerplatz gesucht und ein wärmendes Feuer entzündet. Sie lagerten in einer tiefen Schlucht, die sich durch ein ausgedehntes Waldgebiet erstreckte. Nachdem sie ihre Glieder ausgestreckt und ein üppiges Mahl zu sich genommen hatten, trat plötzlich aus der Dunkelheit ein alter Mann zu ihnen. Er war wie aus dem Nichts geräuschlos aufgetaucht und stützte sich auf einen knorrigen Stab. Freundlich lächelnd bat er darum, sich setzen zu dürfen. Die Reisenden stimmten ohne Zögern zu und luden ihn ein, ihnen ein wenig Gesellschaft zu leisten. Der einzigen Frau in der Gruppe, schenkte er ein besonders aufmerksames, zahnloses Lächeln als er sich gemütlich am Feuer niederließ.
„Ihr müsst entweder die unerschrockenste Jagdgesellschaft oder fremd in dieser Gegend sein“, sagte der alte Mann.
„Wieso?“, fragte Calmin neugierig und gleichzeitig beunruhigt, „wir sind lediglich auf der Durchreise und haben uns einen geeigneten Lagerplatz für die Nacht gesucht. Die Stelle in der Schlucht schien uns ideal.“
Der Blick des Alten bohrte sich tief in das Gesicht des jungen Recken, gerade so als wolle er sich jede Pore darin genauestens einprägen. Schließlich verzog sich sein Mund zu einem zahnlosen Lächeln. Seine Stimme klang brüchig als er weitersprach. „Fremd also. Dachte ich es mir doch. Niemand sonst würde es wagen, sein Nachtlager ausgerechnet an diesem Ort aufzuschlagen. Wisst Ihr denn, wo Ihr Euch befindet?“
„Zwei Tagesreisen von Parda entfernt, nehme ich an. Wir wollen dort Arbeit suchen“, antwortete Galida.
Galida sah ausgesprochen hübsch in ihrer grünen, eng anliegenden Lederbekleidung aus, die gut zu ihren rotblonden, zu einem Pferdeschweif zurückgebundenen Haaren und den ebenfalls grünen Augen passte.
„Die Stadt des Großherzogs. Ja, das stimmt“, meinte der Alte, mit einem wohlwollenden Seitenblick auf Galida,„...und doch wisst Ihr scheinbar nichts über die Regionen und Gefahren, durch die Euch Eure Reise führt. Seit vielen Jahren schon ist es den Menschen verboten, den Bannwald des Herzogs zu betreten. Ich kenne allerdings auch niemanden, der dies freiwillig in Erwägung zöge. Noch nicht einmal den Wilderern mit der Aussicht auf fette Beute, käme es in den Sinn dort zu wildern. Seht Euch um, schaut nach oben, blickt nach vorne. Überall um Euch herum, nur wenige Schritte von Eurer Lagerstätte entfernt, befindet sich der Bannwald. Von den Einheimischen wird die Schlucht Seelenriss genannt. Sie ist wie eine faulende stetig schwelende Wunde, die sich durch den Bannwald zieht. Kennt Ihr die Legende von Pahira und Dorkaal nicht?“
„Nie davon gehört“, gab Calmin unumwunden zu, „sollten wir? Vielleicht möchtet Ihr sie uns erzählen?“
Der alte Mann nickte und rückte ein Stück näher ans Feuer heran. „Das werde ich, mein junger Freund, das werde ich.“
„Bevor Ihr uns Eure Geschichte erzählt...“, setzte Galida voller Skepsis an, „wer seid Ihr? Und was macht Ihr an diesem verbotenen Ort.“
„Ich muss mich bei Euch entschuldigen. Verzeiht, aber meine Manieren haben über die Jahre in der Wildnis gelitten. Man nennt mich Telabas. Ich bin ein Hüter des Waldes. Seit vielen Jahren schon kümmere ich mich um den Bannwald des Großherzogs. Ich schütze den Bestand, und versuche Unwissende vor allzu großen Fehlern zu bewahren. Normalerweise meide ich die Schlucht und ihre unmittelbare Umgebung, wie jeder andere dies ebenfalls täte, wenn er klug wäre. Vor allem in der Nacht. Aber ich sah den Schein des Feuers und wollte sehen, was oder wer sich dahinter verbirgt.“
Calmin, Galida, Hanyo und Barwulf sahen sich an. Barwulf verdrehte die Augen und zuckte gleichgültig mit den Schultern. Nach wenigen Augenblicken waren sie sich einig. Sie glaubten seinen Ausführungen. Telabas durfte bleiben.
„Fang endlich an zu erzählen, Alterchen“, brummte Barwulf mürrisch.
Der überaus kräftig gebaute Mann mit dem beeindruckenden, pechschwarzen Vollbart und stechend blauen Augen, mochte keine Lagerfeuergeschichten. Er war müde von der langen Wanderung des Tages und hätte lieber geschlafen, als sich die Legenden des alten Waldhüters anzuhören.
Telabas ignorierte den bärbeißigen Unterton in Barwulfs Stimme und begann zu erzählen: „Es begab sich zu der Zeit, als des Großherzogs Ururgroßvater, seine Lordschaft Sire Ladowa Barwo über das Herzogtum wachte. Ein schweres Erdbeben hatte damals die Gegend um Parda heimgesucht und einen großen Teil der Stadt sowie einige Dörfer verwüstet. Ausgerechnet in jener Nacht, als das Beben einen tiefen Riss durch den Bannwald gezogen hatte, wurde in einem der umliegenden Dörfer ein Zwillingspaar geboren. Ein Junge und ein Mädchen. Der gepachtete Hof ihrer Eltern wurde von der Katastrophe zwar wie durch ein Wunder weitestgehend verschont, aber ihre Mutter starb nur wenige Tage nach der Geburt an zu hohem Fieber. Vor ihrem Tod hatte die arme Frau den Kindern die Namen Dorkaal und Pahira gegeben. Sie hinterließ ihrem Mann neben den letzt geborenen Zwillingen zwei weitere Töchter. Der Vater der Kinder hieß Togor. Man sagt, er sei ein strenger Mann gewesen, der den Tod seiner Frau Zeit seines Lebens nie überwunden habe. Togor gab den beiden Kindern die Schuld für den schweren Verlust und behandelte sie entsprechend abweisend. Nicht nur das. Er ließ sie jeden Tag ihrer harten Kindheit spüren, wie sehr er sie hasste und für das verabscheute, was sie ihm in seinen Augen angetan hatten. Sie hausten eingesperrt und aneinander gekettet in der Scheune und waren von der Außenwelt abgeschottet. Den älteren Geschwistern hatte er verboten, sich um die Kinder zu kümmern, geschweige denn sie zu beachten. Die Zwillinge jedoch waren seit ihren ersten Tagen unzertrennlich. Es schien gerade so, als ob sie ihr übles Los, die mangelnde Liebe und grausame Behandlung durch ihren Vater in der Folgezeit noch viel enger zusammenbrachte. Dorkaal und Pahira entwickelten im Laufe der Zeit eine innige Zuneigung zueinander. Viel zu innig. Als sie älter wurden und gerade erst ihren zwölften Lenz hinter sich gebracht hatten, nahm ihre Geschwisterliebe verwirrende, geradezu unnatürliche Züge an, die niemals hätten sein dürfen. Sie zeugten gemeinsam ein Kind und brachten damit große Schande über das Haus ihres Vaters. Der Zorn Togors war grenzenlos und wiederum hatten es die Götter mit den Zwillingen nicht gut gemeint. Als die Frucht ihrer verbotenen Liebe schließlich geboren wurde, war sie missgestaltet. Ein bedauernswertes Geschöpf mit Zähnen und viel zu großen Händen, das nicht recht in diese Welt passen wollte. Togor jedoch brachte der Gedanke an die Schande, die ihm die Zwillinge bereitet hatten, um den Verstand. In seiner Wut ertränkte er die verzweifelte Pahira noch am selben Tag im Fluss und verkaufte den einzigen Sohn an einen berüchtigten Sklavenhändler, der junge Männer für die blutigen Schauspiele in den Arenen des Herzogs suchte. Den hilflosen Säugling jedoch nahm er und setzte ihn in der Schlucht aus. Der Junge schrie aus Leibeskräften. Er war erstaunlich stark und wollte leben. Es war genau an diesem Ort, an dem Togor hoffte, der kleine, missratene Junge werde von den hungrigen Wölfen des Bannwaldes zerrissen. Doch es kam anders. Die Wölfe störten sich nicht an seinen Missbildungen. Statt das Kind als Beute anzusehen, nahmen sie das Baby an und zogen es mit ihresgleichen auf. Sie gaben dem Kind von ihrer Milch, spendeten ihm Wärme und sangen in langen Vollmondnächten das Wiegenlied der Wölfe für ihn. Der Junge lernte jagen, kämpfen und töten. Bald gedieh er prächtig und wurde stark. Stärker und schneller als jeder Wolf im Rudel. Kaum war er erwachsen, tötete er den Leitwolf in einem Zweikampf und setzte sich an die Spitze des Wolfsrudels. Unter seiner Führung änderte das Rudel seine Gewohnheiten. Sie wurden blutgierig, vergrößerten ihr Jagdgebiet über die Grenzen des Bannwaldes hinaus und jagten fortan Menschen. Der Großherzog wollte ein Angst und Schrecken verbreitendes Wolfsrudel in seinen Ländereien keinesfalls dulden. So schickte er seine besten Jäger aus, das Rudel und ihren furchterregenden Anführer zur Strecke zu bringen. Es dauerte nicht lange und sie wurden seiner habhaft. Groß war die Überraschung und das Staunen als die Jäger erkannten, was ihnen in die Falle gegangen war. Ein verwildertes Wesen, mit einer hässlichen Fratze, das kaum noch menschliche Züge aufwies und doch weit mehr als ein gefährliches Tier zu sein schien. Ein intelligentes Geschöpf mit scharfen, großen Klauenhänden und Reißzähnen, dem eines Raubtieres nicht unähnlich. In den Kerkern des Herzogs folterten sie den Tiermenschen mit Feuer und Eisen beinahe zu Tode, den sie für einen Dämon aus der Hölle hielten. Die Bestie erwies sich als zäh und unnachgiebig. Mühsam lernte er während der Zeit seiner Gefangenschaft in den Kerkern bruchstückhaft der Menschen Sprache. In jenen dunklen Tagen machte ein Gladiator in den Arenen von sich reden. Sein Name war Dorkaal. Das geneigte Publikum nannte ihn den Schlächter, denn er färbte den Sand in der Arena mit dem Blut seiner Gegner auf grausige Weise rot. Er hatte zahlreiche Kämpfe gewonnen und galt mittlerweile als unbesiegbar. Kaum jemand wusste, dass es sich um jenen Dorkaal handelte, der Schande über das Haus seines Vaters gebracht hatte. Niemand ahnte, dass er der Vater des gefangenen Dämons aus der Hölle war. Der Herzog wollte einen spektakulären Kampf und das gnadenlose Ende der Bestie sehen, denn er wusste, das Volk schrie nach Vergeltung für die Zeit der Schrecken, die sie durchleiden mussten. Sie wären erst zufrieden, wenn sie die geschlachtete Bestie blutend am Boden der Arena sehen durften. So plante er einen tödlichen Kampf des Gefangenen gegen den vermeintlich besten Gladiator des Landes, Dorkaal. Sie traten gegeneinander an, ohne voneinander zu wissen. Mann gegen Mann; Vater gegen Sohn. Sie schenkten sich nichts und kämpften lange. Grausam, hart, unerbittlich, erbarmungslos. Anfangs schien der Kampf ungleich. Dorkaal, schwer gerüstet, ließ keinen Angriff durch seine glänzende Verteidigung. Ein ums andere Mal traf er den von der Folter geschwächten Tiermenschen und verletzte ihn. Als sich der Tag zu Ende neigte, war die Bestie am Ende ihrer Kräfte. Ein einziger Stoß hätte den Kampf augenblicklich beendet, doch Dorkaal erlaubte sich eine winzige Unaufmerksamkeit. Niemand verstand, warum der Gladiator in jenem Moment gezögert und seine Verteidigung geöffnet hatte, als er den am Boden liegenden Gefangenen hätte töten können. Es wäre ein Leichtes gewesen. Der menschliche Wolf nutzte die Gelegenheit des Augenblicks, sprang Dorkaal in einem letzten Aufbäumen an die Kehle und verwundete seinen Gegner mit einem Biss tödlich. Im Triumph seines Sieges riss er dem Vater des Herz heraus und verschlang es vor den Augen des entsetzten Publikums, bevor er selbst schwer verwundet und aus zahlreichen Wunden blutend in den Sand der Arena sank. Der Herzog wollte die Bestie durch seine Getreuen noch in der Arena vor den Augen der wütenden Menge erschlagen lassen, ließ sich jedoch von dem Sklavenhändler, dem Dorkaal viele Jahre gedient hatte, eines Besseren belehren. Dieser hatte seine Gelegenheit gewittert. In der Hoffnung, mit dem Tiermenschen eines Tages viel Gold in den Arenen zu verdienen, brachte er den Herzog dazu, ihm die Bestie als Ersatz für den Getöteten zu überlassen. Der Sklavenhändler gab der Bestie den Namen Gore. Dank der Pflege seines neuen Herren erholte sich Gore rasch. Er lernte, wie ein Gladiator zu kämpfen und aus dem Töten ein schauriges Schauspiel zu bereiten. Unter den Gladiatoren jedoch gab es einen Mann, der Dorkaal gut gekannt hatte und mit ihm vertraut war. Dieser erzählte Gore die Geschichte von Dorkaal und Pahira. Nachdem er das schreckliche Schicksal der Zwillinge vernommen hatte, wusste Gore sofort, dass er seinen Vater getötet hatte. Er schwor Rache und floh aus der Sklaverei. Gore kehrte an die Stätte seiner Geburt zurück. Sein Großvater lebte dort immer noch mit seinen beiden Töchtern unter einem Dach. Gore kam über sie wie eine wütende Naturkatastrophe. Er bestieg die Töchter, die seine Tanten waren, eine nach der anderen vor den Augen des Großvaters. Und er schändete schließlich den eigenen Großvater, bevor er diesen langsam zu Tode folterte und anschließend ein gemeinsames Festmahl mit dessen Gebeinen abhielt. Eine der Töchter verfiel dem Wahnsinn und nahm sich das Leben; die andere Tochter aber nahm sich Gore zur Frau und verschwand mit ihr in den Tiefen des Bannwaldes. Gore suchte sich bald ein neues Wolfsrudel. Er zeugte zahlreiche Nachkommen mit seiner blutsverwandten Frau und den Wölfen gleichermaßen. Seit jener Zeit herrschen die Wolfsmenschen über den Bannwald und ihre Herrschaft ist furchtbar. Sie suchen ihre Opfer unter den Reisenden.“

Die Stimme des Alten verstummte. Aufmerksam und ernst blickte er in die Gesichter der Gruppe Abenteurer. Die Ausdrücke, die er darin las, waren unterschiedlichster Natur. Galida zeigte Betroffenheit und einen Hauch von Furcht. Hanyo schien nervös, Calmin grinste unsicher und Barwulf war offenkundig verärgert.
„Das ist eine schreckliche Geschichte,“ stellte Galida fest, „und doch irgendwie tragisch.“
„Ein Schauermärchen für kleine Kinder, wenn Du mich fragst,“ maulte Barwulf ungehalten, während Calmin und Hanyo zustimmend nickten, „wen willst Du damit erschrecken?“
Telabas seufzte und zuckte gleichgültig mit den Schultern: „Es lag nicht in meiner Absicht, jemanden einen Schrecken einzujagen. Die Wahrheit ist manchmal schwer zu ertragen, ich weiß. Glaubt oder verwerft die Geschichte. Ich habe Euch gewarnt.“
„So ein Unsinn,“ erwiderte Barwulf, „ich habe genug davon und lege mich schlafen.“
„Tut, was Ihr nicht lassen könnt,“ sagte Telabas, „für mich wird es Zeit aufzubrechen. Der Mond steht mir doch zu voll am Himmel. Ich danke Euch, dass Ihr einem alten Waldhüter Gehör geschenkt habt und ihn an Eurem Feuer aufwärmen ließet. Mögt Ihr den Morgen gesund erleben. Ein gut gemeinter Rat zum Schluss, wenn Ihr erlaubt.“
„Nur zu,“ ermunterte ihn Calmin.
„Verhaltet Euch ruhig und löscht das Feuer. Es verrät Euch meilenweit und lockt mancherlei finstere, seelenlose Kreatur an,“ sagte Telabas bereits im Gehen befindlich.
„Lebt wohl, Telabas,“ winkte Galida zum Abschied. Ihr war nicht wohl bei dem Gedanken, dass er sie alleine ließ.
Der alte Mann zwinkerte ihr lüstern zu, hob die Hand zum Gruße und verschwand, so schnell er gekommen war, in der Dunkelheit.

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Die Reisenden diskutierten eine Weile, ob sie dem Rat des Alten folgen und das Feuer löschen sollten. Barwulf war vehement dagegen. Galida setzte sich schließlich durch und überzeugte Calmin und Hanyo, dass es wohl besser war, den Worten des alten Waldhüters Glauben zu schenken. Sie löschten das Feuer. In der Ferne heulten die Wölfe den Mond an und sangen ihr grausiges Wiegenlied.
Barwulf schnarchte, Calmin wachte, Hanyo wand sich im unruhigen Schlaf und Galida fand überhaupt keine Ruhe. Als sie sich endlich aufmachte, um Calmin bei der Nachtwache abzulösen, vernahm sie ein unheimliches Geräusch. Sie blickte angestrengt in die Dunkelheit der Schlucht und erkannte unzählige, auf sie gerichtete Augenpaare, die im Licht des Mondes schimmerten. Sie waren gekommen.
Galida wollte schreien, die Kameraden vor der drohenden Gefahr warnen, doch es war bereits zu spät. Sie waren umzingelt. Die Wolfsmenschen fielen über sie her und brachten sie zum Schweigen.

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In den frühen Morgenstunden des darauffolgenden Tages stand Telabas mit einem in einen Kapuzenmantel gehüllten, riesenhaften Begleiter am Eingang der Schlucht. Der nächtliche Nebel hatte sich verzogen. Der alte Mann stützte sich auf seinen knorrigen Wanderstab und sah seinen hässlichen Freund kritisch von der Seite an.
„Du und deine Kinder habt ja eine fürchterliche Schweinerei hinterlassen, Gore,“ meinte Telabas verärgert als er den Lagerplatz und das heillose Durcheinander von Blut-, Knochen- und Kleidungsresten in der Schlucht untersuchte. Die Ausrüstung der Reisenden lag überall wild in der Schlucht verstreut. „Jetzt kann ich zusehen, wie ich den Dreck wieder aufräumen kann. Den grimmigen Bärtigen habt Ihr regelrecht in Stücke gerissen.“
„Hab dich nicht so, wir werden dir beim Sauber machen helfen. Es ist schließlich nicht das erste Mal,“ grummelte Gore und verzog sein Gesicht zu einer noch monströseren Fratze, „ich kann nichts dafür, dass du nicht so geraten bist wie die anderen, viel zu schnell alterst und die menschlichen Züge deiner Mutter trägst. Der Bärtige war ein harter Brocken und hat sich gewehrt. Wir haben nur ein klein wenig gefeiert und gut gespeist. Du hast deine Sache übrigens gut gemacht. Die Gruppe hat auf dich gehört und das Feuer gelöscht. Du weißt, wie sehr ich Feuer hasse. Wenn du aber das nächste Mal deine Geschichte erzählst, gewähre deinem Vater bitte menschlichere Züge und vergiss nicht das Wiegenlied meiner Wolfsmutter für mich zu singen. Das lässt mich immer sentimental werden und beschert den Zuhörern eine wohlige Gänsehaut.“
„Schon gut, in Ordnung. Was ist mit der Frau?“, fragte Telabas als er ihren Leib unter den Resten nicht entdecken konnte.
„Keine Sorge, Telabas. Du wirst bekommen, was ich dir versprach,“ antwortete Gore, während er mit der klauenbewehrten Hand auf eine Ansammlung von Felsen in der Schlucht zeigte, „sie sieht nicht mehr so schön aus wie noch zuvor und blieb leider nicht unberührt. Du weißt, wie schwer es ist, die Kinder in Zaum zu halten, wenn sie in einen Rausch geraten. Aber für dich wird es noch reichen. Das was von ihr übrig ist, liegt verborgen hinter den Felsen.“

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Telabas begab sich hinter die Felsen und fand den zerschundenen Körper der jungen Frau. Galida war schwer verwundet, das Gesicht verwüstet, angefressen an Armen und Beinen. Ihr Atem ging flach. Sie stöhnte als er ihren Kopf vorsichtig berührte.
„Ruhig, es wird alles gut,“ flüsterte ihr Telabas ins Ohr, „ich werde für dich sorgen. Du bist jetzt meine Frau und wirst Teil unserer Familie sein.“
Ein Schrei der Verzweiflung wollte sich von ihren Lippen lösen, doch sie war zu geschwächt und brachte stattdessen nur warme Luft heraus. Vor Glück lächelnd nahm Telabas seine Frau auf die Arme. Während er Galida in den angrenzenden Wald trug, sang er leise das Wiegenlied der Wölfe für sie.

18. Jun. 2009 - Bernd Rümmelein

Bereits veröffentlicht in:

Im Buch: KURZGESCHICHTEN VOL. 2

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