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Rosenrot mausetot von Linda Koeberl Illustration © Crossvalley Smith
 © http://www.crossvalley-design.de
Sie sah wunderschön aus, wie sie so ausgestreckt vor ihm lag. Bleich und leblos, die Augen starr zum Himmel gerichtet. Ein verklärtes Lächeln umspielte seine Lippen, als er ihr Gesicht streichelte. Kosend wanderten seine Fingerspitzen über die Stichwunden, die ein diffuses Muster auf ihre nackte Haut zeichneten. Wie sehr er sie liebte! Aber war sie nicht reizvoller gewesen, als ihre Augen noch voller Furcht in seine geblickt hatten? Unfähig, sich zu wehren. Nicht verstehend, dass er sie bestrafen musste.
Verächtlich stieß er sie von sich.
Prinzessinnen waren ja so verwöhnt. Hatte er sich etwa nicht große Mühe mit ihr gegeben? Und wie dankte sie es ihm? Doch nun war sie fügsam, war sein braves Mädchen. Mit seinem Zeigefinger folgte er dem blutigen Weg ihrer Reue, bis zu der Stelle, an der eben noch ihr Herz geschlagen hatte. Sein Zorn verebbte, als sich seine Hände um ihren Hals legten, um das Garn zu lösen, das ihre Haut verletzt und ihr den Atem genommen hatte. Er würde ihr verzeihen. Wie jedes Mal. Nun, da der kalte Hauch des Todes sie berührte, ersehnte er die Weichheit ihrer Lippen. Behutsam neigte er sich über sie, um sie zu küssen. Dann ließ er sie mit einer dunkelroten Rose zwischen ihren kühlen Fingern allein. „Träum süß, mein Röschen.“
Das Läuten der nostalgischen Türglocke meldete neue Kundschaft. Umgehend legte er die Bücher, die er soeben katalogisieren wollte, beiseite und betrat den Verkaufsraum seines Antiquariats. Eine junge Frau stand vor dem Tresen.
„Guten Tag.“ Höflich reichte er ihr die Hand. „Ich bin Alfred Herzog, der Inhaber des Ladens. Kann ich Ihnen helfen?“
„Ich hoffe, dass Sie das können.“ Sie gab ihm einen Zettel. „Wissen Sie, ich bin schon seit langem auf der Suche nach diesem Buch, aber in keiner Buchhandlung scheint es noch erhältlich zu sein.“
„Der goldene Märchenschatz, Ausgabe 1955.“ Er runzelte die Stirn. „Ich kann mir vorstellen, dass dieses Buch nicht leicht aufzustöbern ist. Wenn Sie einen Augenblick warten wollen. Ich werde sofort nachsehen.“
„Sie sind sehr freundlich.“ Die Kundin lächelte dankbar, während er im Hinterzimmer verschwand. Wenn ihn nicht alles täuschte, befand sich dieses Werk in seinem Fundus. Es wäre schön, wenn er der jungen Frau eine Freude machen könnte. Sie war sehr nett. Mit dem Zeigefinger fuhr er über die staubigen Buchrücken, als er plötzlich innehielt. Da war es! Sachte zog er das Buch aus dem Regal und wischte mit seinem Ärmel über den Stoffeinband.
„Alfred, du warst böse!“ Die geifernde Stimme seiner Mutter ließ ihn zusammenzucken. Vor seinem geistigen Auge sah er, wie sie die Hand nach dem verhassten Ledergürtel ausstreckte. „Du wirst ohne Abendbrot zu Bett gehen. Aber vorher gibt es noch ein paar Schläge. Los, zieh die Hose aus!“
Angsterfüllt umklammerte er das Märchenbuch. „Nein, bitte nicht!“ Geduckt erwartete er die imaginären Schläge, doch sie blieben aus. Stattdessen meinte er eine Hand zu spüren, die ihm zärtlich über die blonden Locken strich.
„Mein Liebling, welches Märchen möchtest du gerne hören?
Aschenputtel vielleicht?“
Er nickte zaghaft, kaum verwundert über den plötzlichen Sinneswandel seiner Mutter, den er viel zu oft miterlebt hatte. Schleppenden Schrittes ging er in den Verkaufsraum zurück und reichte der Kundin das gewünschte Buch. Sie nahm es freudestrahlend entgegen, bezahlte und verließ den Laden, während er ihr ausdruckslos hinterher starrte.
Keine Minute später folgte er ihr. Der Heimweg schien sie durch das stillgelegte Fabrikgelände zu führen. Welch glückliche Fügung! Während er den Abstand zu ihr verringerte, zog er ein Tuch und eine kleine Flasche aus der Tasche. Eilig tränkte er den Stoff mit der Flüssigkeit aus dem Behältnis. Nur noch wenige Schritte, schon presste er die Hand auf ihren Mund und erstickte so den aufkeimenden Protest. Ohnmächtig sank sie gegen seine Brust. Ein hastiger Blick, dann verschwand er mit der süßen Last auf seinen Armen in einer der Lagerhallen, ihre Handtasche warf er achtlos in den Müllcontainer. Behutsam bettete er sie auf einen Tisch, seine Jacke stopfte er unter ihren Kopf. „Meine Prinzessin soll es bequem haben“, flüsterte er ihr fürsorglich ins Ohr. „Und damit sie mir brav zuhört und nicht wegläuft, werde ich ein bisschen nachhelfen.“ Mit diesen Worten zog er eine Spritze aus seiner Hosentasche, schob ihren Ärmel hoch und führte die feine Nadel in ihre Vene ein. Nachdem er ihr das Nervengift verabreicht hatte, setzte er sich neben sie, das Märchenbuch auf seinen Schenkeln. Mit sanfter Stimme begann er zu lesen: „Es war einmal vor langer Zeit …“ Kaum waren die ersten Worte über seine Lippen gekommen, begannen ihre Augenlider zu flattern. „Guten Morgen, Prinzessin. Hast du gut geschlafen?“ Er las die Panik in ihrem Blick, hörte sie unverständliche Worte brabbeln.
Beruhigend strich er eine Haarsträhne aus ihrem Gesicht. „Ich weiß, du kannst dich nicht bewegen, aber glaub mir, es ist nur zu deinem Besten. Du willst die Geschichte doch zu Ende hören, oder nicht? Vielleicht kann ich sie sogar etwas spannender gestalten.“ Lächelnd hielt er ihr ein Messer vor das Gesicht. „Hübsch, nicht? Wo war ich stehen geblieben? Ach ja … rucke di gu, rucke di gu, Blut ist im Schuh.“ Er sprach die Worte in einer Art Singsang vor sich hin, während er die Klinge langsam über ihre Wade gleiten ließ. Der Stahl teilte ihr Fleisch und Blut quoll hervor. Ein feines Rinnsal, dem weitere folgten. „Wie schön …“ Verklärt bewunderte er die blutigen Linien, die sich wie Straßen auf einer Landkarte über ihre Beine wanden. „Zu schade, dass du mein Werk nicht spüren kannst, aber du würdest es in deiner Furcht zerstören. Das kann ich nicht zulassen.“ Als er ihren Blick auffing, entdeckte er Tränen in ihren Augen. Und Todesangst, die ihm das Adrenalin durch die Adern rinnen ließ.
Wie sehr er diese Augenblicke liebte!
Wenn sie sich an den letzten Funken Hoffnung klammerten, obwohl sie wussten, dass ihr Leben bereits begonnen hatte, aus ihren Körpern zu fließen. Beinahe zärtlich ließ er die Klinge über ihren Hals wandern. „Wie du weißt, ist das Märchen bald zu Ende. Kannst du dich an die letzten Worte erinnern?“ Er brachte sein Gesicht so nahe an ihres, dass er ihre Angst förmlich riechen konnte. Dann setzte er die Klinge an, um den tödlichen Schnitt auszuführen. „Und wenn sie nicht gestorben ist …“
Da zerfetzte ein Schuss die Luft. Die Kugel traf seine Schulter und ließ ihn einmal um die eigene Achse wirbeln. Dann brach er mit schmerzverzerrtem Gesicht zusammen.
„Alfred Herzog, Sie sind vorläufig festgenommen wegen des dringenden Tatverdachts drei Frauen ermordet zu haben. Sie
haben das Recht auf einen Anwalt …“
Die Worte drangen nur undeutlich in seinen Geist. Was passierte hier? Warum hatten sie ihn verletzt? Sie war doch böse gewesen. Und nur böse Menschen mussten bestraft werden. Verstört blickte er um sich.
„Sie haben Ihre Spuren gut verwischt, Herzog. Doch leider haben Sie ein wichtiges Detail vergessen. Nämlich die Kassenbons in den Taschen der Toten. So konnten wir eine Verbindung zwischen den Opfern herstellen: den Kauf von Märchenbüchern. Dann mussten wir nur noch ein wenig in Ihrer Vergangenheit stöbern. Sie leiden sehr unter dem gestörten Verhältnis zu Ihrer schizophrenen Mutter. Sie war oft böse mit Ihnen, hab ich Recht?“
Er blickte in die Augen des Kommissars, dann senkte er beschämt den Kopf. „Alfred böse. Muss bestraft werden. Alfred böse …“
Schweigend wurde er abgeführt.
04. Aug. 2009 - Linda Koeberl
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