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Der stille Tod
von Bernd Rümmelein

Crossvalley Smith Crossvalley Smith
© http://www.crossvalley-design.de
Das eigene Kind zu Grabe zu tragen, gehört zu den schrecklichsten Schicksalsschlägen im Leben. Es ist als stürbe unser Innerstes selbst. Unbegreiflich und traumatisch zugleich. Wir wollen und können nicht verstehen, warum uns das Schicksal eine solche Prüfung auferlegt. Vielleicht sollen wir nicht verstehen, weil die Erkenntnis besser im Schatten bliebe. Möglicherweise sind wir nicht in der Lage, die Mauer zu überwinden, die sich vor unserem inneren Auge in jenem Moment aufbaut. Wir belagern sie; wir versuchen sie mit Gewalt zu durchbrechen; wir setzen alles daran, über sie hinaus zu klettern, um endlich zu sehen was sich auf der anderen Seite verbirgt. Und doch will es uns nicht gelingen. Je höher wir gelangen, umso höher scheint die Mauer. Der Tod gehört unzertrennlich zum Leben und doch fürchten wir ihn. Das Unbekannte. Die Ungewissheit. Was erwartet uns? Das Nichts? Die Ewigkeit? Die Finsternis oder der Himmel? Es gibt kein Zurück. Was wird mit unserem Kind geschehen? Wer soll es vor dem Ungewissen schützen, so alleine und bedürftig? Unsere eigene Hilflosigkeit in der tiefsten Verzweiflung bringt uns an den Rand des Wahnsinns und stürzt uns in eine Dunkelheit, die wir nie zuvor kannten.

Szenentrenner


Sein Blick war starr, das Gesicht schmal, die Augen rot umrändert, die Lippen zusammengepresst, die Mundwinkel leicht nach unten gezogen. Jure hatte schon seit längerer Zeit nicht mehr geschlafen. Er hatte seit drei Tagen vergessen, sich den Bart zu stutzen. Jedermann konnte ihm die Anstrengung und Verzweiflung der vergangenen Tage ansehen. Er wirkte blass. Leichenblass. Er war sichtlich bemüht, keine Regung zu zeigen. Seine Gesichtsfarbe glich der des kleinen, toten Jungen auf seinen Armen.
Der Vater trug sein totes Kind als ob er es in den Schlaf wiegen wollte. Andere der Zeremonie beiwohnende Trauergäste tuschelten leise unter vorgehaltener Hand untereinander. Er trage den nunmehr fast Dreijährigen als wolle er die Dorfgemeinschaft, nein die ganze Welt, nein sogar Gott, des Verlustes anklagen, flüsterten sie kaum hörbar.
Es regnete. Die nassen Haarsträhnen hingen Jure ins Gesicht. Seine Kleider waren durchnässt und klebten kalt auf seiner Haut. Der Vater fror. Seine Beine zitterten, weigerten sich beinahe, die entscheidenden Schritte zu gehen, das Kind zur letzten Ruhe zu betten. Er hatte trotz langsamen Trittes Mühe, nicht auf dem schlammigen Boden auszurutschen. Er musste stark bleiben und zudem die schluchzende Frau an seiner Seite stützen. Lucia hatte sich bei Jure untergehakt und versuchte andauernd, das Kind zu streicheln und es ihm wegzunehmen. Die Mutter schien nicht zu begreifen, dass ihr Kind tot war. Wie sollte sie auch, Jure begriff es doch selbst kaum. Sie drohte jeden Augenblick zusammenzubrechen.
Der Weg des Trauerzugs zum alten Friedhof unter dem Lindenbaum am Rande des Dorfes war nicht weit und doch zog er sich wie eine halbe Ewigkeit. Jure schritt dem Zug eisern voran. Die Mutter des Kindes neben ihm. Halb zog er sie, halb ging sie unfreiwillig wie durch einen fremden Geist getragen. Dahinter folgte schwer schnaufend der fettleibige, glatzköpfige Priester mit den schwülstigen Lippen und den viel zu kleinen Augen, der selbst an dem silbernen Kruzifix um seinen Hals noch zu schwer zu tragen schien und aussah als schleppe er die schwerste Last von allen zu seiner eigenen Kreuzigung.
Neben ihm gingen die beiden Messdiener, mit Weihrauch, heiliger Schrift und geweihtem Wasser gerüstete Knaben. Im Dorf wurde gemunkelt, der Priester fasse die Knaben gelegentlich nur allzu gerne an. Dort wo es sich nicht geziemt und schon gar nicht für einen Mann Gottes. Ihre Schuhe und die langen Gewänder waren am Saum mit Schlamm bespritzt.
Ihnen hinterher trottete still mit gesenkten Köpfen, überwiegend in Schwarz gewandet, jeweils in einer Reihe zwei, höchstens drei Menschen nebeneinander, das halbe Dorf.
Der Totengräber wartete regungslos neben dem kleinen, offenen Grab, das er am Vormittag ausgehoben hatte. Ein breitkrempiger Hut auf dem Kopf versteckte einen Teil des griesgrämigen Blickes des schwer schuftenden Mannes.
Jure hatte sich geweigert, seinen geliebten Sohn in einem Sarg auf den Friedhof tragen zu lassen. Gegen alle Widerstände des Priesters und des Dorfrates hatte er darauf bestanden, dies auf seinen Armen selbst zu tun. Erst am Grab wollte er das Kind in den schlichten, hölzernen Kindersarg betten, den er während der letzten Trauertage schwersten Herzens selbst gezimmert und hübsch ausgekleidet hatte.
Der Priester begrüßte den Totengräber mit einem Händedruck und bedankte sich für die Arbeit.
Jure starrte abwesend in das nasse, kalte Loch in der Erde, in welches er seinen über alles geliebten Sohn in Kürze hinablassen sollte. Seine Gedanken waren bei seinem Sohn. Vorsichtig legte er den kleinen Körper in den geöffneten Sarg und strich ihm behutsam über Kopf und Haare. Er zog eine kleine Holzpuppe aus seiner Jackentasche und legte sie in den Sarg neben Elias. Es war das Lieblingsspielzeug seines Sohnes, das er ihm einst geschnitzt hatte.
„Damit Du nicht so alleine sein musst. Schlaf gut und träume süß, mein Junge,“ hauchte er mit zitternder Stimme, „ich liebe dich.“
Der Schmerz überwältigte ihn für einen Augenblick. Ein furchtbarer Druck lastete auf seinem Herzen, erschwerte ihm das Atmen und gab ihm das Gefühl als könne es jeden Moment zerreißen. Gott, lass mich sterben, dachte Jure, ich ertrage das nicht. Gib mir Ruhe, bring mich zu ihm. Bitte!
Das Flehen nutzte nichts. Mit geschlossenen Augen holte er tief Luft, einmal, zweimal und ein drittes Mal, biss sich auf Zunge und Lippen bis sie bluteten, um nicht laut loszuschreien. Stattdessen entwich seiner Kehle ein tiefer Seufzer der Verzweiflung.
Die junge Mutter kniete im Schlamm vor dem Sarg und vergoss endlose Tränen, die sich mit den Regentropfen auf ihrem Gesicht vermischten. Sie schlug seine Hand weg, die er ihr tröstend auf die Schulter gelegt hatte. Ihre Arme umschlangen den Sohn, hielten ihn fest, wiegten ihn hin und her und wollten seinen Körper einfach nicht loslassen. Sie schrie erschütternd und wehrte sich indem sie um sich schlug, als sie von einigen helfenden Händen von ihrem einzigen Kind weggezogen und auf die Beine gestellt wurde.
Jure nickte ermattet, nachdem ihn der Priester gefragt hatte, ob er damit einverstanden sei, wenn der Sarg jetzt geschlossen würde. Er wagte einen allerletzten Blick auf das friedliche Gesicht des Jungen. Er sieht aus wie ein Engel, dachte er und versuchte sich einzureden, sein Sohn schlafe nur sanft in seinem Bettchen und könne jederzeit aufwachen. Dennoch wusste er in seinem Innersten, dass er tot war und sein Körper gleich unter die Erde gebracht wurde. Alleine die Vorstellung ließ ihn frösteln. Spürbar kroch die Kälte in sein Herz, die seine Gedanken verdunkeln ließ.
Warum, oh Gott, fragte er im Stillen, warum bestrafst du uns? Was haben wir getan? Das ist ungerecht und grausam. Ich hasse dich. Weshalb musste Elias sterben? Er war doch noch so klein und unschuldig. Nimm mich an seiner Stelle. Bitte, lass ihn leben.
Der Sargdeckel wurde aufgesetzt. Jeder Schlag, der einen Nagel in den Sarg trieb, tat ihm spürbar weh und ließ ihn jedes Mal aufs Neue zusammenzucken. Es war als schlügen sie ihm Eisendorne mitten ins Herz.
Der Priester sprach ein kurzes Gebet. Nachdem er geendet hatte, stimmte er mit der Trauergemeinde ein Lied an. Jure hörte weder die Melodie noch die Worte. Sie hätten schreien und ihn schlagen können, es hätte ihn nicht gekümmert. Seine Lippen bewegten sich nicht. Sein Blick haftete auf dem geschlossenen Kindersarg, der während der Gesang noch andauerte, langsam in das tiefe Loch hinabgelassen wurde. Lucia verbarg ihr Gesicht hinter den Händen. Ihr Wehklagen ging Jure durch Mark und Bein. Jure legte den Arm um die Schultern seiner am ganzen Leib zitternden Frau, zog sie an sich und hielt sie so fest er nur konnte. Ich bin furchtbar müde, ging es ihm plötzlich durch den Kopf, so müde. Er fühlte sich ermattet, hilflos und verzweifelt. Alles zugleich. Nichts auf dieser Welt konnte ihm Elias wiederbringen. Nie wieder würde es ihm gestattet sein, das fröhliche Lachen des Jungen beim gemeinsamen Spiel zu hören. Weder das strahlende Kindergesicht noch die wundervollen Blicke so voller Staunen würden ihm künftig das Herz erheben, wenn er eine kleine Überraschung nach Hause mitbrächte. Sein Leben endete hier und jetzt in diesem Augenblick, in dem der Sarg auf dem Grund der Grube angelangt war.
„Asche zu Asche...Staub zu Staub...“, sprach der Priester und beendete das Gebet zum Begräbnis indem er eine handvoll Erde in die Grube warf.
Jure nahm die Worte nicht wahr. Nicht bewusst jedenfalls. Er kniete sich in den Schlamm am Rande des Grabes und blickte lange regungslos auf den Sarg hinab. Es mochte vielleicht eine Viertelstunde oder mehr vergangen sein. Der Priester räusperte sich ungeduldig. Dann stand Jure einfach auf, ließ alle stehen, nahm Lucia an die Hand und ging mit ihr wortlos durch den Regen davon. Die Menschen aus dem Dorf, die zur Beerdigung gekommen waren, blickten Elias Eltern verständnislos nach bis sie schließlich aus ihrem Blickfeld verschwunden waren. Manche schüttelten den Kopf. Andere tuschelten.

Szenentrenner


Nur eine Woche hatte das Leiden des kleinen Elias gedauert seit Beginn der unerklärlichen Krankheit, die ihn letztlich das Leben gekostet hatte. Jeden Tag war er zusehends schwächer geworden. Schwere Muskelkrämpfe hatten ihn geplagt. Essensgerüche waren ihm lästig geworden und er verweigerte selbst seinen Lieblingsbrei, weil er ihn nicht mehr schlucken konnte. Am ersten Tag hatte es mit einem leichten Fieber begonnen. Elias hatte von einem fliegenden Engel phantasiert, wunderschön mit ledernen Schwingen, der ihn des Nachts aus dem Bettchen rief und mit ihm in der Nähe des Friedhofs unter der Linde spielte. Bereits am zweiten Tag hatten sie den Schlafraum des Jungen verdunkeln müssen, da das Licht des Tages ihn in seinen Augen schmerzte. Jeden Morgen hatte er blasser gewirkt als noch am Abend zuvor. Der am dritten Tage zur Hilfe gerufene Medicus war der Überzeugung, dass Elias aufgrund des Fiebers Wahnvorstellungen entwickelte. Des Nachts gebärdete er sich wild, biss und schlug um sich. Blut rann über seine Lippen als er sich während eines nächtlichen Tobsuchtsanfalles in die Zunge gebissen hatte. Nachdem der Medicus vermutete, der Junge sei von einem Fuchs oder anderen Tier gebissen worden und sei nun tollwütig geworden, hatte er ihn innerhalb einer Woche insgesamt dreimal zur Ader gelassen. Doch der Aderlass war vergebens und Elias war nach jeder Prozedur noch mehr geschwächt worden. Die Dorfgemeinschaft mied die Familie und versagte ihr jede Hilfe, nachdem sie durch den Medicus vernommen hatten, das Kind litte aus unerfindlichen Gründen an einer ansteckenden Krankheit. Wilde Gerüchte waren im Dorf in jener dunklen Woche verbreitet worden. Das Kind sei vom Teufel besessen oder noch schlimmer, Opfer der alten Bäuerin Josinda geworden, die erst vor wenigen Tagen das Zeitliche gesegnet hatte und als böse Hexe und Kinderhasserin verschrien war. Die Dorfbewohner glaubten, sie wandle in dunklen Nächten als Nachzehrerin auf dem alten Friedhof umher. Als sich der Zustand des Kindes immer weiter verschlechterte, wusste der Medicus keinen Rat mehr. Sie hatten bald den Priester gerufen, der dem Kind jedoch aus Angst vor der Tollwut und der Möglichkeit einer dämonischen Besessenheit die Sterbesakramente verweigerte. Am vierten und am fünften Tage fiel Elias in eine Art Delirium. Er erkannte niemanden mehr um sich herum und wusste nicht wer er war und wo er sich befand. Am sechsten Tage wurde der kleine Knabe still. Sehr still. Totenstill.
Am siebten Tage starb Elias. Es war in den frühen Morgenstunden kurz nach Sonnenaufgang. Ein stiller Tod. Lediglich Jure hatte dösend an seinem Bettchen gesessen und die Hand des Jungen bis zu seinem letzten Atemzug gehalten. Lucia hatte die Nächte davor über ihren einzigen Sohn gewacht, dessen Geburt vor fast drei Jahren sie beinahe umgebracht hätte und ihr die Möglichkeit genommen hatte, weitere Kinder zu gebären. Schließlich war sie vor Übermüdung vollkommen ermattet eingeschlafen und hatte deshalb den Tod ihres Kindes versäumt.

Szenentrenner


Lucia weinte, schrie und tobte die ganze Nacht durch, bevor sie am Morgen des auf die Beerdigung folgenden Tages in einen unruhigen Erschöpfungsschlaf fiel. Jure versuchte sie zu trösten, wo er doch selbst keinen Trost fand. Schließlich gab er jede Hoffnung auf und stürzte sich in die Arbeit. Die Felder mussten ein letztes Mal gepflügt werden und er musste Brennholz für den bevorstehenden Winter besorgen, wenn sie nicht schon bald in ihrer bescheidenen Hütte erfrieren wollten. Im Grunde kümmerte es ihn nicht mehr. Wenn es nach ihm ginge, wäre er lieber erfroren, als dieses Leben weiter leben zu müssen. Aber er hatte eine Verantwortung für seine Familie übernommen. Lucia war seine Frau und er liebte sie, selbst dann noch, wenn sie allmählich dem Wahnsinn verfallen sollte oder untröstlich blieb.
Als Jure am Abend nach Hause kam, fand er das Haus dunkel und die Tür verschlossen vor. Nicht ahnend wohin Lucia gegangen sein könnte, musste er die Haustüre mit Gewalt öffnen, indem er sie eintrat. Was er jedoch vorfand, traf ihn wie ein Faustschlag mitten ins Gesicht. Sein Herz pochte bis zum Hals und drohte zu zerspringen. Jure fiel auf die Knie, die Hände vor das Gesicht geschlagen und schrie, schrie aus Leibeskräften bis ihm die Stimme versagte.
Von den Schreien des zutiefst erschütterten Mannes angelockt, hatte sich bald das halbe Dorf vor seinem Haus eingefunden. Ihre neugierigen und zugleich von Entsetzen gezeichneten Blicke blieben gebannt auf der sich ihnen dargebotenen Szene des Grauens haften als sie endlich den wahren Grund für Jures Verzweiflung erkannten.
Lucia hatte sich in der Wohnstube erhängt. Ihr lebloser Körper baumelte, die Füße in der Luft, an einer Strumpfhose vom Deckenbalken herab. Ihr Kopf saß schief auf den Schultern und starrte die vor dem Haus Versammelten aus weit aufgerissenen toten Augen vorwurfsvoll an. Aus dem halb geöffneten Mund hing ihre Zunge heraus.
„Verschwindet,“ schrie Jure, wobei sich seine Stimme überschlug, „lasst uns in Ruhe.“
Die Tür laut krachend hinter sich zuschlagend, verschwand er im Haus, ohne sich noch um die Nachbarn und das empörte Stimmengewirr zu kümmern.
Mit zittrigen Händen gelang es ihm nur mit einiger Mühe, Lucia vom Deckenbalken abzuschneiden und ihren schon erkalteten, steifen Leib vor dem Aufprall aufzufangen. Dann sank er zu Boden, wiegte die Tote in seinen Armen hin und her. Er weinte bittere Tränen. Weinte bis keine Flüssigkeit mehr vorhanden war und seine Augen nur noch wie Höllenfeuer brannten. Wohl wissend, dass der Priester ein Begräbnis in geweihter Erde ablehnen und den Segen verweigern würde, kam Jure den zu erwartenden Ausflüchten des Gottesdieners zuvor und brachte zu Ende, was er als seine erste und schwerste Verpflichtung Lucia gegenüber empfand. Es mochten Stunden bis zur morgendlichen Dämmerung vergangen sein bis sich Jure schließlich schwerfällig erhob, einen Spaten ergriff und mit Lucias Körper über den Schultern das Haus verließ, um sie von neugierigen Augen ungesehen auf einer Lichtung im Wald an einem ihrer Lieblingsplätze zu begraben und sich ein letztes Mal von ihr zu verabschieden. Sie war eine gute Frau gewesen. Mehr konnte er nicht mehr für sie tun.
Am späten Nachmittag kehrte er nur mit dem Spaten in der Hand zurück. Jure fühlte sich leer. In der Einsamkeit spürte er weder Trauer noch Verzweiflung. Er war nicht mehr in der Lage irgendetwas zu empfinden. Die Fenster verdunkelt, lebte er zurückgezogen in seinem Haus und mied die Gesellschaft der anderen Dorfbewohner. Nichts war ihm mehr wichtig. Er vergaß zu essen und sich zu waschen.

Nur einige Tage später erkrankte Jure schwer. Hohes Fieber und ein bösartiger Husten warfen ihn darnieder und zwangen ihn ins Bett. Bald spuckte er Blut während ihn schwere Hustenanfälle plagten. In den wenigen klaren Momenten, die ihm noch blieben, wusste Jure, dass er sich mit der Schwindsucht angesteckt hatte, von der in letzter Zeit schon einige Menschen im Dorf betroffen waren. Nicht wenige von den Nachbarn hatten ihre letzte Ruhe auf dem alten Friedhof unter der Linde gefunden, wo jetzt auch sein Junge lag. Ob Elias da unten in seinem Grab wohl fror, hing Jure düsteren Gedanken nach.
In der folgenden Nacht schreckte Jure schweißgebadet aus seinem Bett hoch. Ein ungewohntes Geräusch hatte ihn aus dem ohnehin unruhigen und von Fieberträumen geplagten Schlaf geweckt. Es hatte sich wie ein Scharren an der Tür angehört. Bevor er der Ursache auf den Grund gehen konnte, ließ ihn ein Hustenanfall beinahe ersticken. Da war es wieder. Es kam eindeutig von der Haustür. Irgendetwas kratzte leise daran. Jure entzündete eine Kerze neben seinem Bett und schwang die Beine über die Kante. Schüttelfrost packte seinen Körper, ließ in zähneklappernd schlottern und seine Knie zittern. Seine Beine wollten ihn kaum tragen. Mehr schwankend als mit aufrechtem Gang gelangte er zum Fenster und spähte hinaus. Jure war nicht in der Lage, etwas zu erkennen. Vielleicht hatten ihm seine Sinne einen Streich gespielt. Doch plötzlich hörte er eine ihm vertraute Stimme, die leise nach ihm rief. Er traute seinen Ohren kaum. Das konnte nicht wirklich sein.
„Papa, ich bin hier. Lass mich rein,“ rief Elias.
Der kleine Junge klang geschwächt. Jure stürzte zur Tür und riss sie mit einem Ruck auf. Im ersten Augenblick dachte er, er sei verrückt geworden oder das Fieber täusche ihn. Vor der Tür stand tatsächlich sein Sohn. Unverändert blass, die Lippen blau angelaufen, dunkle Ränder unter den Augen. Das Weiße blutunterlaufen. Der Vater zögerte. War dies Elias? Ohne jeden Zweifel sah er aus wie der Junge, den er vor einigen Tagen begraben musste. Und doch wirkte er verändert. Die Iris seiner Augen schimmerten im schwachen Kerzenschein wie die einer Katze, was Elias einen verschlagenen Ausdruck verlieh.
Der Schmerz des Vaters saß tief. Jure wusste nicht, was er empfinden sollte. War es Freude über die unerwartete Rückkehr des verlorenen Sohnes, die sein Herz bis zum Hals schlagen ließ oder war es die nackte Furcht vor der unerwarteten nächtlichen Erscheinung. Welch seltsames Wesen stand vor ihm und bat flehend um Einlass? Sollte sein Sohn etwa ein seelenloser Wiedergänger oder ein Geschöpf der Nacht auf der Suche nach Blut geworden sein?
Elias ist tot, ging es ihm durch den Kopf. Kein Mensch steht von den Toten auf. Die Erscheinung konnte nicht mit rechten Dingen zugehen. Vielleicht war es eine Wahnvorstellung. Was wäre, wenn sie den armen Jungen lebendig begraben hätten? Nicht vorzustellen, welche Qualen er in der Finsternis seines Grabes ausgestanden haben musste. Aber das konnte nicht sein. Elias hätte nicht überleben können, jedenfalls nicht so lange. Womit hatte er nur diese Strafe verdient?
„Wer bist du?“, fragte Jure mit zitternder Stimme.
„Ich bin es, Papa. Elias!“, flüsterte der Junge vor der Tür. „Komm mit mir, ich will dir etwas zeigen.“
Tränen traten in Jures Augen.
„Bist du es wirklich?“, fragte er ungläubig. „Was ist mit dir geschehen?“
„Ja“, antwortete Elias, ohne ihm eine Erklärung für seine Wiederkehr zu geben.„Nun komm.“
Die Leere in Jure war vollständiger Verwirrung gewichen. Elias ergriff die Hand des Vaters und zog ihn aus dem Haus. Jure ließ es widerstandslos geschehen. Die Hand des Knaben fühlte sich eiskalt an. Als ob sie an einem gewöhnlichen Sonntagnachmittag durch das Dorf spazieren gingen, führte er seinen Vater an der Hand geradewegs zum alten Friedhof.
Wie in einem Traum wandelte Jure an der Hand seines kleinen Sohnes zum Friedhof. Er konnte sich nicht entscheiden, ob es ein Albtraum war, in welchem ihn Elias als Nachtmahr im tiefen Schlaf drückte oder ob es ein Traum von Glück war, der seinen Sohn ins Leben zurückgeführt hatte.
Als sie den Lindenbaum am Friedhof erreicht hatten, blieben sie Hand in Hand unter den mächtigen Zweigen des Baumes stehen.
„Schau, Papa!“ Elias deutete mit der freien Hand in Richtung Baumwipfel.
Jures Blick wanderte nach oben und blieb auf einer in ein strahlend weißes Gewand gehüllten Gestalt haften, die sich auf den obersten Ästen des Baumes hinter dichtem Blattwerk verborgen gehalten hatte. Sie stieg langsam herab und doch sah es aus, als berührte sie dabei keinen Ast, streifte nicht einmal ein einzelnes Blatt, sondern schwebte vielmehr grazil mit ausgebreiteten Schwingen dem Boden entgegen. Das Wesen erschien Jure wie ein wunderschöner Engel. Jure sah ihr direkt in die Augen und war sofort gefangen. Ihr langes, dunkles Haar bewegte sich wallend im Windhauch, der sanft durch die Blätter des Lindenbaums streifte. Auf ihren vollen Lippen zeichnete sich ein liebliches Lächeln ab. Sie wirkte zerbrechlich und doch auf seltsame Weise stark. Das bezaubernde Wesen hatte entfernt Ähnlichkeit mit Lucia. Und Jure verstand, warum sich Elias offenbar auf sie eingelassen hatte.
„Du bist der traurigste Mensch, der mir je begegnet ist“, sagte sie mit einer entzückenden Stimme, die Jure wie Balsam für die verwundete Seele anmutete.
Jure stand wie angewurzelt. Fasziniert von der überaus mächtigen Erscheinung und ihrer fesselnden Ausstrahlung konnte er seinen Blick nicht von ihr nehmen. Es fiel ihm schwer, klar zu denken. Er fühlte sich wie ein Ertrinkender im tiefen Wasser, dem jeden Moment ein Rettungsring zugeworfen wurde.
„Ich kann dir helfen, wenn du das möchtest“, fuhr sie lächelnd mit betörender Stimme fort. „Deinen Schmerz, deine Trauer will ich dir nehmen. Von der tödlichen Krankheit, die deine Lungen befallen hat, werde ich dich heilen. Bist du bereit für die Unsterblichkeit?“
Elias! Sie war es, die Elias getötet hat, ging es ihm durch den Kopf. Sie hat aus ihm eine Kreatur der Finsternis gemacht. Ein plötzliches Leuchten in ihren Augen ließ ihn für einen Augenblick aus seiner Erstarrung erwachen. Sie schien seine Gedanken erfassen zu können. Sie ist ein verdammter Vampir, dachte er erschrocken und begann zu frösteln. Ihr Blick bohrte sich erneut in seine Augen und hielten ihn fest. Jure hatte das Gefühl als ob ihr Lächeln grausam sei und keineswegs liebreizend, wie er es anfangs empfunden hatte.
„Was bist du?“ Das Sprechen fiel ihm schwer.
„Ich bin ein Nachtgespenst. Mein Name ist Lilim“, antwortete sie und bleckte währenddessen ihre Zähne. „Im Grunde bin ich aber nur das, was du dir wünschst. Die Erlösung von all deinen Leiden. Der stille Tod.“
„Du hast meinen Sohn getötet“, keuchte Jure.
„Ich schenkte meinem süßen Spielgefährten ewiges Leben“, erwiderte Lilim, „das ist ein Unterschied. Nicht wahr? Er ist jetzt ein Kind der Nacht, so wie ich es bin und du sein könntest. Möchtest du denn nicht die Ewigkeit mit uns verbringen?“
Jure wusste nicht, was er darauf antworten sollte. Seit dem Tag, an dem Elias starb und sich Lucia das Leben genommen hatte, hatte er sich nichts als den Tod gewünscht. Sich regelrecht danach gesehnt. Den stillen Tod, der seine Verzweiflung ein für allemal auslöschen würde und ihm endlich Ruhe schenkte. Natürlich wollte er für seinen Sohn sorgen und für ihn da sein. Was gab es Besseres als dies für die Ewigkeit zu tun? Aber so? Das war es nicht, was er sich vorgestellt hatte.
„Du wirst sterben, Jure“, stellte Lilim fest. „So oder so. Die Krankheit zerfrisst deine Lungen. Es gibt nicht nur einen Tod. Vieles liegt dazwischen, was ein sterblicher Mensch niemals verstehen kann. Ich lasse dir die freie Wahl. Doch bedenke, dein Sohn braucht dich. Das Blut des Vaters, das ihm Stärke gibt und ihn wachsen lässt. Deine Frau wählte den freien Tod und schmort dafür in der Hölle. Ihre Seele ist längst verloren. Was also hast du zu verlieren? Wähle den qualvollen Tod und nimm den Schmerz, die Trauer und die Verzweiflung mit ins kalte Grab. Sie werden dir den Segen verweigern, wie sie es bei deiner Frau getan hätten und dich in ungeweihte Erde legen. Was glaubst du wird dich dort erwarten? Wähle den stillen Tod, der nichts anderes bedeutet als zu vergessen und an der Seite deines Sohnes neu zu beginnen. Wähle!“
Jure war wie benebelt. Er blickte lange auf seinen Sohn und flüsterte kaum hörbar: „Der stille Tod.“
Lilim lächelte, breitete die Arme aus und frohlockte: „Dann komm. Es ist Zeit zu sterben und zu vergessen.“

Szenentrenner


Am nächsten Morgen fand der Totengräber Jures blutleeren Leichnam unter der Linde. Sie begruben ihn noch am selben Tag neben Elias.

...und das war erst der Anfang vom Ende.

27. Sep. 2009 - Bernd Rümmelein

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