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Gelbe Früchte
von Marc A. Herren

Diese Kurzgeschichte ist Teil der Kolumne:

SUN QUEST
U. Zietsch
5 Beiträge / 3 Kurzgeschichten vorhanden
Andrä Martyna Andrä Martyna
© http://www.andrae-martyna.de/

Eine Story zur Serie "SunQuest"/ Eine Geschichte aus ELIUM



Der gewaltige Orgamechanoid stampft. Malmt. Dröhnt.
Er riecht nach ledrigem Fleisch. Nach Öl und Dreck. Und verfaultem Abfall.
ELIUMS Boden bebt unter den Stößen der Kolben und dem Zermalmtwerden der Dinge, die man nicht mehr wollte, zwischen den Walzen des Abfallvernichters.
Dinge, die man nicht mehr wollte.
Dinge wie ihn.
Ihn will auch niemand mehr. Seit sie herausgefunden haben, was er ist. Sie murmeln höchstens eine Entschuldigung und machen, dass sie möglichst schnell aus seiner unangenehmen Nähe verschwinden. Er ist ihnen nicht geheuer, weil er zu viel weiß. Selbst, wenn er es nicht sagt, wissen sie, dass seine Psimagie ihm Dinge verrät. Zu viele Dinge über zu sie, aus ihrem Innersten, das sie normalerweise nicht einmal ihren Liebsten offenbaren.
Colin blickt in die Walzen, die mit urwüchsiger Kraft alte Stühle, Gestelle, Verpackungen und mehrere Töpfe zwischen sich zerquetschen. Es knackt. Feiner Staub steigt ihm in die Nase.
Ob er es wohl hören wird, wie der Orgamechanoide seine Knochen zerlegt? Sollte er versuchen, mit dem Kopf voran zwischen die Walzen zu springen? Ein explosionsartig ansteigender Druck auf seine Schädelwände wäre die letzte Empfindung, die er diesseits des Lebens haben würde. Dann wäre es vorbei.
Oder sollte er Manns genug sein und mit den Beinen zuerst in den Orgamechanoiden springen? Zusehen, wie das Maschinenleben ihn langsam und unerbittlich auffrisst – Knochen für Knochen? Wie das Fleisch zerdrückt wird, das Blut herausgepresst?
Colin atmet ein.
Er beschließt, nicht mehr zu denken. Zwei Schritte, mehr ist nicht vonnöten. Wie viel braucht es, um ein Leben zu beginnen – und wie viel, es zu beenden?
Zwei Schritte.
Das Stampfen gerät in den Takt des Blutes, das in seinen Ohren dröhnt. Colin sieht in die Walzen, die in Augenblicken nehmen, was zuvor Bestand gehabt hatte.
Der Gedanke dehnt sich unendlich
Jetzt.
»Nicht!«, sagt da eine feine Stimme. Fast hätte er sie überhört.
Überhört? Hat er nicht die ganze Zeit, während er sich auf den letzen, ultimativen Schritt vorbereitet hatte, angestrengt nach einem Zeichen gesucht, einem Fingerzeig, der ihn von seiner Tat abbrächte? Wäre ein Wispern, das der Wind über eine felsige Kante erzeugt hätte, nicht schon genug gewesen? Dieser Hunger nach Leben in dem Moment, in dem er seines scheinbar verwirkt hatte?
Er wendet sich um.
Ein kleiner Junge sitzt auf einer Kiste am Rand des Weges. Sein Gesicht sieht aus, als wäre es bei der Geburt, wenn der Schädel des Kindes noch weich ist, von einer furchtbaren Kraft auf der rechten Kopfseite zusammen gedrückt worden. Das Auge fehlt ganz, oder ist irgendwo zwischen den schorfigen Hautfalten verborgen. Der Kiefer ist bis zur rechten Schläfe in grotesker Form gepresst, der Mund zu einem schaurigen Lächeln verformt. Eine Missgeburt, ein Etwas.
Und doch lebt es. Sitzt in aufrechter Haltung, die Wirbelsäule durchgestreckt. Rundum scheint ein unsichtbarer Wall zu existieren. Das Wesen will die Distanz zu allem anderen Leben. Das sieht Colin dank seiner Gabe.
Colin kehrt sich wieder dem Abfallvernichter zu.
Ich muss es durchziehen, denkt er. Ich war schon fast durch.
»Tu es nicht!«
Ohne sich umzuwenden, stößt Colin aus: »Sei still und geh weg.«
»Weshalb willst du dich umbringen?«, fragt die zarte Stimme, die gegen den Lärm des Orgamechanoiden kaum verständlich ist.
Colin verkrampft sich, spannt die Muskeln an. Ballt die Fäuste. Er hat so lange mit sich kämpfen müssen, bis er endlich genügend Mut zusammengerafft hatte, um überhaupt so weit zu kommen. Und nun will ihn dieser … dieser …
»Geh weg!«
»Nein.«
Colin dreht sich um. Um ein Haar hätte er durch den Schwung sein Gleichgewicht verloren. Er rudert mit den Armen, bis er wieder sicher auf beiden Beinen steht.
»ELIUM ist groß«, sagt Colin. Die Wut in seinem Bauch drückt auf sein Herz, das rasend schnell schlägt. »Geh woanders hin, du … du … Missgeburt!«
In demselben Moment, in dem ihm das Wort über die Lippen kommt, sieht Colin, wie sehr es den Jungen verletzt. Wie seelischer Schmerz ihn durchflutet und er sich dabei Mühe gibt, nach außen nichts zu zeigen.
Colin erkennt, dass dieser Junge gegen dieselben Dämonen kämpfen muss wie er selbst. Die Vorurteile der anderen.
»Es … war nicht so gemeint«, presst er heraus.
Der Junge erhebt sich. »Worte sind Worte«, sagt er.
Langsam kommt er auf Colin zu. Hinkend zieht er das rechte Bein nach. Die gesamte rechte Körperseite des Jungen scheint verformt zu sein.
»Was willst du von mir?«
»Ich will nur etwas herausfinden.«
»Was?«
»Das sage ich dir, wenn ich dich berührt habe.«
Colin schüttelt verwirrt den Kopf. »Du kannst mich nicht aufhalten, Junge. Du kannst versuchen, mich von der Brüstung herunterzuziehen, aber ich werde wieder hinaufsteigen und dann springen. Ich habe mich entschieden!«
Aber der Junge kümmert sich nicht darum, was Colin sagt. Ohne ein weiteres Wort tritt er an die Brüstung und streckt seine linke Hand aus. Zitternde Finger fahren über Colins geschnürten Schuh, berühren eiskalt die Haut am Fußknöchel.
Colin will den Fuß wegziehen, doch er kann nicht. Er sieht, dass etwas in dem Jungen geschieht. Colin sieht, wie Bilder auf den Jungen einstürmen, ihn quälen. Die kalten Finger verkrampfen sich, sekundenlang bebt sein gesamter Körper.
Endlich lässt der Junge ihn los, taumelt, stürzt kraftlos in sich zusammen, um Sekunden später zu ihm hochzuschauen. In seinem verunstalteten Gesicht zeigte sich ein mattes, aber triumphierendes Lächeln.
»Du stirbst nicht heute, Colin«, sagt der Junge.
Wieder schüttelt Colin seinen Kopf, doch die Gedanken wollen sich nicht ordnen.
»Wie …«, haucht er. »Woher kennst du meinen Namen?«
»Wenn du stirbst, wird die Sonne im Zenit stehen«, sagt der seltsame Junge. Sein Auge glitzert. »Du liegst unter einem Baum mit gelben Früchten. Insekten summen. Ein Tier mit dichtem Pelz leckt deine rechte Hand. Und eine Frau weint um dich. Sie nennt dich Colin.«
Colin sieht, dass der Junge ihn nicht anlügt. Der Junge kann überhaupt nicht lügen. Plötzlich fühlen sich seine Beine an, als wären sie ganz weich und nachgiebig. Zitternd geht Colin in die Knie, tastet mit beiden Händen nach der fleischigen Brüstung und lässt sich langsam zu Boden gleiten.
»Du … hast meinen Tod gesehen?«, fragt er stockend.
Der Junge krabbelt eine Schrittlänge von ihm weg und erhebt sich zögernd.
»Du stirbst nicht heute«, sagt er erneut. »Und nicht in ELIUM.«
Colin geht einen Schritt auf den Jungen zu, der aber sofort zurückweicht. »Und die Frau … du sagst, sie weint um mich? Wie sieht sie aus?«
»Sie ist schön«, sagt der Junge. Seine Stimme überschlägt sich leicht, als ob er nur mit äußerster Anstrengung weitersprechen könnte. »Sie will nicht, dass du gehst.«
Damit dreht sich der Junge um und geht davon, so schnell es seine hinkende Gangart zulässt.
»So warte doch!«, ruft Colin ihm nach. Tausend Fragen stürmen auf ihn ein. Wichtige und weniger wichtige. Er unterdrückt den Impuls, dem Jungen zu folgen. Er sieht, dass der Junge jetzt allein sein muss.
Nur eine Frage, denkt Colin verzweifelt.
»Wie heißt du?«
Sein Ruf übertönt das Stampfen des Orgamechanoiden und wird von den ledrigen Wänden ELIUMS zurückgeworfen.
Doch der Junge ist bereits durch einen Quergang verschwunden. Eine Viererkolonne Kriggets marschiert im Gleichschritt daran vorbei.
Colin schlägt die Hände vors Gesicht und weint. Es ist lange her, seit er zum letzten Mal die wärmende Flamme der Hoffnung in sich gespürt hat.

11. Jan. 2010 - Marc A. Herren

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