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Aristoteles
von Alf Leue

Andrä Martyna Andrä Martyna
© http://www.andrae-martyna.de/

Mit dieser Story hat der Autor beim Wettbewerb des Autorenkreises Historischer Roman "Quo Vadis" zum Motto "Sternstunden der Menschheit" im Jahr 2009 den 2. Platz belegt.




„Du bist mir wirklich lieb und teuer, aber du strapazierst meine Nerven über die Gebühr“, stöhnte Sir Isaac Newton und sah auf Aristoteles hinab, der schnurrend um seine Beine strich. Newton gab nach. Er konnte diesem Kater einfach nicht böse sein, auch wenn er ihn fortwährend von der Arbeit abhielt. Er hob ihn sanft zu sich auf den Schoß und begann ihn zu kraulen. Aristoteles wand sich sofort wohlig im Stoffgebirge von Newtons Jacke und brummte. Newtons Labor war Aristoteles‘ neues Zuhause geworden, seit er ihm vor zwei Jahren zugelaufen war. Wahrscheinlich war es überhaupt das erste Zuhause dieser Straßenkatze, die sich sicher schon seit ihrer Geburt, in den Gassen Londons hatte herumtreiben müssen, um zu überleben. Ein geschlitztes Ohr und ein vernarbtes Auge zeugten von erbitterten Kämpfen um Abfall und Reviere. Doch derlei Gefechte brauchte Aristoteles nun nicht mehr auszutragen, stattdessen krallte er sich verspielt in Newtons Hände, der ihn daraufhin, unter einem zischenden Schmerzenslaut, wieder auf den Boden setzte.
„Weißt du eigentlich, warum ich dir deinen Namen gegeben habe?“
Newton sah den braun gestromten Kater an, als wartete er auf eine Antwort. Doch Aristoteles legte nur den Kopf schief, erwiderte Newtons Blick und ließ den buschigen Schwanz in einem eleganten Reigen über den Dielenboden tanzen.
„Nein, das kannst du nicht wissen“, beantwortete sich Newton selbst diese Frage. „Aber ich will es dir sagen. Zum einen ist Aristoteles ein wohlklingender Name und“, Newton hob den Zeigefinger. Die dichten Haare seiner Perücke, die ihre braunen Locken bis weit über seine Schultern warf, bebten, „zum anderen ist dieser Name auch ein Auftrag, eine Ermahnung an mich, das Werk dieses genialen Denkers zu würdigen. Vor allem aber, zu widerlegen“, fügte er hinzu. „Denn dein Namensgeber - war er auch ein Genius in vielerlei Dingen - behauptete, dass hier auf Erden andere Gesetzte gälten, als dort oben im Himmel.“
Newton streckte nun den noch immer erhobenen Zeigefinger theatralisch fast bis unter die Decke des niedrigen Raumes. Aristoteles selbst schien davon wenig beeindruckt und begann sich das Fell seiner Pfoten mit der Zunge zu säubern. Katzenwäsche statt Himmelkräfte. Isaac Newton bemerkte die geistige Abwesenheit seines Gesprächspartners, ließ den Arm sinken und schüttelte lächelnd den Kopf. Der Kater war sicher ein netter Zeitgenosse, doch tiefsinnige Dialoge mit ihm waren schwer möglich. Und dennoch waren diese Gespräche, die Newton mit Aristoteles von Zeit zu Zeit führte, eine hervorragende Prüfung, die Gedanken und Modelle, die er in seinem Hirn ersann, die er mit diversen Versuchen zu untermauern (oder zu widerlegen) suchte, auszuformulieren. Und auch wenn die Einwände, die Aristoteles zu Newtons Theorien und Axiomen machte, eher von äußerst stiller Natur waren, so schienen Wortgebilde, die in ihrem Kern die Wahrheit oder Unwahrheit einer Behauptung in sich trugen, von ihm in das Labor reflektiert zu werden. Und waren sie erst zurück ins Ohr des Wissenschaftlers gedrungen, so hatte sich ihr Klang verändert, ihr Aussehen, ihre Richtigkeit. Allein der kurze Abstand vom Mund über den Kater und zurück zum Ohr hatte bereits einige Male genügt, um eine Behauptung in einem anderen Licht erscheinen zu lassen und Schlussfolgerungen möglich gemacht. Vielleicht würde sich diese Praxis auch als wirkungsvoll erweisen, wäre der Kater gar nicht vorhanden. Wahrscheinlich sogar. Dann aber – so meinte Newton wenigstens – wäre der Wahnsinn nicht mehr weit. Der Unterschied eines Monologes mit und ohne Anwesenheit einer Katze mit Namen Aristoteles, war in etwa genauso groß, wie der zwischen der bloßen Schrulligkeit eines alten Gelehrten und der tatsächlichen Verrücktheit eines schwachsinnigen Mannes.
Aristoteles, weiterhin wenig berührt von den tiefgreifenden Gedanken Newtons, hatte sich mittlerweile vor die Tür des Labors gesetzt, die ihm den Weg auf die Straßen Londons versperrte und gab missmutige Laute von sich. Er starrte konzentriert auf das Holz und wünschte sich diese Barriere fort.
„Ja, ja, ist schon gut. Ich frage mich zwar mittlerweile, wer hier der Herr von uns beiden ist, aber du sollst deinen Willen haben.“
Newton schritt zur Tür, drehte den wuchtigen Messingschlüssel im Schloss herum und drückte auf die Klinke. Kaum war die Tür nur einen spaltbreit geöffnet worden, schlängelte sich der Kater hindurch und stolzierte hinaus in den Nachmittag. Newton sah ihm gedankenverloren nach, bis Aristoteles zwischen den Auslagen eines Krämerladens verschwunden war.
Aristoteles Sorgen sind gewiss anderer Natur, dachte Newton amüsiert bei sich, vielleicht die Beschaffung eines Fisches oder die Befriedigung seiner Triebe, doch keinesfalls die Problematik von Keplers Gesetzen. Newton ging zu seinem Arbeitstisch und ließ sich in die Polster des abgesessenen Stuhles plumpsen. Keplers Planetenbahnen waren elliptisch. Newton war auch dieser Ansicht. Er hatte es schließlich bewiesen. Auch Kopernikus und Galilei lagen größtenteils richtig. Aber es fehlte etwas. Etwas, das diese Modelle zusammenhielt, ihnen die Essenz gab. Es fehlte eine Kraft. Diese Kraft musste so gewaltig sein, dass sie den Fliehkräften stand hielt, die an bewegten Körpern zerrte. Wie sonst wäre es zu erklären, dass die Erde um die Sonne kreiste, ohne haltlos in den Äther geworfen zu werden? Diese Kraft musste dem Strick gleichen, der den an ihm befestigten Ball in der Bahn hielt, wenn man ihn schnell um sein Zentrum schleuderte. Das alles wäre vielleicht noch zu erklären, aber diese Kraft musste auf Erden wie im Himmel Gültigkeit haben, denn Aristoteles – so schön der Name auch klang – lag genau so falsch, wie Leibnitz und Descartes mit ihrem ominösen Fluidum, welches die Planeten auf den Bahnen halten sollte. Das war Unfug.
Newton gähnte. Heute, am Freitag, merkte er Geist und Körper die langen Tage und Nächte der vergangenen Woche an, die voll von Versuchen und Gedanken gewesen waren. Er rieb sich zuerst den Nacken und dann die geröteten Augen. Es miaute vor der Tür. Newton atmete hörbar aus. Dieser Kater war ihm ans Herz gewachsen, aber so ging es nicht mehr weiter. Mehrmals am Tag Experimente allein wegen den Grillen dieses starrsinnigen Tieres unterbrechen zu müssen, störte die geistige Produktivität doch erheblich. Schien auch eine unsichtbare Kraft zu existieren, die selbst mächtige Planeten in Sonnenellipsen hielt, so genügte diese Katze, um Newtons Gedanken aus der Bahn zu werfen. Er ging zur Tür und ließ Aristoteles ein. Dann kam ihm eine Idee. Die Tür in der Tür. Eine kleine Öffnung für diese Katze. Diese Klappe müsste so beschaffen sein, dass sie von beiden Seiten von Aristoteles zu öffnen wäre, aber ohne die Möglichkeit, dass sie frei schwingen konnte, denn sonst würde kalte Luft die Wärme des Kohleofens zu sehr fordern. Eine Klappe in der Klappe, das war die Lösung. Newton rieb sich die Hände. Keine hohe Geisteskunst, aber ein wenig handwerkliche Tätigkeit immerhin. Sie würde ihn vielleicht entspannen und wieder Raum für das Ersinnen von Zusammenhängen mit geistigerem Gehalt im Schädel schaffen. Newton griff nach seinem Stock und warf sich den Mantel über. Der Schreiner hatte seine Werkstatt nur drei Häuser weiter und viel Material brauchte es für diese Katzentür wahrlich nicht.
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Als Newton am nächsten Morgen das Labor betrat, war er zufrieden. Die Klappe funktionierte vortrefflich. Zwar hatte er den ganzen gestrigen Nachmittag mit ihrem Bau verbracht und den gesamten Abend damit, dem Kater ihre Funktionsweise näher zu bringen, aber Aristoteles machte seinem Namen alle Ehre und hatte schnell begriffen. Newton begab sich an seinen Labortisch und nahm Platz. Diese Kraft. Er konnte nicht davon lassen. Selbst in seinen Träumen suchte er nach einer Antwort. Es ließ ihm keine Ruhe. Da schlug die Katzenklappe und Aristoteles trat ein. Mit einem Mal war es Newton, als habe ihn Gott erleuchtet. Er sprang hoch und jubelte. Der Stuhl kippte um. Wie einfach, wie dumm, wie genial! Er sprang zur Tür hob die Klappe an und ließ sie fallen. Immer wieder. Das war die Kraft. Die Kraft, die Objekte an ihrer eigenen Schwere zu Boden zog. Die Schwerkraft. Gravitation. Nun machte alles einen Sinn! Fliehkraft und Schwerkraft hielten sich die Waage. Natürlich. Sie musste im Verhältnis zu Bahngeschwindigkeit, Masse und Radius stehen. Der wichtigste Teil war erdacht. Ein mathematischer Beweis musste her, doch den würde er finden. Da war sich Newton sicher.
„Ich werde den Leuten am besten erzählen, mir sei ein Apfel auf den Kopf gefallen, als mir dieser Gedanke kam, denn dass Aristoteles posthum seine eigene Theorie widerlegt habe, brächte mir eher eine Einweisung ins Sanatorium ein, als den Ruhm der Royal Society“, sagte er zu Aristoteles und lächelte zufrieden.

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Anmerkung
Newton hat den Nachweis und die Quantifizierung der Gravitation erbracht, gilt aber nebenher auch als Erfinder der Katzenklappe, was sogar als wahrscheinlicher einzustufen ist, als die Anekdote des fallenden Apfels.

08. Mai. 2010 - Alf Leue

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