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Graf Rabenherz
von Arcana Moon

Gaby Hylla Gaby Hylla
© http://www.gabyhylla-3d.de
Die alljährliche Klassenfahrt hatte wie immer neben dem Vergnügen auch ein Pflichtprogramm. Die gesamte 12a besuchte deshalb das Museum zum Schloss von Stoltenbark. Stuckbrocken, Ölgemälde, prächtige Hemden mit breitem Schulterkragen und weit dekolletierte Kleider, Hüte, Landkarten, Statuen, alte Münzen, unzählige Kleinode und seltene Bücher waren ausgestellt. Zwischen den unzähligen Glaskästen, wirkte die Gruppe wie ein kleines Ameisenvolk im Formicarium.
Überall blieben sie stehen und der Direktor des Museums hielt ausufernde Vorträge. Doch Leo und Viviana empfanden seine hohe monotone Stimme als einschläfernd. Deshalb beschäftigten sie sich mit „wichtigeren Dingen“, als mit der Vergangenheit, „die eh keinen mehr interessiert“, wie Viviana sagte.
Man konnte die beiden Mädchen fast für eineiige Zwillinge halten. Langes dunkles Haar, das in sanften Wellen ihre weichen Gesichter umrahmte. Ihre vollen Lippen standen im Kontrast zur schlanken Figur. Während Leo jedoch bernsteinfarbene Augen hatte, waren die von Viviana hellgrün. Gekleidet hatten sie sich in den neuesten Modetrend. Weiße Dirndlkleidchen, mit roten Blütendrucken. Dazu trugen sie eine passende schwarzrote Korsage, sowie Netzstrümpfe und schwarze Schnürstiefel.
„Gedenken die jungen Damen den Vortrag von draußen anzuhören, oder hier zusammen mit uns?“
Die Mädchen, die gerade noch leise tuschelten, erröteten unter dieser unerwarteten Rüge. Der verkniffene Blick des schon etwas betagten Museumsdirektors musterte sie eindringlich. Erschrocken starrten sie ihm in seine eisblauen Augen. Viviana versteckte hastig ihren iPod hinter dem Rücken.
„Es ist löblich, dass Sie sich mit der Technik auskennen, junge Damen, nur wird es Ihnen nicht helfen die Geschichte unserer Ruine wirklich zu erfassen. Es ist immer besser einem Vortrag auch mit den entsprechenden Kunstobjekten vor Augen zu folgen. Meinen Sie nicht?“ Leo und Viviana senkten den Blick, während der Rest der Klasse zu kichern begann.
„Na das ist ja mal wieder typisch“, ertönte die schrille Stimme der Klassenleiterin Frau Brückner. „Es tut mir sehr leid, Herr Hübner, bitte fahren Sie fort, ich werde mich um die beiden kümmern.“ Viviana und Leo verdrehten die Augen, denn sie ahnten schon was kommen würde. Die Lehrerin kam energisch auf sie zugestöckelt. Mit einem beherzten Griff zog sie die Mädchen zur Seite und blickte über ihre schwarzumränderte Brille. Ihre Augen funkelten empört. „Ihr zwei werdet nach der Fahrt ein Referat über die Entstehungsgeschichte von Schloss Stoltenbark schreiben“, zischte sie verärgert. „Da ihr hier ja offensichtlich eure Freizeit genießt, werdet ihr eben nacharbeiten. Ich hoffe, wir haben uns verstanden!“
Die Mädchen seufzten im Duett. „Ja, Frau Brückner.“
„Ach, und bevor ich es vergesse, Viviana, her mit dem iPod, der ist bis zum Ende der Fahrt einkassiert!“
Wiederwillig gab das junge Mädchen ihr geliebtes Gerät ab. Die resolute Lehrerin verstaute es in ihrer schwarzen Lacktasche und sinnierte lautstark weiter, das es wichtig wäre sich auch kulturell weiterzubilden. Viviana senkte genervt den Kopf, zählte innerlich bis zehn und blendete das Gezeter aus.

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Leo starrte an die Wand direkt neben der Lehrerin. Dort hing ein kleiner Glaskasten in dem ein teilweise verbranntes Ölgemälde ausgestellt war. Nur das Gesicht eines jungen Mannes war darauf abgebildet. Er hatte schwarzes schulterlanges Haar, ein schmales Gesicht mit einem Kinnbart und düstere Augen, in denen sie wie in einem morastigen Tümpel versank.
Sie schaute so konzentriert auf das Bildnis, dass sie meinte es würde im nächsten Moment lebendig werden. Der scharfe Geruch von brennendem Papier stieg ihr unangenehm in die Nase. Plötzlich erhob sich ein düsterer Nebel aus dem Porträt und bewegte sich auf sie zu.
„Marlene“, flüsterte es in ihren Ohren. Panisch versuchte sich Leo zu rühren, doch selbst ihre Augen konnten nur auf die näher kommende Gestalt starren. Sie fühlte Angst in sich aufkeimen. Was würde geschehen? Als er direkt vor ihr stand, hob der düstere Schemen eine Hand und strich ihr sanft über die Wange. Leo war, als würde seichter Wind ihr über die Wangen streichen. Wie Nebel glitt die Dunkelheit von seinem Gesicht und sie blickte dem jungen Mann direkt ins Antlitz. Nur in einem Detail unterschieden sich das Porträt und der düstere Fremde. Eine eingebrannte Rosenranke zog sich von seiner Stirn bis an die Nasenwurzel hinunter.
Vorsichtig hob sie ihre Hand und streichelte forschend mit ihren Fingerspitzen über seine Stirn, die Wange und hinunter zu seinen vollen Lippen. Er lächelte. Es war ein liebevolles Lächeln, beinahe zärtlich. Dann umschlangen seine nebelhaften Arme das junge Mädchen und zogen sie ruckartig an sich heran. Sie zog die Luft scharf ein, als sie seine Lippen an ihrem Hals fühlte. Erneut hörte sie sein Flüstern: „Marlene. Oh warum nur Marlene?“

„Eleonore?“ Frau Brückner versuchte sie anzusprechen. Leo hatte diesen Tunnelblick und reagierte nicht. „Eleonore!“ Das Mädchen zuckte zusammen. Die spitze Stimme der Lehrerin war tatsächlich bis zu ihr vorgedrungen und holte sie wieder aus ihrem Tagtraum. „Ich hoffe dein Referat wird besser sein als deine Fähigkeit mir zuzuhören.“ Damit deutete sie den beiden Mädchen wieder zu den anderen aufzuschließen. Leo sah mit starkem Herzklopfen noch mal auf das Bild und ließ es nicht aus den Augen, während sie sich langsam entfernte.
Plötzlich rempelte sie gegen eine Person, die geradezu aus den Nichts erschienen war. Ein tiefes Stöhnen ließ sie zurückweichen. Perplex hob sie ihren Blick und musterte den älteren Herr, der vor ihr stand. Sein schwarzer Anzug verlieh ihm das tragische Aussehen eines Bestatters. Er hatte schütteres dunkelblondes Haar, braune Augen und einen Schnurrbart. Ein tiefer Bariton klang in seiner Stimme.
„Du solltest lieber nicht zu lange auf dieses Porträt starren. Man sagt, es hätte schon viele verliebte Mädchen ins Unglück gestürzt.“
Leo fühlte sich seltsamerweise ertappt. Ihre Gedanken überschlugen sich. Ein heißes Gefühl kroch ihr die Wirbelsäule hinauf und ließ ihre Ohren glühen.
„Der junge Graf hat sich zu seinen Lebzeiten immer genommen was er wollte und auch jetzt, so erzählt man sich, nimmt er noch immer die Herzen naiver Mädchen gefangen.“ Sein fester Blick durchbohrte sie. Leos Wangen begannen augenblicklich zu brennen. „Andere behaupten er wäre verflucht worden. Und dass er hier irgendwo auf seine wahre Liebe wartet. Aber das sind die Romantiker, die sich nicht mit der Endgültigkeit des Todes abfinden wollen.“ Er lächelte geheimnisvoll vor sich hin.
„Woher wissen Sie das denn alles?“ Leo hatte endlich Worte gefunden.
Im selben Moment ertönte wieder die schrille Stimme ihrer Lehrerin. „Eleonore! Wo bleibst du denn? Dir reicht wohl ein Zusatzreferat nicht, oder wie?“
Das Mädchen schloss entnervt die Augen, drehte sich um und rief: „Ich komme ja schon! – Tut mir leid. Ich...“ Sie stockte. Denn der Mann war wie vom Erdboden verschluckt. Verwirrt schweifte ihr Blick durch den Saal, doch niemand war zu sehen. Ein unangenehmes Frösteln zog ihr über den Rücken. Ohne noch einmal einen Blick auf das Bild zu riskieren, lief sie hinüber zu ihrer Klasse.

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„Es gibt nur eine einzige Aufzeichnung in den städtischen Archiven über dieses Schloss und seine Bewohner von 1780. Dies gilt als besonders auffällig, zumal es sich bei den Stoltenbarks um eine Familie von Stand, oder sogar königlichem Blute handelte. Es wird von einem dramatischen Vorfall gesprochen, bei dem eine junge Herzogin einen schweren Unfall erlitt, der durch den Sohn des Grafen von Stoltenbark verursacht wurde. Mehr ist bisher leider noch nicht bekannt. Genauere Nachforschungen sind noch im Gange. Dennoch wollen wir den Menschen diese Ruine schon etwas näher bringen und sie am laufenden Fortschritt teilhaben lassen. Das war es erst einmal zu unserer kleinen Ausstellung. Ich hoffe der Rundgang durch das Museum hat Ihnen gefallen. Hat noch jemand Fragen?“ Der strafende Blick des Museumsdirektors ließ jeglichen Ansatz davon allerdings schon im Keim ersticken. „Keiner? Gut. Dann können wir gleich zum nächsten Punkt übergehen. Ich werde Sie jetzt zur Ruine führen. Fotos sind nicht erlaubt, also geben Sie bitte Ihre Apparate ab. Wenn Sie dennoch Bilder und weitergehende Informationen wünschen, dann empfehle ich Ihnen unsere Ansichtskarten oder das Buch „Zur Stoltenbark“ von Heinrich Klöden. Beides können Sie in unserem Souvenirshop käuflich erwerben. Und jetzt folgen Sie mir bitte.“

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Die Ruine lag nicht unweit vom Museum inmitten eines Gebirges und war von 80 Meter hohen Blautannen umgeben. Hinter dem uralten Gemäuer erstreckte sich weiteres Gebirge, das großflächig von Tannen, Fichten und gemeinen Kiefern bedeckt war.
Eine lange geschwungene Holztreppe führte hinauf zum ehemaligen Schloss. Sie schien noch nicht sehr alt zu sein, denn das Holz roch leicht harzig und leuchtete hell wie frisch gehobelt. Unter den Füßen knarrte es und über ihren Köpfen zogen tiefe Cumulus-Wolken entlang, zwischen denen der blaue Himmel in einem sehr hellen Türkis hervorschien.
Viviana schaute nach oben und stupste die in Gedanken versunkene Leo an.
„Guck mal, die dicken Wolken! Das gibt bestimmt noch ein Gewitter heute. Na, darauf hab ich aber Bock.“
Leo blieb stehen und blickte hinauf zum breiten Eingang der Ruine, der sich bedrohlich vor dem düster quellenden Wolkenmeer erhob. Sie zuckte die Achseln. Gerade als sie weitergehen wollte, sah sie aus dem Augenwinkel einen riesigen Schatten den Horizont kreuzen.
Ihre Blickte suchten den vom nahenden Unwetter schwangeren Horizont ab, doch sie sah nur Raben über der Ruine kreisen.
„Marlene“, hörte sie eine sehnsuchtserfüllte Stimme aus der Ferne hauchen. Leo bekam wieder Gänsehaut.
„Ist ja richtig unheimlich“, sagte Viviana in dem Moment und starrte fasziniert in die Richtung der Vogelschwärme.
„Nein ich meine dieses riesen ...“ Leo stockte. Sie war gerade dabei sich lächerlich zu machen. Nein, Viviana würde ihr kein Wort glauben. Zudem schien ihre Freundin ihr auch nicht richtig zuzuhören. Plötzlich flammte ein sanftes Brennen auf, das sich ihren Hals hinauf zum Nacken schlängelte. Bei dem Gedanken an ihre Begegnung im Museum, fühlte sie wie ihr Herz schneller zu schlagen begann.
„Nicht stehen bleiben, sondern weiterlaufen“, rief Frau Brückner von hinten. Es hatte sich eine kleine Schlange gebildet. Ihre Klassenkameraden blickten mit genervten Gesichtern nach oben. Die Schüler vor ihnen hatten bereits den oberen Ansatz der Treppe erreicht. Leo und Viviana liefen schnell weiter, denn eine weitere Konfrontation mit der Lehrerin würde mit Sicherheit in noch mehr Strafarbeit enden.

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Die Klasse schritt durch einen hohen Torbogen, der mit kämpfenden Engeln und Menschen aus Marmor verziert war. Ihre Köpfe waren abgeschlagen und nie mehr aufgefunden worden. Links und rechts, befanden sich lange Gänge, die zu riesigen Türmen an den Seiten geführt hatten. Dazu erklärte der Direktor, dass es sich hierbei vermutlich um eine Art Befestigungsanlage gehandelt haben müsse.
Hinter dem Tor ging es durch eine kleine Gartenanlage zum Schloss, welche noch durch die wildwuchernden Rosenbüsche und Gräser erkennbar war. Vom Prunk der einstigen Zeit, war nichts mehr übrig geblieben. Nur hie und da konnte man noch teilweise zerstörte Statuen und Laternen mit aus Eisen geschmiedeten Pflanzenranken entdecken.
Das Schloss war in sich zusammengefallen. Einzig das Erdgeschoss, welches aus Bossenwerk bestand und größtenteils nur von wucherndem Efeu zusammengehalten wurde, war noch als solches erkennbar. Im Inneren befanden sich unzählige abgesperrte Ausgrabungsstätten. Aber man konnte schon einen Blick auf die einst riesigen Säle mit Mosaik- und Marmorboden erhaschen, die von den Archäologen Stück für Stück freigelegt wurden.
Über ihnen zogen die Wolken in immer wulstigeren Formen und dunkleren Tönen vorüber. Ein leichter Wind fuhr Leo über das Gesicht und durch das dunkle Haar. Sie fühlte Ehrfurcht vor diesem zerfallenen Ort. Aber aus ihr unerklärlichen Gründen verspürte sie auch eine tiefe Melancholie, je weiter sie durch die Ruine liefen.
„Seltsam. Irgendwie kommt mir alles so bekannt vor, als wäre ich schon mal hier gewesen“, flüsterte Viviana ihr zu. „Ich glaube beinahe, dass ich dir erzählen könnte wie es hier einmal aussah, als das Schloss noch stand.“ Sie fuhr nachdenklich mit ihren Händen über das Gemäuer.

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Als sie an den Eingang zum Keller des Schlosses gelangten, fühlte Leo plötzlich ein solch heftiges Unbehagen, dass sie meinte sich übergeben zu müssen. Das Bild des Grafen kam ihr erneut in den Sinn. Sie blickte wieder in seine Augen, in diese morastigen Tümpel, die voller Leidenschaft brannten. Er sah so schön aus und sie fühlte das Verlangen in sich, dieses Bild vor ihrem geistigen Auge zu berühren. Doch je näher sie kam, desto schlimmer wurde die Übelkeit, die in Wellen von ihrem Magen aus die Kehle hinaufdrang. Abrupt endeten die Sinnestäuschungen, sein Gesicht entschwand. In ihrem Kopf begann sich alles zu drehen, ihre Beine wurden schwer und sie knickten ein. Viviana reagierte sofort und fing ihre Freundin auf, bevor sie zu Boden stürzen konnte.
„Leo, ist alles in Ordnung?“ Panik klang in ihrer Stimme.
„Frau Brückner, Frau Brückner! Ich glaube Leo geht es nicht gut!“ Viviana fühlte kalten Schweiß auf ihrer Stirn und ihren Rücken hinunterlaufen. Irgendwie beschlich sie ein seltsames Gefühl als sie ihre Freundin betrachtete.
Die Klassenlehrerin stolperte aufgebracht über den unebenen Boden. Leo wurde immer bleicher im Gesicht. Einer der Arbeiter reichte den Mädchen hilfsbereit seine Wasserflasche, die Viviana dankend entgegennahm.
„Bring sie raus an die frische Luft. Hier drinnen ist es sehr stickig. Die modrige Luft des Kellers verträgt nicht jeder.“ Der junge Mann mit den blonden Haaren lächelte sie an. Seine grünen Augen blitzten neckisch. Das Mädchen fühlte wie Wärme in ihre Wangen stieg.
„Warte, lass mich das machen“, sagte er, als Viviana ihre Freundin hochziehen wollte. Beherzt griff er zu und trug Leo nach draußen.
„Mensch Leo, was machst du bloß?“ Viviana sah sie sorgenvoll an. Der junge Mann hatte sie auf einer freigeräumten Stelle im Garten abgesetzt.
„Danke“, flüsterte sie ihm zu.
„Kein Problem, aber ich muss jetzt leider weiterarbeiten.“ Er zwinkerte ihr lächelnd zu und ging wieder zurück in die Ruine.
Viviana hielt ihrer Freundin die Wasserflasche an die Lippen. Leo schluckte mit sichtlichen Schwierigkeiten das kühle Nass.
„Marlene“, raunte es wieder in ihrem Kopf. Sie fühlte sich immer kraftloser und wurde schließlich ohnmächtig.
„Leo? Leo? Was ist los?“ Viviana war verzweifelt.

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„Euer Herz gehört mir“, sagte der Graf und kniete vor Leo nieder. Seine dunklen Augen vertrieben jeglichen Widerstand. Seine Hände zogen ihr Gesicht zu sich und dann senkten sich seine Lippen dürstend und voller Leidenschaft auf die ihren. Leo fühlte wie ihr die Sinne schwanden. Schließlich schlang er seine Arme um ihren zitternden Körper und entfachte seine Nebelschwingen. Er riss sie fort in die Höhen, während sie sich panisch an ihm festklammerte.
Hitze, Kälte, Verlangen, Schmerz und Angst flossen in einem durch ihre Adern. Und in jeder Zelle pulsierte Erwartung vor dem Ungewissen. Sein Nebelleib begann sich zu lichten und alsbald fühlte sie warme Haut an ihrer Wange und groben Stoff unter den Fingern. Als sie aufblickte sah sie seine mächtigen Schwingen. Die rabenschwarzen Flügel von einem der nur der Engel des Todes sein konnte. Nun hatte der Graf auch ihr Herz gestohlen.

„Lasst sie schlafen“, sprach eine männliche Stimme hinter ihr. Viviana erstarrte. Jemand kniete neben ihr nieder. Ein Rauschen von unzähligen Federn drang an ihre Ohren und der Geruch von feuchter Erde umnebelte sie.
„Habt keine Angst, meine Liebe. Eure Freundin ist nur ein wenig entkräftet und wird sich bald wieder erholen. Ich habe ihr einen süßen Traum geschenkt.“ In seiner Stimme lag eine unglaubliche Kälte. Eisig zog es Viviana über den Rücken. Sie spürte Abneigung, Ekel, Furcht, ja sogar Hass in ihrem Innersten, doch sie konnte sich nicht dagegen wehren. Sie musste ihn anschauen, wen auch immer sie erblicken würde.
Zu ihrer Überraschung sah sie einem jungen Mann ins Gesicht. Er war gekleidet in ein weißes Rüschenhemd, über dem er eine schmucklose braune Leinenweste trug. Ein breiter schwarzer Stoffgürtel war um seinen Leib gewunden und hing bis an seine Knie. Zu seiner blauen Hose trug er braunrote Lederstiefel. Seine dunklen, kurzen Haare standen nach allen Seiten ab und an seinem Rücken entfalteten sich rabenschwarze Flügel.
Er kam ihr bekannt vor, doch sie konnte ihn nicht zuordnen. So vieles hier sah sie so wie es einmal gewesen war, das Schloss, den Garten. Sie wusste sogar, dass sich hinter dem Schloss ein kleiner See befand, der von Weiden und Schwarz-Fichten umrahmt war.
Langsam kam der junge Mann wieder aus der Hocke hoch.
„Marlene, sagt mir eins. Warum ist es mein Schicksal Euch Unglück zu bringen?“
Sie kannte den Namen und so langsam erinnerte sie sich wieder. Ja, vor langer Zeit, als dieses Schloss noch stand, da war sie Marlene gewesen. Viviana sprang auf und hielt erschrocken die Hand vor den Mund. „Graf Lennard von Stoltenbark“, entfuhr es ihr schaudernd.
„Ihr erinnert Euch also? Mein Name hat einen wundervollen Klang aus Eurem Munde.“ Er grinste sie gefährlich an. „Nun denn, Marlene, es ist wohl an der Zeit Eure Erinnerung weiter aufzufrischen, meint Ihr nicht?“
Viviana ahnte Schreckliches.
„Es war im wundervollen Mai 1780, meine Teure. Da hat sich Euer naives Herz in mich verliebt. Ihr wart eine Schönheit! Eine anmutige Gestalt, ein gut genährtes Antlitz, diese gepuderte Haartracht, ein Augenschmaus. Und Euer süßer kleiner Kussmund glänzte genauso verführerisch, wie Eure meerblauen Augen, die mich bei jedem öffentlichen Empfang und bei jedem privaten Geplauder anhimmelten, als sei ich der Göttliche selbst!“ Seine Stimme war energisch geworden. Er wandte sich ab. „Doch Ihr hattet Euch in den Falschen verliebt, meine Holde. Ich war in der Stadt bereits verschrien als der Schlächter der Tugend! Als pervertierter, gewissenloser Sittenstrolch. Ich liebte es, meine Liebhaberinnen leiden zu sehen, in dem ich ihnen vor Augen führte, das sich noch unzählige andere Frauen mit mir in meinem Gemach verlustierten. Und wisst Ihr was? Ich habe es genossen!“ Der Graf drehte sich erneut zu ihr um und hatte eine Hand zur Faust geballt. Viviana erschrak vor seinem wahnsinnigen Blick und trat langsam einen Schritt zurück.
„Als ich jedoch Euren Liebreiz erkannte, da war es das erste Mal, dass ich wahrhaft liebte. Ja, ich liebte Euch, Marlene! Dennoch blieb ich ein ungestümer Bursche. Ich werde die Bilder jenes schicksalhaften Tages am See hinter dem Schloss nicht vergessen, das unser beider Unglück besiegelte. Wir hatte Fangen gespielt, so wie sich Verliebte zu unseren Zeiten oft gebärdeten. Doch Ihr wart zu nah an das Wasser gelaufen und als ich Euch fast eingeholt hatte, da stieß ich Euch mehr ins kalte Nass, als Euch zu greifen. So seid Ihr im See erst einmal untergetaucht und die wunderschöne Pracht floss dahin.
Ich verspottete Euch als Schlammprinzessin und Ihr, in Eurer aufkeimenden Wut, wolltet mich das Fürchten lehren. Doch stattdessen seid Ihr auf dem rutschigen Boden des Sees ins Stolpern gekommen und mit dem Hinterkopf auf einem Stein im flachen Wasser aufgeschlagen. Ich höre noch Eure fürchterlichen Schmerzensschreie als Ihr wieder erwacht seid und sehe das Blut, welches den See und Euer durchnässtes Kleid verfärbte. Es war das letzte Mal, dass wir uns sahen.“ Für einen kurzen Moment hielt er inne und seine Wut wich einem Seufzer. Dann entspannten sich seine Gesichtszüge.
„Ihr wart schwer verletzt und konntet in der Folge Eure Gliedmaßen nicht mehr bewegen. Man trug mir zu, dass Ihr dem Wahnsinn verfallen seid und kurze Zeit später elendig verstarbt. Mein Vater und meine Stiefmutter waren empört, als Eure Mutter, die Herzogin, von ihnen Entschädigung für ihr totes Kind forderte. Aber damit nicht genug! Sie verlangte, mich zu sehen und stieß einen Fluch aus, diese Zauberin.
„Möge sich Euer Angesicht gleich Eurem Herzen wandeln!“, schrie sie und schlug mir mit einer glühenden Hand ins Gesicht, welche mich für immer zeichnete. Jenen Abend ging ich ruhig zu Bett, denn was scherte mich schon das Geschwätz einer Frau. Doch ich sollte eines besseren belehrt werden.
Als ich wieder erwachte, lag ich im Keller des Schlosses, eingesperrt in einen Käfig, der schon vermoderte. Leicht konnte ich mich befreien, doch meine Angehörigen sah ich niemals wieder. Ich war dem Wahnsinn nahe, als ich mein zerstörtes Heim erblickte. Die Zeit war um ein Jahrhundert vorangeschritten. Und aus meinem Rücken wuchsen diese fürchterlichen Rabenflügel. Auch meine Stimme war lange Zeit nur jene dieses grässlichen Getiers. Nächtelang flog ich über das Gebirge, während ich mich selbst bedauerte. Aber genauso wie die Herzogin einen Fluch über mich gelegt hatte, so wurde auch Eure Seele mit einem Blutpfand belegt. Denn eure Seele sollte immer wieder zurückkehren auf diese Welt. Doch sage ich Euch, in Euren bisherigen Leben wart ihr niemals glücklich. Denn wo Ihr seid, da werde auch ich sein. Bisher hat sich die Geschichte immer wiederholt. Jedes Mal auf eine andere Weise, doch am Ende wartete immer der Tod.“
Viviana fühlte in diesem Moment eine erstaunliche Ruhe in ihrem Innersten. Beinahe mitleidig sah sie den missgestalteten Grafen an, dessen Verfluchung auch ihr Schicksal war.
„Und deshalb frage ich Euch erneut, Marlene. Warum ist es mein Schicksal Euch Unglück zu bringen?“ Der eiskalte Blick wurde wärmer.
„Vielleicht, weil ich nicht Eure wahre Liebe bin?“ Viviana sah ihm mitleidig in die Augen.
„Verspottet mich nicht!“ Erneut keimte Wut in ihm auf.
„Ich bin nicht mehr Marlene und meine Gefühle werden auch nie mehr Euch gehören. Das müsst Ihr verstehen. Die Zeit ist zu lang vorangeschritten.“ Sie griff die Hände des Grafen und lief mit ihm hinüber zu der noch immer bewusstlosen Leo.
„Ihre Seele war es die mich rief. Ohne sie, hätte ich Euch nicht wiedergefunden, meine Liebe.“
„Sie hat Euch ihr Herz geschenkt, nicht wahr?“
Der Graf kniete sich zu dem Mädchen nieder. In ihrer Kraftlosigkeit bot sie dem jungen Mann ein entzückendes Bildnis. Sanft strich er ihr über das bleiche Gesicht.
„Eure Seelen sind miteinander verbunden, seit sie Euch gesehen hat. Vielleicht kann sie den Bann brechen mit dem ihr gestraft seid.“
Schweigend hob er Leo hinauf in seine Arme. „Vielleicht habt ihr recht, Marlene.“ Er blickte zum Horizont, an dem die ersten Blitze zuckten.
„Die Zeit wird es zeigen, Lennard.“
Er nickte ihr zu und schwang sich mit Leo in die Lüfte hinauf. Donner grollte herab.

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„Ich frage mich nur wie ich das unserer Lehrerin erklären soll“, murmelte Viviana vor sich hin.
„Die Erinnerung an sie ist längst vergessen“, sagte plötzlich eine Stimme mit tiefem Bariton. Der Mann dem Leo bereits im Museum begegnet war, stand nun auch vor Viviana. „Und du. Marlene, du kannst nun endlich auch deine Ruhe finden. Komm zu mir, mein Kind. Es ist Zeit nach Hause zurückzukehren.“ Der ältere Herr verwandelte sich in eine junge, hochgewachsene dunkelhaarige Frau. Ihre grünen Augen lachten vor Freude. Und ihr weißes Kleid wehte im immer stärker werdenden Wind. Das Mädchen erkannte die Zauberin die vor langer Zeit den Fluch ausgesprochen hatte.
„Kannst du den Fluch nicht zurücknehmen, Mutter?“
Die Herzogin lächelte.„Nein, mein Kind. Es bedarf mehr als nur den Wunsch jemanden zu lieben. Aber wenn es soweit ist, dann wird er auch erlöst werden.“ Damit reichte sie Viviana einen Spiegel. Als die hinein blickte, da konnte sie den Grafen am Ufer des Sees unter einer Weide erblicken. Leo war gerade wieder erwacht, hatte sich aufgerappelt und blickte verwirrt zum düsteren Horizont. Einer seiner Flügel war beschützend um sie gelegt. Und als sie ihm gewahr wurde, sank sie mit einem glücklichen Lächeln in seine Arme.

05. Aug. 2010 - Arcana Moon

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