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Gewitternacht
von Petra Hartmann

Joran Elane Joran Elane
© http://www.glenvore-art.com
Sturmfäuste wüteten in den Baumkronen, Blitz und Donnerschlag entluden sich mit solcher Urgewalt, dass das kleine Hexenhaus erzitterte. Krachend stürzte eine mächtige Eiche um und verfehlte die Hütte nur um Haaresbreite.
Strubbel winselte. Der kleine Reisigbesen hatte sich eng an seine junge Herrin geschmiegt, er bebte am ganzen Leib. Seine Nüstern waren angstvoll geweitet, sein Schweif sträubte sich in alle Richtungen, und der dünne Stiel zitterte vor Panik.
„Ruhig, mein Kleiner“, flüsterte Lournu sanft und kraulte ihn an der Unterseite. „Ja, es ist eine böse Nacht, eine böse Zeit.“ Die junge Hexe seufzte. Fremde Heere durchstreiften das Land, der König war auf der Flucht, und die Raben und Wölfe waren fett geworden auf den Schlachtfeldern. Sie drückte den Besen fest an sich. „Aber das Gewitter wird dir nichts tun, Strubbel. Bleib ganz ruhig, mein Schöner, ich bin ja bei dir ...“
In diesem Augenblick klopfte es an der Tür. Dann trommelten Fäuste gegen das Holz, packten mit Gewalt die Klinke und rissen die Tür fast aus den Angeln.
Mit wütendem Fauchen glitt Strubbel vom Schoß der Hexe, dem Fremden entgegen. Knurrend und zischend tanzte er um die Beine des Mannes herum und schnappte nach seinen Stiefeln. Doch der beachtete ihn nicht. Der Schwerbewaffnete nahm nicht einmal den Helm ab, wischte sich nur kurz die triefnassen Haarsträhnen aus dem Gesicht.
„Lournu“, keuchte er, „schnell, du musst kommen. Die Königin, sie stirbt, wenn du nicht hilfst. Ihr Kind, es kommt zu früh ...“
Lournu fuhr auf. „Die Königin ist hier im Wald?“ Rasch griff sie nach ihrem Ziegenlederumhang. „Still, Strubbel.“ Sie zog die Kapuze tief in die Stirn und knotete die Halskordel so eng zu, dass es sie fast würgte. Dann griff sie nach ihrem schweren, knotigen Wanderstock. „Bring mich hin“, forderte sie.
Der Krieger wandte sich ohne Zögern um und stapfte mit schweren Schritten zurück in die Gewitternacht. Eisige Wasserstürze brachen auf Lournu nieder, als sie die Tür hinter sich zuschob. „Bleib drin, Strubbel“, schimpfte sie, doch der kleine Besen wand sich flink wie ein Aal durch die Katzentür nach draußen. Winselnd presste er sich an die Beine der Hexe und glitschte kalt und nass um ihre Waden.
„Dann komm halt mit“, brummte sie. Sie raffte ihren Ziegenledermantel enger um sich und stolperte hinter dem Krieger her, dessen breiter Rücken bereits hinter den Bäumen zu verschwinden drohte.
Blitze zuckten durch die Nacht, rabenschwarze Finsternis wurde zerrissen von Lichtexplosionen, so hell wie tausend Sonnen. Fast blind, die linke Hand zum Schutz über die Augen erhoben, tastete sich die Hexe voran. Doch der Fremde schien mit jedem Pfad und Steig dieses Waldes vertraut zu sein. Er zuckte kaum zusammen, als neben ihm ein flammender Eichenast zu Boden stürzte. Lournu erhaschte einen Blick auf sein bleiches Gesicht, als sie an dem züngelnden Feuer vorbeieilten. Brennende Sorge hatte sich in die Züge des jungen Mannes eingegraben, die schwarzen Augen glühten wie im Fieber.
„Du hast wohl sehr viel Angst um die Königin?“, fragte Lournu außer Atem. Sie musste die Frage zweimal wiederholen, zuletzt brüllte sie sogar, um den Donner zu übertönen. Der Held fuhr zusammen, als habe sie ihn bei etwas Verbotenem erwischt. Typisch für diese Jungen aus der Leibgarde, dachte Lournu. Die dürfen nach außen nur Härte und Kälte zeigen, sonst werden sie von ihren Kameraden ausgelacht. Schade eigentlich, er wäre so recht der Typ Mann, den sie vor ihrem Fenster ein Liebeslied singen hören wollte.
Lournu kicherte trotz der tobenden Naturgewalten leise in sich hinein.
„Das ist nicht zum Lachen!“, fuhr der Krieger sie barsch an. „Die Königin stirbt, wenn du nicht hilfst. Du hast sie nicht schreien hören. Sie muss schreckliche Schmerzen leiden.“
Die Hexe senkte den Kopf. Ein weiterer Donnerschlag enthob sie der Antwort. Fiepend schoss Strubbel unter ihren Umhang und drückte seinen quietschnassen Reisigschweif an ihren Bauch. Lournu quiekte auf und stieß üble Verwünschungen aus.
„Dort, das Lager!“, unterbrach der Krieger ihre Schimpftiraden. Vor ihnen öffnete sich der Wald zu einer kleinen Lichtung. Vielleicht zwanzig Zelte bebten und schwankten im Sturm. Eine kleine Handvoll Bewaffneter hielt Wache unter den Bäumen. Zwanzig Zelte. Lournu stöhnte innerlich. War dies der Rest der gewaltigen königlichen Armee?
„Lournu – endlich!“, Der König stürzte ihr entgegen und umarmte die junge Hexe, dass seine nassen schwarzen Haarsträhnen ihr kalt über die Wange glitschten. Lournu atmete flach. Orsan war nie eine besonders eindrucksvolle Erscheinung gewesen. Doch dieses kümmerliche Häuflein Elend, das sollte der letzte Spross aus Surbolds ruhmreichem Geschlecht sein?
Ein furchtbarer Schrei zerriss die Nacht.
Orsan fasste die Hexe bei der Hand. „Sie liegt dort im Zelt. Ich beschwöre dich, hilf ihr, Lournu.“
Die Hexe hob die triefende Zeltbahn auf und glitt durch den schmalen Spalt ins Innere. Der König folgte ihr ächzend, und auch Strubbel zwängte sich trotz der Proteste des Wächters hinein.
Trüber Fackelschein tauchte den Raum in zuckendes Halbdunkel. Schwerer Zimtrauch quoll aus einem Räuchertöpfchen und hing als dichte Wolke über dem Lager der Königin. Die Frau glänzte vor Schweiß, der Schmerz ließ ihre Augen als pralle weiße Bälle hervortreten. Mit einem hellen Wimmern krümmte sie sich auf dem Fellbett, bäumte sich plötzlich schreiend auf und sank gleich darauf wie tot in sich zusammen. Ihr Atem stockte, rasselte dann in einem irrsinnigen Stakkato auf, dass man Angst haben musste, ihr Brustkorb würde zerreißen.
Rasch trat Lournu näher. Der Bauch beulte sich aus, als sollte er von innen durchstoßen werden. Ihr Götter, das Kind kam, es kam, es wollte heraus, und doch, irgendetwas ging hier schief, grausam schief. „Großmutter Aeshna, steh mir bei“, flüsterte Lournu. Die Frau musste unsägliche Qualen leiden.
„Kann ich ... ich meine, kann ich etwas tun?“, stotterte der König neben ihr. Lournu blickte verächtlich zu ihm hinüber. Was diese Frau hier durchmachte, nie würde dieser verweichlichte Ballssaalkönig es ermessen können. Wieder schrie die Königin. Lournu strich sanft über den Bauch der Schwangeren.
„Es gibt einen Zauber“, zischte die Hexe zwischen zusammengebissenen Zähnen. „Einen Zauber, mit dem man einen Teil der Schmerzen auf den Vater des Kindes übertragen könnte. Aber schon der zehnte Teil davon ist mehr, als jemals ein Mann in seinem Leben ertragen hat ...“
Der König presste die Zähne fest aufeinander. Dann nickte er entschlossen. Seine Lippen zitterten ein wenig, als er sagte: „Dann gib mir das Zehntel. Wenn es ihr hilft, dann sag deine Sprüche.“
Lournu besann sich kurz. Dann legte sie der schreienden Königin beide Hände auf den zuckenden Bauch. Sie stieß einen heiseren Ruf aus, der einen Geist zu Tode hätte erschrecken können. Leise murmelte sie die sieben Verse aus der alten Sprache der Hexen, die ihre Großmutter sie gelehrt hatte.
Orsan hockte sich neben sie und umklammerte seine Beine mit den Armen. Eine Weile saß er dort zusammengekrümmt, endlich hob er langsam sein bleiches Gesicht. „War es das?“, fragte er leise. Die Königin zitterte am ganzen Leibe. Doch man sah es ihr an, dass Lournu ihr eine kleine Erleichterung verschafft hatte.
Wieder rührte sich das Kind. Ein Schwall blutiges Fruchtwasser schoss zwischen den Beinen der Königin hervor. Die Frau schrie und heulte wie auf der Folterbank.
„Gib mir noch ein Zehntel“, verlangte Orsan. „Ich ertrage es.“
Lournu fuhr zusammen. War dies wirklich der junge Salonkönig, der niemals ein Schwert in der Hand gehalten hatte? Selbst die bernländischen Helden aus der Leibgarde hätten diese Dosis nicht ertragen können. Leise flüsterte sie ihre Beschwörung. Und diesmal spürte sie deutlich unter ihren Händen, wie Mutter und Kind aufatmeten.
Orsan hielt sich den Bauch. „Ich glaube, ich fühle ein leichtes Grummeln in der Magengegend“, flüsterte er. Tatsächlich, das war der alte Stolz von Surbolds Geschlecht. Lournu konnte sich lebhaft vorstellen, wie die Schmerzwogen durch den Leib des zierlichen Königs branden mussten. Doch nur das Zittern seines linken Augenlids verriet, dass der junge Mann nicht ganz so entspannt war, wie er sich den Anschein geben mochte.
„Du bist stark“, erkannte Lournu an. „Surbold würde stolz auf dich sein.“
Wieder bäumte die Königin sich auf.
„Es kann jeden Augenblick kommen!“ rief die Hexe.
Da hob Orsan den Kopf. „Es ist zur Hälfte mein Kind. Dann gib mir auch die Hälfte ihrer Leiden. Bei den Göttern, das ist nur gerecht.“

Es war weit nach Mitternacht, als Lournu das Kind in den Händen hielt. Die Königin lag erschöpft, doch mit einem glücklichen Lächeln auf ihrem Lager. Es war eine völlig schmerzfreie Geburt geworden. Mit ihrem steinernen Messer durchtrennte die Hexe die Nabelschnur, dann rief sie den Segen aller Hexen und der alten Könige auf das Haupt des Neugeborenen herab. Das Kind schrie nicht. Mit großen, verwunderten Augen blickte es Lournu und den König an.
„Ein gesunder, kräftiger Junge“, verkündete die Hexe und legte ihn an die Brust der Mutter.
Der König sah grau und müde aus, doch er lächelte. „Liebes, was hältst du davon, wenn wir ihn Varelian nennen?“, flüsterte er. Die Antwort hörte er nicht mehr, er war vor Erschöpfung eingeschlafen.

Als Lournu die Zeltwand zurückschlug, lag bereits die erste Morgenröte über dem Wald. Die Luft war klar und frisch, im Gras glitzerten Millionen Wassertropfen wie strahlende Perlen. Übermütig sprang Strubbel um seine junge Herrin herum, jagte flink wie ein Eichhörnchen über die Wege und huschte von einem Gebüsch zum anderen.
Die Hexe lächelte. Ein leises Fiepen des Besens ließ sie aufhorchen. Neugierig umrundete sie einen Himbeerstrauch.
Dahinter lag der junge Krieger, der sie hergeführt hatte, der Leib zusammengekrümmt, die Finger ins Erdreich getrieben und das Gesicht verzerrt wie bei einer schrecklichen Alptraumgestalt. Die Hexe pflückte ein Buschwindröschen und legte es auf das Herz des Toten. Dann pfiff sie ihren Besen zu sich und stapfte durch das Unterholz davon.


Die Geschichte erschien anschließend in dem Buch "Ein Prinz für Movenna" (Wurdackverlag, 2007)

01. Sep. 2010 - Petra Hartmann

Bereits veröffentlicht in:

IM BANN DES NACHTWALDES
F. Woitkowski (Hrsg.)
Anthologie - Fantasy - Lerato-Verlag - Mar. 2007

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