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Widergeburt
von Michael Schmidt

Manfred Lafrentz Manfred Lafrentz
© http://www.literra.info
Es ist die schlimmste Zeit des Jahres. Die Tage werden immer kürzer, der Himmel ist ein einziges Grau und bar jeder Sonne. Nicht nur nachts ist es empfindlich kalt, auch tagsüber bleiben die Temperaturen einstellig. Der immerwährende Nieselregen bringt schmerzhafte Kälte auf meine gerötete Haut.
Die Lahn liegt träge fließend im Tal. Die Ufer sind trostlos und die Hänge des Schiefergebirges kahl und traurig.
Ich gehe den schmalen Weg entlang, folge den Windungen des Flusses. Selten nur begegne ich Hundebesitzern, die Einzigen, die bei diesem Sauwetter vor Tür gehen. Nicht mal die allgegenwärtigen Fahrradfahrer lockt es an diesem grauen Novembersonntag vor die Tür.
Es ist der erste Advent, der Dezember steht vor der Tür. In unserem kleinen Städtchen erstrahlt schon die Vorfreude des nahenden Weihnachtsfests. Doch hier draußen bekommt man von bunten Lichtern und Nikoläusen nichts mit.
Es ist ruhig hier. Von fern hört man den vorbeirauschenden Autoverkehr, doch der Regen schluckt den Großteil des Lärms. Kein Schiff fährt auf dem menschenleeren Fluss, einzig Enten und Schwäne ziehen unbehelligt ihre Bahn.
Ich erreiche die alte Eisenbahnbrücke. Rostig, aber immer noch mächtig thront sie über den Fluss, ein Relikt aus alter Zeit. Ich verharre an der Kurve, jetzt genau im Schatten der Brücke.
Das Wasser schimmert grün-braun. Ohne Strömung, der Fluss ist so tot wie meine Seele.
Ich trete näher an das Ufer heran, das Wasser jetzt nicht mehr weit von meinem Schuh entfernt.
Wie kalt ist die Lahn?
Kalt genug, um zu sterben.
Das Wasser gibt das Leben, das Wasser nimmt es wieder.
Ich trete zurück.
Auf der Wasseroberfläche spiegelt sich ein seltsames Wesen. Mächtige Flügel. Spitze Ohren, die fast wie Hörner wirken. Der Körper verbirgt sich im Schatten. Einzig die Arme treten hervor, doch ihre Proportionen sind unnatürlich verzehrt.
Die Gestalt ängstigt und bestärkt mich gleichzeitig. Sie erweckt eine tiefe Sehnsucht in mir.
Es ist nicht der richtige Zeitpunkt zum Sterben. Ich streife die Last des Lebens für einen kurzen Moment von meinen schmalen Schultern, dann kehre ich zurück in meine Heimstadt.
Eine Erkenntnis reift in meinem Innern.
Acedia ist erwacht.

Szenentrenner


Die Heizkörper strahlen ihre unpersönliche Wärme ab.
Jakob steht vor mir und blickt mich hasserfüllt an. Seine dunklen Augen zeigen ein Feuer, dass er in den sieben Jahre unserer Ehe nicht besessen hat. Er schreit mich an. Lautstärke statt Argumente.
Sein Hass prallt an mir ab, ohne mich zu berühren. Sieben Jahre wirkte er gleichgültig, lebte mit mir wie in einer Wohngemeinschaft, nicht wie in einer Beziehung.
Warum wollte er nicht früher gehen? Warum hat er mich nicht vorher schon freigegeben?
Er glaubt, dass ich eifersüchtig bin. Er glaubt, das junge Ding, mit dem er das Bett teilt, wäre der Grund für meine Melancholie. Er glaubt, ich sollte um unsere Beziehung kämpfen. Dabei weiß er genau, dass sie nun endgültig in die Brüche gegangen ist.
Wir hatten keine Beziehung. Und die ist jetzt zu Ende.
»Geh!«
Mehr sage ich nicht zu ihm. Schaue ihm fest in die Augen. Was er dort sieht, lässt ihn zurückweichen.
Hastig packt er seine Jacke. Dann verlässt er unsere Wohnung.
Die Gestalt, die ich an der Lahn zum ersten Mal erblickt hatte, schält sich langsam aus der Dunkelheit heraus.
Ira ist erwacht.

Szenentrenner


Der zweite Advent. Seit Jakobs Auszug bin ich erleichtert. Soll er doch das Bett mit dem jungen Ding teilen. Soll er doch seine Ersparnisse mitnehmen und auch unseren Freundeskreis.
Eine Last ist von mir gefallen.
Ich gehe in die Stadt, schlendere durch die kleinen Gässchen. Alles leuchtet und ein Hauch von Heiligkeit liegt in der Luft. Die Leute sind freundlich und zuvorkommend. Der Geist des Weihnachtsfest hat sie im Griff.
Ich komme kaum weiter, schwätze hier und halte da. Viele trösten mich und nicht wenige sind entsetzt, als sie erkennen, wie wenig es mir ausmacht, dass Jakob mich verlassen hat. Wir lästern gemeinsam über seine Bettgespielin und ich genieße das Stück Gehässigkeit, das so gar nicht zu dem feierlichen Adventssonntag passt.
Nachbar Albert lädt mich zu einem Wein ein. Wir trinken, plaudern und ich sehe das Feuer in seinen Augen. Ich trete näher an ihn heran, beuge mich vor und rieche seinen Atem, eine Mischung aus fettem Essen, schwerem Wein und verdorbenen Magen. Ich lächle ihn schüchtern an, proste ihm zu, dann weiche ich zurück, ihm einen verruchten Blick zuwerfend. Das Spiel wiederhole ich vier Gläser lang, dränge meinen Leib fordernd an seinen, um im nächsten Moment verschämt zurückzuweichen. Albert stopft weiter in sich rein, hier ein Reibekuchen, dort ein Stück Waffel, und spült mit Wein und Korn. Seine Augen verzehren sich nach mir und es scheint ihm egal, ob jemand sein Begehren bemerkt und dies seiner Frau weiterleitet.
Forsch nehme ich seine Hand und verschwinde leicht torkelnd mit ihm durch die Gassen.
In einer dunklen Ecke drängt er sich zwischen meine Beine. Während seine Hände meinen Unterleib erkunden, zahle ich es ihm mit gleicher Münze heim.
Albert kennt keine Geduld und so will er schnell in mich eindringen. Ich halte ihn zurück, meine Hände übernehmen die Aufgabe, die er meinem Schoß zugedacht hatte. Und schon fließt die Begierde aus ihm heraus und er lässt ab. Ich wische meine Hände an ihm sauber und husche in die Nacht, den Mann mit offener Hose zurücklassend.
Zufrieden kehre ich in meine Wohnung zurück. Ich blicke aus dem Fenster, beobachte die umtriebigen Menschen bei ihrem Tun. Die Saat ist gelegt.
Ich gehe früh zu Bett und träume angenehm. Das Flügelwesen zeichnet sich deutlicher ab als vor Wochenfrist.
Gula und Luxuria sind erwacht.

Szenentrenner


Der dritte Advent und die Stimmung kippt. Eine gereizte Atmosphäre herrscht vor. Wegen Nichtigkeiten bricht Streit aus. Der kleinste Anlass genügt und es kommt zu Wortgefechten.
Erneut gehe ich raus und sauge die vielfältigen Gefühle in mich auf.
Ich treffe Alberts Frau Ursula und lasse ein paar Andeutungen fallen.
Sie treffen auf fruchtbaren Boden. Es dauert nicht lange und sie kehrt nach Hause zurück. Das doppelverglaste Fenster schluckt nicht die Eifersucht, die wie ein Kübel Gülle über Albert entleert wird.
Zufrieden setze ich meinen Spaziergang fort und spinne Gerüchte. Manche haben einen wahren Kern, andere entstehen einzig in meiner Phantasie. Es dauert nicht lang und die Streitereien entflammen an allen Ecken. Wieder eile ich durch die kleinen Gässchen und sauge die Emotionen in mich auf. Ich spüre förmlich, wie sich die vielfältigen Gefühle in mir sammeln, wie ein trockenes Gefäß, das begierig die Flüssigkeit in sich aufsaugt.
Nachts webe ich meine Träume. Die spitzen Ohren der Gestalt waren eine Täuschung. Es sind Hörner und sie entspringen der niedrigen und fliehenden Stirn.
Invidia ist erwacht.

Szenentrenner


Der vierte Advent und die Vorfreude wächst begierig unter den Bewohnern unseres Städtchens. Die Emotionen sind sehr unterschiedlich. Die einen sind vollkommen beseelt vom bevorstehenden Fest, fühlen sich Gott nahe. Milde lächeln sie ihre Nachbarn an, die sie für gottlos und dekadent halten. Ich bestärke sie ihn ihrer Arroganz, schmeichle ihrer Eitelkeit.
Die anderen sind unruhig und beladen mit dem Stress der Vorweihnachtszeit. Sie gehen zum Friseur, um sich ein standesgemäßes Aussehen zu verpassen. Kaufen teure Kleider, die sie in der Abendmette stolz präsentieren. Nach der Messe tuscheln sie untereinander. Ich weise auf das exquisite Kleid von Frau H. hin, lästere über den Fleck auf Frau Ks Rock. Begierig nehmen sie die Fäden auf, spinnen sie weiter und feinden sich in ihrer Arroganz an.
Die Gestalt meiner Träume hat jetzt kräftige Hinterläufe und wirkt immer lebendiger.
Superbia ist erwacht.

Szenentrenner


Dann ist es soweit. Der entscheidende Tag ist gekommen. Der Heilige Abend. Die Sterne stehen am Himmel und überall sitzen die Menschen zusammen.
In Liebe und in Hass. In Neid und in Verbundenheit. In Missgunst und in Respekt. In Gereiztheit und in Ruhe.
Ich sauge all diese Gefühle und Empfindungen in mich auf.
Die Stadt ist aufgeladen, ein Quell unendlicher Emotionen.
Und überall stehen die Geschenke im Mittelpunkt. Große, bunt verpackte Präsente. Manche auch klein und wertvoll. Mal mit Liebe ausgesucht, mal nachlässig auf die Schnelle erworben.
Jeder blickt ängstlich, ob er auch das schönste Geschenk bekommen hat. Blickt verbissen auf den Nachbarn. Ist sein Geschenk größer? Teurer oder gar origineller?
Ich spüre es.
Avaritia ist erwacht.

Szenentrenner


Der Moment ist gekommen. Ich gedenke Jakob, meiner Familie, meiner Nachbarn.
Dann trete ich plötzlich und ohne Vorankündigung auf die Straße.
Der Wagen kann nicht mehr ausweichen. Das grelle Scheinwerferlicht blendet mich. Bremsen kreischen, dann gibt es einen Schlag, die Lichter gehen aus.
Im Angesicht der sieben Sünden habe ich mich geopfert.
Acedia, Ira, Avaritia, Gula, Luxuria, Invidia, Superbia und Avaritia.
Die Widergeburt ist eingeleitet. Das Leben verspottet.
Sterben und Entstehen, das eine ist die Essenz des anderen. Erst der allgegenwärtige Schmerz, ich liege da, die Knochen zermalmt, Blut fließt aus mir heraus.
Es wird kalt, es wird kälter.
Das Leben tropft aus mir wie aus einem zerbrochenen Gefäß.
Plötzlich erkenne ich den weißen Tunnel. Ein starker Sog zerrt an mir, an meinem Geist, an meinem Körper.
Ich spüre, wie sich die Verankerung in diesem Körper löst. Wie Dornen zieht sich mein Ich aus Muskeln, Sehen und Organen.
Ich erkenne, bisher war ich nur zu einem Teil existent. Der geistige Teil meiner Seele war mir bewusst. Der körperliche Teil gefangen in der Materie. Dieser löst sich jetzt schmerzhaft aus dem Fleisch.
Der Sog wird stärker und ich löse mich vollkommen aus dem Jetzt, aus der Körperlichkeit.
All die Emotionen um mich herum prasseln ungefiltert auf mich ein. Lassen mich wachsen.
Ich werde größer und stärker. Sauge die mentale Energie in mir auf.
Dann ist der Übergang geschafft, die Fesseln der Menschlichkeit abgelegt.
Ich erkenne mein wahres Ich.
Leuchtend und mächtig.
Widergeboren am Heiligen Abend. Wider der Natur Jesus Christi.
Eure Sünden haben es mir ermöglicht.
Mir, dem gefallenen Engel.
Ich breite die Schwingen aus und suche die Welt heim.
Ein Schatten fällt über sie. Und er wird immer länger.

26. Dez. 2010 - Michael Schmidt

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