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Samiras Fluch
von Gabriele Ketterl

Diese Kurzgeschichte ist Teil der Kolumne:

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A. Bionda
46 Beiträge / 46 Interviews / 102 Kurzgeschichten / 2 Artikel / 136 Galerie-Bilder vorhanden
Gaby Hylla Gaby Hylla
© http://www.gabyhylla-3d.de
Burg Vitany!
Nach endlosen Jahren erblickte er im Dunkel der Nacht die Zinnen nach denen er sich gesehnt hatte. Hier war er geboren worden, hier wuchsen er und seine Brüder auf. Hier hatten sie gelebt, gelacht und auch gelitten.
Die Laute der beschlagenen Hufe ihrer Pferde hallten bis weit über die Ebene als sie das Burgtor durchritten. Er sah sich um, wartete darauf, dass nun die Erinnerungen kommen würden. Doch nur dunkle Schatten der Vergangenheit schienen ihre knöchernen Finger tastend nach ihm auszustrecken. Wie Schemen im Nebel waberten sie kurz durch seinen geschundenen Geist, um sobald er versuchte sie zu greifen, wieder im Nichts zu verschwinden

Sie waren zurückgekehrt, nach über 250 Jahren in Finsternis und am Rande des Wahnsinns. Er stieg von seinem Pferd und drückte seinem Hauptmann die Zügel in die Hand. Langsam schritt er über den Hof, über die Steine, die schon so vieles gesehen hatten. Auch wie sein Bruder von seiner Hand starb. Getötet aus Hass und Liebe, welch fatale Verbindung.
Wie stolz war er auf seinen Bruder gewesen. Sein großer Bruder, der ihm gezeigt hatte wie das Leben wirklich war. Der mit dem jüngsten Sohn des Árpád geritten und bis weit in den Süden vorgedrungen war – siegreich und ungebrochen.
Dort trafen sie zum ersten Mal auf ein schönes und geheimnisvolles Volk. Man bat sie um Frieden und der Herrscher hatte einen hohen Preis für diesen Frieden bezahlt: seine Tochter Samira!

Als Fjodor mit Samira zurückkehrte und sie voll Freude als seine Frau vorzeigte, spürte er zum ersten Mal die alles zerstörende Eifersucht in sich. Nur ein einziger Blick in Samiras schwarze Augen hatte ihn in einen Bann gezogen, aus dem er sich nicht mehr zu lösen vermochte. Samira hasste seinen Bruder, ihr neues Leben und alle Menschen um sie herum . Er wollte nur eines, diese wunderschöne Frau wieder glücklich sehen, ihre Tränen trocknen und sie in seinen Armen halten. Ein williges Werkzeug wurde er unter dem magischen Bann ihres Blickes.

Die stürmische Nacht in welcher er seinen Bruder erstach, war zugleich die letzte Nacht seines alten Lebens gewesen. Noch zur gleichen Stunde hatten sie Vitany verlassen. Was noch geschehen war? Er konnte keine einzige Erinnerung mehr in sich wachrufen. Samiras Tränke hielten ihn am Leben, ein verfluchtes, menschenunwürdiges Leben. Ewiges Leben, gemeinsam mit ihr hatte sie ihm versprochen. Ihre Hände bereiteten Essenzen, die töten oder Leben geben konnten. Und er beschaffte ihr die Ingredienzen.

Was war das Leben von einigen kleinen Kindern, gegen die Ewigkeit mit Samira? Er tötete ohne Reue, er brachte ihr die noch warmen Herzen, denn nur das noch warme Blut eines Kinderherzens enthielt die Kraft, die ihre Magie brauchte. Sein Dolch war leicht und ohne Widerstand zu spüren in die kleinen Körper geglitten – doch zu welchem Preis? Mit jedem Mord verfiel sein eigener Körper, mit jedem Mord zerriss seine Seele ein wenig mehr. Er lebte, doch er lebte als Monster, als Dämon der Nacht.
„Dvorovoi!!“ So nannten ihn die Menschen – doch meist war es das letzte Wort, das über ihre Lippen kam.
In dunklen Verliesen hatte er sich verkrochen, Fäulnis war sein ständiger Begleiter und Verfall zeichnete seinen Körper. Übermenschliche Kräfte verliehen ihm Samiras Elixiere, doch sie geboten dem Wandel an seinem Körper keinen Einhalt.

„Für deine Aufgabe ist dieser Körper perfekt, du rufst Entsetzen, Angst und Abscheu hervor. Dein Anblick lähmt die Menschen vor Furcht. Sobald deine Mission erfüllt ist, gebe ich dir nicht nur ewiges Leben, ich gebe dir auch deine Schönheit zurück!“

Schönheit! Er wusste nicht mehr was das war – er kannte nur eine und das war die ihre. Das lange, dichte blauschwarze Haar, zart bewegt vom Wind, die schwarzen Augen mit dem Blick, der alle in die samtene Finsternis zog.

Langsam durchstreifte er die Wege der Burg. Kurz war ihm, als höre er Stimmen. Fröhliche Kinderstimmen schienen von den Zinnen der Mauern zu hallen und für den Bruchteil eines Augenblicks glaubte er zwei kleine Jungen zu sehen, die lachend über die Mauern tobten. Doch als er seine schuppenübersäten Hände an seine Augen hob, konnte er nur die dichten Nebelschwaden erkennen, die sich über die Burg legten.

Samira rief ihn zu sich. „Ein Herz noch mein Geliebter, nur noch ein unschuldiges Herz! Dann ist es vollbracht!“ Sie wandte den Kopf und gab den Blick auf eine Kristallkaraffe frei in der eine leuchtend rote Flüssigkeit fast bis zum Rand reichte.

„Amrita – der Trank der Unsterblichkeit! Nur noch ein Herz!!“
„Du sagtest es ist vorbei, du sagtest es sei fertig. Du sagtest, ich müsse nie wieder töten!“
„Das letzte Herz war schwach, fast schon kalt! Nur noch eines Geliebter, dann erhältst du deinen Körper zurück und uns gehört die Ewigkeit!“

Als er im Schutz der Dunkelheit die Burg verließ fühlte er nichts. Leere wallte in seinem Innern. Noch einmal töten, dann war es vollbracht.

Der kleine Bauernhof lag nicht weit von der Burg entfernt. Kurz überdachte er, ob es klug war so nah zuzuschlagen, doch er wollte, dass es nun endete – rasch! Er roch das Kind, der warme, süße Geruch eines kleinen Mädchens.

Sein Schwert tötete in Sekundenschnelle, die Menschen riefen in ihrem namenlosen Entsetzen ob seines Anblicks nicht einmal um Hilfe. Er wischte sein Schwert vom Blut sauber und schnupperte in die Nacht. Sie war in der kleinen Küche, hatte sich neben das Feuer geflüchtet. Wie klein, wie hilflos! Das lange blonde Haar und das weiße Hemd gaben ihr das Aussehen eines Engels. Er zog seinen Dolch und ging auf sie zu, langsam in die Knie und hob ihren Kopf. Er wollte in ihre Augen sehen, er musste sehen, dass sie noch lebte, während er das pochende Herz herausschnitt.
Sein Blick traf auf ihren, seine Augen versanken darin, und er sah ein Blau von unbeschreiblicher Reinheit, tief, klar und unendlich. In der Sekunde fuhr ein höllischer Schmerz durch seine Glieder, Feuer glomm in seinem Körper auf, fraß sich durch seine Eingeweide – Blitze schossen durch seinen gemarterten Kopf. Und dann kamen sie, die Erinnerungen. Körperlose Schemen drangen in sein Gedächtnis, öffneten seinen Geist und verursachten eine Pein, die ihn zu Boden zwang. Haltlos sank er auf die Knie, der Dolch entglitt seinen Händen und fiel klirrend auf den steinernen Boden.

Er sah das Gesicht seines Bruders, verzogen in Schmerz und ungläubigem Erstaunen, sein Schwert in seiner Brust. „Warum??“ Die verzweifelte Stimme seines Bruders hallte in seinem Kopf. Er hob die Hände an die Ohren, doch er konnte die Stimmen nicht aufhalten, auch nicht die Bilder, die nun auf ihn einströmten wie eine dunkle, unheilvolle Flut. Er sah seine Mutter, seinen Vater, seinen jüngsten Bruder – alle in ihrem Blut – und er sah seine eigenen besudelten Hände – was hatte er getan? Unbarmherzig jagte ihn die Erinnerung durch Vitany, er sah sich selbst durch die Gänge hetzen, Türen aufstoßen. Schließlich fand er was er gesucht hatte. Wo war er? Ein dunkler Raum, nur erhellt von einem kleinen Feuer in einem offenen Kamin, ein großes Bett ... sein altes Zimmer ... nein ihr altes Zimmer.
Er krampfte die Arme um seinen Körper, lag wie ein kleiner neugeborener Hund zusammengekauert auf dem Boden des fremden Hofes während in seinem Kopf die schrecklichste Erinnerung zurückkam.

Langsam trat er auf das Bett zu. Sie schlief ohne Sorge, ohne Angst, ein leichtes Lächeln umspielte ihre Lippen. Es schien ein schöner Traum zu sein. Ihr blondes Haar lag in großen, weichen Wellen um ihr Gesicht. Sie war schöner als alle Engel des Himmels es sein konnten. Julia!
Allein der Name riss ihn in Stücke, verbrannte sein Herz oder was auch immer an dieser Stelle nun war.
Julia, seine Frau!

Er beugte sich über sie, den Dolch bereits zum Stoß erhoben – doch dann erwachte sie plötzlich und er sah in Augen, ein Blau von unbeschreiblicher Reinheit, tief, klar und unendlich. Sie sah den Dolch, sah das viele Blut an ihm und blickte ihn voll namenlosem Entsetzen an. Ihr Schrei gellte in seinen Ohren, er glaubte, sein Kopf müsse in tausend Stücke zerspringen, der Schmerz war unerträglich ...

... dann fühlte er plötzlich eine kleine, warme Hand auf seinem Arm.
„Herr, was ist mit Euch?“ Die unerwartete Wärme lief wie heilende Medizin durch seinen Körper, erreichte seinen geschundenen Geist und ließ ihn den Kopf heben.
Das kleine Mädchen kniete vor ihm, ihre Hand noch immer auf seinem von Schrunden überzogenem Arm. Sie sah ihn fragend an, zwar voller Furcht, doch nicht mit Abscheu. Er hob die Kleine wortlos hoch, trug sie zu seinem Pferd. Als er sie leise vor der Tür des nächsten Gehöfts abgesetzt hatte, sah er ihr noch einmal in die Augen. In die eines Engels.

In wildem Galopp ritt er in Vitany ein. Wieder raste er wie von Höllenhunden getrieben durch die kalten Gänge der Burg. Doch nun war er bei klarem Verstand, nach über 250 Jahren arbeitete sein Gehirn wieder, und was es ihn sehen ließ brachte einen Schmerz über ihn, der unerträglich war.
Samira stand mit dem Rücken zu ihm als er in ihr Zimmer stürzte. Das siegessichere Lächeln gefror auf ihren Lippen. Sie sah den Hass in seinen Augen, sie sah die Klarheit in seinem Blick. Ihr Fluch war plötzlich ohne Wirkung!
„Weib, was hast du getan?“
Wie eisig kalt ihre Augen waren. „Nichts was du nicht gewollt hättest. Du warst allzu willig.Und nun sind wir kurz vor dem Ziel. Willst du alles zerstören??“
Noch nie hatte er so klar gesehen, noch nie war er seiner Sache so sicher gewesen. Nur ein Schritt und er war bei ihr. Er riss ihren Kopf nach hinten und blickte ihr fest in die Augen als er den Dolch in ihr Herz stieß.

Er lud sich Samira auf die Arme und nur Augenblicke später sprengte er – die tote Frau vor sich auf dem Pferd – aus der Burg.
Sein Weg führte ihn zu einem Felsen in der Nähe. Oft hatten er und seine Brüder von dort oben aus über das Land geblickt, sich lachend die Zukunft ausgemalt.
Am Fuße des Felsens bettete er Samira in das weiche Moos. Er suchte trockenes Holz, das er aufstapelte und ordentlich befestigte. Ein großer, eindrucksvoller Holzberg. Er nahm seinem Pferd die Zügel ab, ließ es frei. Er legte Samira vorsichtig über seine Schulter und entzündete einen großen Ast, der ihm in der Dämmerung als Fackel diente. Schnell hatte er sein Ziel oben auf dem Fels erreicht. Dort stand er nun, Samira – selbst im Tode überirdisch schön – leblos und schon fast kalt in seinem Arm. Niemand sollte sie jemals finden, niemand sollte in sein zerstörtes Gesicht sehen müssen, seinen faulenden Körper sehen. Nie wieder sollte Unheil durch seine Hände geschehen. Er ließ die Fackel fallen und die Glut traf auf den Scheiterhaufen. Rasch stieg Rauch auf. Er nahm Samira fester in seine Arme, drehte sich zur aufgehenden Sonne und ließ sich mit ihr fallen.
Das Letzte, das seine Augen erblickten, als die hungrigen Flammen seinen Körper umzüngelten, war der Himmel:
Blau, von unbeschreiblicher Reinheit, tief, klar und unendlich!

08. Mai. 2011 - Gabriele Ketterl

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