Main Logo
LITERRA - Die Welt der Literatur
Home Autoren und ihre Werke Künstler und ihre Werke Hörbücher / Hörspiele Neuerscheinungen Vorschau Musik Filme Kurzgeschichten Übersicht
Neu hinzugefügt
Autoren
Genres Magazine Verlage Specials Rezensionen Interviews Kolumnen Artikel Partner Das Team
PDF
Startseite > Kurzgeschichten > Andrä Martyna > Science Fiction > Die Ankunft

Die Ankunft
von Andrä Martyna

Diese Kurzgeschichte ist Teil der Kolumne:

AGENTUR ASHERA Zur Gallery
A. Bionda
46 Beiträge / 46 Interviews / 102 Kurzgeschichten / 2 Artikel / 136 Galerie-Bilder vorhanden
Markus Schüler Markus Schüler
© http://www.the-art-of-markus.de
Völlig lautlos senkte sich das Raumschiff, etwas anderes konnte es nicht sein, auf die grasbewachsene Ebene vor dem ATA, dem Allen Telescope Array. Seine Form erinnerte an eine Rosenknospe, selbst der kurze Ansatz eines Stieles fehlte nicht. Ein Raunen ging durch die Menge, die sich versammelt hatte. Die meisten Anwesenden waren Militärs, aber auch eine Abordnung Politiker, Wissenschaftler und einige wenige auserwählte Presseleute waren da. Eilig herbeigeschaffte Flugabwehrgeschütze auf fahrbaren Lafetten richteten ihre Rohre auf die metallene Knospe, die den Boden berührte und zum Stillstand kam.

Szenentrenner

Die Anwesenheit des Schiffes im heimatlichen Sonnensystem war achtundvierzig Stunden zuvor bemerkt worden. Das ATA des Seti Instituts hatte nach Jahren vergeblichen Bemühens endlich Radiosignale einer Intelligenz empfangen. Groß war das Erstaunen, als erste Berechnungen ergaben, dass sich der Ursprung der Signale nicht in den Weiten des Alls befand, sondern praktisch vor unserer Haustür. Das eilig ausgerichtete Hubble Teleskop erfasste den metallenen Körper auf der Jupiterbahn. Er kam näher, schnell näher. Schneller als jedes von Menschen geschaffene Objekt. Die Verantwortlichen erschraken als errechnet wurde, dass das Objekt nur zwei Tage später die Erdumlaufbahn erreichen würde. Fieberhaft wurde diskutiert, und man kam überein das Objekt anzufunken. Niemand schien besser dazu geeignet, deshalb wurde diese Aufgabe dem Seti Institut übertragen. Mittels eines modulierten Laserstrahls übermittelten die Wissenschaftler eine einfache Grußbotschaft. Dann wartete man auf eine Antwort, die ausblieb. Noch zweimal versuchten die Menschen Kontakt aufzunehmen, aber das Objekt schwieg weiterhin. Nur das regelmäßige Piepsen, das so plötzlich auf der Jupiterbahn eingesetzt hatte, erklang weiterhin in den Lautsprechern der Wissenschaftler am Seti Institut. Als das Objekt die Erde erreichte verlangsamte sich seine Geschwindigkeit. Dann trat es langsam in die Atmosphäre ein, und eilig angestellte Bahnberechnungen ergaben den voraussichtlichen Landeplatz. Nun stand die Metallknospe bewegungslos auf einem Feld nahe des ATA. Balancierend auf seinem einzelnen Stiel, der Schwerkraft zum Trotz. Kein Windhauch regte sich, und selbst die Vögel waren verstummt. Atemlos starrten die Menschen auf das Metall eines Objektes, das nicht auf der Erde erschaffen worden war. Dann kam Bewegung in die Menge, als sich ein einzelnes Blütenblatt von der Gesamtheit löste, und langsam, wie an einem Scharnier in Richtung Boden klappte. Sturmgewehre wurden genauso wie Kameras mit Teleobjektiven in Anschlag gebracht. Das Geschehen wurde live in alle Welt übertragen. Darauf hatten sich die Entscheidungsträger nach langen Debatten geeinigt. Bei einem so offenen Anflug am helllichten Tage, wäre Geheimhaltung ohnehin sinnlos gewesen. Überall auf der Erde verharrten die Menschen vor den Fernsehern. Eine Welt hielt den Atem an.
Szenentrenner

Pete Griscolls Hände, die die Kamera hielten, zitterten unkontrolliert vor Aufregung. So etwas war ihm in seiner Karriere noch nie passiert. Selbst als Kriegsberichterstatter im Irak hatten seine Hände nie gezittert. Unsicher sah Pete zur Seite, wo Masha McPerson neben ihm stand. Ihre klaren graublauen Augen waren zusammengekniffen, ebenso ihre Lippen. Die Kieferknochen traten deutlich hervor. Aber selbst diese deutlichen Anzeichen der Anspannung konnte ihre Schönheit nicht verbergen. Sie war Agent des Secret Service, und sie beide waren sich schon bei einigen Gelegenheiten über den Weg gelaufen. Dass sie hier nebeneinander standen, war purer Zufall, aber Pete war froh ein bekanntes Gesicht neben sich zu wissen. Ein leises metallenes Geräusch ließ ließ ihn den Kopf herumdrehen. Ein großes Teil des Außerirdischen Raumschiffs löste sich vom Rest der Konstruktion. Als es wieder zur Ruhe kam hatte sich eine gut zwanzig Meter lange Rampe, die hinauf zum Schiff führte, gebildet. Am oberen Ende tat sich eine Öffnung auf. Groß genug um einen Menschen durchzulassen. Strahlendes Licht kroch daraus hervor. Hell, sehr hell, aber nicht so, dass es in den Augen schmerzte. Und dann bewegte sich etwas. Eine Gestalt, nicht viel mehr als ein Schatten, erschien in der Öffnung. Die Menge durchlief ein Raunen. Alles hatten sie erwartet. Von kleinen spindeldürren grauen Aliens mit großen schwarzen Augen, bis hin zu tentakelbewehrten Monstern. Aber das was ihnen dort Oben entgegentrat konnte nur ein Mensch sein. Die Proportionen stimmten, ja waren geradezu perfekt. Aber konnte das wirklich ein Mensch sein?
Die Gestalt setzte sich in Bewegung, und trat aus dem blendenden künstlichen Licht hinaus in das Licht der Sonne. Pete hörte Masha neben sich hörbar einatmen. Er bemerkte nicht, wie er die Hand mit der Kamera sinken ließ. Pete hatte nur noch Augen für dieses Wesen, das elegant, ja graziös den Menschen entgegenging. Unfähig irgendetwas zu tun, unfähig seinen Job zu erledigen stand er da. Auch die Soldaten ließen ihre Waffen sinken. Kein Vorgesetzter nahm ihr Verhalten zur Kenntnis. Niemand konnte seinen Blick abwenden. Sie war einfach wunderschön. Ja, SIE!
Das Wesen, das nun das Ende der Rampe erreicht hatte, war die schönste Frau, die Pete jemals gesehen hatte. Sie war nackt und völlig haarlos, aber das unterstützte nur die perfekte Form ihrer Figur und das ebenmäßige Gesicht mit den roten Augen. Diese Frau strahlte eine Würde aus, die sie besser umhüllte als jedes Kleidungsstück. So konnte sich nur ein Wesen geben das niemals Kleidung benötigt hatte. Sie stand regungslos mit leicht gespreizten Beinen da. Nichts verdeckte die Sicht auf ihren haarlosen Venushügel. Der Anblick aber löste in Pete keinerlei Regung aus. Kein Testosteron wurde in seinem Hirn ausgeschüttet. Sie hätte genauso gut in eine Burka gehüllt sein können. Auch die Brüste bildeten zwei derart perfekte Rundungen, wie Pete sie bei noch keiner Frau auf Erden gesehen hatte. Doch er wäre nicht einer der Top-Leute in seinem Beruf, wenn er nicht trotz allem seine objektive und professionelle Beobachtungsgabe behalten hätte. Pete nahm unterbewusst zur Kenntnis, dass alles an diesem Wesen symmetrisch war. So symmetrisch, dass es nicht menschlich sein konnte. Ein einziges Detail wich davon ab, wie er feststellte. Über und seitlich ihres linken Auges zogen sich sieben Punkte. Er konnte nicht erkennen ob es sich dabei um ein Körpermerkmal oder um eine Bemalung handelte. Vielleicht sogar etwas völlig anderes. Um ihn herum begannen die Presseleute die ersten Fotos zu schießen. Auch Pete besann sich seiner Aufgabe, und hob die Kamera ans Auge. Als er durch das Teleobjektiv ihr Gesicht formatfüllend sehen konnte fiel ihm noch etwas auf. Diese Frau, diese Außerirdische, sah niemanden an. Sie schien in sich hinein zu hören, und ihr Blick ging durch die Menschen um sie herum gleichsam hindurch. Längst zeigte keine Waffe mehr auf sie. Nur die Geschütze wiesen noch auf das Schiff, aber die Mannschaften hatten ihre Plätze an den Feuerknöpfen verlassen. Es gab keine Bedrohung.

Szenentrenner


Vier Tage waren seither vergangen. Pete saß an seinem Schreibtisch und ließ die Ereignisse Revue passieren. Mehrere Versuche von Politikern und Wissenschaftlern mit der Besucherin zu sprechen schlugen fehl. Sie stand einfach da und sah durch sie alle hindurch. Sie schien das Geschehen um sie herum nicht einmal zu bemerken. Schließlich, um überhaupt etwas zu tun, wurde ein Pavillonzelt um sie herum errichtet. Nicht um sie vor den Blicken von Milliarden von Menschen zu verbergen, sondern quasi als Geste des Willkommens. Da die Besucherin offensichtlich nicht gewillt war die Menschen zu begleiten, baute man einfach eine Unterkunft um sie herum. Versuche in das Innere des Raumschiffs zu gelangen schlugen fehl. Niemand war in der Lage die Rampe zu betreten. Sobald man nur einen Fuß auf die metallene Fläche setzen wollte, verlor jedermann das Interesse weiterzugehen, und kehrte dem Schiff den Rücken. Nichtsdestotrotz begann ein geschäftiges Treiben. Abseits der Spekulationen warum die Frau jedem Kontaktversuch widerstand, war man bemüht so viel wie möglich über sie und das Schiff zu erfahren. Man war sich sicher, dass von ihr keinerlei Gefahr ausging, aber der Wissensdrang war doch übermächtig. Trotz aller Bemühungen kamen die klügsten Köpfe der Menschen aber nicht weiter. Die Instrumente und Scanner, die auf das Schiff und die Frau gerichtet wurden, zeigten keinerlei Ausschlag an. Niemand war in der Lage das Raumschiff auch nur anzufassen, und niemand wagte sich die nackte Abgesandte einer offensichtlich hochstehenden Kultur zu berühren. Die Spekulationen über den Grund ihres Besuches auf der Erde änderten sich stündlich, und nach und nach machte sich die Überzeugung breit es handele sich bei der Besucherin um eine Art Roboter oder künstlichen Menschen, um einen Androiden.
Das Leben auf der Erde begann sich wieder zu normalisieren. Pete verbrachte seine Zeit mit telefonieren und Recherchen im Internet. Etwas hatte eine Saite in ihm angeschlagen, und er bildete sich ein vielleicht als Erster etwas Konkretes über ihren Besuch herauszufinden.
Dann aber, verschwand das Raumschiff.
Als Pete wieder auf dem weiten Areal der ATA Anlage eintraf, konnte er es erstmalig mit eigenen Augen sehen, oder eben nicht sehen. Die Metallknospe war weg, als hätte es sie nie gegeben. Nicht einmal ein Abdruck im Boden hatte sie hinterlassen. Niemand hatte das Schiff starten sehen, keiner etwas gehört. Auch die vielen Augen und Ohren im All konnten es nicht ausmachen. Es war als hätte es nie existiert. Nur die Anwesenheit der Besucherin zeugte davon, dass das größte Ereignis in der Geschichte der Menschheit überhaupt stattgefunden hatte. Die Sicherheitsvorkehrungen, rund um das Gelände, wurden verschärft. Besorgnis machte sich unter den Menschen breit. Eine Seite des Pavillons war geöffnet, und Pete hatte einen guten Blick auf die ebenmäßige Schönheit dieser Frau. Zusammen mit einigen Wissenschaftlern betrat er die Notunterkunft. So nahe war er ihr noch nie gewesen. Seine Beziehungen zum Weißen Haus hatten Pete hierher zurückgebracht. Als er so vor ihr stand, und in ihre rot schimmernden Augen sah, konnte er nicht anders. Er musste sie berühren. Zaghaft hob er die Hand, und bevor auch nur einer der umstehenden Wissenschaftler und Generäle reagieren konnte, berührten seine Finger die Besucherin leicht an der rechten Schulter.

Szenentrenner


Acht Jahre waren seither vergangen. Pete saß in seiner Hütte am Waldsee und wartete allein, so wie er auch gelebt hatte, auf das Ende. Er war einer der wenigen die überhaupt wussten, dass das Ende auf sie alle zuraste. Schneller als das Licht. Pete erinnerte sich noch gut an den Augenblick als seine Finger auf ihre Haut trafen, und ... durch sie hindurch gingen. Es traf ihn wie ein elektrischer Schlag, der ihn von den Füssen fegte. Das ausbrechende Chaos nahm er nur am Rande war. Wie gebannt haftete sein Blick auf ihr. Sie hatte sich bewegt, den Kopf bewegt und sah ihn an. Sie lächelte, aber es war ein trauriges lächeln. Pete ließ alles noch einmal Revue passieren. Seine Berührung war der Katalysator gewesen. In diesem Augenblick, innerhalb von Millisekunden, hatte sie seine Sprache gelernt. Ja, seine Finger waren durch sie hindurch gefahren, denn sie war nicht echt, nicht wirklich. Sie war ein Avatar, ein elektronisches Pendant. Und sie war Gott.
Sie war der Designer, der das Universum erschaffen hatte, Angehörige einer Rasse, die wie die Menschen aussahen. Sie war Wissenschaftlerin, die an einem bahnbrechenden Experiment arbeitete. Ihr Name war Eva.
Eva hatte eine Simulation des Universums erschaffen, um das wirkliche Universum verstehen zu lernen. Die Simulation aber war ein Fehlschlag gewesen. Keine neuen Erkenntnisse hatten sich aufgetan. Ihre Rasse wandte sich anderen Forschungen zu, und die auf Kristallen basierende Großrechenanlage sollte abgeschaltet werden. Da entdeckte Eva, dass sich innerhalb der Simulation eine künstliche Existenz gebildet hatte. Die Simulation des Universums war genauso perfekt wie das Universum selbst. Mit der wenigen Zeit, die ihr verblieb, schrieb sie ein Programm, um mit der künstlichen Existenz Kontakt aufzunehmen – mit den Menschen. Alles Lamentieren war umsonst gewesen. Die Abschaltung war bereits vorgenommen, und das Universum der Menschen existierte nur noch als kleiner Teil in ihrem privaten Rechner. Die Kapazität war aber nicht groß genug, und die Simulation begann bereits sich aufzulösen. Da die Zeitabläufe aber in der Simulation anders als in der Wirklichkeit abliefen, blieben den Menschen noch einige Jahre um sich vorzubereiten.
Pete hatte seinen Gartenstuhl mit zum Bootssteg genommen. Mit einer Flasche Bier in der Hand saß er am See, und sah wie sich die Welt um ihn herum auflöste. Es war Abend, und eigentlich hätten tausende Sterne den Himmel bevölkern sollen, aber da war nichts. Nur Dunkelheit. Dann begann sich die Dunkelheit JAMILA auszubreiten und griff nach der Erde. Pete sah die schwarze Wand auf sich zukommen. Eine Wand aus schwärze und vergessen. Seine Augen waren feucht, aber er spürte keinen Hass. Sein letzter Gedanke galt Gott, galt Eva, und dann nichts mehr.

28. Mai. 2011 - Andrä Martyna

[Zurück zur Übersicht]

Manuskripte

BITTE KEINE MANUS­KRIP­TE EIN­SENDEN!
Auf unverlangt ein­ge­sandte Texte erfolgt keine Antwort.

Über LITERRA

News-Archiv

Special Info

"Flucht aus der Komfort- zone!"
Im Sachbuch "TOP: Die neue Wissenschaft vom bewussten Lernen" geht es um die Befähigung Höchstleistungen zu vollbringen.

LITERRA - Die Welt der Literatur Facebook-Profil
Signierte Bücher
Die neueste Rattus Libri-Ausgabe
Home | Impressum | News-Archiv | RSS-Feeds Alle RSS-Feeds | Facebook-Seite Facebook LITERRA Literaturportal
Copyright © 2007 - 2018 literra.info