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Schattenflieger
von Gabriele Ketterl

Diese Kurzgeschichte ist Teil der Kolumne:

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A. Bionda
46 Beiträge / 46 Interviews / 102 Kurzgeschichten / 2 Artikel / 136 Galerie-Bilder vorhanden
Gaby Hylla Gaby Hylla
© http://www.gabyhylla-3d.de
Müde schlang Sirie die Arme um ihre Knie. Sie fühlte sich leer und ausgelaugt. Als ein leiser Windhauch ihr eine Strähne ihres langen, schwarzen Haares ins Gesicht blies, fröstelte sie. Sirie versuchte sich daran zu erinnern wann sie jemals gefroren hatte.
Sie hatte es nie! Selbst wenn sich der Winter sanft über Saalan A'Thûr legte, waren die Temperaturen noch mild. Nun aber waren sie gekommen. Die Menschen drangen immer weiter in das Land vor, das ihr und den anderen Geschöpfen der Nacht gehörte. Und mit ihnen kam die Kälte. Es war eine bedrohliche, eine tödliche Kälte. Wenn sich Sirie anstrengte, konnte sie die Feuer der Truppen brennen sehen, die unterhalb der alten Burg lagerten. Sie waren laut, brutal, gefährlich und sie stanken zum Himmel. Sirie musste das wissen. Die Feste der Schattenflieger war hoch, höher als die Zinnen der Burg jemals reichten. Dennoch drang der Gestank des Heerlagers bis hierher und beleidigte Siries feine Nase. Das blau schimmernde Gemäuer ihrer Festung war für menschliche Augen nicht zu erkennen. Nur das hatte die Menschen bislang daran gehindert sie offen anzugreifen. Noch waren sie einigermaßen behütet im Schutz ihrer uralten Magie. Doch sie mussten sich ernähren. Sie brauchten das starke Blut des frei durch das Land streifenden Wildes. Kräftige Hirsche oder Rehe mit Kitzen – es war eine ewige Symbiose gewesen. Niemals hatte einer der ihren ein Tier getötet. Man nahm nur so viel wie man brauchte. Fast noch mehr brauchten sie das klare, reine Wasser der Bergquellen. Nur damit konnten sie das Mondwasser herstellen, das ihre magischen Kräfte aufrecht erhielt. Die Menschen verunreinigten die Quellen, sie töteten das Wild. Sie zerstörten die Welt der Schattenflieger.
Vor vier Tagen hatten sie festgestellt, dass ihr Wasser zur Neige ging. Nur noch für zwei Krüge würde es reichen. Zu wenig für sechs Schattenflieger. Zu wenig, um genug Kraft aufzunehmen.
Alea, Siries Gefährte, war losgeflogen, spät in der Nacht, und entgegen Onuks Rat. Bei Sonnenaufgang hätte er zurück sein müssen – doch Alea kam nicht zurück. Sirie spürte, dass er noch lebte, spürte seine magischen Schwingungen in ihrem Herz. Sie wusste jedoch, mit jeder Stunde, die verstrich, schwand die Chance Alea lebend zu finden.
„Sirie!“ Eine Hand legte sich zart auf ihre Schulter. „Geduld, kleine Schwester. Nur noch zwei Stunden, dann ist das Mondwasser fertig. Es wird uns die Kraft geben Alea zu suchen!“
Sirie blickte auf und sah in ein leuchtend blaues Augenpaar, das hinter weißen, wuscheligen Haaren aus dem schönen Gesicht ihrer Schwester leuchtete. „Antyanna, ich kann ihn fast nicht mehr fühlen. Er wird sterben!“
„Sirie, du hast Onuk gehört. Wir müssen stark sein, um gegen die Menschen zu bestehen, um unsere Magie einsetzen zu können.“ Liebevoll strich Antyanna ihr übers Haar. „Geduld meine Kleine, nur noch zwei Stunden! Komm herein, es ist kühl geworden in unserem Land!“
„In zwei Stunden kann es zu spät sein“, flüsterte Sirie, doch ihre Schwester war schon wieder in der Feste verschwunden und hörte ihre Worte nicht mehr. Antyanna hatte Recht, es war kalt geworden. Gerade wollte Sirie aufstehen, als ein stechender Schmerz ihr Herz zusammenzog. Ihre Hände griffen nach ihrem Hals, fast vermochte sie nicht mehr zu atmen. Wie heiße Glut breitete sich der Schmerz über ihren Körper aus und griff nach ihrem Geist.
Alea!
Sirie wusste, dass er es war, sein Geist rief sie. Sie teilte sekundenlag seinen Schmerz, der so heftig war, dass es ihr den Atem raubte.
Er war ihnen in die Hände gefallen. Alea, der Schöngeist, der liebevolle Magier der Nacht in den Händen dieser Barbaren. Sirie zwang ihren Geist in geordnete Bahnen. Schon wollte sie hinein zu Antyanna und Myko, doch in letzter Sekunde überlegte sie es sich anders. Leise schlich sie zum Nachtturm. Der Vollmond beleuchtete seine geöffnete Kuppel. Sie wusste, was dort im Licht des Mondes stand.
Auf Zehenspitzen durchquerte Sirie das Tor und gelangte so in den in magisches Licht getauchten Innenraum. In der Mitte des runden Zimmers stand der silberne Schrein des Mondes. Er war zart und filigran gearbeitet und glänzte im Licht der „Sonne der Nacht“. Darauf stand die Karaffe, in der das Mondwasser auf seine Vollendung wartete. Eine ganze Vollmondnacht musste das Licht des Mondes in die Karaffe fallen, die bis über die Hälfte mit Bergkristallen gefüllt war. Dazwischen, in zartem Grün, die Kräuter, die Onuk und seine Gefährtin Maraa gesammelt hatten. Wie würde Onuk auf ihren Ungehorsam reagieren? Sirie schüttelte diesen Gedanken ab. Sie musste handeln, Aleas Lebenszeichen wurden immer schwächer. Er litt! Ihr Respekt und ihre Angst vor Onuk waren groß, doch nun entschied sie gegen die Vernunft. Ängstlich blickte sich Sirie um. Sie musste es tun! Die Karaffe glitzerte verheissungsvoll, und Sirie nahm all ihren Mut zusammen. Leise trat sie an den Schrein heran und griff nach der Karaffe. Das Gefäß schien unendlich schwer zu sein. Vorsichtig setzte Sirie es an ihre Lippen und trank das magische Wasser. Sie trank fast die Hälfte, bis sich ihr Körper weigerte mehr aufzunehmen. Als sie die Karaffe zurück an ihren Platz stellte, glaubte sie ein leises Rauschen zu hören. Doch als sie in die Dunkelheit lauschte, hörte sie nur ihren eigenen, wilden Herzschlag.
Schon spürte sie die Kraft, die Magie des Mondes, die sich durch ihren Körper wand. Leise wie sie gekommen war, schlich sie zurück auf die hohe Mauer. Sie sprang zielsicher auf den höchsten Teil der Zinnen, breitete die Arme aus und ließ sich in die Tiefe fallen. Sofort spannten sich ihre feinen Flughäute aus und trugen sie hinauf. Trotzdem fühlte sie sich unwohl. Etwas war falsch. Natürlich, sie waren nicht da. Onuk und seine Raben waren nicht gekommen. Wann immer ein Schattenflieger losflog, kamen die großen Raben aus dem Dunkel der Nacht. Im Schutz und Schatten ihrer Schwingen bewegten sich die Schattenflieger seit ewigen Zeiten durch die Luft.

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In Sirie stieg Angst auf. Ohne den Schutz der Raben konnte sie zu leicht entdeckt werden. Unsicherheit schwappte wie eine eisige Flut über ihrem Geist zusammen. Onuk!! Verzeih mir! Bitte kommt doch! Sirie sah sich verzweifelt um. Nirgends eine Spur der großen, schwarzen Vögel der Dunkelheit. Schattenflieger brauchten Sicherheit, Sirie brauchte Sicherheit! Sie war den Menschen zu nahe, spürte wie sich deren zerstörerische Energie in ihren Geist drängte. Schon verlor sie an Höhe. Da schob sich ein riesiger schwarzer Schatten unter ihren linken Arm und fast gleichzeitig spürte sie den kräftigen Luftstoß, als auf ihrer anderen Seite ein weiterer Schatten auftauchte. Sirie fühlte, wie sie wieder höher stieg, unterstützt von kräftigen Schwingen, die ihr zu Aufwind verhalfen.
Onuk und seine Raben!
Sie waren gekommen. Nur kurz wandte ihr der alte Rabe sein Gesicht zu und sie konnte die Anklage in seinen schwarzen Augen lesen. Im nächsten Augenblick pickten mehrere Schnäbel vorsichtig nach den Lederbändern ihres leichten Gewandes, hoben sie höher, halfen ihr. Ein menschliches Auge konnte nur noch eine große Schar von riesigen Raben erkennen. Onuk flog in großem Bogen um das Heerlager herum. Am anderen Ende des Lagers, im Schutz einer Baumgruppe, begann er langsam zu sinken. Sirie und die Raben landeten geräuschlos in den großen Baumwipfeln. Wortlos wandte Onuk ihr sein Gesicht zu und bedeutete ihr, den Kopf zu drehen. Als Sirie in die angezeigte Richtung blickte, blieb ihr fast das Herz stehen. Dort, zwischen zwei Bäumen, stand ein Holzgerüst. Vier Baumstämme waren grob zu einem Quadrat zusammengezimmert worden, zwei weitere durchzogen das Gebilde von einer Ecke zur anderen. An diese beiden Stämme war, an Händen und Füßen, eine zusammengesunkene Gestalt gebunden. Ein Feuer, das vor dem Holzkonstrukt brannte, beleuchtete den Körper. Siries scharfer Blick erkannte ihn trotz des erbärmlichen Zustandes, in dem er sich befand.
Alea!
Zwei Männer saßen feixend am Feuer und warfen keinen Blick auf Alea. Sie schienen zu wissen, dass von ihm keine Gefahr ausging. Ohne nachzudenken ließ sich Sirie zu Boden gleiten. Wie eine Schlange glitt sie hinter das Holzgerüst. „Sirie! Warte. Nicht noch eine unüberlegte Handlung! Denk nach!“ Onuk war direkt neben ihr.
„Onuk, bitte, er stirbt. Sie foltern ihn, sieh hin!“ Der Anblick den Alea bot ließ Sirie zittern. Sein langes, helles Haar hing blutverkrustet um sein Gesicht. Dieses Gesicht, mit den strahlend grünen Augen, war nun blutverschmiert und verschwollen. Die Menschen wussten um die Selbstheilungskräfte der Schattenflieger. Zahllose Wunden überzogen Aleas Arme, Beine und auch sein Gesicht. Wohin sie auch sah, überall war geronnenes oder verkrustetes Blut. Sie versuchten herauszufinden wie viel er ertragen konnte.
Ein ersticker Laut kroch aus Siries Kehle.
„Sirie, er kann unmöglich in diesem Zustand fliegen. Hast du es dabei?“ Sirie wusste wovon Onuk sprach. Sie griff an das Lederband über ihrer Hüfte und brachte eine kleine Phiole zum Vorschein. „Ja, Mondwasser von zwei Vollmondnächten!“
„Selbst das ist zu schwach, er braucht dein Blut dazu, nur dann haben wir eine Chance!“ Onuk ruckte ungeduldig mit dem Kopf und Sirie beeilte sich die Phiole zu öffnen. Sie hielt Onuk ihren Zeigefinger hin und sein scharfer Schnabel hackte hart zu. Rote Blutstropfen quollen hervor und Sirie ließ sie in die Phiole tropfen. „Das wird reichen!“ Onuk schien zufrieden und sah nun wachsam auf die beiden Gestalten am Feuer. „Du musst genau von hinten an ihn heran. Sein Körper muss dich verdecken – und keinen Laut, sonst sind wir alle verloren!“ Sirie nickte. Ihre Hände zitterten und ihr Herzschlag dröhnte wie Trommelschläge in ihren Ohren. An den feuchten Waldboden gepresst schlängelte sie sich an Alea heran. Im Nachhinein konnte sie nicht mehr sagen was geschehen war. Offenbar war sie zu schnell gewesen und hatte den hohlen Ast nicht gesehen. In der Stille zerbarst er selbst unter ihrem leichten Körper so laut, dass es in ihren Ohren wie Donner klang. Die Köpfe der beiden Wachen ruckten hoch! „Was zur Hölle war das?“ Schon im Aufstehen zog der Kleinere sein Schwert. „Das Wesen ist mir unheimlich, selbst in dem Zustand. Es scheint an der Zeit ein Ende zu machen. Lange hält es sowieso nicht mehr durch!“ Mit nur zwei Schritten stand er neben Alea und schwang sein Schwert über dem Kopf. Bevor Sirie schreien konnte, bevor sie etwas tun konnte, glitten schwarze Schwingen über sie hinweg. Blitzschnell war der Rabe über den Menschen und hackte nach deren Augen. Ein markerschütternder Schrei gellte durch die Nacht. Blut troff aus den Gesichtern beider Männer.
Maraa!
Die weise Rabenfrau hatte sich todesmutig auf die Männer gestürzt und ihnen das Augenlicht geraubt. Gerade wollte sie wieder aufsteigen, als sich ein Pfeil sirrend in ihren Körper bohrte. „Drecksvieh! Verdammter Totenvogel!“ Der Schütze nahm den Pfeil samt Maraa auf und schleuderte sie in das brennende Feuer.
„Sirie! Jetzt rasch! Sonst war Maraas Opfer vergebens!“ Onuks Worte waren deutlich. Alle kümmerten sich um die Verletzten. Direkt hinter Alea richtete sich Sirie auf, fand seinen Mund und zog vorsichtig seinen Kopf nach hinten. Es gelang ihr Alea das rettende Elixir einzuflößen. Die Magie wirkte schnell. Alea erzitterte und richtete seinen gequälten Körper auf. Seine Fesseln waren mit Siries kleinem Dolch rasch durchschnitten. Ein kurzes Nicken Aleas und Sirie gab den Raben das Zeichen. Wie ein einziger Schatten glitten sie über sie hinweg, nahmen sie auf und boten ihnen Schutz vor den Blicken der Menschen.
Alea war schwach, doch er bot seine ganze Willenskraft auf und es gelang ihm bis zur Feste zu fliegen.

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Antyanna und Sirie schafften Alea sofort in seine Räume. Sirie aber musste noch etwas tun! Sie eilte hinaus zu Onuk, dessen Körper sich dunkel gegen das Mondlicht abhob.
„Onuk! Es tut mir so unendlich leid. Bitte vergib mir.“
Onuk sah hinaus in die Nacht. „Quäl dich nicht Sirie. Maraa hat eure tiefe Liebe vom ersten Tag an mit erlebt. Sie wusste, dass Aleas Tod auch dein Ende bedeutet hätte. Das konnte sie nicht zulassen. Maraa hat dich sehr geliebt. Du weißt was ihr tun könnt!“
Mit diesen Worten verschwand Onuk in der Nacht.

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Zwei Nächte später standen die sechs Schattenflieger Hand in Hand auf den Zinnen ihrer Feste. Auf Mykos Zeichen schälten sich zahllose Raben aus der Nacht. Onuk landete sanft vor Sirie und Alea. Alea hatte Sirie fest in seine Arme genommen und beide blickten Onuk erwartungsvoll an. „Von jeher besiegelten die Raben den ewigen Bund zwischen zwei Schattenfliegern. Euch vereinen zu können macht mich glücklich, denn so hat Maraas Opfer seinen Sinn erfüllt. Wir erwarten von euch, treu zu uns zu stehen. Nur gemeinsam können wir Salaan A'Thûr noch vor den Menschen schützen! Nun aber kommt, wir zeigen euch wo ihr die heutige Nacht verbringt.“ Antyanna nickte Sirie mit wissendem Lächeln zu. „Fliegt in eure Zukunft kleine Schwester!“

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26. Jul. 2011 - Gabriele Ketterl

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