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Das grüne Licht im Giebelfenster
von Tobias Bachmann

Diese Kurzgeschichte ist Teil der Kolumne:

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A. Bionda
46 Beiträge / 46 Interviews / 102 Kurzgeschichten / 2 Artikel / 136 Galerie-Bilder vorhanden
Andrä Martyna Andrä Martyna
© http://www.andrae-martyna.de/
Der Bewohner der gegenüberliegenden Dachkammer soll angeblich ein erfolgloser Künstler gewesen sein. Mir ist er auch heute noch nicht bekannt. Ich weiß nicht einmal, ob er noch lebt, oder aber überhaupt jemals wirklich existiert hat, denn – vielleicht, so denke ich mir – sind die Ursachen für das, was ich gesehen habe, auf meinen, zu dieser Zeit besonders stark ausgeprägten Drogenkonsum zurückzuführen. Die Möglichkeit, dass mein Erlebnis durch einen halluzinatorischen Zustand ausgelöst wurde, möchte ich nicht ausschließen.
In besagter Zeit litt ich stark unter dem Tod meiner Lebensgefährtin, welche wenige Wochen zuvor durch einen Unfall verschieden war. Diesen folgenschweren Verlust konnte und wollte ich nicht verkraften, weswegen ich die Stadt, in der wir unsere gemeinsame Zeit verbracht hatten, auf Nimmerwiedersehen verließ und in Arkham zu leben. Ich hatte dort eine nette Dachbodenwohnung entdeckt, in welche ich zog, um ein neues Leben als Schriftsteller und ein Leben fernab der Erinnerung zu führen.
In der ersten Zeit nach ihrem Dahinscheiden jedoch, suchte ich Hilfe und Trost in Alkohol und Cannabis. Diese Drogen, einzeln konsumiert, mögen an und für sich weitestgehend ungefährlich sein, doch die Kombination von beiden ist aufs Äußerste ungesund. Und dennoch tat ich es immer wieder, wobei ich im Nachhinein nicht sagen kann, welche Droge welche beeinflusste. Wenn ich zuerst trank und danach rauchte, wurde mir meist schlecht, so dass ich mich übergeben und für längere Zeit im Bett bleiben musste. Umgekehrt hingegen, war der Rausch enorm. Aber auf eine erschreckende Weise überproportioniert, so dass ich hätte glauben können, verrückt zu werden. Wie man es auch dreht und wendet, fest steht, dass ich zum damaligen Zeitpunkt einfach zu weit ging, weswegen ich nicht beschwören möchte, dass das, was ich sah, ein tatsächlicher Bestandteil unserer Welt ist.
Die Dachkammer war zwar klein, verfügte aber über genügend Platz, dass ich meinen bescheidenen Witwerabend – da wir nicht verheiratet waren, wäre Junggesellenabend ein treffenderer Begriff – hier unbeschwert genießen konnte.
Da wir uns ein Haus kaufen wollten, hatten wir sehr viel Geld gespart, das mir nun – zumal ich ein ganzes Haus auf keinen Fall alleine beziehen wollte - zur Finanzierung meines mir vorstrebenden Poetenleben diente. Stoff für Geschichten aller Art hatte ich genügend. Nachdem die Wohnung fertig eingerichtet war, kaufte ich mir eine alte, mechanische Schreibmaschine in einem Antiquitätenladen, sowie mehrere hundert Bögen Papier und begann sogleich mit meiner Arbeit.
Meinen Schreibtisch hatte ich unterhalb meines Fensters, im Giebel des Hauses, aufgestellt. Von diesem konnte ich auf das gegenüberliegende Haus mit einem ebensolchen Giebelfenster auf gleicher Höhe blicken, sowie, wenn ich mich vorbeugte, auf die dazwischenliegende Straße. Diese wurde nur von wenigen Fahrern und Passanten als Weg genutzt, war sie doch zu abseits vom Trubel der Stadt gelegen und diente, wenn überhaupt, nur dem Erreichen einiger weniger Häuser, in die sich mit Ausnahme der jeweiligen Bewohner kaum ein Mensch verlief. Fahrzeuge fuhren nur zu Zeiten des allgemeinen Berufsverkehrs durch die Straße, so dass es in den übrigen Tages- und Nachtzeiten weitgehend ruhig war, was ich nur begrüßen konnte.
Mein mir vorschwebendes Leben sollte von Einsamkeit geprägt sein, die ich suchte und brauchte, einerseits um meine Trauer ungestört beklagen und andererseits um meiner Arbeit angemessen nachgehen zu können. Die Texte, die ich verfasste, waren von minderer Qualität. Ich glaube nicht, dass ich jemals angemessene Erfolge hätte feiern können, und schlussendlich kam mir ohnehin jenes Erlebnis dazwischen, welches starken Einfluss auf meinen Gemütszustand und meine geistige Verfassung nahm, so dass ich eine Karriere als Schriftsteller seitdem getrost vergessen kann.
Ich weiß nicht, ob ich es hätte verhindern können. Sicherlich wäre es mir nie widerfahren, hätte ich die Dachkammer niemals bezogen, doch wer weiß, welches Schicksal mich dann ereilt hätte. In gewisser Weise bin ich davon überzeugt, dass das Leben, das Schicksal vorherbestimmt ist. Vielleicht mögen einige Menschen mehr negative Tendenzen als andere haben, was die bedeutenden Stationen ihres Lebens angeht. Wer kann schon sagen, wie mein Leben verlaufen wäre, wäre ich beispielsweise in Afghanistan geboren worden. Vermutlich wäre ich nicht einmal halb so alt geworden wie ich jetzt bin, weil mich vorher eine Kriegsverletzung dahingerafft oder mich der Hungertod ereilt hätte. Zumindest aber wäre ich nicht hier. Was macht das schon für einen Unterschied, ob man ein ruhiges, beschauliches Leben führt, fernab jeglicher Lebenskrisen, wenn man schlussendlich an einer furchtbaren Krankheit stirbt, oder aber, wie ich, von seelischer Pein geschlagen, in einer Anstalt wie dieser hier landet. Schlussendlich mag es egal sein. Aber ... vielleicht ist auch alles, was wir je erleben nur eine Aneinanderreihung von Trugbildern? Wer mag schon sagen, was real ist und was uns von höheren Mächten, die unser Schicksal bestimmen, vorgegaukelt wird?
Am Ende erwachen wir eines Tages, schreiend, da uns ein grausamer Alptraum plagte, schrecken hoch und erkennen unser Umfeld nicht mehr wieder? Sie werden lachen, wenn ich hier behaupte, dass dies mir auf gewisser Weise widerfahren ist. Doch wie bereits erwähnt: ich möchte nichts beschwören. Meine Phantasie ging und geht nach wie vor ab und an mit mir durch und so mag alles tatsächlich nur meinem verworrenen Hirn entsprungen sein und nichts hat sich jemals so ereignet, wie ich es jetzt berichten werde.
Dennoch bin ich Ihnen dankbar, dass Sie meinem Wunsch Folge geleistet haben und sämtliche Dinge, welche eine grünliche Färbung aufweisen aus meinem Zimmer entfernt haben. Ich verabscheue diese Farbe, wie Sie wissen und wenn ich sie sehe bekomme ich lautstarke Schreianfälle, welche lediglich mit harten Medikamenten beizukommen sind. Auch nimmt es mir der hiesige Küchenchef nicht übel, dass ich grüne Gemüsebeilagen verschmähe, wie ich gehört habe. Das ist gut, und für diese Rücksicht danke ich Ihnen allen von ganzem Herzen.
Nun lassen Sie mich aber erzählen, wie es zu dieser Abneigung gegen alles Grüne kam: Wie bereits erwähnt konnte ich von meinem Fenster über dem Schreibtisch aus, das gegenüberliegende Giebelfenster sehen. Dies störte mich nicht im Geringsten, auch wenn mir die Aussicht auf eine schöne Landschaft bei weitem lieber gewesen wäre, doch man findet sich mit solchen Dingen bekanntermaßen schneller ab, als man denkt.
Ich erwähnte bereits, dass der Bewohner der gegenüberliegenden Dachkammer ein Künstler gewesen ist. Dies wusste ich zu Anfangs selbstverständlich nicht. Dennoch fiel mir – der ich oftmals von morgens bis in die späten Abendstunden, wenn nicht sogar die ganze Nacht hindurch, am Schreibtisch an der Schreibmaschine arbeitete – auf, dass er allerhand obskure Dinge in seine Dachkammer schleppte.
Nein, nein. Sie haben recht, auf diese Weise kann ich meine Erzählung nicht beginnen. Zunächst muss ich Ihnen berichten, was ich überhaupt durch das gegenüberliegende Giebelfenster erkennen konnte, so dass sie überhaupt eine Vorstellung haben.
Das Fenster verfügte – ebenso wie das meinige - über keinerlei Vorhänge oder Rollos, so dass ich quasi einen ungehinderten Blick auf jenes Fenster hatte. Deutlich konnte man das dahinter liegende Zimmer erkennen, welches wohl als Atelier oder Fertigungsraum für diverse Kunstwerke dienlich sein mochte. Während meines Einzuges erkannte ich eine Staffelei, auf dem eine leere Leinwand eingespannt war. Diese stand vor einem Regalschrank, der angefüllt, ja geradezu überhäuft war, mit den unterschiedlichsten Farbtuben, Eimern, Pinseln und Werkzeugen unterschiedlichster Art, was darauf schließen ließ, dass sich der Künstler auch mit Plastiken und Skulpturen beschäftigte. Ansatzweise konnte man noch den Beginn einer Kochnische ausmachen, auf der eine Kaffeemühle und dreckiges Geschirr zu erkennen war, sowie auf der anderen Seite ein Regal, angehäuft mit Büchern, deren Titel ich auf die Entfernung hin natürlich nicht entziffern konnte.
Zunächst ignorierte ich das Fenster natürlich, denn es lag nicht in meiner Natur, anderer Leute Privatsphäre zu beobachten. Neugierig wurde ich erst, als ich ein hell-funkelndes Sprühen bemerkte, welches offenbar von einem Schweißbrenner herrührte. Offensichtlich war der Bewohner der Dachkammer damit beschäftigt, eine Skulptur aus Metall anzufertigen. Lärm war zwar keiner zu vernehmen, doch das funkensprühende Leuchten lenkte des Öfteren meine Aufmerksamkeit von meiner Arbeit auf das gegenüberliegende Fenster, so dass ich auch endlich den Bewohner selbst erblicken konnte. Es war ein jüngerer Mann, mit längeren Haaren und freiem Oberkörper, der emsig mit seinem Schweißbrenner herumwerkelte. Er arbeitete wohl wie ein besessener und – ebenso, wie ich – bis in die späten Abendstunden hinein. Die fertige Skulptur indes, bekam ich nicht mehr zu Gesicht. Er musste sie wohl beiseitegerückt haben, oder aber, sie wurde gleich am nächsten Tag, nach seiner Fertigstellung von seinem Auftraggeber abgeholt.
Wie dem auch sei, ich genoss es in den nächsten Tagen, meiner Arbeit nachzugehen, und der blanke Gedanke daran, in einer Art Künstlerviertel zu hausen, ließ mich nur um so intensiver an meine Texte herangehen. Hauptsächlich schrieb ich Abenteuergeschichten. Meine Inspiration bezog ich aus den Aufzeichnungen unzähliger Tagebücher, die ich im Laufe meines Lebens niedergeschrieben hatte. Ich benötigte für eine Geschichte in etwa eine Woche. Zunächst schrieb ich sie in Stichpunkten nieder, dann formulierte ich sie aus, um sie anschließend zu überarbeiten und mit kleineren Details auszuschmücken, die mir bei der ersten Niederschrift nicht in den Sinn kamen. Auf diese Art und Weise kam ich gut voran und schaffte innerhalb der ersten beiden Monate, in denen ich in der Dachkammer wohnte, sieben Erzählungen. Aber ich war unzufrieden mit ihrer Qualität. Ich mochte meinen eigenen Stil nicht und allesamt wirkten sie auf mich nicht reif genug.
Der Unterschied zwischen Schriftstellerei und schaffender Kunst liegt in erster Linie in der Art und Weise des Herangehens. Ein Bild zu überarbeiten stelle ich mir weitaus schwieriger vor, als selbiges bei einem Text zu tätigen. Aber im Großen und Ganzen harmoniert beides miteinander. Ich begann darüber nachzudenken, wo und in welcher Form ich meine Texte veröffentlichen könnte. Es waren zwar noch nicht viele an der Zahl, aber immerhin genügend, um ein Buch zu füllen. Doch wie gesagt, gefiel mir mein Stil nicht.
Es blieb mir nur die Möglichkeit, den geistigen Austausch mit anderen Künstlern zu suchen und vielleicht, so dachte ich mir, war der Bewohner des Giebelfensters gegenüber für einen solchen Erfahrungsaustausch bereit. Gedankenverloren blickte ich hinüber und beobachtete, wie er sonderbare Dinge in sein Zimmer beförderte. Sogleich vermutete ich, dass es sich wohl um benötigte Utensilien für eine neue Skulptur handeln möge, doch etwas Seltsames haftete ihnen allen an: sie waren von abgrundtiefer Schwärze. So erschien es mir zumindest.
Es waren groteske Formen, teilweise aus Holz, teilweise aus Stoff, so mutete ihre Beschaffenheit zumindest an. Er stellte und lehnte sie an sein Regal mit den Farbtuben. Die Staffelei war inzwischen verschwunden. Danach verließ er sein Zimmer wieder und die Kammer lag im Dunkeln, so dass ich nichts mehr sehen konnte. Missmutig schrieb ich weiter.
Am nächsten Tag, ich erwachte erst gegen Mittag, begab ich mich sofort zu meinem Fenster, um nachzusehen, um was für Dinge es sich nun genau handeln möge, die er da des Nächtens nach Hause geschleppt hatte, doch zu meinem Bestürzen lag die Kammer in absoluter Dunkelheit. Es war grotesk! Obwohl sich kein Vorhang oder ähnliches an seinem Fenster befand, konnte ich die sonst so klar und deutlich sichtbare Einrichtung seiner Dachkammer nicht erkennen. Es war, als hätte er ein schwarzes Brett vor sein Fenster gelehnt. Nichts war zu sehen, außer jener unheimlichen Schwärze, welche vorher nicht vorhanden war, und die so unnatürlich auf mich wirkte.
Ein prickelnder Schauer lief meinen Rücken hinunter und es war einmal mehr für mich der Anlass, das grüne Kraut gleich nach dem Aufstehen zu meinem Kaffee zu konsumieren. Die bekannte, wohlige Schwere und Trägheit umgab mich und mein Sein und so schrieb ich nicht mehr viel, an jenem Tag. Sobald die Wirkung nachließ, stopfte ich meine Pfeife erneut und wurde dementsprechend relativ rasch müde, so dass ich bereits zur abendlichen Dämmerung in einen tiefen, traumlosen Schlaf hinüberglitt.
Ich kann mich nicht daran erinnern, mich jemals an einen meiner Träume entsinnt haben zu können, und so war es auch dieses Mal nicht anders. Das Haschisch verfehlte seine Wirkung in dieser Richtung, wie auch in allen anderen keineswegs. Das erste Mal nahm ich es als Schmerzmittel für ein langjähriges Rückenleiden, welches ich damit lindern konnte. Schon damals stellte ich die wohlig angenehme Wirkung jenes Krautes fest, doch aufgrund nicht vorhandener Aufklärung glaubte ich zunächst wie viele meiner Mitmenschen, dass man davon stark abhängig werden könne, wie etwa bei Alkohol. Ein stadtbekannter Arzt, der einen Vortrag über Marihuana hielt, nachdem er ein wichtiges Buch über pflanzliche Medizin veröffentlicht hatte, belehrte mich schließlich eines Besseren. Ich bezog die rauchbare Medizin stets von einer Apotheke, die das Produkt nur heimlich verkaufte, eilte damit nach Hause und behandelte auf diese Weise mein Rückenleiden. Des Weiteren nutzte ich es zur Förderung meiner Kreativität und zum Dritten versetzte es mich stets in eine wohlig warme Stimmung, die meiner Trauer gut tat. Davon abgesehen, sehe ich es nicht im Entferntesten ein, mich für meinen Genuss rechtfertigen zu müssen. Ich nahm es und es tat mir gut, beflügelte es doch meine Phantasie, wobei ich somit wieder zu einem Punkt gerate, der mir überhaupt nicht gut tat.
Meine Phantasie ging gemeinsam mit meiner Neugierde mit mir durch. Zunächst bemerkte ich dies kaum, vollzog sich dieser Prozess doch eher schleierhaft und kaum merkbar.
Ich erinnere mich daran, wie ich meinen Nachbarn durch das Fenster beobachtete, als er geheimnisvollen Besuch empfing. Die Sonne war bereits untergegangen und die undurchdringliche Schwärze seines Fensters hatte sich zurückgezogen. Seine Wohnung war von innen beleuchtet und der eigenartige Herr stand in einem langen Mantel vor dem halbnackten Künstler. Beide diskutierten offensichtlich lautstark miteinander und in leiser Hoffnung, etwas von ihrem Gespräch belauschen zu können, öffnete ich mein Fenster, was jedoch ohne Erfolg blieb. Man konnte die beiden Gesprächspartner nur beobachten, wie ihre Münder auf- und zuklappten, mit stark ausgeprägter Mimik und Gestik, die darauf schließen ließ, dass beide heftig miteinander stritten. Plötzlich blickte der geheimnisvolle Besucher auf, sah zu mir herüber und einen Augenblick meinte ich, er würde mich sehen, mich erkennen, mich mit seinem Blick fixieren. Bevor ich mich in das Dunkel meiner Dachkammer unerkannt zurückziehen konnte, brach der Mann überstürzt auf, ließ seinen Gastgeber einfach stehen und noch ehe ich es richtig begriff, waren beide verschwunden und das Giebelfenster lag im Dunkeln.
Gedankenverloren versuchte ich, meine Arbeit fortzusetzen, doch meine Inspiration war verflogen. Was mochte das nur für ein seltsamer Besuch gewesen sein? Ein Auftraggeber, der mit etwas unzufrieden war oder hatten beide über den Preis für ein Kunstwerk gestritten?
Grübelnd trank ich einen Schluck herben Rotweines, stopfte mir meine Pfeife und zündete sie an, als ich einen lauten Schrei vernahm, der durch mein immer noch geöffnetes Fenster hallte. Sofort blickte ich auf. Es war kein gewöhnlicher Schrei, keiner aus Wut und verlorener Zügelung, sondern eher aus übermannter Verblüffung und Überraschung gebildet. Ich blickte hinüber, zum Giebelfenster und sah gerade noch das Aufflackern grünen Lichtes, darin die wie ausgefranst wirkende Gestalt des Künstlers und danach nur noch finstere Schwärze.
Die Silhouette des Künstlers, die ich für den Bruchteil einer Sekunde nur in grünlichem Schimmer erkannte, war ans Fenster herangestürzt, den Mund zu einem stummen, verzerrten Entsetzensschrei geformt. Mehr hatte ich in so kurzer Zeit nicht erkennen können. Mir war mulmig zumute.
Sollte ich hinübergehen, und nach dem Rechten sehen? Vielleicht hatte er einen Unfall mit einem seiner Geräte? Vielleicht hatte er auch nur aus seelischer Pein heraus geschrien. Doch war es nicht auch dann meine moralische Pflicht, nach ihm zu sehen? Nein, dies wäre es, würde ich ihn kennen, doch wir waren uns noch kein einziges Mal begegnet. Wie würde er sich wundern, wenn plötzlich ein Fremder an seiner Tür klopfen würde und ihm anbot er könne sich bei ihm aussprechen? Schnell verwarf ich meine Gedanken an Hilfe wieder. Es wird schon nichts sein. Aber ich musste mir gestehen, dass ich mich um meinen Nachbarn sorgte.
Mit aller Gewalt versuchte ich, nicht mehr an diesen Zwischenfall zu denken, schrieb noch einige Absätze und legte mich schließlich schlafen, kurz nachdem ich die Weinflasche geleert und eine weitere Pfeife geraucht hatte. Ich rauchte die Droge pur, ohne sie mit Tabak zu vermengen, so dass sie schnell und ergiebig wirkte und ich rasch in den Wiegen des Alps versank.
Auch wenn ich mich generell nicht an Träume erinnere, es heißt noch lange nicht, das ich nicht träumen würde. Doch das Einzige, was ich nach dem Erwachen noch sagen konnte, war ob ich gut oder schlecht geschlafen, beziehungsweise geträumt hatte, je nachdem, ob ich arg durchschwitzt war und ein gewisses, dumpfes Gefühl der Verwirrung und Orientierungslosigkeit in mir zurückblieb.
Dies war bei meinem Erwachen am nächsten Tage der Fall. Ich war geradezu nass geschwitzt, sogar das Kissen fühlte sich klamm an, so dass ich mit Sicherheit einen Alptraum hatte.
Morgens nach dem Aufstehen, so hatte es sich bei mir bereits eingebürgert, war es meine erste Amtshandlung, an mein Fenster zu treten, um auf das gegenüberliegende zu schauen. Die Geheimnisse und seltsamen Begebenheiten häuften sich. An diesem Morgen war sein Fenster weit geöffnet. Dichter Qualm stob daraus hervor. Ich spielte gerade mit dem Gedanken, die Feuerwehr zu alarmieren, doch als ich mich auf den Weg machen wollte, endete der Qualm. Er verzog sich gemächlich durch die Giebeldächer der Stadt, vermengte sich mit deren Schornsteinrauch und stieg an einem weit entfernten Punkt in den wolkenverhangenen Himmel auf. Bald würde Regen kommen.
Ich bereitete mir eine Tasse starken Kaffees zu und rauchte, während ich ihn trank, eine Zigarette. Das Rauchen habe ich mir angewöhnt, um mir das Inhalieren zu erleichtern, denn bisweilen ist das Inhalieren von Cannabis pur aus einer Pfeife gezogen unangenehm kratzig, und erst recht, wenn man diese Form des Rauchens nicht gewohnt ist. Seitdem rauche ich über den Tag verteilt etwa drei Zigaretten, und die erste zu meinem allmorgendlichen Kaffee auf nüchternen Magen. Die einzige Zeit, an dem mir diese wirklich und wahrhaftig schmeckten.
Der zweite Blick aus meinem Fenster, war nach meinem Frühstück und der Lektüre der Tageszeitung, wenn ich mich an den Schreibtisch zur Arbeit niedersetzte. Auch dies war ein mittlerweile eingespieltes Ritual, zumal es mich gelegentlich inspirierte. Ich fand es mit einem Mal faszinierend und hätte Stunden damit zubringen können, auf der Lauer zu liegen und zu warten und beobachten wann immer auch etwas geschieht. Ich spielte einmal sogar mit dem Gedanken, mir eine Art Tagebuch anzulegen, in welchem ich notorisch genau festhalten wollte, was ich beobachtet hatte, doch als albernes Hirngespinst verwarf ich diese Idee schnell wieder.
Bei dieser Beobachtung jedoch, spielte ich eher mit dem Gedanken, mir in naher Zukunft ein Fernglas anzuschaffen. Es regnete bereits, was die Sicht zusätzlich trübte. Durch die dicken Regenfäden hindurch sah ich, dass mein Gegenüber eine Leine zwischen seinem Fensterrahmen gespannt hatte. Auf dieser hingen schwarze Fetzen. Dunkelfarbige, nasse Lappen, die mit hölzernen Wäscheklammern an der Leine befestigt waren und durch den Wind gepeitscht wurden, wobei sie klatschende Geräusche verursachten, wenn sie das nun wieder geschlossene Fenster trafen.
Ich rauchte eine Pfeife, so dass der Eindruck der Szenerie, der sich mir aufdrängte, an Surrealität zunahm. Ich weiß nicht warum, aber ich konnte mich dem Gefühl, einem Geheimnis nahe zu sein, nicht entziehen. An und für sich waren dies alles nur kurze, fragmentarische Beobachtungen, aus einem Gesamtgeschehen herausgezerrt und in keinster Weise interpretierbar. Aber alles mutete so bedrohlich an. Wie eine gewaltige Verschwörung, deren Ausmaße ich nicht begreifen konnte, da sie über den Horizont meines Wissens und Vorstellungsvermögens hinausging.
Für den Rest des Tages geschah nichts mehr. Es regnete bis in die tiefe Nacht hinein und nichts rührte sich hinter dem Giebelfenster. Niemand öffnete es und holte die seltsamen Fetzen aus dem Regen. Ich konnte nicht vermuten, um was es sich dabei handeln mochte. Auf gewisse Art hätten sie fast organisch sein können, wobei ledrig ein treffenderer Ausdruck für die Beschaffenheit war.
Tags darauf begannen sich die Ereignisse zu überschlagen. Zunächst begann alles jedoch harmlos. Die Fetzen hingen immer noch da, doch nach wie vor konnte ich in ihnen Nichts erkennen. Gegen Mittag waren sie dann endlich verschwunden. An ihrer Stelle setzte dafür lautstarkes Gebrüll ein. Das Giebelfenster war geöffnet und das furchtbare Brüllen, es mochte von unzubändigender Wut aus herrühren, durchzog die gesamte Straße. Diese war, wie ich es bereits gewohnt war, beinahe leergefegt. Nur zwei einzelne Passanten schlenderten sie entlang, doch sie nahmen scheinbar keine Notiz von den füchterlichen Lauten.
Das Geschrei dauerte bis zum Einbruch der Dunkelheit an. Ich hatte mich beinahe schon daran gewöhnt, als es plötzlich verstummte. Ich blickte auf und sah das Giebelfenster von grünem Licht erfüllt. Es leuchtete in irrer Intensität. Die Dunkelheit der Nacht und das Nichtvorhandensein von Straßenlaternen bildete einen dunklen Rahmen um das grüne Fenster. Schemenhaft erkannte ich finstere Silhouetten in dem Lichtschein. Es mochten zwei oder auch drei Personen sein, die sich in dem Zimmer aufhielten, wobei ich nicht verschweigen kann, dass ich glaubte, an der dritten Person drei Arme ausmachen zu können.
Wie sollte ich mit solchen Beobachtungen umgehen? Ich rauchte erst mal eine Pfeife, lehnte mich zurück, entkorkte den Wein, den ich frisch gekauft hatte, und beobachtete das Fenster.
Die Szenerie veränderte sich nicht. Nach wie vor leuchtete das grüne Licht im Giebelfenster und alles darum herum befand sich in stockfinsteren Schatten. Die drei Gestalten bewegten sich nur selten. Der Schatten mit dem dritten Arm stand mittlerweile zwischen den beiden anderen, die sich über irgendetwas gebeugt hatten. Dann plötzlich gingen beide zu Boden, nachdem der Dreiarmige sein eigentliches Armpaar auf sie niedersausen ließ.
„Er hat sie niedergeschlagen!“
Ich stand mittlerweile aufrecht und merkte, dass ich den letzten Satz laut gerufen hatte. Die dreiarmige Gestalt hinter dem gegenüberliegenden Giebelfenster hatte mich offenbar bemerkt, denn deutlich konnte ich sehen, wie sie als schwarzer Schatten durch das grüne Licht davoneilte.
Torkelnd machte ich einen Satz zur Tür. Doch was wollte ich tun? Ihn aufhalten? Ich hatte doch nichts zu schaffen, mit den obskuren Machenschaften meiner Nachbarn. Nein, nein. Schnell zurück zum Fenster. Es ging mich zwar nichts an, aber vielleicht konnte ich sehen, wohin der Dreiarmige ging. Bald schon hörte ich, wie die Tür des gegenüberliegenden Hauses ins Schloss fiel. Doch es war so unnatürlich dunkel, dass ich den Eingang, der auf die Straße hinausführte, selbst nicht erkennen konnte. Dann entfernten sich lautstark eilige Schritte in Richtung Stadtkern.
Hinter dem Fenster selbst regte sich nichts. Nur das grüne Licht leuchtete unaufhörlich.
Nach drei weiteren Stunden bewegungsloser Beobachtung, die ich durch zwei weitere Pfeifen und einer Zigarette auf dem Schreibtisch sitzend verbrachte, nahm ich mir vor, der Sache auf den Grund zu gehen. Ich war voller Elan und ich drängte mich zur Aufklärung jener eigenartiger Begebenheiten.
Ich stand auf, kleidete mich an, suchte meine Taschenlampe, klopfte die Pfeife aus und verließ meine Wohnung, um meinem Gegenüber einen Besuch abzustatten. Doch was sollte ich sagen, wenn gar nichts war? Was tun, wenn mein Nachbar öffnete und mich fragte, was ich des Nächtens von ihm wolle? Nun, er war offensichtlich Künstler. So würde er es sicherlich verstehen, wenn ich ihm erklärte, dass ich Schriftsteller sei und mich der Ausblick auf sein Fenster inspiriere und ich es mir daher einmal aus der Nähe anschauen wolle. Was hatte ich also zu verlieren?
Ich stürzte in gespannter Erwartung, mit einem leichten Kribbeln im Bauch, die Treppe hinunter. Das Geländer bog sich leicht, wenn ich mich mit Schwung an ihm festhielt, während ich mich in die Kurven warf. Rasch hatte ich das Parterre erreicht. Der Flur zur Eingangstür war schnell durchschritten und ehe ich es bemerkte, hatte ich diese auch schon geöffnet und stand vor meinem Haus, in dem ich nun schon seit drei Monaten lebte.
Es nieselte leicht. Rechts und Links die Straße entlang war nichts und niemand auszumachen. Aus Richtung der Stadt dröhnte leicht und leise das dumpfe Brummen entfernten Verkehrs. Das gegenüberliegende Giebelhaus lag im Dunkeln, nur das grüne Fenster leuchtete. Ich überquerte die Straße, trat in eine Pfütze und erreichte den Bürgersteig der anderen Seite mit einem nassen Fuß.
Die Haustür war angelehnt. Dabei hatte ich deutlich gehört, wie diese ins Schloss gefallen war, als der Dreiarmige vor mir flüchtete. Langsam stieß ich sie auf. Sie quietschte. Im Inneren empfing mich Dunkelheit. Ich fand den Lichtschalter trotz der Finsternis, betätigte ihn und blickte auf die selbe Architektur wie in dem Haus, das ich bewohnte. Bei Weitem nicht so hastig wie ich dort die Treppe hinuntergerannt war, stieg ich diese hier nun hinauf, wobei ich mich bemühte, keinen Lärm zu machen, auch wenn ich das gelegentliche Knarren der Stufen nicht verhindern konnte.
Schließlich stand ich vor der Tür, die in die Dachkammer des Künstlers führte. Hier oben war die Glühbirne des Treppenhauses durchgeschmort, so dass ich nun froh darüber war, eine Taschenlampe mitgenommen zu haben. Ich schaltete sie ein und suchte zunächst nach dem Türschild. Zymberi stand in abblätternden Lettern darauf. Eine Klingel suchte ich vergebens, so dass ich zaghaft anklopfte.
Kein Ton war von der anderen Seite der Tür her auszumachen. Ich klopfte abermals, diesmal etwas stärker, doch es wollte immer noch niemand öffnen. Als ich daraufhin mit meiner geballten Faust kräftig gegen die Tür hämmerte, hörte ich endlich etwas: Ein leises Knacken war es, das jedoch nicht davon herrührte, dass sich jemand in der Dachkammer aufgehalten hätte, sondern es handelte sich um die Tür selber, welche nachgab und durch die Wucht meines Klopfens nach innen aufschwang.
Kein grünes Licht. Hatte ich es mir nur eingebildet? Also doch Vorhänge, dachte ich mir, und leuchtete mit meiner Taschenlampe auf das Fenster, doch dort waren keine Vorhänge. Auch keine Jalousie oder ein Rollo. Nichts dergleichen, und dennoch sah ich aus dem Augenwinkel heraus ein grünes Funkeln. Es kam von außerhalb des Fensters und schien weit entfernt zu sein, weswegen ich ihm fürs erste keine Beachtung schenkte. Stattdessen stöberte ich etwas in dem Zimmer herum. Misstrauisch obgleich meiner eigenen Neugier. Ein solches Handeln hätte ich mir selbst nie zugetraut. War das schon ein Einbruch? Nein, ich stahl ja nichts. Ich sah mich nur um. Ein Einbruch war es dennoch.
Der Schein meiner Lampe leuchtete über das Inventar der Dachkammer. In den Ecken standen nicht näher auszumachende Skulpturen. Die Staffelei lehnte hinter einer Matratze an der Wand. In dem Regal, welches ich durch mein Fester sehen konnte, befanden sich wie ich es erwartete, Farbtuben, Spraydosen, Eimer, Pinsel, Becher, Tücher ... eben die üblichen Künstlerutensilien, und die Fetzen! Die, die an der Wäscheleine hingen, die zwischen den Fensterrahmen gespannt war. Ich fischte den zu oberst liegenden aus dem Regal heraus, zog ihn zu mir heran und beleuchtete ihn mit meiner Lampe. Es war ein ledriger, schwarzer Hautlappen. Vage erinnert er an eine Fledermaus, dachte ich mir. Es hätte sich durchaus um ein Flügelpaar handeln können, wobei der dazwischen befindliche Rumpf des Wesens sorgsam herausgetrennt worden war. Angeekelt ließ ich den Lappen fallen.
An der freien Wand erkannte ich ausgestellte Bilder, die ich mir nun genauer ansah. Endlich entdeckte ich eine Gemeinsamkeit: auch hier waren diese fledermausähnlichen Lappen, diesmal jedoch auf die Leinwand geklebt und auf geschickte Art und Weise in das Ölbild eingefügt. Im Gesamten sah das Kunstwerk wie eine Wüstenlandschaft aus grünem Sand aus, in deren Mitte sich ein schwarzes, undefinierbares Ding wand. Die anderen Bilder waren dem ersten Werk nicht unähnlich. Die Form und Anordnung des schwarzen Dings veränderte sich, doch es war immer in einer grünen Wüstenlandschaft zu finden.
Warum nur ausgerechnet grün? Und was sollte jenes schwarze Ding darstellen? Warum hängt er sie in einer regnerischen, stürmigen Nacht nach draußen? Ich grübelte und überlegte, wendete mich dabei im Kreis, überflog die unordentliche Küchenzeile, den mit Kleidungsstücken übersäten Fußboden und die holzverkleidete Decke, bis mein Blick das Fenster traf und ich wieder dem grünen Schimmern gewahr wurde.
Ich schaltete die Taschenlampe aus und ging auf das Giebelfenster zu. Das Licht kam von der anderen Straßenseite. Ich sah mein eigenes Fenster, ich hatte das Licht brennen lassen und deutlich erkannte man meinen Schreibtisch und die Schreibmaschine, sowie den Stuhl, auf dem ich für gewöhnlich saß. Man konnte also auch mich erkennen, sofern das Licht an war. Das Licht. Hatte ich es wirklich brennen lassen? Irgendetwas stimmte mit dem Licht nicht. Das Licht ... es leuchtete mit einem Mal grün! Ganz so, wie ich es vorher schon beobachtet hatte, nur dass die Rollen nunmehr anders verteilt waren. Oder hatte meines ebenso geleuchtet, schon immer gar? Wurden beide Fenster vom selben Licht beschienen? Nein, ausgeschlossen, das war nicht möglich.
Ich öffnete das Fenster, blickte hinunter auf die Straße. Plötzlich: Schritte. Sie kamen rasch näher. Ich musste hier so schnell wie möglich raus. Sofort schaltete ich die Taschenlampe wieder ein, orientierte mich kurz, indem ich die Eingangstür bestrahlte, schaltete sie wieder ab, damit niemand auf mein Licht aufmerksam wurde und rannte durch das Dunkel auf die Tür zu. Laut polternd rumpelte ich dagegen. Ich drückte den Knauf, zog ... sie war abgeschlossen. Ich verfiel in Panik. Nein, nein, das kann nicht sein. Sie klemmte höchstwahrscheinlich. Mit aller Kraft riss und zog ich an der Tür, stemmte mich schließlich dagegen und mit einem mal versank ich in ihr.
Ich stapfte durch eine zähe klebrige Masse grünlicher Färbung, kämpfte mich durch sie hindurch, wie durch Schnee, nur mit dem Unterschied, dass die Masse an mir kleben blieb. Dann plötzlich machte ich einen Satz, glitt aus und verfing mich in einem Gewimmel aus ledriger Schwärze, so als würde ich von jenen schwarzen Lappen umschwirrt werden. Eine Illusion, dachte ich mir. Eine Halluzination. Eine ... nein, es ist nicht wirklich! Und mit einem Mal fiel ich polternd die Treppe hinunter. Schmerzhaft schlug ich im unteren Stockwerk auf den Boden auf.
Neben mir öffnete sich eine Tür. Ich sah grün-schwarz karierte Filzpantoffeln, darüber morsche Beine. Die einer älteren Frau im Nachtkleid und Haarhaube, welche ich offenbar geweckt hatte.
„Was ist das hier denn für ein Lärm? Und was zur Hölle suchen Sie da auf dem Fußboden vor meiner Wohnungstür?“, fauchte sie mich an.
Ich rappelte mich hoch und wich vor ihr zurück, entschuldigende Worte vor mich hinmurmelnd, die sie offenbar nicht verstand. Und mit der Drohung, sie würde die Polizei rufen und mich wegen Hausfriedensbruch anzeigen trieb sie mich die restliche Treppe hinunter, ins Erdgeschoss und warf mir die Worte: „Dass Sie sich ja nie mehr bei uns blicken lassen!“, hinterher. Die Haustür knallte lautstark zu und ich lag erschöpft und irritiert auf der Straße.
Schwankend stand ich auf, und wankte zurück zu meinem Haus auf die andere Straßenseite. Bevor ich die Tür öffnete, trat ich noch einmal zurück und sah zu meinem Fenster. Es leuchtete immer noch grün. Das Giebelfenster des Künstlers hingegen war nicht mehr grün, es war schwarz. Die hautigen, fledermausähnlichen, schwarzen Lappen umschwirrten es und hüllten es beinahe vollständig ein. Ich überlegte mir, dass es vielleicht ein fortgeschrittenes Stadium war. Wie eine Krankheit. Mein Haus wurde bereits angesteckt und zeigte nun die ersten Symptome der gefährlichen Häuserseuche.
Blödsinn. Dumme Gedanken, die mir das Marihuana eingeflößt hatte.
Ich betrat das Haus, und beeilte mich, die Treppen zu meiner eigenen Kammer heraufzukommen. Es musste einfach eine rationale Erklärung für diese Dinge geben. Schon war ich im Flur des Erdgeschosses und ehe ich einen Gedanken an Orientierung verschwenden konnte, war ich auch schon die ersten Stufe der altersschwachen Treppe hinaufgehastet. Wieder fing ich meine Kurven so auf, indem ich mich am Geländer festhielt, das zunehmend bedrohlich knirschte. Kurz vor meinem Stockwerk dann geschah es. Das an dieser Stelle wohl morsche Geländer brach durch meine Wucht entzwei und ich stürzte mit dem Kopf voran auf die Treppenstufen nieder, wobei ich mir böse die Stirn an einer Kante anschlug. Doch zu schnell schoss zusätzliches Adrenalin durch meinen Körper und so rappelte ich mich – den Schmerz und die blutende Wunde am Kopf nicht beachtend – wieder hoch und ging die restlichen Stufen etwas langsamer herauf.
Oben angekommen fand meine Hand, die den Schlüssel hielt, das dazugehörige Schloss nicht. Nein, der Schlüssel war verkehrt. Hastig, mit beiden Händen um mein Zittern unter Kontrolle zu bringen, nestelte ich an meinem Schlüsselbund herum. Das konnte doch nicht wahr sein. Ich besaß nur zwei Schlüssel und keiner passte. Komm schon! Konzentriere dich, trieb ich mich an und es klappte. Einer der beiden Schlüssel glitt ins Schloss und ließ sich bedenkenlos herumdrehen. Das Schloss knackte beim Aufschließen und vom Quietschen rostiger Scharniere begleitet trat ich ein und hielt inne. Meine Tür hatte vorher nicht gequietscht. Die des Herrn Zymberi hatte es, meine nicht. Ich hatte sie erst vor kurzem geölt. War ich in der richtigen Wohnung? Doch schlussendlich hatte der Schlüssel doch gepasst? Oder war es nur meine Ausübung von Gewalt?
Ich schaute mich in der Wohnung um. Nein, es war meine Wohnung, da war ich mir sicher. Alles sah so aus, wie vorher. Ich dachte einmal mehr an Halluzinationen und hastete endlich zum Fenster.
Das gegenüberliegende Fenster war verschwunden.
Nein, das gesamte Giebelhaus stand nicht mehr. Auch von der Straße war nichts zu sehen. Alles was ich sah, war grün. Doch war es keine üppige Vegetation, nein. Es handelte sich dabei um nichts anderes als Sand. Purer, kleinkrümeliger, grüner Sand. Der Himmel war schwarz. Sand und Schwärze, mehr sah ich nicht.
Ich war fassungslos. Das konnte doch nicht ... das war unmöglich. Ich rieb mir vollkommen verstört die Augen. Die Landschaft, die ich sah, glich exakt den Bildern, die in der Dachwohnung mir gegenüber an der Wand hingen. Nur dass in jenem Moment diese Dachkammer und alles um sie herum verschwunden war und an ihrer Stelle dieses schimmernde, leicht leuchtende, Grüne ... und das Schwarze? Wo war das, was auf den Bilder jener schwarze Lappen dargestellt hatte? Doch noch ehe ich zu Ende gedacht hatte, kam es auch schon.
Zunächst war nur ein Grollen zu vernehmen, begleitet von fernem, schrillen Zirpen, das mich an kleine Vögel erinnerte. Wind kam auf und ein Getöse, das von einem gewaltigen Gewitter in nicht allzu weiter Ferne herzurühren schien. Wie um mir dies zu bestätigen, begann auch schon ein heftiger Regenguss. Der schwarze, sternenlose Himmel verdunkelte sich noch mehr. Er wurde zu einer Farbe die schwärzer als Schwarz war, eine Farbe, die alles zu verschlucken schien. Bald zuckten die ersten Blitze auf und erst als diese das apokalyptische Szenario für den Bruchteil eines Herzschlages nur ausleuchteten, erkannte ich das ganze Ausmaß des Schreckens. Denn das tiefschwarze Ding, das den Himmel verdunkelt hatte, war nichts anderes als das, was der schwarze Lappen hatte darstellen sollen.
Zunächst schien es, als sei es ein gewaltiger Tornado, eine alles verschlingende Windrose mit kilometerweiten Ausmaßen. Das wirbelnde Ding kam extrem schnell auf mich und meine Wohnung zu. Eisiger Wind fauchte mir ins Gesicht. Das dumpfe Grollen schien von tief aus der Erde zu kommen, und ich vermutete, dass der Tornado auch aus der Erde kam. Immer schneller wribelte er auf mich zu und immer lauter wurde das allgemeine Getöse des Unwetters, das mit Donner, Regen und Blitzen um sich warf und über alledem lastete das schrille Zirpen grässlicher Vögel, welche den Tornado wohl als Brutstätte bewohnten und emsig um ihn herumschwirrten.
Ich musste weg! Schnell weg! Doch wohin? Ich drehte mich suchend im Kreis. Die Wände waren verschwunden. Mich umgab das abgrundtiefe Schwarz des Himmels. Er hüllte mich gerade zu ein, denn auch die Dachschräge war verschwunden und an ihrer Stelle jenes unbeschreibliche Dunkel getreten. Nur der Boden, auf dem ich stand schien noch zu existieren. Der Boden, ich und das Giebelfenster. Mein Giebelfenster, schwebend im schwarzen Nirgendwo, einem näherkommenden, alles vernichtenden Ding entgegenblickend.
Die Panik, die mich befallen hatte, konnte nicht mehr größer sein. Nein. Eine solche Illusion konnte einem harmloses Hanf nicht bieten. Das war unmöglich. Auch in Verbindung mit Alkohol wäre etwas Derartiges undenkbar. Was also war das? War das die Wirklichkeit? Oder war dem Wein, den ich für gewöhnlich trank, Meskalin beigemengt?
Ich blickte wieder aus dem Fenster. Das Ding war beängstigend näher gekommen, es konnte sich nur noch um Minuten handeln, bis es mit lautem Barsten meinen einzigen Raum der Existenz zerstören würde. Dies vermutlich innerhalb einer Sekunde. Oh mein Gott!
Das schrille, quiekende Zirpen stach mittlerweile in meinen Ohren. Und dann sah ich seine Verursacher – die Vögel! Diese grausamen, grünlichgrau gefiederten Vögel, mit langem Schnabel und scharfen Krallen an den muskulösen Füßen. Sobald sie ihren armeslangen Schnabel öffneten, erscholl dieses furchtbar hohe, schrille, quietschende Kreischen, ähnlich dem, das Kreide auf einer Schiefertafel erzeugen kann. Die Schnäbel waren mit spitzen, scharfkantigen Reißzähnen bespickt und oberhalb des Schnabels sah ich dampfende Nüstern, die sich nach jedem Schrei aufblähten. Ihre Augen waren nicht größer als messerscharfe Schlitze und ihr Flügelschlag allein verursachte einen Windstoß, der mich fast vom Fenster weggestoßen hätte, als mir eines dieser Biester zu nahe kam.
Mit aller Kraft krallte ich mich am Fensterrahmen fest. Es zu schließen hielt ich für überflüssig, waren die Fensterscheiben doch schon zu Anfang dieser ... Veränderung zu Bruch gegangen.
Die Vögel hielten dennoch beachtlichen Abstand von jenem Ding. Mittlerweile flogen sie über mir, durch das schwarze Nichts, das mich nun auch am Fußboden umgab. Alles hatte sich darin aufgelöst, und es waren nur noch Augenblicke, bis die alles vernichtende Schwärze auch mich verschlucken würde. Doch noch gab es einen Rahmen, an den ich mich, mitten im Nichts festhalten konnte. Ich stand auch nicht mehr, sondern schien zu schweben, das heißt: Ich stand, auch wenn ich keinen Boden unter mir spürte.
Ich hob meinen Kopf und spie einen Entsetzensschrei aus, da sich das Tiefschwarze unmittelbar vor mir befand. Und dann erkannte ich, dass es sich um keinen gewöhnlichen Tornado handelte. Nein, dieses Ding bestand aus Tausenden. .. ach was, Millionen und Abermillionen dieser kleinen, feuchten, schwarzen und in ihrer geballten Masse übelriechenden, abstoßenden Lederlappen, welche sich klatschend und spuckend, aufwärts und abwärts, nur immer wieder im kilometergroßen Kreis herum, um sich selber drehten. In ihnen formten sich Gesichter. Fremde Gesichter, ich kannte keinen von ihnen. Sie stülpten sich aus der wabernden, schwarzen Masse heraus, wie kleine Maden, die aus dem Erdreich herauskriechen. Und alles drehte sich und wirbelte und schmachtete nach mir, mithilfe kleiner Ausläufer, tentakelgleiche Auswüchse, die sich an vereinzelten Stellen über, unter und neben mir, aus der wimmelnden Masse herausschälten und nach mir zu greifen versuchten.
Wie gewaltige Würmer wallte das Schwarz, das mich bald umgab, denn mich gegen sie wehren oder fliehen war zwecklos. Das Schwarz stülpte sich über mich und es war, als wäre ich von ihm verschluckt worden. Hineingeworfen in eine Art hermetisch abgesiegelten Raum, in dem kein Laut, kein Hauch existierte, so still war es. Man hörte selbst die Stille nicht. Ich spürte nichts ich sah nichts, ich war im Nichts. Um mich war nichts. Schwärze, schwarz ... nein. Nichts!
Ich schrie.
Ich weiß nicht wie lange ich geschrien habe. Einfach nur geschrien. Den Mund geöffnet und alle nur erdenkliche Luft dazu verwendet, sie mit Gewalt durch meine Stimmbänder zu pressen, um einfach nur zu schreien. Minuten. Stunden. Vielleicht einen ganzen Tag lang.
Danach schlief ich ein. Mehrmals erwachte ich, hatte gar die Hoffnung, das alles nur ein Traum gewesen sein mochte, doch sobald ich die Augen aufschlug, war ich im Nichts.
Die Zeit verging. Meine einzige Hoffnung war, irgendwann einmal zu sterben. Möglichst rasch. Ich hatte nichts zu essen, nichts zu trinken, aber dennoch verhungerte und verdurstete ich nicht. Ich weinte viel. Ich schrie, sobald sich meine Stimmbänder erholt hatten, doch meistens bekam ich nicht mehr, als ein raues Röcheln heraus.
Dann aber, eines Tages sozusagen, geschah etwas. Ich lief im Nichts umher und bemerkte, dass ich auf Hindernisse stieß. Ich lief nicht viel, stolperte, fiel hin, stand wieder auf, lief gegen etwas und so weiter. Schließlich fand ich heraus, dass ich mich immer noch in meiner eigenen Wohnung befinden musste. Materialisierte sie sich wieder? Oder war ich blind geworden? Sah ich einfach nur nichts mehr und hatte gewaltige Visionen gehabt? Ich tastete mich vorsichtig heran. Ja, ich war mir sicher. Ich spürte meine Möbel, meinen Tisch, meine Schreibmaschine, mein Fenster ... was wohl passieren mochte, wenn ich es öffnen würde?
Ich tastete nach dem Griff, drehte ihn herum und öffnete mein Giebelfenster. Nichts. Doch dann, ja, langsam verlor das gewaltige Schwarz, das mich umgab seine Dichte. Es verflüssigte sich, tropfte in dicken, qualmigen Schwaden vom Nichts ins Nichts. Darunter schälte sich die grüne Landschaft hervor. Erst an der einen Stelle, dann an der anderen, weiter hinten und weiter vorne, bis plötzlich die gesamte Landschaft außerhalb meines Fensters sichtbar, und kein schwarzes Nichts mehr zu sehen war. Nur ich selbst stand noch darin, doch auch hier trat bald darauf das selbe Phänomen auf.
Wenige Stunden später schon war alles wieder so, als wäre jener Tornado aus schwarzen Fetzen nie hier gewesen. Doch nach wie vor waren das gegenüberliegende Haus, und die gesamte Welt, die ich kannte verschwunden und an ihrer Stelle jene grüne Landschaft getreten.
Das Zimmer war endlich wieder komplett, da wagte ich auch schon, es zu verlassen. Ich öffnete die Tür und sah ... den Flur und das Treppenhaus. Erleichtert atmete ich aus. Vorsichtig ging ich hinunter. Ich gelangte an die Stelle, an der das Geländer durchgebrochen war, begutachtete sie und lief weiter. Unten angekommen, machte ich mich auf, zur Haustür. Vielleicht hatte ich Glück, und ich würde auf die Straße treten? Meine Hand umfasste die Klinke, drückte sie hinunter, öffnete die Tür.
Was hatte ich erwartet? Vor mir erstreckte sich in öder Eintönigkeit der grüne Wüstensand. Die Luft war schwül – wie nach einem gewaltigen Sturm, kam es mir in den Sinn – und die Temperatur angenehm.
Grün. Ich lief einige Meter in den grünen Sand hinein. Vielleicht sah man das Haus ja einfach nur nicht. Doch entweder ich konnte es nicht finden, oder aber es war nur eine hoffnungslose Vermutung, was wahrscheinlicher ist.
Plötzlich hielt ich inne. Ich hatte etwas gehört. Was war das? Da, schon wieder. Es war das schrille Zirpen der furchtbaren Vögel, welche den Tornado aus schwarzen Lappen umkreist hatten. Es wurde langsam lauter, schwoll jedoch nicht zu jener ohrenbetäubenden Lautstärke an, wie ich sie bereits erlebt hatte. Nein, es war, als wären es nur ein paar vereinzelte Vögel und nicht gleich ein ganzer Schwarm.
Ja, dort oben flog einer, er zog seine Kreise und weiter entfernt konnte ich noch einen erkennen. Und dann? Tja.
Dann verschwand das Grün der Landschaft und alles Fremde und Übernatürliche ... nur die schrill kreischenden Wesen blieben. Sie sind überall und ich habe schon Menschen getroffen, die sie auch sehen können. Manche können sie nur hören. Doch die meisten von euch beachten sie gar nicht.
SIE. Wissen Sie, wer SIE sind? Es sind keine Vögel, die dort an den Wänden der Häuser sitzen und kreischen. Nein, es sind keine Vögel in Abwasserschächten oder an Stromleitungen. Keine Vögel. Nein. Es sind diese Lappen. Diese furchtbaren, ledrig schwarzen Lappen, die der Künstler Zymberi bei Sturm auf eine Wäscheleine hängte, die er zwischen den Fensterrahmen seines grün leuchtenden Giebelfenster gehängt hatte.
Wenn Sie sich umdrehen und in die Ecke mit Ihrer Taschenlampe leuchten, können Sie einen von IHNEN vielleicht sehen. Doch wenn Sie SIE bereits sehen können, dann helfe Ihnen Gott. Denn mit IHNEN zu leben ist weitaus furchtbarer, als sie sich in Ihren schrecklichsten Alpträumen nicht vorzustellen wagen.
Schließen Sie das Fenster, Doktor. Das Grün beginnt sich langsam zu manifestieren.

13. Jul. 2011 - Tobias Bachmann

Bereits veröffentlicht in:

DAS ARKHAM-SANATORIUM
M. Korb u.a.
Roman - Düstere Phantastik - Atlantis Verlag - Okt. 2007

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