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Startseite > Kurzgeschichten > Tobias Bachmann > Düstere Phantastik > Der Nine-Inch-Nail
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Der Nine-Inch-Nail
von Tobias Bachmann

Diese Kurzgeschichte ist Teil der Kolumne:

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A. Bionda
46 Beiträge / 46 Interviews / 102 Kurzgeschichten / 2 Artikel / 136 Galerie-Bilder vorhanden
Andrä Martyna Andrä Martyna
© http://www.andrae-martyna.de/
He couldn't believe how easy it was
he put the gun into his face
bang!
(so much blood from such a tiny little hole)
- The Nine Inch Nails, “The Downward Spiral”-


One-Inch
Ein letztes Mal sperrt er die Tür auf.
Über drei Jahre hat er in dieser Wohnung gewohnt. Hier hat er geweint und gelacht, geschlafen, gegessen, Sex gehabt, er war manchmal wütend gewesen, sein Haustier war hier gestorben ... sein Leben zieht an ihm vorbei, wie es passieren soll, wenn man stirbt.
Doch er stirbt nicht. Er ist hier, weil er den Schlüssel abgeben muss. Den alten Schlüssel seiner alten Wohnung, die er nun betritt.
Nichts ist mehr so, wie es früher einmal war. Die Wände sind frisch tapeziert, der Teppich ist fort, alles ist steril, kalt und abweisend. Seine Möbel sind weg. Leere herrscht dort, wo früher sein Bett gestanden hat.
In einer halben Stunde würde sein Vermieter kommen. Er hat noch etwas Zeit. Ruhig und neugierig schreitet er alle Zimmer ab. Die Küche scheint in Ordnung, das Schlafzimmer ist gestrichen, auch der Flur ist weiß, und das Badezimmer sauber. Im Arbeitszimmer guckt ihn der dunkle Fleck auf dem Teppich böse an. Das würde er seinem Vermieter melden müssen. Rotwein war es, der hier bei der Einzugsparty verschüttet worden war. Erinnerungen von der Party stürmen auf ihn ein, lachende Gesichter, ein Pärchen auf dem Balkon das sich streitet, und die übervölkerte Küche, in der das Tiramisu wie in Zeitlupe auf den Boden fällt.
Er betritt das Wohnzimmer. Der Parkettboden hat einige Kratzer, ist jedoch soweit in Ordnung. Seine Schritte hallen in dem großen Raum.
Dann hört er ein Lachen. Er dreht sich um, da es eindeutig von hinten kommt, doch da ist natürlich niemand. Einbilden kann man sich vieles, denkt er, als er das Lachen ein weiteres Mal hört. Sich im Kreis drehend sucht er nach dem Ursprung des Gekichers, doch er ist allein.
Vielleicht in einem anderen Zimmer? Abermals geht er in jeden Raum, doch ausnahmslos alle sind leer. Und dennoch hört er nun bald ununterbrochen dieses furchtbare Lachen, und immer scheint es direkt hinter ihm zu sein.
Auf dem Balkon ist er noch nicht gewesen. Schnell hat er die Balkontür geöffnet, und betritt sein ehemaliges Sommerdomizil.
Leer.
„Wer lacht hier?“, fragt er, und geht wieder in die Wohnung zurück.
„Ich natürlich“, antwortet plötzlich eine Stimme, die sich hinter ihm befindet, wo jedoch niemand ist.
„Wer ist ich, und wo bist du?“
„Hier oben!“, gefolgt von diesem Lachen.
Er blickt an die Decke, und erschrickt. An der Decke klebt ein spitzknochiges Wesen, das aussieht, als wäre es aus beweglichem Holz geschaffen. Geschnitzt und doch lebendig, ein Lebewesen, wie eine Wurzel. Entfernt erinnert es an einen Igel, doch es ist nicht so drollig, sondern vielmehr eine schaurige Fratze mit einem riesigen Maul. Scharfe Stacheln stehen von ihm ab, und auch sein zum Lachen verzerrter Schlund ist mit jenen Stacheln als Zähne übersäht.
„Wer ...“ Er überlegt es sich anders, und meint: „Was bist du?“
Wieder kichert das Wesen. Dann schnattert es: „Es war ein Fehler.“
„Was?“
„Die Wohnung aufzugeben war ein großer Fehler von dir.“ Nochmals lacht die Kreatur, als wäre es das amüsanteste der Welt.
„Wie soll ich das verstehen?“, fragt er.
„Das kannst Du nicht verstehen“, schnattert das Wesen weiter, und wiederholt noch einmal, dass er einen großen Fehler begangen habe.
„Und wenn schon. Was kümmert dich das? Außerdem weiß ich immer noch nicht, was du bist, und was du hier zu suchen hast.“
Das Wesen springt hinab, und landet vor ihm. Während es sich zur vollen Größe aufrichtet, spricht es wieder, nur dass die Stimme dabei nicht mehr lacht, sondern dunkel und bedrohlich auf ihn wirkt.
„Ich wurde herbeigeträumt.“
Dann hebt es die stacheligen Klauen, und kommt auf ihn zu.

Szenentrenner


Two-Inch
Mettmann erwachte schreiend auf seiner Matratze. Schweiß stand ihm auf der Stirn und sein T-Shirt klebte ihm an Nacken und Brust. Verstört blickte er um sich, sah Kartons und Chaos, schloss die Augen wieder, schüttelte den Kopf und machte sie wieder auf.
Was war das nur für ein grässlicher Traum? Er stand auf, und wankte zum Badezimmer. Furchtbar war er gewesen. Und so real anmutend. Er hatte schon lange nicht mehr so intensiv geträumt. Ob es daran lag, dass es die erste Nacht in seiner neuen Wohnung war? Er machte sich Kaffee, und während dieser durchlief, ging er unter die Dusche, um sich den stinkenden Schlaf vom Körper zu waschen.
Während das erfrischende Nass auf ihn niederprasselte, dachte er weiter über den Traum nach. Früher hatte er sich für Traumdeutung interessiert, und eine Zeitlang hatte er sogar ein Traumtagebuch geführt. Mehrere Jahre lang zelebrierte er es jeden Morgen, seine Träume niederzuschreiben, um sie abends zu interpretieren. Doch je umfangreicher seine Traumerinnerungen wurden, desto weniger war es möglich, die Handlungen in einen vernünftigen Kontext zu seinem Leben zu bringen. Es schien, als träume er stets Geschichten, manchmal ganze Romane mit mehreren Handlungssträngen. Vielleicht hätte ein Psychologe ihm beim Deuten seiner Träume helfen können, doch hätte dieser lediglich herausgefunden, dass Mettmann psychisch instabil oder halb wahnsinnig sei, und daran hatte Mettmann nicht das geringste Interesse. Irgendwann dann war es mit seiner Konsequenz, die Träume morgens aufzuschreiben, vorbei gewesen, und das Hobby versiegte, so wie vieles in seinem Leben.
Er trocknete sich ab, und wühlte in diversen blauen Müllsäcken nach sauberer Wäsche. Nachdem er sich angezogen hatte, stand er in der improvisierten Küche und trank Kaffee. Was war das nur für ein schreckliches Wesen? Wie viel Phantasie war nötig, um eine solche Gestalt dermaßen real erscheinen zu lassen? Ihn schüttelte es regelrecht, als er sich das Bild des Traums wieder in Erinnerung rief.
Mettmann rührte noch etwas Zucker in seinen Kaffee. Eigentlich trank er den Kaffee stets mit Milch, doch es war keine da. Er hätte noch nicht einmal einen Kühlschrank gehabt, so dass die Milch bei der derzeitigen Hitze ohnehin bereits umgekippt wäre. Nächste Woche sollte der Kühlschrank kommen, den er sich aus dem Versandhauskatalog bestellt hatte. Die Küche selbst bestand derzeit aus einer kleinen Kochplatte, einer Spüle und ein paar Schränken, die noch nicht aufgestellt waren. Das einzige, was bereits funktionierte, war die Kaffeemaschine. Der Rest seiner Wohnung versank im Chaos. Kisten stapelten sich an manchen Stellen bis zur Decke, zerlegte Regale lehnten in Form einer losen Brettersammlung an den Wänden, und lediglich die Matratze lag auf dem Boden, so dass man sich einfach darauf fallen lassen konnte, um zu schlafen ... und zu träumen.
Alles war sehr schnell und regelrecht überstürzt gegangen. Nachdem ihm sein Mietverhältnis der alten Wohnung wegen Eigenbedarf gekündigt worden war, hatte er drei Monate Zeit gehabt, diese renoviert an den Besitzer zu übergeben. Mettmann hatte jedoch kaum die Zeit gefunden, sich eine neue Wohnung zu suchen. Er musste arbeiten, oft bis tief in die Nacht hinein, und nur vereinzelt hatte er die Möglichkeit nutzen können, mal schnell in die Immobilienanzeigen der Zeitungen zu spähen. Meistens waren die Wohnungen bereits vergeben, wenn er auf eine Annonce reagierte. Dann endlich – er hatte seinen Chef angefleht, er möge ihm doch endlich seinen Urlaub genehmigen, er bräuchte dringend die Zeit – sah er sich die erste Wohnung an, und aufgrund eines leichten Panikgefühls, das ihn überkam, da er feststellte, dass aus den drei Monaten nunmehr drei Wochen geworden waren, hatte er sie, ohne lange zu überlegen, genommen. Eine Woche später hatte er sein persönliches Hab und Gut in Kisten und Kartons verstaut gehabt, seine Möbel so gut es eben ging, auseinandergeschraubt, und sich von einigen Freunden beim Umzug helfen lassen. Seitdem hatte sich in der neuen Wohnung nicht viel getan. So, wie die Umzugshelfer alles in die Wohnung geschichtet hatten, sollte es erst mal stehen bleiben, bis die alte fertig renoviert war.
Mettmann trank von seinem übersüßten Kaffee, und schob einige klebrige Fischkonserven in einen blauen Müllsack. Dann griff er zu der zerknitterten Schachtel Smokers De und zog eine plattgedrückte Lights daraus hervor. Sein Zippo schnappte auf, entzündete die Kippe, und schnappte wieder zu. Die Nahrung während eines Umzugs bestand stets nur aus schwarzem Kaffee, Dosenfisch und plattgedrückten Zigaretten. Abends vielleicht noch ein oder zwei Bier, nach mehr verlangte der Körper nicht.
Die neue Wohnung maß nicht mehr als 60 Quadratmeter. Ein Flur verband Küche und Badezimmer mit zwei großen Zimmern. Das eine sollte ein Wohn- und Schlafzimmer werden, das andere würde als Arbeitszimmer dienen, was soviel hieß, dass das Wohn- und Schlafzimmer relativ schnell eingeräumt sein würde, und das Arbeitszimmer mindestens ein halbes Jahr lang als Abstellkammer für all die unausgeräumten Kisten, Kartons und nicht aufgestellte Möbel dienen würde. Was das anging, hatte es Mettmann nicht eilig. Mit dem Einrichten konnte er ohnehin erst beginnen, wenn die alte Wohnung ordnungsgemäß übergeben worden war.
In mühseliger Arbeit hatte er die Wände gestrichen, die Türstöcke geschliffen und neu lackiert, die Spülung des Wasserkastens auf der Toilette ausgetauscht, den großen Küchenschrank repariert, und den Parkettboden geputzt und gewienert. Seiner Meinung nach, war die Wohnung ordentlich, und abgabefertig. Gestern hatte er die letzten Sachen in seine neue Wohnung transportiert – hauptsächlich Werkzeug, Maler- und Putzutensilien –, und morgen würde er noch einmal hinfahren, ein letztes Mal in den Briefkasten sehen, und dann dem Besitzer die Schlüssel überreichen.
Vielleicht, so dachte er sich, während er die Zigarette in seine nun leere Tasse abaschte, sollte er heute noch einmal hinfahren. Am Ende war der Alptraum, aus dem er vor einer knappen halben Stunde erwacht war, ein versteckter Hinweis darauf gewesen, dass doch noch nicht alles erledigt war. Denkbar wäre es sicherlich, gerade wenn man von der vielgerühmten Theorie ausging, dass Träume das aktuelle Leben reflektieren, und einem Probleme aufzeigen, die man anders gar nicht wahrnehmen würde.
Das Wesen hatte an der Decke geklebt. Eventuell war also an der Decke etwas nicht in Ordnung. Er hatte sie zwar gestrichen, doch vielleicht etwas übersehen? Am besten war es, auf Nummer sicher zu gehen.
Die Zigarette zischte, als er sie in die Tasse warf. Mettmann zog sich Schuhe und Jacke an, und verließ seine neue Wohnung, um ein vorletztes Mal die alte zu besuchen.

Szenentrenner


Three-Inch
Das Haus, in dem er vorher gelebt hatte, ragte am Ende der Straße auf. Es war ein achtstöckiger Wohnklotz mit braunen Balkonen auf einer ansonsten grauen Fassade. In jedem Stockwerk lebten acht Parteien, und zu jeder Tages- und Nachtzeit schien das Haus bevölkert und ruhelos zu sein. Er war froh, aus der alten Wohnung ausgezogen zu sein, war die neue doch um ein Vielfaches schöner, und schien darüber hinaus auch noch ruhiger zu sein.
Mettmann erreichte die Haustür, neben der sich eine Unzahl Briefkästen aneinanderreihten. Er schob den Schlüssel in den seinigen, fand jedoch nichts als Werbung darin, die er seufzend wieder zurückschob. Dann betrat er das Haus.
Wie immer roch es beißend nach scharfen Putzmitteln, mit denen der Reinigungstrupp alle zwei Tage die Flure schrubbte. Die Treppe hatte er selten benutzt. Er hatte es sich angewöhnt, mit dem Aufzug in den vierten Stock zu gelangen. Der Aufzug wartete bereits auf ihn, und so war er auch schon in seinem Inneren, betätigte den Knopf, und die Türen schlossen sich surrend hinter ihm.
In der Spiegelwand des Fahrstuhls betrachtete er sein verbraucht erscheinendes Gesicht. Dunkle Ringe lagen unter seinen Augen, und es schien, als wäre er etwas abgemagert, und eingefallen. Die Strapazen des Umzugs und der Renovierungsarbeiten hatten ihre Spuren an Mettmann hinterlassen. Er war körperliche Arbeit nicht gewohnt, und so sah er auch aus.
Alsbald entließ ihn der Aufzug in das gewünschte Stockwerk, und nach wenigen Schritten hatte Mettmann die Wohnungstür erreicht. In seinen Jackentaschen kramte er nach dem richtigen Schlüssel, den er so oft schon in das Schloss geschoben und gedreht hatte.
Die Tür quietschte etwas, kaum merkbar, doch man nahm es wahr, wenn man darauf achtete. Er hatte die Tür nie geölt, und hielt es auch nicht für notwendig. Vielleicht aber sollte er dies morgen vor der Schlüsselübergabe noch schnell erledigen. Andererseits war dies wirklich keines der Mängel, die man einem Mieter anlasten konnte.
Die sterile Leere der Wohnung empfing ihn, mit kaltem Schauer, der über seinen Rücken huschte. Es war stets merkwürdig, eine unbewohnte Wohnung zu betreten, fand er. Nichts zeigte auf Leben hin. Leere Wohnungen schienen tot zu sein. Zwar konnte er sich noch deutlich daran erinnern, wie sie eingerichtet aussah, doch waren dies Gedanken, die ihn melancholisch stimmten, weswegen er sie von sich abschüttelte.
Dann roch er es.
Mit gerümpfter Nase schnüffelte Mettmann in die Wohnungsluft, die eigentlich vom Geruch frisch aufgetragener Farbe durchsetzt sein müsste. Farbgeruch nahm er zwar auch wahr, doch wurde dieser von einem viel penetranteren Gestank überlagert, den er nicht genauer definieren konnte. Schnuppernd ging er in jedes Zimmer. Die Küche schien jedoch in Ordnung, das Schlafzimmer ebenso, und auch das Badezimmer, sowie sein ehemaliges Arbeitszimmer wiesen keine Absonderlichkeiten auf.
Es wird wie im Traum sein, dachte er. Im Wohnzimmer hatte dieses Wesen auf ihn gewartet, und sobald er es nun betreten würde, würde es sich auf ihn stürzen, ihn mit seinen spitzen Stacheln massakrieren, ihn vielleicht sogar töten.
„Es war nur ein Traum, verdammt“, sagte er laut, um sich zu beruhigen. „Nur ein dummer, dämlicher Scheißalptraum.“
Mettmann legte seine zitternde Hand auf die Türklinke. Er musste die Tür nur öffnen, und schon würde er Gewissheit haben. Zwar konnte er sich nicht im entferntesten vorstellen, was diesen seltsamen Geruch verursachte, denn im Wohnzimmer war ja nichts, doch es war klar, dass dort das Übel lauerte. Es wartet auf dich, um dich aufzuspießen.
Er öffnete die Tür.

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Four-Inch
Ein Hort abscheulichster Krabbeltiere empfing ihn. Es waren Tausende. Wie Insekten aus einer anderen Welt wimmelten sie überall. Fingerdicke Larven, Schnecken mit rotbesprenkelten Häusern, deren feingliedrige Fühler gut dreißig Zentimeter lang sein mochten, giftig erscheinende Würmer und kakerlakenähnliche Krabbeltiere, scheußlich brummende Käfer und surrende Flügelwesen die an die Fremdartigkeit exotischer Libellensorten erinnerten, und über alledem lastete ein unsäglich maroder Geruch, der Mettmann irgendwie an das staubige Aroma von mehreren Kilo Popcorn erinnerte, das er nicht ausstehen konnte.
War der anfängliche Schock über das unglaubliche Wuseln an Fußboden, Wänden und Decke überwunden, wich er rückwärts gehend aus dem Zimmer, und schlug die Tür mit rasanter Geschwindigkeit zu.
Entsetzt rieb er sich die Augen, und starrte die Tür an. Verlor er den Verstand? War das wirklich real, was er dort eben gesehen hatte?
Den Geruch nahm er immer noch wahr. Ebenso konnte er nun auch das Summen und Brummen der höllischen Brut hören. Durch die geschlossene Wohnzimmertür hindurch, gottverdammt. Dennoch konnte Mettmann beim besten Willen nicht an das glauben, was sich dort befand.
Ob er noch einmal einen Blick riskieren sollte? Doch was sollte er tun, wenn diese Tiere wirklich da waren, und ihn womöglich angreifen würden? Sicherlich waren auch einige Stechmücken darunter, und wer wusste schon, welch sonderbare Krankheiten diese übertragen mochten.
Mettmann beschloss, die Tür geschlossen zu halten, und stattdessen einen Blick durch die Fensterscheibe zu werfen. Die Wohnung verfügte über einen durchgehenden Balkon, den man sowohl vom Arbeits- als auch vom Wohnzimmer erreichen konnte.
Sogleich hatte er den Balkon über das Arbeitszimmer mit dem Weinfleck auf dem Teppich betreten, und genoss die frische Luft, die ihn etwas schwindelig machte. Die wenigen Schritte zur Balkontür des Wohnzimmers waren schnell getan, und schon legte er die Hände als Sichtschirm über die Augen, und spähte in die Wohnung.
Er bildete es sich nicht ein. Zwar kam ihm die Masse der Insekten nicht mehr so zahlreich vor, aber sie waren definitiv da, und es waren immer noch genügend, dass man eine Mülltonne damit zu füllen, wären die Viecher denn tot, so dass man sie einfach mit Schaufel und Besen zusammenkehren konnte.
Das mochte auch die beste Lösung für das Problem sein, denn eine von Ungeziefer verpestete Wohnung brauchte er seinem Vermieter nicht zu übergeben. Hier musste ein Kammerjäger ran.
Über die Vermittlung, deren Nummer in seinem Handy eingespeichert war, erfuhr er, dass es drei verschiedene Kammerjäger in der Stadt gab. Er ließ sich sogleich zu dem Erstbesten weitervermitteln, und nach längerem Warten hob am anderen Ende eine freundlich klingende Dame ab.
„Schädlingsbekämpfung Reinhardt, Frau Schal am Apparat, was kann ich für Sie tun?“
„Guten Tag, hier spricht Mettmann. Ich habe da ein kleines Problem.“
„Wir bieten Ihnen Hygiene- und Vorratschutz, Holz- und Bautenschutz und Taubenabwehr an. Eine telefonische Beratung ist kostenlos, und wenn sie ein Gutachten für beispielsweise den Gastronomiebereich benötigen, dann ...“
„Nein, nein“, unterbrach er Frau Schal, die jetzt bereits einen schalen Nachgeschmack in seinem Denken hinterließ. „In meiner leerstehenden Wohnung, die ich morgen übergeben soll, wimmelt es von komischen Insekten.“
„Handelt es sich bei den Schädlingen um Schadnager, Ungeziefer oder Fluginsekten?“
„Ähm, da bin ich mir nicht so sicher. Wohl eher eine Mischung aus Ungeziefer und Fluginsekten.“
„Ungeziefer wie Schaben oder Silberfische finden sich meist dort wo es feucht ist, Herr Mettmann. Fluginsekten hingegen, wie Motten oder Mücken haben oft ein ganzes Nest, das wir Ihnen in Form einer Präventivmaßnahme entfernen können.“
„Ich glaube, Sie verstehen nicht“, sagte Mettmann nun. „Es handelt sich hier nicht um einen kleinen Befall in einem herkömmlichen Haushalt. Das ganze Zimmer ist übersät mit den unterschiedlichsten Insekten. Was das für Viecher sind, kann ich Ihnen nicht sagen, denn ich bin kein Biologe. Ich weiß jedoch mit ziemlicher Sicherheit, dass ich solche Tiere noch nie zuvor gesehen habe, und schon gar nicht in solchen Massen. Können Sie nicht einfach irgendjemanden vorbeischicken?“
„Eine hochqualifizierte Beratung hat bei uns einen hohen Stellenwert, Herr Mettmann. Wir können also gerne einen Termin ausmachen.“
„Ich brauche keinen Termin, ich brauche Hilfe, und zwar sofort!“
„Bitte warten Sie einen Moment.“
Mettmann schüttelte entnervt den Kopf. Er konnte hören, wie sich Frau Schal mit jemandem unterhielt, wobei er von dem Gespräch selbst nichts verstehen konnte. Das Telefon an sein Ohr gepresst marschierte er auf dem Balkon auf und ab, um immer, wenn er an dem Wohnzimmerfenster vorbeikam, hineinzuspähen, was ihm kalte Schauer über den Rücken jagte.
Er erinnerte sich daran, wie er als Kind im Wald gespielt hatte. Viele Tage der Sommerferien verbrachte er dort, um mit seinen Freunden die Helden der Abenteuerfilme des Winters nachzuspielen. Helden haben Waffen gebraucht, und als Kind bastelte man sich diese aus Holz, und davon wiederum gab es im Wald genügend. Der Ekel vor Ungeziefer war stets dann am größten, wenn man einen vermodernden Baumstamm aufgehoben hatte, um festzustellen, dass sich darunter im schwarzfauligen Morast des Erdbodens ein Nest voll weißer, dicker Larven befand. Nicht so schlimm waren Ameisenhügel, und von Wespen- oder Hornissennestern versuchte man sich ohnehin stets fernzuhalten. Auf jeden Fall erinnerte ihn sein Wohnzimmer an die Kehrseite verfaulenden Holzes im Wald. Er hatte nur keine Ahnung, wie er dies jener Frau Schal klarmachen sollte.
„Herr Mettmann?“ Frau Schal war wieder da. „Geben Sie mir Ihre Adresse und Telefonnummer. In etwa zweieinhalb Stunden wird eine unserer Fachkräfte bei Ihnen sein.“
Warum nicht gleich so, dachte er, und gab Frau Schal die gewünschten Auskünfte.

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Five-Inch
Zweieinhalb Stunden in einer leerstehenden Wohnung ausharren zu müssen, weil man nichts Besseres zu tun hat, und das auch noch mit dem Wissen, dass in einem der drei Zimmer eine Horde abstruser Insekten auf den Kammerjäger wartete, kann einen schön mürbe im Kopf machen. Die Zeit verging buchstäblich überhaupt nicht. Mettmann verließ die Wohnung kurz, um sich bei einem Bäcker einen Kaffee zum Mitnehmen und ein belegtes Brötchen zu besorgen. Zum Kaffee rauchte er eine Zigarette auf dem Balkon, und dachte über den Traum nach.
Der Alptraum hatte ihn überhaupt erst dazu gebracht, die Wohnung aufzusuchen. Doch wie hing das nun konkret mit der Tatsache zusammen, dass sich diese übersinnlichen Insekten im Wohnzimmer angesammelt hatten? Was waren das überhaupt für Insekten, und wie zur Hölle waren sie in die Wohnung gekommen? Was hatten sie dort zu suchen?
Der Boden war von Mettmann in einen hygienisch einwandfreien Zustand versetzt worden. Es war nichts da, das dieses Ungeziefer hätte anlocken können. Die Türen waren zu, das Licht aus, nichts Süßes verschüttet ... er verstand es einfach nicht. Hoffentlich wusste der Kammerjäger Antwort.
Am schlimmsten fand Mettmann den Gedanken, dass er vielleicht immer noch träumte, oder dass er tatsächlich wahnsinnig geworden wäre, und diese seltsamen Tiere nur auf eine Halluzination zurückzuführen seien. Er hatte letztens gelesen, das manch einer im Kokainrausch die Illusion bekommt, dass der eigene Körper von Insekten befallen sei, doch Mettmann nahm keine Drogen. Nein, eine Einbildung konnte er ausschließen.
Das Klingeln der Türglocke schreckte Mettmann jäh aus seinen Gedanken. Im Eilschritt und mit einem „Na endlich“ auf den Lippen, ging er zur Wohnungstür, um sie zu öffnen. Vor ihm stand ein dicker Mann in einem blauen Overall, der das Emblem der Firma Schädlingsbekämpfung Reinhard aufgestickt hatte. Zwischen seinen wulstigen Lippen stank eine billige Zigarre.
„Ich komme wegen der Kakerlaken.“, grunzte er.
„Wenn es nur Kakerlaken wären ...“, sagte Mettmann. „Na kommen Sie rein, und überzeugen Sie sich selbst.“
Der dicke Mann schleppte sein Gewicht mitsamt einem klobigen Koffer voll Ausrüstung in die leerstehende Wohnung.
„Ziehen Se ein oder aus?“
„Ich wollte morgen die Schlüssel dem Eigentümer übergeben.“
„Ach daher die Eile“, sagte er, stellte seinen Koffer ab, und öffnete ihn. Darin waren etliche Sprühflaschen und Schlauchverlängerungen mit verschiedenen Düsen. „Und? Wo soll’s losgehen?“, fragte er, während er seine Geräte zusammenschraubte.
„Im Wohnzimmer, gleich hinter der Tür dort.“
Der Kammerjäger hatte das Sprühgerät nun um seine Schulter gehängt, und sah mit dem Schlauch und der gewaltigen Düse beinahe aus, wie eine dicke Version von Bill Murray in dem Film Ghost Busters.
„Na dann mach ma den Viechern mal Dampf unterm Hintern, was?“
Mettmann war sich da nicht so sicher, öffnete dem Mann aber nur zu gerne die Tür. Der Kammerjäger grinste noch einmal mit der erloschenen Zigarre im Mund, und lief dann exakt einen Schritt weit in das Wohnzimmer hinein. Dort blieb er stehen.
Mettmann sah nicht hin, als der Mann einen Augenblick später im Badezimmer über der Kloschüssel hing, und dieser seinen Mageninhalt anvertraute.
Wieder einige Minuten später, saßen beide auf dem Balkon, auf dem Boden, und rauchten.
„Es tut mir leid, dass Sie das Klo nun noch mal putzen müssen“, sagte der Kammerjäger. „Aber so was hab ich noch nie in meinem Leben gesehen.“
„Mir ging es nicht anders, auch wenn ich mich nicht übergeben musste. Aber schlecht wurde mir auch“, gestand Mettmann.
Der Mann nickte. Er war froh, in Mettmann einen Auftraggeber gefunden zu haben, der mit Verständnis auf die überaus peinliche Situation reagierte.
„Wissen Sie, es gibt da jemand, der Ihnen vielleicht besser helfen kann, als meine Firma. Is allerdings ein komischer Kauz, der alte Herr Grambusch.“
„Grambusch?“
„Ja. Ernst Grambusch. Der wohnt hinten, auf’m Burgberg in so ner alten, schäbigen Holzhütte. Ist der Großvater meiner Exfrau. Ich hab ihn immer gemocht, aber der kennt sich mit solchen Sachen aus.“
„Wie können Sie sich da so sicher sein?“
Der Mann warf seinen Zigarrenstummel über die Balkonbrüstung und rülpste. Dann beugte er sich vor, so dass Mettmann seinen fauligen Atem riechen konnte, der nach Magensäure und kaltem Rauch roch.
„Diese Dinger da drin, in Ihrem Wohnzimmer. Das sind keine Viecher, die ich kenne. Ich hab schon viel Ungeziefer ausgelöscht, müssen Se wissen. Ich mach den Job jetzt seit bald dreißig Jahren, aber so was ist mir noch nicht untergekommen. Aber ich kann Ihnen auch verraten, dass dem alten Grambusch da mit Sicherheit was einfallen wird. Der ist so verrückt und hat schon so viel erlebt, der weiß immer dann was Sache ist, wenn niemand sonst was weiß. Ich bin Fachmann für Ungeziefer, Herr Mettmann. Ungeziefer das ich nich kenne, gibt es nich. Und was es nich gibt, kennt Grambusch. Wenn Se wollen, fahr ich Sie hin.“
Mettmann war einverstanden, und so kam es, dass er kurz darauf in einem VW-Bus mit der Aufschrift Schädlingsbekämpfung Reinhard – Der Rattenfänger von Hameln lernte bei uns! zum Burgberg fuhr.

Szenentrenner


Six-Inch
Grambuschs Hütte sah eigentlich eher wie ein mehrfach in sich zusammengefallenes und stets anders wieder aufgestelltes Kartenhaus aus, nur dass die Karten morsche Bretter waren, und es schon seit Jahrhunderten so dastehen mochte.
Der Weg, den er sich durch einen verwitterten, wildgewachsenen Garten bahnte, war überwuchert mit dichten Ranken eines von Mettmann nicht identifizierbaren Gewächses. Alles war schmuddelig und braun. Auch hier gab es Ungeziefer, doch dieses war dem Hilfesuchenden bekannt. Ungefährliche Stechmücken etwa, ein paar Wespen, alles harmlos erscheinend und nicht mit dem wimmelnden Grauen aus seiner Wohnung vergleichbar.
Neben der Hütte lag ein Gewächshaus, dessen Glaswände vor Jahren schon eingefallen waren, und durch dass sich riesige Tomatenstauden, die keine Früchte mehr trugen, ihren Weg, der Sonne entgegen gebahnt hatten, auch wenn die Sonnenstrahlen kaum durch das schwere Dickicht aus ungeschnittenen Hecken und hochgewachsenen Kiefern hindurchkam.
Mettmann hatte die Tür der Hütte erreicht, und suchte vergeblich nach einer Klingel, weswegen er klopfte und lautstark diverse Begrüßungsfloskeln von sich gab.
Keine Reaktion. Er klopfte stärker, bemerkte, dass die Tür offen stand, und wollte gerade unaufgefordert eintreten, als er hinter sich ein Kichern hörte.
Mettmanns Augen weiteten sich, und erschrocken drehte er sich um, da ihn dieses Kichern wieder so sehr an seinen Traum erinnerte. Und ebenso, wie er es aus seinem Traum bereits kannte, war natürlich niemand hinter ihm.
„Hallo! Ist da wer?“, rief er nun, und ein Hauch von Angst schwang in seiner Stimme mit. Dann hörte er laut klopfende Geräusche, die jedoch hinter der Hütte ihren Ursprung haben mussten. Zwischen dem Klopfen, das an eine dumpfere Version von Holzhacken erinnerte, ertönte das altbekannte Kichern.
Wieder war es nur unbegründete Panik und das Gefühl beobachtet zu werden, das Mettmann in Furcht versetzt hatte. Ein angewidertes Schütteln durchwallte seinen Körper, und die Feigheit fiel von ihm ab, wie Tau von Blättern, nachdem sich ein Vogel davon abgestoßen hatte.
„Hallo?“ rief er, während er sich von dem Eingang der Hütte entfernte, um sich einen Weg um sie herum zu suchen. Er sprang über ein von Unkraut überwuchertes Beet und lief durch dichtgewachsenes Gras, das ihn an den Unterarmen kitzelte. Ständig hatte er das Gefühl, dass sich Spinnweben auf sein Gesicht legen würden, was jedoch pure Einbildung sein musste, da er mit den Fingern nichts zu fassen bekam, wenn er versuchte, sie zu entfernen. „Genau wie diese Traumgestalt“, murmelte er vor sich hin. „Nichts als Einbildung.“
Mettmann musste sich unter eine schief auf den Boden zulaufende Regenrinne bücken, und lief nun einen schmalen Grad zwischen Baracke und pieksenden Tannen entlang. Weiter vorne, wo die zerfallene Behausung endete, war Licht zu sehen. Das Geräusch des Holzhackens hatte inzwischen aufgehört.
Vorsichtig spähte er nun um die Ecke. Zunächst wurde er von der Sonne geblendet, und konnte kaum etwas erkennen. Erst nachdem sich seine Pupillen der Helligkeit angepasst hatten, sah er das wahre Ausmaß des Grundstücks, das sich hier, hinter der Hütte, die sich nur wenige Meter nach einem verrostenden Gatter befand, noch um mehrere hundert Meter einen Hang hinauf erstreckte. Hier war die Wiese frisch gemäht, Blumen sprossen, und man konnte meinen, dass der Besitzer für den vorderen Teil des Grundstücks, sowie für die Hütte selbst, einfach keine Zeit aufbringen konnte, weswegen sich alles in solch erbärmlichen Zustand befand. Eine wahre Augenweide, so schien es Mettmann, ein Paradies für jenen alten Mann, der relativ nah bei der Rückwand seiner Behausung an einem großen Holzpflock lehnte, und aus einer Feldflasche trank. Um ihn herum waren Holzspäne verstreut, und ein beachtliches Pensum frisch geschlagener Scheite lagen bereit, aufgestapelt und für den Winter eingelagert zu werden.
„Guten Tag, Herr Grambusch“, sagte Mettmann, der nun um die Hütte herum auf ihn zuging.
„Ah, sieh an. Besuch“, sagte der Alte, und reichte Mettmann die Feldflasche, der dankend ablehnte.
„Entschuldigen Sie, dass ich Sie störe, aber ...“
„Das braucht Sie nicht zu beunruhigen. Im Gegenteil. Ich bin froh, etwas Abwechslung zu bekommen, und eine Pause tut mir sicherlich gut. Darf ich Ihnen etwas anbieten? Tee vielleicht? Oder doch lieber etwas Kühles, bei diesen Temperaturen.“
„Ein Bier wäre vielleicht nicht verkehrt“, antwortete Mettmann, überrascht ob der unbekümmerten Freundlichkeit.
„Ein Bier also. Eins der wenigen Dinge, die ich nicht selber mache. Aber ich habe welches da. Mögen Sie Wolfsheimer?“
„Ja, warum nicht.“
„Ich bevorzuge das Vollmondbier. Es wird Monat für Monat nur an Vollmond gebraut, weswegen es nie viele Kästen davon gibt. Aber es schmeckt überraschend mild, und ist daher recht süffig.“
Grambusch verschwand hinter der Hütte und ließ Mettmann neben dem frischgehackten Holz stehen. Die Sonnenstrahlen kitzelten ihm in der Nase, und er musste dreimal kräftig niesen. Beim letzten Nieser, der seinen Körper geradezu durchschüttelte, wünschte ihm Grambusch eine gute Gesundheit, und hielt ihm eine geöffnete Flasche Bier hin.
Mettmann bedankte sich, und sie setzten sich auf zwei noch nicht kleingehackte Holzstücke, um das angenehm kühle Getränk zu genießen, das herb ihre Gaumen umspielte.
Dann erzählte Mettmann, was ihn hergeführt hatte, von seinem Traum, der immer noch seine Finger nach ihm ausstreckte, dem seltsamen Ungeziefer, welches an Insekten aus einer fremden Welt erinnerte, bis hin zu dem Kammerjäger, der ihn an Grambusch verwiesen hatte, aus welchen Gründen auch immer.
„Mein Freund“, erwiderte Grambusch, „Sie stecken in einer misslichen Lage.“
„Sie wissen also, um was für komische Insekten es sich hierbei handelt?“
„Nicht nur das.“ Grambusch trank von seinem Bier, und blickte Mettmann durchdringend an.
„Was denn noch?“
„Ich weiß sogar über den Ursprung Ihres Traums Bescheid.“
Mettmann war sprachlos.
„Kommen Sie, mein Freund“, sprach Grambusch, und stand mühsam auf, wobei seine Gelenke knackten. „Ich zeige Ihnen, was Sie plagt, und Sie werden feststellen müssen, dass Sie sich in ernsthaften Schwierigkeiten befinden.“

Szenentrenner


Seven-Inch
Grambuschs Hütte wirkte von innen weitaus größer, als es von außen den Anschein machte.
Alles war von dem Besitzer selbst gebaut worden. Jedes Möbelstück, ja sogar der Ofen, der zu dieser Jahreszeit natürlich nicht in Betrieb war. Auf Sauberkeit legte der alte Herr jedoch weniger Wert. Wäre das Bett und das darüber befindliche Bücherbord nicht gewesen, so hätte man meinen können, das Grambuschs Hütte nur eine Werkstatt sei, war der Boden doch über und über mit Sägespänen belegt. An jedem freien Ort befand sich Werkzeug, und eine Wand war mit einer Kochstelle versehen.
„Ich mache alles selber, und brauche nicht viel“, erklärte er. „Das meiste, was ich zum Leben brauche, gibt mir mein Grundstück: Gemüse, Obst, und ich habe sogar einige Hühner die regelmäßig Eier legen. Milch bekomme ich vom Bauern, daraus mache ich mir Butter und Käse. Und für das Holz, das ich zum Heizen und Kochen benötige, helfe ich einem Bekannten bei der Forstarbeit. Ich habe hier einen eigenen Brunnen gegraben, der mir frisches Wasser spendet, außerdem sammle ich noch Regenwasser. Ab und zu fahre ich zum Angeln, dann gibt es frischen Fisch. Mein Brot backe ich selber, und mehr als zwei Hosen, drei Hemden und einen dicken Pullover benötige ich nicht. Ein bisschen Geld verdiene ich mir für kleinere Reparaturarbeiten. Ich fabriziere nicht einmal Müll, und dennoch liege ich derzeit im Clinche mit der Stadtverwaltung, die unbedingt möchte, dass ich eine Mülltonne miete, und dafür Entsorgungskosten zahle. Doch wozu brauche ich das, wenn ich gar keinen Müll habe? Eine Frechheit, sage ich Ihnen.“
Mettmann nahm auf Grambuschs Bett Platz und war fasziniert von seinen Ausführungen und seiner Persönlichkeit im Allgemeinen. Der alte Mann war unabhängig. Er brauchte nichts und niemanden, und hatte somit auch nicht den Ärger, den man sich mit einem vermeintlichen Vermieter einheimsen konnte.
Grambusch griff über Mettmann hinweg, und zog ein dickes, in Leder gebundenes Buch aus dem Regal. Er setzte sich mit dem schweren Wälzer auf dem Schoß, vor Mettmann auf einen klapprigen Stuhl, und sah ihn wieder mit seinem eindringlichen Blick aus schmalen Augen an.
„Das Wesen, von dem Sie geträumt haben, und das sie nun verfolgt, und dessen Brut Sie in Ihrer alten Wohnung vorgefunden haben, nennt man den Nine-Inch-Nail.“
„Den was?“
„Der Nine-Inch-Nail ist ein Traumwesen. Ein bösartiges Geschöpf, das nur eines im Schilde führt: Sein Opfer zu verhöhnen und dadurch in den Wahnsinn treiben, wobei es sich von dessen Verstand ernährt.“
Mettmann guckte den alten Herren nur fassungslos und voller Unverständnis an. „Was zur Hölle erzählen Sie mir da? Das war ein herkömmlicher Alptraum. Nichts weiter.“
„Sicher war es das, doch wie erklären Sie sich die insektengleiche Brut?“
„Wieso Nine-Inch-Nail? Ich kenne nur eine Musikgruppe, die sich so nennt.”
„Die kenne ich zwar nicht“, sagte Grambusch, „doch würde es mich nicht wundern, wenn diese sich nach eben jenem Wesen benannt hat. Der Mythos sagt, dass die Nägel, mit denen Jesus ans Kreuz genagelt wurde, exakt neun Inch lang waren.“
„Ich weiß nicht mal wie groß ein einziges Inch ist.“
Grambusch kicherte. „Ein Inch ist das selbe wie ein Zoll, also exakt 2,54 Zentimeter.“
„Das heißt, neun Inch sind ... Moment, lassen Sie mich rechnen ...“
„22,86 Zentimeter, um genau zu sein.“
„Protzblitz!“, entfuhr es Mettmann, da er überrascht war, wie schnell der alte Mann das Ergebnis parat hatte.
Dieser kicherte jedoch nur wieder. „Keine Sorge, ich bin kein mathematisches Genie. Das Ergebnis steht hier, in dem Buch.“
Mettmann sah, dass das Buch nun aufgeschlagen auf Grambuschs Schoß lag. Es schien handgeschrieben zu sein, der Optik des Inhalts nach zu urteilen, eine Art Lexikon.
„Wenn ich nicht mit meinem Lebenserhalt beschäftigt bin, so besuche ich die Bibliothek der Stadt, und verbringe die Zeit mit meinen Nachforschungen, über die ich Buch führe. Ein Buch wie dieses hier.“ Er klopfte auf den mehrere hundert Seiten umfassenden Wälzer.
„Die Beschreibung, die Sie mir von Ihrer Traumgestalt gegeben haben, ist identisch mit meinen Aufzeichnungen über den Nine-Inch-Nail. Sehen Sie hier.“ Er reichte Mettmann das Buch. „Dort ist eine Zeichnung.“
Der Mann hatte natürlich recht. Das Bild der grausigen Gestalt war das aus seinen Träumen. Der Körper war von Stacheln übersäht, und die bösartige Fratze grinste diabolisch.
„Ich hatte den Eindruck, als wäre das Wesen aus Holz geschnitzt“, sagte Mettmann.
„Es sieht so aus, ja. Der Nine-Inch-Nail hat seinen Namen von den 9 Inch langen Holzdornen, die überall aus seinem Körper wachsen. Diese Stachel sind giftig und äußerst gefährlich. Das ganze Wesen ist es.“
„Es klebte an der Decke.“
„Ja. Es besitzt die Fähigkeit, sich mit seinen spitzen Nägeln an die Wand oder die Decke zu nageln, kann sich jedoch jeder Zeit wieder davon lösen. Eine faszinierende Eigenschaft wenn man bedenkt, welches Eigengewicht dieses Vieh haben muss.“
„Wie groß ist es denn?“
„Sie erzählten mir vorhin, dass es größer war als Sie selbst.“
Mettmann schauderte. Er wollte eigentlich nicht an seinen Traum erinnert werden, doch das Bild des Nine-Inch-Nails, der seine stachligen Klauen erhob, auf ihn zukam, und sagte, er sei herbeigeträumt worden, hatte sich in seiner Erinnerung bereits festgesetzt.
„Und was will es nun von mir?“
„Ihren Verstand. Der Nine-Inch-Nail taucht dann auf, wenn man sein Leben ändert, alte Gewohnheiten abstreift, oder es auch nur versucht. Leute sahen ihn, als sie versuchten das Rauchen aufzugeben. Bei Ihnen war es der Umzug in die neue Wohnung. Es klingt zwar unglaublich, doch der Nine-Inch-Nail wird vom Unterbewusstsein erschaffen. Die Aussage ‚Ich wurde herbeigeträumt’ ist somit nicht verkehrt. Die Insekten sind eine unangenehme Nebenerscheinung. Bei manchen Menschen mag diese jedoch bereits ausreichen, um den Wahnsinn in ihnen zu schüren.“
„Und nun?“, fragte Mettmann, und blickte Grambusch an. „Was kommt als Nächstes? Wahnsinnig bin ich noch nicht. Wann denken Sie, werde ich es?“
„Das kann schnell gehen“ Grambusch kicherte.
„Das beruhigt mich ungemein“, grummelte Mettmann, und trank sein Bier aus.
„Wollen Sie noch eins?“
Mettmann schüttelte nur den Kopf, und deutete auf das Buch, was als Aufforderung für Grambusch genügte, fortzufahren.
„Der Nine-Inch-Nail wird Sie von nun an verfolgen. Er wird Sie in Ihren Träumen heimsuchen, er wird über Sie lachen, wird irgendwann auch im Wachzustand für Sie zu sehen sein. Da niemand anderes ihn sehen kann, wird man Sie zumindest schon mal für wahnsinnig halten, ganz gleich, ob Sie es bis dahin sind oder noch nicht.“
„Und was kann ich tun? Es muss doch eine Möglichkeit geben, dieses Wesen aufzuhalten.“
Grambusch trank von seinem Bier und nickte.
„Es gibt da etwas. Das hat es jedoch in sich. So viel ich weiß, ist es aber der einzige Weg.“ Wieder setzte er die Flasche an den Mund.
„Was soll das sein?“ Mettmann wurde ungeduldig. „Nun reden Sie schon!“
„Sie müssen es schaffen, dem Nine-Inch-Nail einen Nagel abzuschlagen. Und mit diesem müssen Sie das Wesen pfählen.“
„Sie meinen, so, wie man in den Filmen einen Vampir pfählt?“
„Ganz recht. Doch das können nur Sie selbst. Denn nur Sie können ihn sehen.“
Mettmann schluckte. „Geben Sie mir noch ein Bier?“

Szenentrenner


Eight-Inch
Viel Zeit hatte Mettmann nicht. Die Wohnungsübergabe sollte Morgen Mittag stattfinden, und nun war bereits der Abend des Vortags angebrochen.
Von dem alten Herrn Grambusch hatte Mettmann eine Axt bekommen. Mit dieser sollte er dem Nine-Inch-Nail einen Nagel abschlagen, mit dem er ihn pfählen sollte. Doch so recht glauben konnte er die ganze Sache immer noch nicht.
Die Axt über seine Schulter gelegt, lief er den Burgberg hinunter. Die Villen, die an Grambuschs Grundstück anschlossen, hatte er bereits hinter sich gelassen, und nun näherte er sich einem Waldstück, das nicht sonderlich lang, dafür aber umso finsterer wirkte. Die Sonne war bereits im Begriff, unterzugehen, und so sputete sich Mettmann, der vorhatte, unten, am Fuße des Berges zu dem Taxistand zu gehen, und mit einem solchen Gefährt zu seiner alten Wohnung zurückzufahren. Denn wo sonst sollte er den Nine-Inch-Nail antreffen?
Vielleicht war Grambusch aber auch nur verrückt. Ein alter, seniler Kauz, der ihm einen Bären aufgebunden hatte. Doch warum glaubte ihm Mettmann dann? Wurde er selbst bereits wahnsinnig?
Nein, unmöglich. Es war eindeutig nur die Tatsache, dass diese seltsamen Insekten in seiner Wohnung waren. Der Kammerjäger hatte sie immerhin auch gesehen. Sie waren also wirklich da gewesen. Diesen Nine-Inch-Nail jedoch, hatte er bislang nur in seinen Träumen gesehen. Auf der anderen Seite konnte man sich so eine Geschichte doch auch unmöglich ausdenken.
Die Bäume, die nun links und rechts des gepflasterten Weges wuchsen, warfen ihre langen Schatten auf ihn.
Mettmann hielt inne. Dort vorne bewegte sich etwas. Er sah es deutlich, konnte die schemenhafte Bewegung im Zwielicht ausmachen, jenem Dämmerlicht, das herrschte, kurz bevor die Dunkelheit der Nacht hereinbrach. Mettmann wusste, dass dies die Schatten der Bäume waren, genauso, wie er wusste, dass es keine Monster gab. Doch warum ereilte ihn ein solch düsteres Gefühl der Beklemmung, als sich die Schatten plötzlich bewegten?
Vorsichtig ging Mettmann weiter, die Axt erhoben, in beiden Händen haltend, und jederzeit bereit, zuzuschlagen. Gleichzeitig schalt er sich einen Narren. Schon sah er die Schlagzeilen der morgigen Ausgabe des Tagblatts: Grausamer Axtmörder geht um, Leichenfund am Burgberg – Warum musste eine Mutter ihr Leben lassen? Der Schlächter von Sagunth. ... und so weiter. Zitternd vor Angst ließ er die Axt wieder sinken. Am liebsten hätte er sie weggeworfen.
Endlich ließ er das Dunkel der sich im seichten Wind wiegenden Bäume hinter sich. Nun waren es nur noch wenige hundert Meter, bis die Straße eine Biegung machte, und er den Taxistand sehen würde.
Die Axt wieder auf die Schulter gelehnt, ging Mettmann weiter. Er begann vor sich hin zu pfeifen, um die Angst zu überspielen. Dann hörte er es kichern.
Es war ganz nah, und doch war niemand da, als er sich umdrehte, die Axt schwungvoll herumriss, um einem hölzern aussehenden Wesen die Nägel abzuschlagen.
Nichts. Auch das Kichern war verstummt.
„Wenn du da bist“, rief er, „dann zeig dich!“
Achtsam lauschte er in die Finsternis der Baumgruppe, die bereits hinter ihm lag. Doch nur der Wind rauschte durch die Blätter, und eigentlich war nicht mal das Rauschen zu hören. Nur wenn man sich genau den Geräuschen hingab, drangen diese an das Ohr.
„Einbildung“, sagte sich Mettmann. „Nichts als Einbildung.“ Er drehte sich um, und ging weiter, den Weg entlang.
„Ach wirklich, ist das so?“, sagte da plötzlich eine Stimme.
Mettmann stand still. Nur wenige Schritte war er gekommen.
Vor ihm stand der Nine-Inch-Nail. Eigentlich kauerte er nur am Boden, und funkelte Mettmann hinterlistig dreinblickend und voller Boshaftigkeit an.
„Was willst du!“, schrie Mettmann, die Axt wieder in beiden Händen haltend.
Das grausame Kichern kitzelte in seinen Ohren.
„Deinen Verstand will ich kosten“, antwortet der Nine-Inch-Nail.
Dann sprang er.
Mettmann wurde zu Boden geworfen, verlor die Axt, und das benagelte Wesen saß auf ihm, ohne dass sich Mettmann hätte rühren können.
„Deinen Verstand, deinen Verstand, deinen Verstand“, kreischte das Wesen, und hüpfte auf Mettmanns Brust auf und ab. Dann lachte es, und ward verschwunden.
Mettmann rappelte sich schneller wieder auf, als er es für möglich gehalten hätte.
„Wo bist du?“, schrie er. „Wo?“
Doch nichts rührte sich.
Er ging zurück, in das dunkle Stück des Weges hinein, wo er seine Axt wiederfand. Er hob sie auf, und brüllte aus Leibeskräften ein erneutes „Wo?“, doch befand es der Nine-Inch-Nail nicht für nötig, sich zu zeigen.
Enttäuscht, und am ganzen Leibe vor Angst schlotternd, ging Mettmann weiter. Seinen Verstand hatte er noch nicht verloren, soviel stand fest. Angst brauchte er eigentlich auch keine haben, denn der Nine-Inch-Nail hatte offenbar nicht vor, ihn zu töten. Würde er Mettmann umbringen, so wäre die Möglichkeit seinen Verstand zu bekommen äußerst schwierig. Und dennoch hatte Mettmann eine Heidenangst.
Endlich trat er wieder auf beleuchtete Straßen. Am Taxistand warteten vier Taxen auf Kundschaft, und er beeilte sich, eines davon zu erreichen.
Er öffnete die Beifahrertür und stieg ein.
„Na wo wollen Sie denn hin, mit Ihrer Axt?“, scherzte der Taxifahrer.
„Nach Hause,“ murmelte Mettmann, „nach Hause.“

Szenentrenner


Nine-Inch
Nachdem er den Taxifahrer bezahlt hatte, und ausgestiegen war, war es Mettmanns sehnlichster Wunsch, sich zu betrinken.
Liebend gern hätte er den Abend begossen. Er wünschte sich, das alles vorbei und die Wohnung erfolgreich übergeben wäre, und er fortan seine Ruhe haben würde, doch der Endkampf sollte ja erst noch bevorstehen.
Seltsamerweise war Mettmann gar nicht nervös. Er schloss die Tür hinter sich, lehnte die Axt an die Wand, und machte Licht.
Sofort wünschte er sich, Letzteres nicht getan zu haben. Wo er nur hinsah, erblickte er die schauderhaften Insekten, die so unwirklich und nicht von dieser Welt auf ihn wirkten. Die Brut des Nine-Inch-Nails hatte sich auf die gesamte Wohnung ausgebreitet. Eine geflügelte Schlange flog auf ihn zu, und surrte dabei eine teuflische Melodie. In letzter Sekunde konnte Mettmann ihr ausweichen, so dass das Tier gegen die Tür klatschte.
Dies nicht beachtend, griff er sich die Axt, und bahnte sich durch den Insektenhort vorwärts. Deutlich konnte er über all dem furchtbaren Gebrumme und grausamen Gezirpe das Kichern des Nine-Inch-Nails hören.
Das Summen und Zirpen, Zwitschern und Schilpen, wandelte sich zu einem dumpfen Gefiedel, ein Raunen fern und nah zugleich, das so abscheulich anmutete, dass Mettmann am liebsten flüchten wollte. Doch ihm blieb keine Wahl. Er musste etwas gegen dieses Biest aus seinen Träumen unternehmen. Wie dabei die Insekten verschwinden sollten, blieb ihm jedoch ein Rätsel.
Mit aller Wucht, benutzte er die Axt als Sense, schlug eine Kerbe in die geflügelte Schar, doch aufgrund der Masse blieb dieser erste, bescheidene Versuch, die Insekten zu vernichten, so sinnlos, wie das Mähen eines Fußballfeldes mit einer Nagelschere. Schon hatten sich diverse Flugtiere auf seinem Körper niedergelassen. Irgendetwas piekste ihn in den Oberarm, doch Mettmann kam gar nicht dazu, die Kerfe abzuschütteln, da ein Schwall der befußten Kerbtiere nun seine Beine als Klettergerüst erprobten.
Er beschloss, die boshaften Urinsekten einfach zu ignorieren, und stapfte mit seinen Füßen durch die Brut hindurch.
Der Nine-Inch-Nail klebte dort, wo all das Grauen seinen Anfang genommen hatte: An der Decke seines Traums. Eigentlich sah es nur so aus, als würde er kleben. Vielmehr vermochte sich das Wesen mit seinen Nägeln, die ihm seinen Namen verliehen, selbst an jede beliebige Fläche zu nageln, wobei es ihm keine Schwierigkeit bereitete, sich jederzeit wieder davon zu lösen. Dies tat er nun, hämmerte seine nagelbesetzten Klauen in die Decke, was eine löchrige Spur hinterließ, aus der Putz bröckelte.
Dann hatte er Mettmann erreicht. Er befand sich nun genau über ihm.
Mettmann starrte nach oben an die Decke, und wischte kurz einige der Insekten von seinem Gesicht.
Der Nine-Inch-Nail lachte dreckig. Seine Nagelzähne klapperten dabei unaufhörlich aufeinander.
Du musst ihm einen Nagel abschlagen, und ihn damit pfählen.
Insekten haben bekanntlich kein sonderlich großes Eigengewicht, aber die Masse der unwirklichen Tiere, die sich auf seiner Axt niedergelassen hatten, ließ die Waffe merklich schwerer erscheinen. Mettmann schüttelte einen Großteil der Insekten von dem Werkzeug, hob es über seinen Kopf, und versuchte einen Hieb gegen den Nine-Inch-Nail zu landen. Dieser hämmerte sich jedoch flach gegen die Wand, und Mettmann verfehlte ihn um etwa zehn Zentimeter. Die Fliehkraft des Axthiebs ließ Mettmann herumwirbeln, und er taumelte durch die aufstiebenden Insekten.
„Was hast du vor, du Wurm“, kreischte der Nine-Inch-Nail mit quiekendem Kichern.
Mettmann sagte nichts. Zu sehr war er damit beschäftigt, sein Gleichgewicht wiederzufinden. Fluchend drehte er sich mit der Axt am Boden um seine eigene Achse, und schleuderte mehrere hundert Gliedertiere von sich. Einige flogen klatschend gegen die frischgestrichene Wand, und blieben dort als feuchter schmieriger Batzen kleben, wie Fliegen an der Windschutzschreibe eines Autos.
Mit knirschendem Geräusch löste sich das Wesen seiner Träume von der Decke und ließ sich auf den Boden fallen. Ein flatterndes Tier wie ein Schmetterling, nur mit klebrig erscheinenden, ledergleichen Flügeln setzte sich auf die knochige Nase des Nine-Inch-Nails.
Wieder holte Mettmann aus, zielte genau auf diesen Schmetterling, und schlug zu. Mit einem gewaltigen Satz war der Nine-Inch-Nail aufgesprungen und hatte seine Klauen und Untersätze in die Wand hinter Mettmann getrieben. Doch seine Nase fehlte.
„Wo ist dein hässlicher Zinken geblieben, häh?“, spottete Mettmann.
Die Alptraumspezies grinste nur mit seinen schiefen Zähnen. Mettmanns Nackenhaare standen aufrecht, als er zusah, wie sich ein neuartiger, knorpelgleicher Auswuchs auf der Fratze des Nine-Inch-Nails bildete. Mit knirschendem Geräusch wuchs die neue Nase und war fertig, bevor Mettmann ein drittes Mal zuschlagen konnte.
„Du hast sie mir abgeschlagen. Na und?“, höhnte das Wesen. „Was soll dir meine alte von Nutzen sein?“
Mettmann begann den Boden abzusuchen. Die alte musste sich irgendwo unter den Insekten befinden. Selbst von Insekten belagert, ließ er die Axt fallen, und tastete mit seinen blanken Fingern durch den übersäten Fußboden. Seine Hände versanken völlig in der wimmelnden Brut. Manche bissen, andere stachen ihm in die Finger, doch mit zusammengebissenen Zähnen forschte Mettmann weiter. Der Nine-Inch-Nail gab stattdessen ironische Hilfeleistung: „Warm, wärmer ... kälter ... haha, nein, gaaanz kalt ... hoho ...“
Endlich spürte er das hölzerne Ding auf, und zog es heraus. Der schwarze Schmetterling war von seiner Axt gespalten worden, und steckte nun in einer Kerbe, welche die Axt auf der alten Nase des Nine-Inch-Nails hinterlassen hatte.
Zitternd vor Aufregung darüber, dass er den ersten Schritt zum Ende des Kampfes erreicht hatte, kniete Mettmann in dem Hort der Insekten und starrte auf die neun Inch lange Nase. Ein knorpeliger Nagel aus Holz, auf wundersame Weise spitz zulaufend, und dort, wo er ihn vom Körper des Wesens abgetrennt hatte, eine breite Schlagfläche aufweisend.
Er fuhr zusammen, als der Nine-Inch-Nail ihm von hinten auf die Schulter tippte. Das Wesen hatte sich über ihn gebeugt, und starrte nun, nur wenige Zentimeter von Mettmanns Gesicht entfernt, in seine Augen. Sein stechender Blick zeugte von der Bereitschaft, Mettmanns Verstand durcheinanderzubringen.
„Da hast du nun diesen dämlichen Nagel, und bringen tut er dir doch nichts“, kreischte das Biest.
„Wieso?“
Wieder lachte es und sagte, dass Mettmann falsch informiert sein müsse, während er einen Freudentanz aufführte, wobei er sich im Kreis drehte, und die nagelbesetzten Klauen gegeneinanderklatschte.
„Was soll das heißen, ich sei falsch informiert. Sprich, du Monster!“ Mettmann hatte sich wieder hochgerappelt, und funkelte den Nine-Inch-Nail böse an.
„Es wird für dich kein Ende geben.“ Die Kreatur kicherte.
„Ich werde dich damit pfählen, und dann wird dieser Alptraum vorbei sein.“
„Nein, nein, mein Freund.“ Der Nine-Inch-Nail schüttelte bedauernd den Kopf. „Du musst dich selbst pfählen. Nur so kannst du deinem eigenen Wahnsinn entkommen.“
„Quatsch! Das ist fulminanter Blödsinn!“, kreischte Mettmann nur, der völlig außer sich vor Wut geriet.
„Kein Quatsch“, brüllte der Nine-Inch-Nail zurück, und sprang wieder an die Decke. „Hast du denn noch nicht begriffen, dass Grambusch dich belogen hat?“
„Wieso sollte er das tun?“
„Wieso?“ Kichern. „Nun, er hat mich erschaffen.“ Dann wurde seine Stimme tief und grollend, während er wieder zurück auf den Boden sprang, und auf Mettmann zukam, während er seine Klauen hob, genau so wie es Mettmann in seinem Traum erlebt hatte: „Nicht geboren; geschnitzt, und von dir herbeigeträumt!“
Mettmann stach zu. Mit vor sich gehaltenem Nagel rannte er auf den Nine-Inch-Nail zu, und rammte ihm seine alte Nase direkt in die von krankhaften Auswüchsen versehene Brust, in der Hoffnung, irgendein Herz oder ähnliches lebenswichtiges Organ des Alps zu treffen.
Der Nine-Inch-Nail lachte brüllend, so dass Mettmann glaubte, seine Trommelfelle würden platzen. Der Nagel steckte tief im Korpus des Wesens. Die Axt als Hammer benutzend, trieb er diesen noch tiefer in die Kreatur hinein, was dazu führte, dass sich das dröhnende Lachen des Dings in ein lärmendes Kreischen wandelte. Mettmann hob die Axt über seinen Kopf, und schlug so heftig zu, dass sich die Schneide des Beils tief in den Schädel des Nine-Inch-Nails hackte, woraufhin dieser gespalten auseinander
klaffte, und die beiden Hälften donnernd zu Boden gingen.
Dann lösten sich beide Teile bar jeder Vernunft in Luft auf, und alles was blieb war der Nagel, mit dem er das Wesen zur Strecke gebracht hatte. Der Nagel, und die Brut der widerlichen Kreatur. Mettmann sank in den wimmelnden Hort hinab, spürte das Kribbeln unter seinem Hintern, das sich langsam über seinen gesamten Körper ausbreitete, hielt den Nagel in der Hand und begann zu lachen. Er lachte so lange, bis die Tränen flossen. Und als diese versiegt waren, spürte er seine Erschöpfung nahen. Eine bleierne Müdigkeit, die sich über all seine Glieder legte.

Szenentrenner


... and a nail
Schmerzen weckten ihn auf. Überall stach und zwickte es. Es juckte und brannte, biss und kratzte, schabte und ... Mettmann schrie.
Die insektengleiche Ausgeburt des Nine-Inch-Nails war, entgegen seiner Hoffnung nicht verschwunden, sondern hatte sich vermehrt. Bis auf Brusthöhe saß er in der wimmelnden Masse, aus der Fühler und Glieder, Flügel und kleine Beine, Stachel und Köpfe herauslugten.
Wenn du jetzt wahnsinnig wirst, hat er doch noch gewonnen. Posthum.
Mettmann schüttelte den Kopf, damit die Insekten, die sein Gesicht bedeckten, von ihm abfielen. Das ganze Zimmer war mit ihnen erfüllt. An Wänden und Decken klebte die geflügelten Tiere, umgeben von zahllosen Würmern und Larven.
Schwitzend versuchte er aufzustehen, und das Gewühl zu verlassen. Es war ein ungewöhnlicher Kraftakt, den er zu bewältigen hatte, und als er endlich aufrecht stand, bemerkte er, dass er zitterte, und kaum stehen konnte. Nur die Masse der Insektenschar hielt ihn auf den Beinen, verhinderte, dass er fiel, da die Fülle so kompensiert war, dass sie ihn stütze. Mettmann blickte an sich herab, und erkannte nun auch den Grund für sein Zittern: Die Insekten hatten damit begonnen, ihn aufzufressen. Seine Kleidung hing ihm nur noch in wenigen Fetzen vom Körper, und darunter tat es seine kaum noch vorhandene Haut der Kleidung gleich. Sein Leib war eine einzige, offene Wunde. Ungläubig besah er sich sein rohes Fleisch. Eine wabernde, und pulsierende Muskelmasse, aus der Larven schlüpften, da die Insekten ihre Eier in ihn abgelegt hatten. Dies war auch der Grund für ihre unaufhaltsame Vermehrung.
Mettmann schrie erneut. Er schrie so lange, bis seine Stimmbänder rau waren, und keinen Ton mehr hergaben. Heiser hustete er, und spuckte einen Käfer aus, der sich durch seinen Körper bis hinauf in seinen Rachen gefressen hatte.
Seine zitternden Hände, an denen er an manchen Stellen bereits seine Knochen durchschimmern sehen konnte, hielten immer noch den Nagel.
Du musst dich selbst pfählen. Nur so kannst du dem Wahnsinn entkommen.
Die Erkenntnis wurde ihm gewiss, und mit schrecklicher Qual, da jede seiner Bewegungen schmerzende Pein durch seinen Körper jagte, richtete Mettmann den Nagel gegen sich selbst.
„Ich träume immer noch“, murmelte er erschöpft. „Ich träume, und wenn ich es nicht tue, werde ich nie erwachen.“
Dann stach er zu, kippte vornüber und fiel in die Schwärze seines Traums zurück.

15. Aug. 2011 - Tobias Bachmann

Bereits veröffentlicht in:

NOVALIS' TRAUM
T. Bachmann
Roman - Phantastik - Atlantis Verlag - Sep. 2006

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