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Der Bibliothekar
von Ramón Scapari

Diese Kurzgeschichte ist Teil der Kolumne:

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A. Bionda
46 Beiträge / 46 Interviews / 102 Kurzgeschichten / 2 Artikel / 136 Galerie-Bilder vorhanden
Gino Caspari Gino Caspari
© http://www.literra.info/kuenstler/kuenstler.php...
Zögernd übertrat ich damals die ausgetretene Schwelle aus Eichenholz und hinterließ einen ersten Fußabdruck in der dicken Staubschicht, die sich im Verlauf einiger Dekaden hier angesammelt hatte. Eine kleine Wolke wirbelte auf, spielte im warmen Abendlicht, das durch die getrübten, Spinnweben verhangenen Scheiben drang. Tausende Stäubchen tanzten auf und ab, umkreisten einander auf spiralförmigen Bahnen, Schwerelosigkeit vortäuschend. Das Brett, auf das ich meinen Fuß doch so vorsichtig, ja fast ehrfurchtsvoll gesetzt hatte, knarrte. Der Raum hatte meine Ankunft bemerkt. Ich trat vollends ein und schloss die schwere Tür hinter mir. Eine trockene Stille umfing mich, als die Geräusche aus dem Hof mit dem dumpfen Klang der ins Schloss fallenden Pforte erstarben. Ich blickte hinauf in das Kreuzrippengewölbe, ließ meinen Blick über die filigranen Steinmetzarbeiten der Maßwerkfenster schweifen, Fischblasenmuster und Rosetten aus Sandstein gehauen. Ein hellerer Lichtstrahl fiel durch ein zerbrochenes Fenster im Obergaden hinab auf das Labyrinth von Vitrinen, Tischen und Gestellen, das vor mir lag. Das Halbdunkel, das weiter entfernte Gänge und Windungen zwischen den bis zum Bersten mit Büchern und Manuskripten gefüllten Regalen vor meinem Blick verbarg, vermittelte mir zusehends den Eindruck einer unendlichen Weite dieser Halle. Ein Schaudern überlief mich angesichts der verborgenen Welt des Wissens, die nunmehr nur einen Schritt entfernt war. Ich brauchte nur eines dieser Bündel von Pergamentseiten zu ergreifen, vorsichtig aus dem Verband der angrenzenden Manuskripte herauszulösen und das erste Folium hinter dem ledernen Einband enthüllen und schon böten sich mir die Geheimnisse dieser Schriften dar. Die Seiten schienen zu wispern, sich danach zu sehnen von einem menschlichen Auge erkundet, von lebendigen Fingern gewendet zu werden.
Armselig sind die, die mein Gefühl der Verzückung, ja vielleicht gar – ich verwende den Ausdruck ungern – der Religiosität in dem Moment nicht verspürt hätten, in dem ich zwischen die Regale trat, meine Hand auf die Buchrücken legte und langsam an ihnen vorbeischlendernd die rauen Einbände über meine Fingerkuppen streifen ließ. Doch nicht nur Bücher und Handschriften lagerten hier. Über Jahre hinweg mussten namenlose Sammler zusammengetragen, angehäuft haben, was in den Augen eines Unverständigen nicht mehr als ein Kuriositätenkabinett sein kann. In diesem Saal des Wissens trafen sich Metaphysik und Wissenschaft; hier wurde durch das Sammelsurium all der Artefakte, die scheinbar wahllos zusammengewürfelt sich gegenüberstanden, zu einer Einheit, die diese artifizielle Grenze zwischen unterschiedlichen Formen der Erkenntnis verblassen ließ. Hier war es möglich, dass eine messinggelb schimmernde Amillarsphäre auf astrologischen Aufzeichnungen stand, dass eine säuberlich mit schwarzem Samt ausgekleidete Vitrine, in der unzählige Schmetterlinge, deren Flügel noch vor kurzem so leicht und opalisierend geflattert zu haben schienen, aufgespießt waren neben einem taxonomisch verbrämten Kompendium der Fabeltiere zu liegen kam. Ich ging weiter ins Gewirr der von Bücherstapeln, ethnologischen Kleinodien, biologischen Seltsamkeiten und mechanischen Apparaten belebten Regale hinein. Ich wollte wissen, wollte lesen, wollte all die gelehrten Dinge aus den Manuskripten in mich aufnehmen. Ich war bereit; ein Schwamm, der selbst noch mit der trockensten Lektüre an Volumen gewann.
Ich durchstreifte die Gänge. Betrachtete mit Bewunderung die Kreaturen, die ein Einfallsreicher mit grosser Kunstfertigkeit aus den Teilen unterschiedlichster Tiere zusammengenäht, geklebt hatte, um sie sodann dem Sammler für teures Geld zu verkaufen. Da waren Fische mit den Schnäbeln von Vögeln in einem grotesken Fall hatte man gar den Schädel eines Dodos mit dem Körper eines Perlrochens kombiniert und die Naht geschickt unter der Haut verborgen. Andernorts dümpelte ein geschrumpelter, nackter Lemur in einem Glas, das noch einen kümmerlichen Rest an Formalin enthielt. Dem vergilbten Zettel mit der Aufschrift Indonesischer Zwerg mochte man entnehmen, dass dieses Objekt für den ethnologischen Schreibtischtäter von ganz besonderer Bedeutung bei der Erforschung einer kleinwüchsigen, humanoiden Spezies war. Hinter einem zerschlissenen Vorhang aus feinem damaszener Brokat entdeckte ich eine Akkumulation von Mineralien. Bergkristalle und Quarze, Pyrit, Jade und Apophyllit; ein schimmerndes Gestein neben dem anderen. Doch vor allem gab es Bücher: Bücher über exotische Pflanzen und Geschöpfe, theoretische Traktate, philosophische Schriften, Bücher zu Physik und Biologie, zu Anatomie, Medizin, Astronomie und Technik aber auch Codices theologischer Natur und Handschriften mit alchemistischem Inhalt. Ich blätterte in einem Bündel lose zusammengebundener Folio und erkannte es sogleich als Büchlein der Fialen Gerechtigkeit, das zu meinem Erstaunen durch zusätzliche Blätter ergänzt worden war. Auf einem anderen Stapel entdeckte ich eine Abschrift des Papyrus Ebers, und gleich darauf hielt ich einen Teil der ptolemäischen Weltkarte in Händen. Ich verlor mich in den Raritäten und unbekannten Preziosen. Vor einem schmiedeeisernen Gitter, das mir den Weg zur nächsten Abteilung versperrte, hielt ich inne und blickte zurück. Ich betrachtete lange die Spuren meiner Schuhe im Staub. Die Sonne war, nach dem Licht zu urteilen, bereits hinter dem Horizont verschwunden. Der aufgewirbelte Staub verschleierte, trübte meinen Blick. Es wurde Zeit für mich zu gehen.
Vielleicht war es das Flüstern der Bücher, vielleicht nur ein plötzlicher Einfall, der mich dazu drängte, mich nochmals umzuwenden und das Gitter zu betrachten. Neben den floralen Mustern aus hartem Metall waren links und rechts der Klinke kleine Masken angebracht. Interessante Darstellungen des menschlichen Gesichts mit großen Augen und aufgerissenen Mündern, als entführe ihnen ein ewiger, lautloser Schrei. Ich drückte die rankenverzierte Klinke nach unten und war verwundert, als kein Geräusch erklang, kein Reiben von Rost auf Metall, kein Quietschen. Etwas Feuchtes tropfte mir in den Nacken. Ich berührte reflexartig die Stelle wo ich den Tropfen zu spüren vermeint hatte. An meinen Fingern haftete eine schmierige, schwarze Flüssigkeit. Öl, dachte ich und sah im selben Moment, wie ein Tropfen schwarzer Flüssigkeit von den Scharnieren des Gitters herabfiel und auf meinem linken Schuh auftraf. Ich stand auf, öffnete geräuschlos die schwere Tür und betrat den Gang hinter der eisernen Grenze.

Seit dieser Zeit bin ich allein mit all dem Wissen. Ich lese und lese, manchmal schreibe ich einen Fetzen der Erinnerung auf, die mir nunmehr wie die Zeilen aus einem der vielen vergilbten Manuskripte vorkommen. Wenn ich schreibe, dann stets nur in kleinsten Buchstaben auf die Ränder der Buchseiten. Wie glücklich ich war als ich einmal eine unbeschriebene Rückseite entdeckte und sie mit den Eindrücken füllen konnte, die von meinem früheren Selbst zurückgeblieben sind, kann keiner nachvollziehen, der sich nicht in meinem Zustand der Stagnation befindet. Ich fülle die Bibliothek mit meinen Gedanken, aber niemals würde ich mir zugestehen, ein beschriebenes Pergament abzuschaben um mit meinen Ideen die eines andern auszulöschen. Was zu Beginn meines Lebens mir erstrebenswert schien – nämlich zu wissen und Wissen zu horten – erweist sich nun als Fessel meines Geistes. Je mehr ich las desto enger, kleinräumiger wurde der Fokus meines Denkens. Ich las, nicht um zu denken sondern um des Reizes willen, der meine geistige Vitalität vermeintlich erhielt. Jedoch, ich merkte nicht wie ich abhängig wurde von der stetigen Stimulation durch Seiten, Zeilen und Zeichen. Die in zerfallende Stoffe gehüllte peruanische Mumie zwischen den Bergen alter Bücher starrt mich aus leeren Augen an. Sie ist mein Gegenüber in Stunden des gelehrten Monologes. Solange ich Einsamkeit zu empfinden vermag – sei es auch nur das unscheinbarste Anzeichen des Gefühls – bin ich zumindest dieser seelenlosen Hülle überlegen, auch wenn ich meinen stillen Zuhörer oft um seine stoische Haltung beneidet habe. Der Funke meines Geistes glimmt nur noch schwach, flackert noch seltener urplötzlich von der Zeile eines Gedichtes gereizt kurz auf. In solchen Momenten vermag ich einige Zeilen niederzuschreiben. Ich habe aufgehört zu denken, ich rezipiere nur noch. Ich kenne die Bibliothek und all ihre Winkel und kann mich doch nicht aufraffen, sie zu verlassen; das Flüstern der Bücher hält mich zurück. Ich schlafe nicht mehr, ich lese, befriedige den Drang, von dem ich weiß, dass er mich tiefer ins Verderben führt. Ich verarbeite die Gedanken anderer, frei von Entscheidung oder gar Kreativität. Ich erwache nur aus diesem hypnotischen Zustand, wenn es Zeit wird, die Scharniere des eisernen Gitters zu ölen. Ich warte bis eines Tages vielleicht, sachte und ehrfurchtsvoll, erneut jemand die eichene Schwelle übertritt, sich der Staub erhebt, emporsteigt und sich die Ankunft eines neuen Bibliothekars ankündigt.

24. Jul. 2011 - Ramón Scapari

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