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Der graue Drache
von Tanja Bern

Diese Kurzgeschichte ist Teil der Kolumne:

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A. Bionda
46 Beiträge / 46 Interviews / 102 Kurzgeschichten / 2 Artikel / 136 Galerie-Bilder vorhanden
SKY SKY
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Wind fegte über die Ebene und die Dämmerung brach herein. Luc schaute ins Tal und sah entfernte Lichter. Er streifte die Kapuze ab. Wölfe heulten in den Wäldern – viel zu nah. Hinter ihm lag die Stadt Recklinghausen, die der Mittelpunkt im ganzen Vest war. Luc huschte ein bitteres Lächeln über die Lippen. Er war ihnen davongekommen. Nachdenklich fuhr er sich durch das dunkle Haar, befühlte seine Ohren, die eine andere Form, als die der meisten hatten. Er musste dieses Detail verdecken, sonst würde man ihn wieder einen Teufel nennen.
„Ob es dort einen Platz zum Schlafen gibt?“, murmelte er und sah auf die Häuser unter ihm, deren Umrisse man in dem Halbdunkel sehen konnte. Luc lief den Hügel hinunter.
Die Wölfe, die er am Waldrand sah, näherten sich. Normalerweise verhielten sich Tiere ihm gegenüber respektvoll. Aber in diesen Tagen war es kalt und es gab wenig zu essen. Er wollte das Rudel ungern schwächen – denn das würde er bei einem Kampf – darum hielt er Abstand von ihnen und ging mit weiten Schritten auf die Bauernschaft Hochlar zu. Ohne Eile band er sich ein verschlissenes Stirnband um, das seine Ohren verdeckte. Luc ging durch die kleine Ortschaft und steuerte ein Gasthaus an. Bedacht öffnete er die Tür und schaute in den Raum hinein. Manche Menschen mochten keine Fremden, er musste vorsichtig sein.
„Nur herein, mein guter Herr!“, brüllte der Wirt ihm zu und Luc ließ sich nicht lange bitten.
„Habt ihr ein Zimmer und Essen? Ich kann auch bezahlen.“
Der Wirt war beleibt und sein feines Haar hing ihm in feuchten Strähnen über die Stirn. Er lachte mit rauer Stimme, sodass sein Schnäuzer zitterte. „Solange du bezahlen kannst, habe ich alles, was du willst.“
Luc lächelte leicht. Die anderen Gäste beäugten ihn neugierig.
„Setz dich zu uns!“, rief ein älterer Mann.
Luc gesellte sich zu ihnen an einen großen Holztisch und grüßte verhalten.
Der Wirt brachte einen Eintopf, Bier und eine Portion Brot. „Bist du auf der Durchreise?“, fragte er.
„Ja, ich suche einen Platz, wo ich den Winter verbringen kann.“
Der Wirt nickte verstehend. Luc aß ohne Hast und horchte auf die Gespräche der anderen.
„Ich sag dir, er hat ihn verschlungen, mit Haut und Haar!“, sagte ein Mann mit wirrem Haar. „Nicht mal seine Seele hat er übrig gelassen.“
„Ihr habt wieder keine Leiche gefunden?“, mischte sich der Wirt ein.
„Nichts“, antwortete er. „Das Vieh hat ihn in seine Höhle gezerrt.“
„Mein Gott!“
Luc wurde hellhörig. Er wandte sich ihnen zu, vergaß für den Moment seinen Eintopf. „Was ist das für ein Vieh?“, wollte er wissen.
Die anderen Gäste tauschten fragende Blicke aus und nickten sich dann zu.
„Dort, im Tal der Blitzkuhle, ist ein Drache!“, erzählte der Wirt mit düsterer Stimme.
„Und er frisst jeden, der zu nah an sein Revier kommt“, warf der ein, der rechts von Luc saß.
Der junge Mann blickte sie skeptisch an. „Es gibt keine Drachen mehr“, gab er zu bedenken.
„Sag das dem, der unsern Wilhelm gefressen hat!“
„Heinrich hat es vor zwei Monaten erwischt.“
„Und denkt an die Liesl! Sie kam nie vom Brombeerenpflücken zurück.“
Luc erkannte den Ernst der Lage. Sicher war dort kein Drache. Aber wer meuchelte hier die Menschen?
„Hat ihn einer von euch gesehen?“
„Der alte Josef! Grau soll er sein und groß!“
Luc witterte eine Chance. Wenn jemand ein Untier besiegen oder fortjagen könnte, dann er! Seine Herkunft ermöglichte ihm Vieles, was für die anderen undenkbar war.
„Was bekomme ich, wenn ich den Drachen beseitige?“
„Glaubst du, wir hätten es nicht versucht?“, blaffte ein dürrer Mann, dessen Gesicht von Falten durchzogen war. „Wir sind zwar nur einfache Bauern – dumm sind wir nicht! Entweder du kehrst nicht zurück, oder das Vieh ist unauffindbar! Ich selbst habe nur Knochen in einer Höhle gefunden.“
„Glaubt mir. Ich finde den Drachen und ich kann ihn auch töten.“
„Und was glaubst du, soll an dir so besonders sein?“
Lucs Herz klopfte unangenehm schnell in seiner Brust, als er entschlossen das Stirnband abnahm. Er tat es ungern, aber sein Geldvorrat war fast erschöpft. „Ich bin kein Mensch“, sagte er dann mit einem Seufzen.
Die Männer wichen zurück.
„Er gehört zu den Alben!“, rief einer.
„Ein Teufel!“, zischte ein anderer.
Der Wirt fiel vor Schreck beinahe vom Stuhl. „Und ich habe dich hereingebeten!“
Luc hob beschwichtigend die Hände. „Ich werde euch nichts tun. Beruhigt euch! Würdet ihr mich bezahlen, vernichte ich für euch den Drachen.“
Die Bauern starrten auf Lucs spitz geformte Ohren, auf sein glänzendes schwarzes Haar.
„Warum bist du hier?! Wo ist dein Stamm?“
„Mein Volk ist zerstreut in den Wäldern. Es gibt nicht mehr viele von uns.“ Luc sah sie der Reihe nach an und dachte, dafür habt ihr Menschen gesorgt.
„Was willst du? Eine Frau? Ein Kind?“
Luc sah den Mann erstaunt an. „Nein, ich möchte Geld und für heute Nacht eine Unterkunft.“
„Wie viel Geld?“
„Was könnt ihr erübrigen? Ich will euch nicht ausbeuten, aber ich muss über den Winter kommen.“
„Du wirst doch nicht hierbleiben?“
Luc schüttelte den Kopf. „Jetzt, wo ihr wisst, was ich bin? Nein.“
Die Männer beäugten sich. „Wir müssen das dem Dorfrat vortragen.“
„Nein!“, sagte der Wirt entschieden. „Sie werden ihn fortjagen oder töten. Und dann ist der Drache immer noch hier. Außerdem wird Julius mir mein Gasthaus wegnehmen, weil ich dem Teufel Unterschlupf gewährt habe.“
Sie wisperten miteinander. Anschließend hoben sie die Köpfe und blickten Luc geschlossen an. „Wir geben dir hundert Reichstaler. Allerdings brauchen wir ein paar Tage, um das Geld zusammenzutragen. Und du verschwindest danach!“
„In Ordnung.“

Szenentrenner


Als Luc wenig später in das kärgliche Zimmer des Gasthauses ging, hörte er sie flüstern. Sein scharfes Gehör ließ ihn verstehen, was sie sagten: „Sie werden sich gegenseitig töten und wir schlagen zwei Fliegen mit einer Klappe!“ Sie lachten rau und das Bier floss in Strömen.
Luc legte sich allem Gerede zum Trotz schlafen und war schon vor Sonnenaufgang wieder auf. Der Wirt machte ihm missmutig und im Nachthemd ein Frühstück. Dann brach Luc zur Blitzkuhle auf. Die Bauern hatten ihm beschrieben, wie er in den Bereich des Drachen kam.
Tiefer Nebel lag über den Wiesen der kleinen Ortschaft. Achtsam ging Luc über das feuchte Gras. Die Bäume am Waldrand erkannte man nur als Schatten, so dicht war der morgendliche Dunst. Er kämpfte sich durch dichtes Gehölz, als er ein Rascheln hörte. Luc verbarg sich hinter einem Baum und lauschte. Ein Knurren ertönte vor ihm, sehen konnte er nichts. Vorsichtig lief er weiter, die Sinne weit geöffnet.
Plötzlich stand er vor einer Schlucht, in deren Mitte ein fast runder See lag. An den felsigen Hängen konnte man dunkle Vertiefungen erkennen. Es schienen Höhlen zu sein.
Luc machte sich wachsam an den Abstieg der Böschung.
Unerwartet kam der Drache aus seiner Höhle. Luc erschrak so sehr, dass er zurückstolperte und hintenüberfiel. Laut brüllend schoss das Untier auf ihn zu. Luc setzte die Kraft der Alben ein, erhob sich unnatürlich schnell und wich zur Seite aus, brachte sich vorerst in Sicherheit. Verborgen hinter einem Gebüsch beobachtete er das Vieh. Dessen Augen funkelten vor Zorn und es suchte ihn.
Luc war überrascht. Vor ihm stand ein Braunbär. Sein Fell war von der staubigen Höhlengegend grau geworden. Er stellte sich auf die Hinterpfoten und brüllte, sodass Luc erschauerte.
Der junge Mann schüttelte den Kopf. Es gab in diesem Gebiet seit 150 Jahren keine Bären mehr! Entweder war dieses Tier eingewandert oder … Luc stutzte.
Nein, nicht eingewandert, dachte er.
Luc sah Narben an den Gelenken jeder Pfote. Das Fell dort war nie nachgewachsen. Das Tier war gefangen gehalten worden. Ein Tanzbär? Was hatte man ihm angetan, dass er so aggressiv Jagd auf Menschen machte? Luc wollte es sich nicht vorstellen.
Noch immer suchte der Bär die Umgebung ab, näherte sich gefährlich Lucs Versteck.
Luc hätte ihn gerne verschont, aber der Bär würde nicht aufhören zu töten – das spürte er. Auch ein Albe könnte es nicht besänftigen.
„Verzeih mir, mein Freund …“, flüsterte er. Luc sprach mit gesenkter Stimme ein Gebet zu den Geistern der Natur. Helle Wesen scharrten sich um ihn, die kein Mensch wahrnehmen würde. Er trat aus dem Gebüsch.
Der Bär sah ihn und stürzte auf ihn zu. Luc hob die Arme. Wind sammelte sich zwischen seinen Händen und eine starke Böe ließ das Tier taumeln. Es stieß gegen eine Felswand. Steine bröckelten von oben herunter.
Luc sah auf die Wurzeln einer Buche, die in der Nähe der Hinterpfoten des Bären aus dem Erdreich ragten. Er verständigte sich wortlos mit dem Geist des Baumes und sie schlangen sich um seine Tatzen. Das Tier brüllte, schlug um sich, doch die Baumwurzeln hielten ihn fest.
Luc trat auf den Bären zu. Angst flackerte nun in den Augen des großen Tieres.
„Ich wünschte, ich könnte dich verschonen. Aber du bringst Unheil über die ganze Grafschaft.“ Luc zog seinen Dolch.
Der Bär knurrte. Luc wusste, dass er seine gesprochenen Worte nicht verstehen konnte, trotzdem waren viele Tiere in der Lage, Gefühle und Bilder aufzufangen. Er würde wahrscheinlich begreifen, was Luc ihm sagen wollte.
„Ich werde dich töten müssen.“
Das Tier stemmte sich gegen die Wurzeln.
Unerwartet spürte Luc eine Berührung an der Schulter.
„Verschone ihn!“, flüsterte jemand in seine Gedanken.
Luc wandte sich dem Sprecher zu. Ein männliches Wesen stand vor ihm, ein Geweih auf dem Haupt, wie einer der Leithirsche aus den tiefsten Wäldern. Luc erkannte, dass dieses Wesen ein Hüter sein musste – ein König der Naturgeister – er hatte diese Gestalt mit Absicht gewählt.
„Was soll ich tun? Sag es mir.“
Die Naturwesen versammelten sich um den Bären.
„Wir nehmen ihn mit uns. Er muss dies jedoch aus freien Stücken tun.“
Langsam ging der König des Waldes auf den Bären zu. Flüsternde Worte schienen sich in die Seele des Tieres zu schmiegen …
Da brach der Blick des Tieres und es sackte zusammen. Luc schaute verblüfft auf den Bären.
„Er hat seine Entscheidung getroffen“, wisperte der König. „Hebe deinen Blick, Kind der Alben.“
Der Körper lag erschlafft vor ihm, doch als Luc aufsah, stand der Geist des Tieres etwas entfernt von ihm und schaute aus dunklen Augen zu ihm herüber. Sein Fell war weiß geworden.
Ohne ein weiteres Wort verschwanden die Naturwesen und der Bär folgte ihnen. Luc war allein. Er fühlte sich erschöpft. Solch eine Wendung hatte er nicht erwartet. Die Wesen der Natur halfen ihm stets, mischten sich aber nur selten ein. Die Seele des Bären musste wichtig gewesen sein. Er rappelte sich auf und betrachtete das graue Fell des Tieres. Es missfiel dem jungen Mann, den Körper liegen zu lassen. Auch musste er einen Beweis für die Dorfbewohner mitbringen. Er nahm seinen Dolch und schnitt dem Bären die größte Kralle ab.
Er würde die Menschen nicht um den Drachen bringen. Sollte sich Recklinghausen doch erzählen, dass der Teufel einen Drachen erlegt hatte! Bei dem Gedanken lächelte Luc. Er steckte die blutige Kralle ein und legte die Hand auf den Boden, bat die Erdgeister, den Körper zu sich zu nehmen. Ein Grollen ertönte. Luc trat zurück. Die Erde brach auf und verschlang den Drachen.
Mühsam kletterte Luc die Anhöhe hinauf und hoffte, dass die Bauern seine hundert Taler bald beisammen hatten, damit er weiterziehen konnte. Er würde an einen Ort gehen, wo er unerkannt den Winter über bleiben konnte.
Vielleicht würde er irgendwann einen von seinem Volk wiederfinden – sehr viele gab es nicht mehr von den Alben. Luc würde nicht aufhören nach ihnen zu suchen.

27. Aug. 2011 - Tanja Bern

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