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Der See der Nymphen
von Tanja Bern

Diese Kurzgeschichte ist Teil der Kolumne:

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A. Bionda
46 Beiträge / 46 Interviews / 102 Kurzgeschichten / 2 Artikel / 136 Galerie-Bilder vorhanden
Crossvalley Smith Crossvalley Smith
© http://www.crossvalley-design.de
Kara wanderte über den sumpfigen Pfad tief in den Emscher-Bruchwald. Sie bog ins Unterholz und lief zu einer Barriere von Sträuchern. Entschieden schob sie die Zweige zur Seite, zwängte sich hindurch und trat an das Ufer eines Sees. Wasservögel flogen auf und ein Silberreiher erhob sich in die Luft.
Das Mädchen hockte sich auf einen Felsen und genoss die Ruhe.
Am Rand des Gewässers wuchsen niedrige Trauerweiden, in denen der Wind rauschte. Für Kara fühlte sich der Ort immer so an, als würde hier Verborgenes ruhen.
Ein Ruf durchdrang die Stille: „Kara!“
Das Mädchen sah hinter sich. „Ach Tommi …“
Ein schmächtiger Junge kämpfte sich aus dem Gebüsch.
„Was tust du hier, Tom? Du weißt, dass du nicht in den Wald gehen sollst!“
„Du auch nicht“, gab er zurück.
Kara seufzte.
„Warum muss ich dir nachjagen wie ein Fuchs dem Hasen?“
Kara strich ihrem Bruder über das Haar. „Weil große Mädchen eben mal allein sein wollen.“
Tommi verzog das Gesicht und schaute auf den See hinaus. „Du hast mir das verheimlicht“, murrte er.
„Ja, das hab ich“, antwortete sie und zeigte auf die Insel, um ihn abzulenken. „Weißt du, was es mit den Bäumen da hinten auf sich hat?“
Toms Blick folgte ihrer Geste. „Nein.“
Zwei Bäume neigten sich einander zu. Eine Eiche stand am Ufer und wuchs auf den See hinaus, indem sie sich Richtung Insel krümmte. Auf dem Wasser umgebenden Land stand eine Buche, die ihrerseits ihre Zweige zum Ufer hinüberstreckte, als wolle sie den Baum dort berühren. Sie schafften es nicht, ihre Äste zu umschlingen. Efeuranken bildeten eine natürliche Brücke.
Der Junge starrte verwundert auf diesen seltsamen Wuchs. Er sah Kara abwartend an.
„Dann werde ich dir die Geschichte erzählen, Brüderchen.“ Ihre Stimme senkte sich verschwörerisch. „In diesen alten Gewässern lebt ein Neck.“
„Was ist ein Neck?“, fragte Tommi. An seinem Blick erkannte Kara, dass er es mit der Angst zu tun bekam.
„Der Neck ist ein Wasserwesen. Er ist schaurig anzusehen und von großer Gestalt“, sagte sie theatralisch. „Sein Mund ist breit, wie der eines Fisches. Seegras wächst aus seinem Gesicht anstatt eines Bartes.“
Tommis Augen weiteten sich.
„Außerdem hat er einen Eid geschworen! Wenn jemals ein Mädchen unter dieser Baumbrücke hindurchgelangt, gehört sie ihm und muss seine Braut sein. Aber weil Jungfrauen nicht schwimmen können …“
„Du kannst schwimmen!“, sagte Tom erschrocken.
Kara winkte ab. „Ich zähle nicht. Keiner weiß, dass ich das kann. Normale Mädchen von hohem Stand sind gehorsam und schwimmen nicht in solchen Seen. – Also … der Neck hat eine List erfunden. Wenn er eine Möglichkeit wittert, eine Braut zu bekommen, lässt er ein Gondelschiff erscheinen. Steigt das Mädchen ein, wird er es unter die Brücke führen. Dann gehört sie dem Neck!“
Tom zuckte zusammen. „Du wirst doch nicht in eine solche Gondel steigen, oder?“
„Ach, das kommt darauf an, wie der Neck aussieht. Vielleicht ist er ganz hübsch unter seinem Seegrasbart.“
„Ich dachte, er hat ein Fischmaul?“, erwiderte Tom entsetzt.
Kara lachte und strich Tommi über das zerzauste Haar.

Szenentrenner


Teria verbarg sich in den Baumkronen. Fasziniert betrachtete er das Mädchen. Dessen Haar schimmerte wie Gold in der Sonne. Der junge Mann folgte ihr, hangelte sich über Schlingpflanzen, die an den Rinden wuchsen.
Da hallte ein Schrei durch den Wald: „Kara!“
Teria ließsich instinktiv fallen. Fast geräuschlos tauchte er in den See. Das Wasser schmiegte sich an seine Haut. Erst als er am Grund ankam, verharrte er, und stand wie auf festem Boden am schlammigen Grund. Sein dunkles Haar wogte mit der Strömung, als würde es vom Wind bewegt.
Sie hieß also Kara.
Stimmen drangen zu ihm durch. Teria verfolgte Karas Märchen und lächelte belustigt. Seegrasbart und Fischmaul? Ihm wuchs überhaupt kein Bart und sein Mund war nicht größer, als der eines Menschen.
Als er begriff, dass von den beiden keine Gefahrausging, stieß er sich ab, um im Schilf wieder aufzutauchen.
Teria schaute sich um. Das Mädchen saß am Ufer und badete ihre Füße. Wo war ihr Bruder?
„Kara, sieh mal!“, ertönte dessen Stimme unerwartet von oben.
Der Junge war auf die Eiche am Ufer geklettert und bis in die obersten Zweige gekommen. Er versuchte nun, über die Ranken zu dem anderen Baum zu gelangen.
Kara schrie vor Schreck auf. „Tommi, nein! Was tust du denn da?!“
„Ihr denkt alle, ich bin so klein. Das stimmt aber nicht!“, rief der Junge zurück. „Ich werde aufpassen, dass kein Boot …“
„Tom, komm sofort herunter! Das war nur eine Geschichte!“
Tommi schüttelte den Kopf. Das Geäst knackte, ohne Vorwarnung gab es nach. Tom versuchte, sich an den Baum zu klammern, rutschte ab und fiel. Mit einem erstickten Aufschrei verschwand er im See.
„Tommi!“ Kara watete ins Wasser. Ihre Röcke sogen sich voll und wurden so schwer, dass sie kaum vorwärtskam.
Teria reagierte, ohne nachzudenken. Sie würden beide ertrinken! Er schwamm mit langen Zügen auf Kara zu, brach durch die Oberfläche und hielt sie mit einer Handbewegung auf.
Kara stolperte erschrocken zurück.
Teria sprang mit einer fließenden Bewegung in das Gewässer zurück und durchkämmte den See. Wo war das Kind?
Der Graben!, schoss es durch seine Gedanken. Er wusste, dass sich im Wasser unter den Bäumen eine Untiefe befand. Wie ein Fisch glitt er tiefer und tauchte in den Abgrund.
Der Junge versank leblos in der Dunkelheit. Teria bekam ihn zu fassen und zog Tommi ans Ufer. Sachte legte er ihn vor seine Schwester.
Einen Augenblick starrte das Mädchen den jungen Mann sprachlos an. Dann besann sie sich und versuchte verzweifelt ihren Bruder wachzurütteln. Tom blieb bleich und bewegungslos vor ihr liegen.
Teria schob sie zur Seite und presste seine Hände auf die Brust des Jungen. Tommi röchelte und hustete einen Schwall Wasser aus.
Kara griff nach ihrem Bruder und nahm den Kleinen mit einem Schluchzen in ihre Arme.
Teria blickte sie neugierig an. Nie zuvor war er Menschen so nah gewesen. Er begegnete Karas Blick. Ihre Augen strahlten wie ein wolkenloser Sommerhimmel.
„Wer bist du?“, wisperte sie.
Teria schob sich das nasse Haar aus dem Gesicht. Er antwortete nicht, sondern flüchtete mit einem Satz ins Wasser.

Szenentrenner


Fast jeden Nachmittag sah er Kara am Ufer des Sees sitzen. Sie schien nach Teria Ausschau zu halten.
Seine Gefühle verunsicherten ihn – noch verbarg er sich. Erst am fünften Tag kam er aus dem Schilf. Er war dem Wasser ferngeblieben, damit sein Haar nicht wie Algen an seinem Körper klebte. Nun wurde es vom Wind zerzaust und Kara blickte erfreut auf, als er sich ihr zeigte. Sie trat auf ihn zu, aber er wich zurück.
„Fürchtest du dich vor mir?“, fragte sie verwundert.
„Ich fürchte dich nicht“, erwiderte er leise.
„Und warum versteckst du dich?“
„Es ist besser, wenn die Menschen uns nicht sehen.“
„Die Menschen?“ Kara betrachtete ihn genauer. „Du bist keiner von uns, ich dachte es mir schon. Gehörst du zu den alten Wesen?“
„Vielleicht …“
Kara lächelte verschmitzt. „Nun, dein Haar ist schwarz wie Kohle, doch die Farbe der Pflanzen schimmert darinnen. Deine Augen sind …“, sie gluckste leise, „… zu schön. Wenn du jetzt noch eine andere Ohrenform hast …“ Sie knabberte auf ihrer Unterlippe und näherte sich ihm. „Zeig mir deine Ohren.“
„Du bist sehr furchtlos“, sagte er, als er für sie sein Haar zurückstrich.
Kara starrte ihn an. Seine Ohrmuschel war spitz geformt. „Großmutter hat mir von euch erzählt“, flüsterte sie. „Du bist wirklich einer von ihnen.“
„Was hat sie dir erzählt? Das Märchen von dem Neck, der Jungfrauen entführt?“
Kara lachte. „Das hast du gehört? Nein, das war dummes Geschwätz der Bauern.“
Ein Lächeln huschte über Terias Lippen. „Warum hast du keine Angst vor mir?“
„Sollte ich sie denn haben?“
Er schüttelte den Kopf und Kara näherte sich ihm.
„Lebst du im Wasser?“
Teria wand sich. „Oft.“
„Wie atmest du? Oder kannst du so lange die Luft anhalten?“
„Bin ich an der Oberfläche, atme ich wie du. Bin ich im Wasser, atme ich durch meine Kiemen.“
Karas Blick war eine Mischung aus Erstaunen und Neugierde. „Kiemen?“
Wieder hob er sein Haar an und zeigte die feinen Linien hinter seinen Ohren.
Der Ausdruck ihres Gesichtes nahm etwas Spitzbübisches an. „Dann bist du doch der Neck.“
„Ich gehöre zum Volk der Nymphen!“
„Ein Nymph also?“
Sie schaffte es erneut, ihm ein Lächeln zu entlocken.

Szenentrenner


Kara besuchte Teria nahezu täglich. Der Nymph fand immer mehr Gefallen an dem Mädchen. Doch eines Tages sagte sie: „Ich werde nicht mehr zu dir kommen können.“
Teria sah sie erschrocken an. „Aber warum?“
„Sie verheiraten mich mit einem Grafen.“
Teria spürte ein tiefsitzendes Gefühl, das er zuerst nicht einordnen konnte. „Aber …“ Es brach aus ihm hervor. „Du kannst zu keinem anderen gehen! Du gehörst mir!“
Kara lachte. „Ich gehöre niemandem. Außerdem kannst du mich nicht in deine Unterwasserwelt mitnehmen.“
„In den Wäldern haben wir ebenfalls Unterschlüpfe!“
„Teria … ich bin weiche Betten und warme Räume gewohnt.“
Der Nymph spürte, wie Verzweiflung in ihm aufstieg, als Kara unbeirrt fortfuhr.
„Ich mag den Grafen nicht besonders. Er könnte mein Vater sein, aber er hat Geld und das kommt mir sehr gelegen.“
„Was bin ich dann für dich?“
Kara lächelte. „Ein wunderbares Abenteuer?“
Teria senkte den Kopf. Für ihn war Kara nichts dergleichen.
Sie beugte sich vor. „Ich möchte … bevor …“ Sie unterbrach sich und fuhr ihm durch das dunkle Haar. Er begegnete bedeutsam ihrem Blick. Kara umfasste sein Gesicht mit den Händen und küsste ihn.

Szenentrenner


Die Sonne versank. Der Nymph saß am Ufer und blickte zum See, auf dem sich glitzernd das Abendlicht brach. Langsam senkte sich die Dämmerung über den Gelsenkirchener Bruchwald. Teria fühlte sich wie gelähmt. Kara war fort. Sie hatte sich ihm geschenkt. Doch all das war ihm entglitten – denn sie war gegangen.
Jeden Tag kehrte er an das Seeufer zurück und wartete auf sie. Nach fast einem Jahr fegte er die Warnungen seines Volkes beiseite. Er musste Kara suchen, wo immer sie sich aufhalten mochte!
Mit Herzklopfen verließ er den Wald. Vor ihm tauchten die ersten menschlichen Behausungen auf. Angst kroch in ihm hoch. Wie ein schwelendes Feuer breitete sich das Gefühl in seinem Inneren aus. Wachsam schlich er durch das Dorf. Vor einem steinernen Haus hielt er inne, denn er hörte Tommis Stimme. Ein Baby schrie und eine Frau rief nach Kara!
Teria vergaß jegliche Vorsicht. Er lief um das Domizil herum und wäre beinahe mit einer Fremden zusammengestoßen, die das weinende Kind auf den Armen trug. Mit geweiteten Augen starrte sie ihn an und hastete weiter.
Karas Stimme hallte über den Hof. Teria sah, wie man sie festhielt. Er war in Sekunden bei ihr und Kara blickte verblüfft zu ihm auf.
Ein älterer Mann sah den Nymph entgeistert an. Mit einem Schritt war er bei Teria, ergriff ihn am Kragen seines Oberteils und presste ihn an die Hauswand. „Du Teufel wagst dich hierher?! Was hast du meiner Tochter angetan?“
„Sie gehört mir!“
Kara griff ein. „Bleib ruhig, Vater! Ich habe dir gesagt, dass er mir nichts angetan hat.“
Der Mann stieß Teria von sich.
Kara sah den Nymphen an. „Ich sagte dir bereits, ich gehöre niemandem und werde den Grafen heiraten, wenn er mich noch will.“ Sie näherte sich ihm. „Aber rette unser Kind!“, zischte sie ihm zu. „Die Magd will es im See ertränken!“
Teria starrte sie überrascht an. Ein Kind?
„Geh! Verschwinde!“ Sie stieß ihn weg.
Teria sah in ihren Augen, dass sie nicht mit ihm kommen würde. Er warf einen letzten Blick auf Kara und rannte der Magd hinterher. Als er am See ankam, stand die Frau am Ufer. Ihre Hände waren leer.
„Was hast du getan?!“
Die Frau erschrak und wich vor Teria zurück. „Das Teufelskind ist tot!“, fauchte sie und lief davon.
Teria tauchte in die Fluten. Am Grund sah er ein helles Tuch, das sich mit der Strömung bewegte. Er griff nach dem Bündel und wickelte es aus den Tüchern. Dunkle Augen sahen ihn an. Das Kind schrie nicht mehr – seine Lungen waren durch eine Haut geschützt, die kein Wasser durchdringen konnte. Feine Kiemen bewegten sich an seinem Hals und der Flaum an seinem Köpfchen schimmerte wie zartes Seegras. Das kleine Mädchen schmiegte sich vertrauensvoll im Wasser an ihn.

05. Nov. 2011 - Tanja Bern

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