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Die Katzenfrau
von Barbara Büchner

Diese Kurzgeschichte ist Teil der Kolumne:

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A. Bionda
87 Beiträge / 27 Interviews / 31 Kurzgeschichten / 5 Artikel / 59 Galerie-Bilder vorhanden
Crossvalley Smith Crossvalley Smith
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Es wird dunkel.
Die Feuer des Tages verlöschen, seine Stunden neigen sich in schlaffem und schläfrigem Niedergang. Ein mangofarbener Schimmer leuchtet noch als Überrest glühender Sonnenstunden am Horizont. Das Licht fängt sich in den schrägen Schlitzen der alten, knochentrockenen venezianischen Läden. In der Wohnung, deren altertümliche Fenster halb offen stehen, riecht es nach brackigem Wasser und gewittrigem Wind.
Die Katzenfrau räkelt sich auf dem Fensterbrett im Schein der sinkenden Sonne. Es ist nicht mehr heiß genug auf dem Sims, sie will zurück in das Zimmer. Mit einem geschmeidigen Satz springt sie herab, streckt sich auf dem breiten Bett lang aus, auf der Bettdecke mit dem Muster aus Papageien und Orchideen, ein javanesischer Druck in satten Farben: Orange, Cremebeige, Kobaltblau. Die Wärme des Tages verglüht langsam auf ihrer Haut. Die Katzenfrau zieht die Zungenspitze über die Fingerspitzen, innen und außen, leckt den Geschmack des Tages ab. Dann rollt sie sich auf den Rücken und blickt den Mann mit ihrem unergründlichen Blick an.
Die Katzenfrau unterwirft sich niemandem, und sie verkauft sich niemandem, aber sie sucht sich Gefährten für ihre grausamen Spiele, hat ihre Sklaven und ihre Herren. Der, dem ihre kleine Zunge jetzt spielerisch die Finger leckt, ist einer. Ein Herr, wie sie ihn gerne hat: groß, schmalhüftig, harte Muskeln, trockenes Fleisch. Seine Hände und Füße sind schmal und edel wie die der geschnitzten hölzernen Statuen in alten Kirchen. Sie sieht ihm zu, wie er sich bewegt, so langsam und nachdenklich, wie er spricht. Das lange, schwere Haar fällt über einen Teil seines Gesichts, verdeckt die Hälfte der Hornbrille, die er tragen muss und nicht tragen mag.
„Ich gefalle mir zehnmal besser ohne Brille“, sagte er.
„Mir nicht!“ Die Katzenfrau liebt diese Brille, weil sie wie eine Maske ist, eine gläserne Larve, die seine Züge verschleiert. Für die halbblinden Augen des Alltags sieht er mit dieser Brille unbedeutend aus, wird rasch als harmlos eingestuft. So ist die Härte in seinem Gesicht ein Geheimnis, das ihr allein gehört. Sie hat es auf den ersten Blick durchschaut, Brille hin oder her. Sie riecht die Grausamkeit in ihm, fühlt sie so deutlich wie das Gewitter, das noch fern in der Abendluft liegt.
„Du wirst winseln, wenn ich hart zuschlage“, kündigt er an.
„Nein“, widerspricht sie.
Er lächelt vielsagend. Langsam und sorgfältig legt er die beiden Peitschen auf der bunten Bettdecke zurecht. Lang wie ein Männerarm die eine, ein lederbezogener hölzerner Griff, drei breite geflochtene Stränge mit langen Schnurbüscheln an den Enden. Kurz und vielschwänzig die andere, die kleine harte Geißel mit den vielfach geknoteten Strängen. Jede schenkt ihre eigene Art von Schmerz, die Geißel einen dumpfen grausamen Biss, die Peitsche einen trockenen hölzernen Schlag, der im Fleisch widerhallt, sich in plötzlicher Hitze ausbreitet.
Die Katzenfrau wittert. Sie liebt den Geruch des Leders – abgegriffenes, schweißgetränktes, am Griff schwarzschmieriges Leder. So wie sie den Duft des Mannes liebt. Wie die meisten hageren Menschen hat er wenig Eigengeruch, nur seine Kleider riecht sie, die schwarzgrauen Halbstiefel mit den Riemenkettchen, die verwaschenen Jeans, das ausgeleierte, abgetragene schwarze Tankshirt, das die Muskeln unter der blassen Haut an Rücken und Schultern entblößt. Schmale harte Muskeln. Blasse glatte Haut. Alles an ihm wirkt schwer, langsam, kaltblütig. Erst wenn er von Bewegung und Erregung ins Schwitzen gerät, erst wenn seine Haut heiß und sein Haar feucht wird, hat er seinen eigenen Geruch. Etwas Wildes, das unzusammenhängende Bilder in ihren Gedanken wachruft – rostige Boote auf einer einsamen Werft, abgetragene Kleider, Fernfahrercafés, in denen die Gäste ihre Zigarettenstummel in der Untertasse ertränken, eine Straße, die irgendwo zwischen Skibbereen und Cork durch irisches Niemandsland führt.
Sie verdrängt die Bilder aus ihren Gedanken. Noch ist es nicht so weit. Noch ist er kalt, schwer und scheu. Selbst als er ausholt und den Schwung der langen Peitsche in der Luft prüft, ist sein Gesicht ausdruckslos und sein Blick bedächtig. Die Stränge flattern, verheddern sich. Er holt ein zweites Mal aus, kräftiger, dreht Hand und Arm schwungvoll vorwärts. Die drei ledernen Schlangen stoßen gleichzeitig zu.
Die Katzenfrau steht auf und streckt sich bis in die Finger und Zehenspitzen. Plötzlich spürt sie die träge Kälte, die ihren Körper umklammert hält. Sie fühlt sich nicht gut. Wie eisige Bänder läuft es durch ihre Glieder, blockiert den Strom der Energie, die dort fließen sollte. Als wären zwischendurch hölzerne Blöcke und Stümpfe eingesetzt, fühlen sich ihre Glieder an. Manchmal ist es, als hätte sie Prothesen an Armen und Beinen, kalte, eklige Apparaturen aus fleischfarbenem Gummi und metallenen Spangen. Sie freut sich auf die Schläge. Jeder Schmerz, der sie durchfährt, erwärmt die kalten Zonen, elektrisiert die Prothesen, wandelt Gummi in Fleisch um. Sie streckt sich kräftiger, wirft den Kopf zurück, dass das Haar flattert. Ihr Blick glänzt.
„Schlag zu“, fordert sie ihn heraus.
Der Mann verzieht lächelnd die Mundwinkel. Zögert. Wischt mit den Peitschensträngen nachlässig über ihre Waden in den schwarzen Strümpfen. Die Lederschnüre rascheln trocken über das Strumpfgewebe. Sie kleidet sich niemals aus. Meistens trägt sie die festgeschnürten, hochgestöckelten Schuhe zu schwarzen Strümpfen, Shorts aus schwarzem Satin, irgendein loses, seidenes Top, das knapp ihre Brüste bedeckt. Nicht, dass sie prüde wäre, und was sie hat, ist das Ansehen wert, aber Ausziehen ist eine Sache und Schläge eine andere. Beides zusammen, das ist, als wolle man beim Essen Zigarillos rauchen.
Jedes Ding unter der Sonne hat seine Zeit. Essen hat seine Zeit, und Zigarillos haben ihre Zeit. Beides zusammen ist ungesund und vulgär.
Sie stellt die zierlichen Füße in den hochhackigen Schuhen ein Stück auseinander, um einen guten Stand zu haben. Der Mann, der immer noch auf dem Bett sitzt, schlägt erneut zu, einmal links, einmal rechts, die Schläge kommen jetzt in rascher Folge, beißen oberflächlich in die Haut und lassen los. Es tut noch längst nicht weh, aber jetzt ist das Gefühl da, das boshafte Zischen der Peitsche, der Biss der Lederstränge, und ein sonderbares kaltes Kribbeln kriecht ihr die Beine hinauf.
„Zehn“, sagt der Mann leise. „Zähl mit. Nach jedem Schlag.“
Sie wendet ihm den Rücken zu, kniet am Bett nieder, breitet weit die Arme aus. Der erste Schlag brennt auf den Oberschenkeln. Er ist nicht schlimm, ist fast zu vergessen. Ein Auftakt.
„Eins.“
Der Mann lässt sich Zeit, schwingt die Peitsche müßig in der Hand hin und her, als könnte er die richtige Stelle nicht finden. Dann schlägt er zu.
„Zwei.“
Drei. Vier. Fünf. Sechs.
Der siebente Schlag tut weh.
Die Katzenfrau beißt die Zähne zusammen und stößt die Luft mit hartem Laut aus.
Acht.
Eine kalte Welle geht über sie hinweg. Schmerz, Gänsehaut, ein plötzliches Frösteln. Die Innenflächen ihrer Hände sind nass. Sie atmet laut.
Neun.
Neun scheint endlos in der Luft zu hängen, ehe der Schlag fällt, hart, so hart, dass er eine Sekunde lang eine blitzblaue Schneise in ihre Gedanken schlägt, wie ein Blitz die Netzhaut verwirrt. Einer noch, nur einer. Wenn es mehr als einer wäre, würde sie schreien, aber einer ist zu ertragen, ein Schlag bringt niemand um, wenn es wehtut, ist es auch schon vorbei.
Wieder blendet ein Blitz.
Diesmal verbeißt sie nur mühsam den Aufschrei. Sie schwitzt, abwechselnd heiß und kalt, atmet schwer, ist stolz, nicht geschrien zu haben, fühlt die Berührung der harten schmalen Männerhand, die ihr Haar streichelt und mit den Fingern kämmt.
„Prinzessin, tapfere Prinzessin. Wie eine Heldin bist du.“ Seine Stimme ist leise und rau. Eine gute Stimme, eine, die es ernst meint, die sie aufrichtet mit ihrem Lob.
Die Katzenfrau hat sich immer danach gesehnt, so genannt zu werden. Wenn er ihr solche Namen gibt, dann springt ein eiserner Ring um ihr Herz. Es sind mehr als die drei Ringe im Märchen, die einer da zersprengen müsste, es wird lange dauern, aber sie ist nicht mehr ewig gefesselt. Mit jedem Hieb und jedem Lob zerbricht einer dieser aus Kälte und Verachtung geschmiedeten Reifen.
Ihr Körper beruhigt sich. Der Stress lässt nach. Der Schmerz verebbt. Und plötzlich kommt der Hunger, dieser seltsame kalte Hunger nach Schmerz, eine eisblaue Lust wie der Hunger nach Rauch, nach Gift.
„Gib mir noch zwei“, flüstert sie. „Auf jeder Seite.“
Der Mann schlägt kräftig zu, zweimal da, zweimal dort. Der Schmerz befriedigt sie wie eine Zigarette auf nüchternen Magen. Sie zieht langsam Arme und Beine an, rollt sich zurecht, reibt und liebkost die Stellen, wo die Haut heiß ist.
Der Mann greift zu und hilft ihr dabei. „Du bist tapfer.“
Die Katzenfrau lächelt ein wenig beschämt. Sie weiß, was er an Schmerz ertragen kann, viel, viel mehr, als sie es jemals könnte. Sie weiß es, weil sie selbst ihm den Schmerz zugefügt hat. Als sie ihn anblickt, erinnert sie sich an die schlangenhaft fleckige Zeichnung der Grausamkeit auf seinen langen, sehnigen Beinen, purpurne und violette Flecken, Blutstreifen dazwischen. Sie könnte das nicht ertragen. Also lässt sie ihm die Ehre, der Stärkere von ihnen beiden zu sein.
„Noch einmal“, verlangt sie mit jäher Bravour. Sie hat Angst vor weiteren Schlägen, eigentlich ist sie schmerzfeig, aber da ist das Gefühl, wie die Reifen zerspringen – dieses unnachahmliche Gefühl.

14. Nov. 2011 - Barbara Büchner

Bereits veröffentlicht in:

SCHATTENVERSUCHUNGEN
A. Bionda (Hrsg.)
Anthologie - Düster-phantastische Erotik - Fabylon - Apr. 2009

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