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Wer den Tiger reitet
von Oliver Kern

Gaby Hylla Gaby Hylla
© http://www.gabyhylla-3d.de
Die warme Nachmittagssonne verleiht ihrem feuerroten Haar einen unbeschreiblichen Glanz. Der sanfte Wind, der vom See her bläst, streichelt durch ihre Locken. Das dunkle Wasser und das Spiel der Wellen zaubern Lichtreflexe in das Grün ihrer Augen und machen sie noch geheimnisvoller. An diesem sonnigen Frühlingstag untermalt alles um sie herum ihre Schönheit. Als sei sie ein Teil dieser Landschaft, als stehe sie schon seit Anbeginn der Zeit auf diesem verwitterten Holzsteg, hineingemalt in ein Bild von Paul Cézanne, ein Augenfang, der den Betrachter in den Bann zieht. Aus ihrer Hand hat Adam den Apfel gekostet.
Um den Gedanken loszuwerden, wende ich meinen Blick von ihr ab. Nein, ich bin nicht im Paradies und sie ist nicht Eva – eher die Schlange. Im Mittelalter hätte man sie schon allein der roten Haare wegen verbrannt. Sie ist auch nicht gekommen, um den Sonnenstrahlen Gelegenheit zu geben ihre Haut zu liebkosen, oder um einen schönen Tag mit einem alten Freund zu verbringen. Sie ist gekommen, weil sie etwas von mir will. Einen Gefallen? Was auch immer? So war es jeher und so wird es auch diesmal sein. Sie wird mich um etwas bitten, mir dabei in die Augen sehen, dieses unausweichliche Lächeln aufsetzen und meine Vernunft wird den Kopf schütteln während mein Bauch oder das darunter, laut »Ja« schreit. Es ist dieses Lächeln, auf dem ich immer ausrutsche.

Ich war überrascht, als sie mich vor drei Tagen anrief und meine Hilfe erbat. Eine halbe Ewigkeit hatte ich nichts mehr von ihr gehört. Doch dann, unverhofft, wollte sie sich mit mir treffen. Vor zwei Jahren zog ich mich in diese unschuldige, ländliche Gegend zurück, um der Vergangenheit zu entfliehen. Seither war mir dies gelungen. Niemand fragt, woher ich komme und was ich machte, bevor ich mich hier hinverirrte. Alles war so einfach. Nun hat Ingrid mich aufgespürt.
„Kannst du dich an Norman erinnern?“, fragt sie und ein Schwarm Wildenten erhebt sich mit lautem Flügelschlag aus dem Wasser und zerschneidet die idyllische Ruhe, die über dem See lag. Wenn das kein Omen ist? Natürlich erinnere ich mich an Norman. Für mich war er der böser Geist aus ihren Erzählungen. Der schwarze Mann, der aus einem Märchenbuch entstiegen und in ihre Wirklichkeit eingedrungen war.
Ich kenne nur seine Stimme von ihrer Mailbox. Norman war von ihr besessen. Doch seine Begierde ging weiter, als die der anderen Männer, die das Pech hatten, ihr zu verfallen. In periodischen Abständen warb er um sie. Es fing an mit Blumensendungen, SMS, E-Mails und Briefen, steigerte sich hin zu nächtlichen Telefonanrufen, stundenlangem Geplapper auf ihrer Mailbox und erreichte ihren Höhepunkt stets mit der Belagerung ihres Apartments. Ein-, zweimal griff die Polizei ein, um den Störenfried zu vertreiben. Dann tauchte Norman für unbestimmte Zeit ab, um irgendwann wieder von vorne anzufangen. Gerichtliche Verfügungen, Geheimnummern und Umzüge in andere Orte blieben wirkungslos. Er fand sie immer wieder. Normans Obsession ist das Einzige, was ihr wirklich Angst bereitet. „Ja, ich kann mich an Norman erinnern. Es tut mir leid, wenn er dich wieder belästigt“, antworte ich und versuche betroffen zu klingen.
„Diesmal ist es schlimmer als je zuvor! Er war lange Zeit verschwunden, angeblich hielt er sich eine ganze Weile in Asien auf. Ich hegte ehrliche Hoffnung, dass er meine Spur endgültig verloren hat. Doch vor drei Wochen kam ein Strauß Rosen und es fing wieder an.“
„Es ist doch immer dasselbe. Nach ein paar Wochen bist du ihn wieder los.“
„Aber er war noch nie so aggressiv. Ich sehe ihn überall. Er lungert vor meinem Haus herum, wartet in der Tiefgarage, wenn ich aus dem Büro komme und steht im Supermarkt plötzlich an der Nachbarkasse. Verdammt er macht mir Angst. Du solltest seine Augen sehen!“
„Und die Polizei?“
Sie schenkt mir einen verächtlichen Seufzer. „Von wegen verschärfte Gesetzeslage bei Stalkern“, antwortet sie abfällig.
Ein frischer Wind weht über den See und ich sauge die Luft tief in meine Lungen bevor ich vorsichtig die entscheidende Frage stelle. „Wie kann ich dir helfen?“
Sie blickt mir ernst in die Augen. Seit sie Norman erwähnte, war das Lächeln verschwunden. „Ich möchte dass du ihn tötest!“
Der verbale Schlag kommt tief und ich bin psychisch nicht ihm Stande auszuweichen. Ich habe nicht erwartet, dass sie soweit geht. Minuten lang bin ich nicht fähig mich zu äußern. Konsterniert starre ich an ihr vorbei, hinaus auf das dunkle Wasser. Die Brise kräuselt die glatte Oberfläche und zerstört den Spiegel, der die Welt auf den Kopf stellt. Mir wird klar, dass sie keine Bitte sondern eine Forderung formulierte. Ihrer Mimik nach scheint sie zuversichtlich. Sie weiß zu viel über meine Vergangenheit.
Nach langem Schweigen kann ich meinen Blick endlich vom Waldsaum der gegenüberliegenden Uferseite lösen und wage einen Widerspruch. „Ich mache das nicht mehr. Egal für welchen Preis, ich bin raus aus dem Geschäft und werde es auch bleiben!“
Verzweiflung und Traurigkeit verfliegen. Binnen Sekunden kehrt ihre unwiderstehliche Aura zurück. Ihr Blick ist arrogant und kompromisslos.

Auf dem Weg zu meinem Haus sprechen wir kein Wort und als ich schließlich im Türrahmen des Gästezimmers stehe und ihr zusehe wie sie wütend ihre Sachen zurück in die Reisetasche stopft, wird mir klar, dass ich etwas sagen muss. „Wie kannst du so etwas von mir erwarten? Wie kannst du dir das auf dein Gewissen laden?“
Begleitet von meinen Worten setzt sie sich aufs Bett und schaut zu mir hoch. Eine Träne zieht eine dunkle Make-up-Spur über ihre Wange und ich weiß, dass sie absichtlich keine wasserfeste Wimperntusche benutzt. Ehe der salzige Tropfen zu Boden fällt, wischt sie ihn weg.
„Ich habe lange darüber nachgedacht und ich werde besser damit leben, wenn Norman tot ist, als mit dieser ständigen Angst, in seine Fänge zu geraten“, sagt sie und die Kälte in ihrer Stimme irritiert mich.
„Du weißt nicht wie das ist, ein Menschenleben zu nehmen. Natürlich ist Norman ein Arsch, aber er hat dich niemals körperlich angegriffen. Warum bist du der Meinung, dass er dir diesmal Gewalt zufügen wird?“
Aggressiv fährt sie hoch und nähert sich mir auf wenige Zentimeter. Ich inhaliere ihren betörenden Duft, während sie mich anschreit. „Du hast mich nie verstanden, wenn es um Norman und seine Perversion ging. Selbst damals nicht, als wir zusammen waren und er sein Spielchen mit mir trieb. Wer den Tiger reitet, kann nicht mehr absteigen.“
Ich überhöre die chinesische Weisheit und fauche zurück. „Ich habe ihn nie zu Gesicht bekommen, sonst hätte ich ihn mir vorgenommen, das kannst du mir glauben! Soweit ich mich erinnere, warst du es, die mich zurückhielt, als ich ihn aufspüren wollte.“ Mit geballten Fäusten stehen wir uns gegenüber. Die Adern an ihrem schlanken Hals treten hervor und ich sehe das Blut in ihnen pochen. Sie ist ein Raubtier. Ihr Atem ist fiebrig heiß. Nur langsam entspannen sich ihre Züge. Sie wartet bis die Wut von ihr ablässt. Sobald sie die Kontrolle über ihre Stimmlage zurück hat, spielt sie ihren nächsten Trumpf aus: „Ich werde der Polizei einen Tipp geben, wo sie nach dir suchen sollen“, meint sie schnippisch und versucht sich an mir vorbeizuzwängen.
Ich mache mich breit und schubse sie zurück ins Zimmer. „Du willst mich erpressen? Ich soll einen Auftragsmord erledigen oder du gehst zu den Bullen. Hast du das eben tatsächlich gesagt? Ich fasse es nicht!“
„Wirst schon sehen“, meint sie trotzig. Sie ist sicher, mich in der Hand zu haben. Sie kann nicht wissen, dass durch meine Zusammenarbeit mit der Regierung, alle Anklagen gegen mich fallen gelassen wurden und meine Weste weiß wie ein Einstecktuch ist. Ich lächele ihr souverän ins Gesicht und warte lange Sekunden auf die nächste Reaktion.
Sie erkennt, dass die Festung von dieser Seite nicht einzunehmen ist, lässt die Tasche fallen und kommt auf mich zu. Sie schlingt die Arme um meinen Hals und drückt ihre Lippen auf die meinen. Ich spüre ihre Zunge und erwidere den Kuss. Wir lieben uns leidenschaftlich. Wie früher benebelt mich ihr Geruch und ich verliere die Kontrolle. Norman der Stalker weiß es noch nicht, aber er ist ein toter Mann.

Szenentrenner


Was soll ich davon halten? Liegt eine versteckte Botschaft dahinter oder ist es das erste Anzeichen einer bedenklichen Wesensänderung? Auf jeden Fall erscheint mir die Musik, die ich auf meinen iPod geladen habe, mit einem Mal erschreckend beunruhigend. Sade Adu, Alison Moyet und Victor Lazlo. Letztere ist nicht zu verwechseln mit dem Widerstandskämpfer, zu dem Ingrid Bergmann am Ende von Casablanca ins Flugzeug steigt und Humphrey Bogart auf dem regennassen Rollfeld stehen lässt. Eine Szene, die ich immer vor Augen habe, wenn ich diese Sängerin höre. Mir fehlt die Zeit, um meinen Musikgeschmack psychologisch näher zu durchleuchten, denn in die letzten Takte von Sweet, soft and lazy hinein, verlässt Norman sein Büro.
Der Mann sieht blendend aus. Etwa in meinem Alter, großgewachsen, kurz geschnittenes dunkelblondes Haar. Er trägt einen teuren Maßanzug und steigt mit einem gewinnenden Lächeln in einen alpinweißen BMW X6. Er ist Bankier bei einer Privatbank und für das Ressort Immobilien zuständig. So zumindest steht es im Dossier, das mir Ingrid mit auf den Weg gab. Und auf das ich mich keinesfalls verlasse, weswegen ich lieber meine eigenen Recherchen anstelle. Norman hat Geld und auf Grund seines Äußeren, seiner gepflegten Erscheinung, vermag er an jedem Finger fünf Frauen zu haben. Gut, Ingrid ist eine Klasse für sich, aber den Stalker, der ihr nachstellt, habe ich mir gänzlich anders vorgestellt. Ich frage mich, ob dieser geschleckte Mensch je einen Supermarkt betreten hat.
In einem Abstand von drei Autolängen folge ich ihm quer durch die City. Er wohnt im Norden. Halbhöhe, mit Blick über die Innenstadt. Das moderne Wohnhaus mit den großen Fensterfronten steht zwischen zwei klassizistischen Villen. Morgens kann er den Sonnenaufgang bewundern. Das mächtige Tor verschluckt ihn mitsamt seinem Sportwagen. Bambus ragt über die zweieinhalb Meter hohe Betonmauer. Ich habe früher ähnlich residiert. Nobel und im Verborgenen. Norman lebt in einer Festung und ich frage mich, ob er jemanden davon abhalten will, dort hinein zu gelangen – oder aber hinaus zu kommen.
Eine Querstraße weiter finde ich eine Parklücke und warte die Dämmerung ab. Nur mal alles ansehen, denke ich. Ich hege keine Absichten, Ingrids Wunsch zu entsprechen. Vielleicht gibt es eine andere Lösung. Früher war ich gut im Einschüchtern. Eine entsprechende Drohung im richtigen Ambiente und ein abgetrenntes Fingerglied bewirken wahre Wunder.
Lässig schlendere ich auf dem gegenüberliegenden Gehsteig an dem Anwesen vorbei. Es brennt kein Licht. Womöglich ist der Hausherr noch eine Runde joggen. Oder er belästigt Frauen in einer Bar. Es fällt mir schwer, ihn in diese Nische zu rücken. Andererseits kann man in die Menschen nicht hineinschauen und ihre Perversionen tragen die Wenigsten öffentlich herum. Wie viele Frauen hält er hinter diesen Mauern gefangen?
Über ein paar alte, doch längst nicht verkrustete Kanäle, konnte ich rausfinden, dass Normans Bank ihn für ein Jahr nach Südostasien schickte. Jedoch verbrachte er fast vierundzwanzig Monate dort unten im Goldenen Dreieck. Was er in der zweiten Hälfte seines Auslandaufenthaltes trieb, konnte mir niemand sagen. Nicht einmal im Ansatz, womit die Sache zum Himmel stinkt. Unbeabsichtigt hinterlässt jeder Spuren in der digitalen Welt, egal wie finster der Winkel ist, in dem man sich verkriecht. Norman war jedoch eine Weile spurlos verschwunden. Verschollen im Dschungel, meinte mein Informant. Die Frage ist, ob er eine Auszeit brauchte oder in Schwierigkeiten geraten war. Lösegeld für einen reichen Bankier konnte durchaus vietnamesische Flusspiraten auf den Plan rufen. Oder ein paar abtrünnige Milizen. Die Möglichkeiten waren so vielschichtig wie die Moskitoarten im Flussdelta des Mekongs. Eher unglaubwürdig erscheint mir die Theorie, dass er ein ausgedehnte Ayurvedakur oder einen Kurs für spiritives Malen und freie Liebe in der Abgeschiedenheit einer Ashramkommune belegt hat.
Was immer ihm widerfahren war, konnte seinen Faible für Asien keinesfalls tilgen. Nicht nur die Bambusstauden deuten auf einen ausgeprägten Feng Shui Anhänger hin. Durch den überwucherten Garten des benachbarten Anwesens schaffe ich es auf die Rückseite des Gebäudes. Das Anwesen ist größer, als es die Hanglage vermuten ließ. Längst ist es dunkel genug. Im zweiten Anlauf schaffe ich es über die Mauer. Der Rasen ist weich und federt meine Landung problemlos ab. Ich tauche fast ohne Rascheln durch die Bambusgewächse. Trotzdem, und obwohl ich leise und vorsichtig wie eine Maus beim Käsestehlen war, meldet sich mein geschulter Instinkt. Das stimmt mich nicht optimistisch. Bin ich gerade in eine Falle getappt? Das ungute Gefühl verflüchtigt sich auch nach drei Minuten regungslosem Innehaltens nicht. Irgendwas ist faul hier und ich merke wie ich anfange zu schwitzen.
Es macht keinen Sinn mehr, noch länger auf die unbeleuchtete Rückseite der Villa zu starren. Wehmütig denke ich an meinen See, an das dunkle Wasser und die Stille. Ich hätte nicht hierher kommen sollen. Im Schutz der nächsten Wolke, die den Vollmond verhüllt, arbeite ich mich an die Terrassentür an der Westseite heran. Dort schlüpfe ich in den Lichtschacht des Kellerfensters, den ich beim Annähren ausgespäht habe. Es behagt mir nicht über das Untergeschoss ins Haus zu gelangen, aber es ist der einfachste Weg. Trotz des unguten Gefühls habe ich den Moment verpasst, an dem ich noch hätte umkehren können. Was zwingt mich, dieses riskante Spiel weiter zu treiben? Ingrid? Norman? Mein Ego? In meiner Branche sollte man niemals über den Sinn oder Unsinn eines Auftrags nachzudenken.
Sachte setze ich meine Schritte in einem finsteren Kellergang. Egal wie gut Norman trainiert ist, ich bin besser. Selbst wenn er eine Waffe auf mich richtet, wird er nicht dazu kommen, abzudrücken. Warum muss ich mir das überhaupt vorbeten? Woher kommt diese Furcht? Verdammt! Sie liegt wie eine Stahlklammer um meinen Brustkorb, die mit jedem Meter enger wird, der mich weiter in die dunklen Eingeweide dieses Anwesens führt. Erstmals bereue ich, keine Waffe mitgebracht zu haben. Waffen hinterlassen Spuren, egal welcher Art. Spuren, die man zurückverfolgen kann. Früher tötete ich am liebsten mit den Händen oder mit alltäglichen Gegenständen, die vorzugsweise den Opfern selbst gehörten.
Ich halte inne. So weit bin ich jetzt schon. Ich lasse den Gedanken zwischen meinen Hirnlappen hin und her rollen. Frei nach dem Motto, wenn ich schon mal hier bin, könnte ich das auch gleich endgültig erledigen. Nur weil ich damit aufgehört habe, heißt das ja nicht, dass ich es nie wieder tue. Wäre ich nicht stehen geblieben, um mich dem für und wider meiner Spekulationen hinzugeben, hätte ich das Geräusch wahrscheinlich nicht gehört. Elektrisiert halte ich die Luft an. Vor mir in der Schwärze des Korridors lauert etwas und ich bezweifle, dass es eine Ratte ist. Das Haus macht mir nicht den Eindruck, als ob es diese Art von Parasiten beherbergt. Zumindest keine vierbeinigen.
Das tiefe Grollen aus der Dunkelheit revidiert umgehend meine Meinung, denn was auch immer diesen schaurigen Laut ausgestoßen hat, kann nur auf vier Beinen unterwegs sein. Oder besser auf Pranken. Ich weiß nicht, was mir mehr zusetzt: Die Erkenntnis, dass ich das Ganze hier nicht mehr unter Kontrolle habe oder die abgründige Angst vor dem, was in diesem Keller lauert. Ich habe keinen Fluchtweg, so viel ist klar.
Von irgendwoher findet ein Quäntchen Restlicht seinen Weg durch die Finsternis und reflektiert sich in den Augen des Raubtiers. Dieses Arschloch hat sich aus Südostasien einen Tiger mitgebracht. Mit dieser Erkenntnis schaltet mein trainierter Körper in den Kampfmodus. Ich habe keine Waffe – ich bin selbst eine.

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Möglicherweise stammt der Schrei von mir, als ich aus der Schwärze zurück ins Bewusstsein tauche. Vor ein paar Jahren wurde ich auf der Flucht vor der Polizei von einem Geländewagen angefahren. Der Schmerz ist derselbe. Ein Déjà-vu-Schmerz, wenn es so etwas gibt. Dunkelheit umhüllt mich, selbst als ich die Augen öffne. Mein Körper fühlt sich an wie eine einzige, offene Wunde. Nachdem ich damals mit dem Landrover kollidierte, konnte ich mich von Selbsterhaltung getrieben noch in ein Versteck schleppen, bevor die Ohnmacht mich in ihre Obhut nahm. Diesmal musste die Kollision sofort meine Lichter ausgeknipst haben. Das Dröhnen und der Nebel in meinem Schädel verhindert, dass ich mich erinnere, was mich in diese schmerzhafte Lage katapultiert hatte. Nur so viel ist klar; es ist verdammt wichtig, die Erinnerung in meinem gemarterten Hirn zu finden. Wichtig fürs Überleben! Wo zur Hölle bin ich? Und warum kann ich mich nicht bewegen? Ist meine Wirbelsäule gebrochen? Doch dann würde ich nicht diese Schmerzen spüren. Die Hoffnung kehrt zurück, zusammen mit der Vernunft. Analysiere deine Lage! Verflucht noch mal, wo bleibt das Adrenalin, das mich wieder aufrichtet und Klarheit in meinen Hirnsalat bringt. Der Korridor in den ich starre führt nicht ins Licht, sondern in die Dunkelheit. Der nächste Gedankenblitz schnürt mir die Kehle zu. Mein Gott, der Keller! Norman! Ein Tiger!
Panisch sehe ich mich um, horche in die Schwärze. Eine Raubkatze hat mich angefallen. Ich bin fast sicher, dass es nicht in meiner Fantasie passiert ist. Das bestätigt zumindest der peinigende Schmerz in meinem Gesicht. Der Prankenhieb des Tigers brach mir den Kiefer. Vielleicht hat das Vieh auch einen Teil meines Körpers gefressen? Für Sekunden bin ich froh über die Finsternis, die mir den Blick auf blutige Stümpfe und klaffende Fleischwunden erspart. Das Gefühl währt nur kurz. Jemand macht Licht. Ich kneife meine Lider zusammen.
Ein Körper schiebt sich vor die Deckenstrahler und ich wage ein Blinzeln. Es ist Norman. Auch wenn ich nur seine Umrisse erkenne, weiß ich, dass er lächelt. Ich wende mich ab und schaue an mir hinunter. Nackt liege ich auf einer Pritsche. Es gibt ein paar Blutspritzer, aber keine nennenswerten, äußeren Verletzungen. Meine Extremitäten sind noch alle vorhanden. Leider sind Arme und Beine mit Lederriemen an einem Stahlgestell fixiert. Sonst gibt es nichts in diesem großen Raum außer gekachelte Wände und kaltes Neonlicht.
Der Bankier trägt eine seltsame Kutte, als beabsichtige er eine Teufelsbeschwörung zu vollziehen. „Die Padaung-Frauen schützen sich vor dem Nackenbiss des Tigers, indem sie hochgängige Spiralen um ihre Hälse legen, weswegen sie in der westlichen Welt auch als Giraffenfrauen bezeichnet werden.“
„Was gibt das jetzt, eine kleine Ethnologiekunde?“, presse ich durch meine geschwollenen Lippen. Ich wage nicht nach dem Raubtier zu fragen.
„Es ist ein Mythos. Das burmesische Bergvolk fürchtet nicht den Tiger, von dem es nur noch klägliche zweihundert Tiere in ihrem Land gibt. Vielmehr ist es ein Dämon, ein bösartiger Nat, vor dem sie Angst haben und sich deshalb diese Nackenpanzer antun.“
„Verschonen Sie mich! Was wollen Sie?“
„Sollten nicht besser Sie dazu Stellung nehmen? Immerhin sind Sie bei mir eingedrungen.“
Ich zwinge mich ihn anzugrinsen. „Natürlich haben Sie ein Problem damit, die Polizei zu verständigen, denn schließlich halten Sie einen Tiger in Ihrem Haus. Außerdem glaube ich nicht, dass Sie mich so verschnürt hätten, wenn es Ihnen darum ging, einen Einbrecher dingfest zu machen.“
Er geht nicht darauf ein, kehrt stattdessen wieder nach Südostasien zurück: „Es ist Ihnen bekannt, dass ich längere Zeit in Myanmar war. Ich habe mir dort im Dschungel eine Krankheit geholt. Einen Virus. Lange Zeit stand ich an der Schwelle zum Tod, doch letztlich stellte sich die Infektion als Segen heraus. Der vermeintliche Fluch hat mich neu erschaffen.“
Während er redet, bündle ich meine Kräfte. Mir ist klar, dass ich es probieren muss, obwohl ich keine Chance habe, die Lederriemen zu sprengen. Seinen Worten entnehme ich, dass er weiß, wer ich bin. Schlimmer noch, dass er mich erwartet hat und das konnte nur eins bedeuten. Was bin ich doch für ein Idiot. In diesem Haus gibt es noch ein anderes Raubtier. „Wo ist sie?“, fauche ich ihn an und mit jeder Silbe fährt eine Stahlklinge in meinen zertrümmertes Kiefer.
Er sieht zurück über seine Schulter. Irgendwo aus dem Halbdunkel des Kellers vernehme ich das Stakkato ihrer hohen Absätze. Als sie zu ihm aufschließt und ihre Hand zärtlich auf seine Schulter legt, sehe ich, dass sie außer den Highheels nichts trägt. Zum ersten Mal seit ich sie kenne, lässt mich ihr Lächeln kalt. Ingrid ist zu Victor ins Flugzeug gestiegen und ich stehe im Regen.
„Warum?“
„Der Nat ist hungrig“, antwortet sie.
„Es ist etwas komplizierter“, fällt Norman ihr ins Wort. „Wir sollten ihn nicht dumm sterben lassen!“
Ingrid zuckt mit ihren nackten Schultern. „Aber beeil dich, wer weiß wie lange der Blutmond noch am Himmel steht.“
„Es wird schnell gehen“, versichert er. Ich liege still in meinen Fesseln und suche fieberhaft einen Ausweg aus diesem Irrsinn.
„Derselbe blutrote Vollmond prangte am Nachthimmel, als mich im burmesischen Dschungel ein Tiger anfiel“, beginnt er und ich denke, lass ihn reden, das verschafft dir Zeit.
„Ein gutes Jahr ist das nun her. Die Raubkatze hat mich nicht getötet. Damals verstand ich nicht warum und wahrscheinlich wäre ich trotz allem drauf gegangen, schwer verletzt in der grünen Hölle. Doch dann fanden mich die Padaung und nahmen mich mit in ihr abgeschiedenes Bergdorf. Lange lag ich in einem fiebrigen Traum, war nicht bei mir selbst, die Welt war ein heißer, beißender Nebel. Die Padaung pflegten mich. Ich wurde beräuchert und besungen, während ein Medizinmann mir bittere Kräutertränke einflößte. Als ich wieder klar denken konnte, waren drei Monate verstrichen. Ich hatte das Fieber bezwungen und die Wunden waren vollständig verheilten. Nicht einmal Narben blieben zurück. Ich glaubte an ein Wunder, bis der Padaung-Schamane mich aufklärte. Seither spreche ich von Schicksal. Es war keine gewöhnliche Raubkatze, die mich angegriffen hatte, es war ein Tigerdämon. Der mächtigste Nat im Dschungel und es kommt nur alle hundert Jahre vor, dass er sein Opfer nicht tötet. Damit wurde ich ein Gesegneter.“
Sein Gelaber dringt nur halbherzig bis in meinen Kopf. Ich suche Ingrids Blick. Mir ist unverständlich, wieso sie sich mit diesem Irren verbündet hat. Und warum sie mich in diese Falle lockte?
„Der Dämon ist bestrebt sich weiterzuentwickeln“, erklärt Norman indessen. „In der Tradition seiner Ahnen frisst er seine Feinde, um ihre Stärke und ihr Können in sich aufzunehmen. Nun, ich besitze durchaus einige Talente, mir fehlen nur noch die Instinkte und Fähigkeiten eines Söldners. Die Kaltblütigkeit, der Überlebenswille und alles, was Sie auszeichnet. Wenn ich Sie verzehre, wird der Dämon an enormer Stärke gewinnen.“
„Warum machst du diese Scheiße mit?“, frage ich Ingrid, die ihre Nacktheit immer noch an die schlanke Statur des Verrückten drückt.
„Der Tiger kann sehr überzeugend sein“, antwortet sie und grinst. Ihre Augen leuchten grüner als sonst. „Es muss ein göttliches Gefühl sein, diesen Dämon in sich zu tragen. Norman wird mich infizieren, sobald er mit dir fertig ist.“
„Hörst du dich gerne solchen Mist labern“, blaffe ich sie an und werde mit stechenden Schmerzen im Kiefer bestraft. Ich darf mich nicht provozieren lassen. Wut hemmt die Kontrolle und ich brauche meine Kräfte.
„Du solltest ihn los binden, sonst macht es keinen Spaß“, schlägt sie dem Bankier vor. Er überlegt nur zwei Sekunden, dann öffnet er die Lederschlaufe, die mein linkes Handgelenk fixiert. Ich kann nicht fassen, dass er auf ihren Vorschlag eingeht. Blut schießt in meine Hand. Abwarten, mahne ich mich! Lass ihn auch deinen rechten Arm befreien. Dann ist er fällig!
Tatsächlich löst er die Fessel. Aber er ist schnell. Als ich mich aufrichte, weicht er zurück. Er zaubert keine Waffe aus seiner Kutte, beobachtet mich nur dabei, wie ich meine Fußgelenke befreie. Ich schwinge die Beine über die Liege und setze sie auf die kalten Fliesen. Schmerzen durchzucken mich, aber ich kann alles uneingeschränkt bewegen. Meine Nacktheit ignoriere ich. Irgendwie erwarte ich, dass er sein verbotenes Haustier auf mich hetzt, doch er glotzt mich nur an. Ich drehe mich nach Ingrid um, aber sie ist verschwunden. In einem angrenzenden Raum flammt ein Licht auf. Eine Glasscheibe trennt sie von dem Verlies hier. Ich versuche zu verstehen wozu diese Installation dient. Doch dann fällt mein Augenmerk auf den vermeintlichen Ausgang, der genau zwischen Norman und mir liegt. Wenn ich durch diese Tür trete, wird dir dein dämliches Grinsen vergangen sein.
„In Europa wird unsereins zu Wölfen“, höre ich ihn sagen, „in Asien werden wir zu Tigern.“ Seine Augen leuchten plötzlich gelb. Wie die der Raubkatze, denke ich und versuche mich an sein Gelaber zu erinnern. Er krümmt sich nach vorne. Die Kapuze seiner Kutte stülpt sich dabei über seinen Kopf. Es fällt mir schwer zu begreifen, was sich vor mir abspielt, obwohl er es vorhin ausführlich geschildert hat. Angstvoll weiche ich zurück bis meine Oberschenkel gegen die Pritsche stoßen. Norman kauert am Boden. Er windet sich unter dem schweren, schwarzen Stoff und stößt ein grausiges Röcheln aus. Ich vergesse meinen schmerzenden Kiefer. Unter dem Umhang schiebt sich langsam die Pranke eines Tigers hervor.
Mein Blick gleitet Hilfe suchend zu Ingrid, die ihren nackten Körper lasziv gegen die gepanzerte Glasscheibe drückt, so als würde die Verwandlung ihres Komplizen sie erregen. Das, was einmal Norman war, richtet sich auf und schleudert die Kutte von sich. Ein Furcht einflößendes Wesen im Tigerfell steht mir aufrecht gegenüber und bleckt seine mächtigen Fangzähne. Zweifelsohne wird er mich töten. Fraglich, wieso er dies nicht schon bei seiner ersten Attacke tat? Vielleicht hängt es mit dem Vollmond zusammen? Es ist auch egal. Mit der Erkenntnis, dass ich nicht überlebe, kehrt meine Kaltblütigkeit zurück. Der Dämon wird sich mein Fleisch teuer erkaufen.
Mit einem markerschütternden Brüllen springt das Tigerwesen mich an und mein Bewusstsein reduziert sich aufs Überleben. Ebenfalls kreischend ramme ich ihm meine rechte Faust in den weit aufgerissen Rachen des Untiers, während die Wucht des Zusammenpralls uns über die Pritsche hinweg katapultiert. Ich fühle nichts, als die Kiefer zuschnappen. Meine Linke krallt sich in das Nackenfell der Bestie. Die Landung ist hart. In einem Knäuel vereint, schlittern wir über den Fliesenboden, wälzen uns zweimal um die Achse. Die scharfen Krallen des Dämons zerschneiden die Luft links und rechts von mir. Eng an den haarigen Körper gepresst, kann er mir nicht das Fleisch von den Knochen reißen. Schneller als erhofft ist er über mir. Heißer Geifer tropft mir in die Augen. Sein Schädel schnellt nach hinten und er befreit sich von meinem Nackengriff. Ich schiebe den unversehrten Arm unter sein Kinn und presse mit aller Kraft gegen seinen Hals. Der mächtige, bebende Leib liegt tonnenschwer auf mir und beraubt mich jeder Bewegungsfreiheit. Trotz des günstigen Winkels werde ich dem Gewicht des Untiers nicht lange entgegenwirken können. Ich merke wie die Kraft mit jeder Sekunde schwindet und seine Dolchzähne meinem Gesicht immer näher kommen. Verschwommen betrachte ich, was von meinem rechten Arm übrig ist. Knapp unter dem Ellbogen klafft nur noch ein blutiger Stumpf, aus dem ein spitzes Knochenstück ragt. Das Raubtier bleckt seine Hauer, ich rieche den stinkenden, heißen Atem. Warum nicht, denke ich und ramme ihm meine Unterarmknochen zwischen seine Rippen. Der Schmerz ist unbeschreiblich. Das restliche Fleisch um Elle und Speiche schiebt sich bis hoch über das Gelenk. Unmengen Adrenalin schützen mich vor der Ohnmacht, während ich meinen Arm tiefer in seinen Brustkorb bohre. Sein bestialisches Gebrüll bestärkt mich in meinem irrsinnigen Handeln. Im Rhythmus seines Herzschlags spritzen Blutfontainen aus der Wunde über mich hinweg. Mit einem Satz weicht er zurück und reißt mir dabei den Rest meines Armes aus dem Schultergelenk. Bizarr steckt das Körperteil in seiner linken Brusthälfte. Auch ich blute jetzt wie ein abgestochenes Schwein. Mit der freien Hand taste ich nach der Hauptschlagader und drücke sie ab. Schwindel befällt mich. Benommen registriere ich, wie der Tiger taumelt und in seiner eigenen Blutlache ausrutscht. Der Versuch, noch mal auf die Pranken zu kommen, scheitert. Röchelnd bleibt er liegen. Ich robbe auf ihn zu, packe meinen abgetrennten Arm und reiße ihn aus der Wunde. Wieder brüllt das Vieh. Mein letztes Quäntchen Kraft treibt mich dazu, ihm den Knochen durch sein Auge ins Gehirn zu dreschen. Dann holt mich die Schwärze ein und nimmt mich mit.

Szenentrenner


Ich schlage die Lider auf. Das Bild, das ich sehe ist grotesk. Neben mir liegt ein Nackter dem ein Arm aus dem Schädel wächst. Überall ist Blut. Auch ich habe nichts an und liege in der roten Brühe, die an der Oberfläche zu trocknen beginnt. Lange war ich nicht weg. Ich versuche zu verstehen, wo ich bin und was passiert ist. Meine rechte Hand juckt, obwohl sie nicht mehr da ist. Sie ist weg, genau wie der Tiger. Ich schaffe es auf die Beine. Obwohl ich Unmengen von Blut verloren habe, kann ich erstaunlich aufrecht stehen. Es muss am Schock liegen, dass ich keine Schmerzen fühle.
Norman ist tot. Rote Abdrücke von nackten Füßen führen von ihm weg und durch die Tür, die nun offen steht. Ingrid das Biest hat nach ihm gesehen und sich dann hinausgeschlichen. Ich verspüre den Drang sie zu fressen und folge ihren Spuren hinein in den dunklen Kellergang. Obwohl kein Licht brennt, kann ich gut sehen. Und ich kann sie riechen. Es gibt einen Ausgang, eine Treppe führt hoch direkt in den Garten. Ich sehe den blutroten Mond am Himmel, seine Kraft erscheint mir gewaltig. Der Bambus raschelt im Wind. Es ist fast wie zu Hause. Sie ist noch auf dem Anwesen. Als ich vom aufrechten Gang auf meine Pranken wechsle, habe ich wieder vier davon. Ich mag die Geschmeidigkeit, mit der sich dieser Körper bewegt. Der Geruch der Rothaarigen, diese Mischung aus Panik, blankem Entsetzen und Leidenschaft macht mich wahnsinnig. Ich giere nach ihrem Fleisch. Der Dämon aus dem Dschungel hat sich nach Normans Tod einen neuen Körper gesucht – einen viel besseren!

16. Nov. 2011 - Oliver Kern

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