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Der Kanumann
von Guido Krain

Chris Schlicht Chris Schlicht
© http://www.dreamspiral.de
Leiven verkaufte seine Nüsse schon seit mehr als 20 Jahren an dieser Stelle. Es hatte einigen Ellenbogeneinsatzes bedurft, um seinen Platz an einem so zentralen Punkt des Handelshafens zu verteidigen, aber Leiven hatte als junger Mann an den blutigsten Schlachten seiner Zeit teilgenommen und war nicht leicht einzuschüchtern. Er liebte den weiten Blick über die Schiffe fast so sehr wie den ewigen Trubel um sich herum. Wenn er diesen Platz eines Tages für immer räumte, würde es nicht auf seinen eigenen Beinen geschehen.
Es war der sechzigste Tag der großen Dürre, als der eigenartige Mann in seinem winzigen Kanu auf einen der riesigen Anleger des Zentralhafens zu steuerte. Das kleine Boot bestand aus einem ausgehöhlten Baumstamm, dessen aus dem Wasser ragende Teile nur grob bearbeitet worden waren. Leiven konnte die Silhouette eines hünenhaften Mannes erkennen, der seinem Kanu mit einem seltsam krummen Paddel zu einer erstaunlichen Geschwindigkeit verhalf. Auf seinem Schoß saß ein kleines Tier, das auf diese Entfernung nicht klar zu erkennen war. Erst im Näherkommen erkannte Leiven, dass er sich getäuscht hatte: Er hatte nicht die Silhouette des Mannes gesehen, sondern sowohl der nackte Oberkörper des Mannes als auch das Tier waren nahezu schwarz.
Mit der Selbstverständlichkeit eines Kapitäns, der mit seinem reich mit Schätzen beladenen Handelsschiff in den Heimathafen zurückkehrt, setzte er sein Kanu neben den Landungssteg. Mit einem gewaltigen Satz überwand er den Höhenunterschied von gut zwei Metern und vertäute sein schäbiges Gefährt. Dass er so eine der teuersten Anlegestellen des Hafens blockierte, schien ihn, der nichts weiter als einen Lendenschurz aus dunkelgrauem Fell trug, nicht zu kümmern. Gerade, als Cardiff, einer der Hafenaufseher, empört bei ihm ankam, zog er eine große räudige Pelztasche aus dem Boot an einem Seil zu sich hinauf. Leiven sah Cardiff in der üblichen Heftigkeit gestikulieren und freute sich schon auf den voraussehbaren Wutausbruch des Aufsehers, wenn er wieder einmal an einer Sprachbarriere scheiterte.
Doch diesmal kam es anders. Völlig unbeeindruckt von dem immer zorniger werdenden Vertreter der Obrigkeit half der Fremde seinem kleinen Tier aus der Tasche hinaus. Zu Leivens maßloser Erheiterung glaubte er einen winzigen schwarzen Hund zu erkennen.
Kurz bevor Cardiff handgreiflich wurde, richtete sich der halbnackte Mann zur vollen Größe auf und überragte so den annähernd zwei Meter großen Hafenbediensteten um einen ganzen Kopf. Gelassen sah er auf den plötzlich verstummten Mann vor sich herab. Ein langer Augenblick der Stille folgte, dann wich Cardiff furchtsam vor dem Riesen zurück. Ohne sich weiter um den verstörten Mann zu kümmern, schlenderte der Fremde den Steg hinunter und kam direkt auf Leivens Stand zu.
Doch kaum waren auch die Einzelheiten des seltsamen Fremden für die nicht mehr ganz jungen Augen des Nussverkäufers sichtbar, wich Leiven das Blut aus dem Gesicht. Denn entgegen seiner ersten Annahme war der Hüne kein Mensch. Sein Körper war mit zähen, schwarzbraunen Schuppen bedeckt. Sein ledriges Gesicht war von zahllosen scharfen Falten geprägt und zeigte die typischen Züge eines Volkes, das Leiven seit vielen Jahren zu vergessen versucht hatte. Der Mann war ein Glisk, ein Bewohner der Hochmoore des Königreichs Katras.
Leiven begann zu zittern.
Wie sein persönlicher Alptraum steuerte der Hüne direkt auf ihn zu und nagelte ihn mit unergründlichen Augen an Ort und Stelle fest. Er musste uralt sein. Leiven wusste, dass die eigentlich gelben Glisk im Alter immer dunkler wurden, bis sie schließlich dunkelorange; beinahe braun wurden. Noch nie hatte er jedoch einen Glisk gesehen, der die Farbe der Schwarzen Erde seiner Heimat hatte.
Als Leiven schon nicht mehr darauf zu hoffen wagte, blieb der Fremde vor seinem Stand stehen und entließ dessen kreidebleichen Eigentümer aus seinem Blick. Aus der Nähe betrachtet wirkte der Glisk trotz seiner nicht vorhandenen Kleidung und den unübersehbaren Muskeln wie ein feinsinniger Gelehrter. Aber Leivens Augen sahen den Fremden nicht mehr. Sein inneres Auge versank in Bildern, die er vergessen wähnte. Er sah Dörfer brennen, deren Asche schon vor Jahrzehnten von Wind und Regen fort getragen worden war. Hunderte von Glisks liefen um ihr Leben, um schließlich von Hunden zerrissen und von Schwertern zerhackt zu werden. Leivens eigenes Schwert lag seit dieser Zeit auf dem Grunde des Meeres, doch er bezweifelte, dass das an ihm klebende Blut jemals abgewaschen werden konnte.
»Pling«. Das Geräusch der in die Schale fallenden Münze klang wie der geisterhaft durch die Zeiten wehende Nachhall der schweren Armbrüste, mit denen die jugendlichen Glisk aus den Bäumen geschossen worden waren. Zugleich befreite es Leiven aber auch aus dem festen Griff der Bilder, die ihn gefangen gehalten hatten. Wieder sah er sich den zwingenden Augen des Fremden ausgesetzt. Doch dieses Mal lag ein anderer Ausdruck in ihnen. Er war weicher; beinahe freundlich.
Einen Lidschlag lang erleichterte die irrwitzige Vorstellung sein Herz, der Glisk habe ihm verziehen. Aber der Mann konnte nicht wissen, was ihn bewegte und hatte als kanufahrender Fremder in Saramee vermutlich weniger mit seinem Volk zu tun, als Leiven selbst. Und doch… Und doch lag da eine Forderung in seinen dunklen traurigen Augen. Eine Forderung, die keinen Aufschub duldete. Leivens schlechtes Gewissen ließ ihn sofort an die Figur denken. Seinen Schatz, den er trotz des Blutes, das er für die kleine Statue vergossen hatte, niemals hergeben wollte. Der Überfall hatte ihm ein kleines Vermögen eingebracht, das er auch benötigt hatte, um in langen wilden Nächten die Bilder wieder aus dem Kopf zu bekommen. Die filigrane Statue aber hatte er behalten. Er hatte immer gewusst, dass sie ihm nicht gehörte.
Dann sah er den kleinen Beutel mit Nüssen, den der Fremde ihm unter die Nase hielt. Der Wilde wollte nur wissen, ob die Münze für den Beutel ausreichend war! Bei den zwölf Seen! Leiven schalt sich einen Narren und atmete erleichtert auf. Fast lachend nickte er dem Fremden zu und störte sich nicht einmal an dem seltsamen Blick, den dieser ihm zuwarf. Langsam drehte der Hüne sich um und schlenderte die Promenade hinab. Mit fliegenden Ohren lief der winzige Hund neben ihm her.
Leiven sah den beiden noch immer schlotternd, aber mit tiefer Erleichterung nach. Er hatte sich einfach etwas vorgemacht. Als der Fremde gut fünfzig Meter von ihm entfernt war, sah Leiven im Augenwinkel den noch immer etwas farbarmen Cardiff zu ihm treten.
»Der Tod ist nach Saramee gekommen«, hauchte der sonst so burschikose Aufseher furchtsam. Leiven wollte sich in seiner Erleichterung schon mit einer flapsigen Bemerkung über den zutiefst erschreckten Mann lustig machen, als der Glisk plötzlich im Schritt verhielt. Langsam drehte er sich um und sah mit finsterer Mine zu ihnen herüber. Mit bohrendem Blick, der zuerst Cardiff galt, dann jedoch zu Leiven schwenkte und diesen förmlich zu Eis erstarren ließ, kam der Hüne zurück. Wie ein unausweichlicher Bote des Unheils trat er hinter Leivens Stand und blieb keinen halben Schritt von ihm entfernt stehen. Der Nussverkäufer glaubte, vor dem namenlosen Zorn in den schwarzen Augen des Fremden augenblicklich in Flammen aufgehen zu müssen.
»Der Tod ist in Saramee zuhause«, sagte der hünenhafte Glisk mit schwerfällig knarrendem Akzent. Seine Stimme war so tief, dass Leiven sie in der Brust fühlen konnte und klang, als sei sie seit Jahrhunderten nicht benutzt worden. Dann gaben Leivens schlotternden Knie nach und ließen den alten Mann hilflos in seinen eigenen Nussstand fallen. Mit lautem Getöse fiel die billig zusammengehauene Auslage unter seinem Gewicht zusammen.
Er wusste nicht, wie lange er dort mitten in seiner Ware, die Hände furchtsam über sein Gesicht geschlagen, gelegen hatte. Aber als Leiven wieder aufzublicken wagte, war der Fremde verschwunden.

Szenentrenner


Es war der dreiundsechzigste Tag der großen Dürre, und auch wenn in der feuchten Umgebung der Stadt noch kein wirklicher Grund zur Sorge bestand, begannen die ersten nervösen Späße die Runde zu machen.
Srandur Alvander kannte diese Stimmung. Es war genau die Zeit, in der die Menschen – und auch das andere Gesindel der Stadt – steuerbar und für gut inszenierte Reden empfänglich wurden. Eine herbei geredete Katastrophe war genauso einträglich wie eine tatsächliche, nur dass sie wesentlich weniger Risiken in sich barg. Srandur liebte herbei geredete Katastrophen.
Furcht, Skrupellosigkeit und Habgier seiner Kunden waren die wertvollsten Verbündeten, die ein Geschäftsmann haben konnte. Und genau diese »edlen Gefühle«, wie er sie gern bei sich nannte, förderten Katastrophen jeder Art mit größter Zuverlässigkeit zu Tage.
Den ganzen Abend über hatte Srandur die Lage analysiert und Pläne gewälzt, die die momentane Stimmung bestmöglich ausnutzen sollten. Aber zufrieden war er mit dem Ergebnis noch lange nicht. Plötzlich hörte er, wie unten jemand an die Tür zu hämmern begann.
»Kommandant! Kommandant! Ich muss unbedingt mit Euch sprechen!« Rief jemand mit deutlicher Panik in der Stimme. Um diese Urzeit würden seine Nachbarn wenig Verständnis für die Störung zeigen. Er hörte, wie seine 17jährige Tochter im Nebenzimmer die Fensterläden gegen den Lärm schloss. Sie war es bereits gewöhnt, erboste Personen vor seiner Haustür laut werden zu hören. Als der Radau andauerte, ärgerte er sich über das Dienstmädchen, dass offenbar noch immer nicht an der Tür war. Dann jedoch erinnerte er sich, es vor ein paar Tagen entlassen zu haben.
»Kommandant! Ich weiß, dass Ihr da seid, Herr, bitte, ich muss mit Euch sprechen!« Die sich überschlagende Stimme machte es offenbar, dass der Mann an der Tür äußerst erregt und damit schwer einzuschätzen war. Srandur überlegte, der Stadtwache, die ohne Zweifel bald geholt werden würde, die Angelegenheit zu überlassen. Doch dann fuhr er auf: Kommandant? Seit über 20 Jahren war er nicht mehr so genannt worden. Und er legte absolut keinen Wert darauf, dass seine Söldnervergangenheit in Saramee bekannt wurde.
Alarmiert stand er auf und holte seinen alten Degen aus dem Schrank. Mit schnellen Schritten überwand er die breite Treppe zum Erdgeschoss und wollte schon nach der Tür greifen, als sein Blick am riesigen Flurspiegel hängen blieb. Die hagere Gestalt im Morgenrock, die von dort zurückblickte, war über die Jahre durchaus ansehnlich geblieben. Seine ergrauten Schläfen betonten seine dunklen Augen, während ein sehr gepflegter und stets perfekt nachgefärbter Spitzbart seinem markanten Kinn den letzten Schliff verlieh. Ja, er war eine wirklich ehrfurchtgebietende Persönlichkeit, fand er. Mit übertriebener Geste zog er seinen alten Degen und befand, dass ihm die Macht und die Würde eines Offiziers sehr gut zu Gesicht standen. Ja, Habsucht und Eitelkeit waren seine beiden Laster dachte er lächelnd bei sich; doch konnte er sich wenige Dinge vorstellen, die das Leben lebenswerter machten.
»Kommandant! Es ist wirklich wichtig, ich würde Euch sonst niemals stören!« Brüllte der Kretin erneut vor der Tür. Srandurs Gesicht verdüsterte sich. Mit einem Ruck öffnete er und setzte dem sichtlich erschreckten Besucher den blanken Stahl auf die Brust. Er war sicher, den aufgelösten Mann noch nie gesehen zu haben.
»Wer seid Ihr?«, fragte er schroff.
»Ich bin Leiven, Herr.«
Die Furcht vor der Klinge auf seiner Brust schien sich nach der ersten Schrecksekunde sehr in Grenzen zu halten. »Ihr habt mich in Vlaskos angeworben, Kommandant… Kurz vor…«
»Kurz vor was?«, frage Srandur schroff, ohne den Degen auch nur einen Millimeter zu bewegen. Der alte Händler gefiel sich in der Pose des Kriegers, der er vor Dekaden einmal gewesen war. Vermutlich lag es auch daran, dass er dem anderen nicht schon lange verboten hatte, ihn Kommandant zu nennen.
»Kurz vor dem… dem Feldzug in den Hochmooren von Katras.« Leivens Stimme war zu Srandurs Erleichterung deutlich tonloser und vor allem leiser geworden. Dennoch zog sich seine Kopfhaut schmerzlich zusammen, als er sich von der Vergangenheit eingeholt fühlte. Dem nicht ganz legalen Feldzug unter den Glisk verdankte Srandur den Grundstock seines Vermögens. Er hatte keinerlei Interesse daran, mit dem Massaker in Katras in Verbindung gebracht zu werden. Das war schlecht fürs Geschäft und es fanden sich immer ein paar Weltverbesserer, die sich für Racheengel hielten. Wollte dieser Leiven ihn etwa erpressen? Nein, dafür sah er selbst viel zu ängstlich und aufgelöst aus. Grob zerrte Srandur seinen späten Gast ins Haus und warf die Tür ins Schloss.
»Ich danke Euch, dass Ihr mich einlasst, Kommandant«, meinte Leiven sichtlich erleichtert. »Ich…«
»Gleich«, unterbrach Srandur ihn schroff. Er hatte sich schon lange abgewöhnt, vertrauliche Gespräche irgendwo anders als in seinem gut gegen Lauscher von außen gesicherten Wohnzimmer zu führen. Mit verkniffenem Mund rammte er den Degen in die Scheide und stieß seinen Besucher unsanft die Treppe hinauf.
Als Leiven die breiten Doppeltüren zum gewünschten Raum durchschritt, stockte ihm der Atem. Srandur freute sich wie immer über die einschüchternde Wirkung, die sein – in seinen Augen – geschmackvoll und standesgemäß eingerichtetes Wohnzimmer auf einfache Besucher hatte. Doch es waren weniger die kostbaren Teppiche oder der sonstige schamlos zur Schau getragene Reichtum, der Leiven fast das Herz stehen ließ. Entsetzt starrte er auf eine ganze Vitrine voller Kunstgegenstände, die zweifellos während des Massakers an den Glisk erbeutet wurden. Leiven glaubte beinahe, noch das an ihnen klebende Blut sehen zu können. Mit drei Schritten stand er direkt vor der makabren Ausstellung.
Srandur war unschlüssig. Ja, er mochte die unterwürfige Art seines Besuchers und das kindliche Staunen über seine Schätze. Und natürlich war er neugierig, was der Mann mit ihm zu besprechen hatte. Aber es war bereits spät und nicht in geringer Weise ärgerte er sich darüber, wenn ihm Termine von Straßenpöbel aufgenötigt wurden.
»Nun?«, fragte er ungeduldig. Einen anderen Gast hätte er vielleicht aufgefordert sich zu setzen oder etwas zu trinken angeboten um dessen Gedanken wieder auf den Grund seines Hier seins zu lenken. Bei dem alten Mann, der seine Vitrine wie einen Geist anstarrte, war er jedoch nicht sicher, ob sich die Investition in ein Getränk oder in die Reinigung seiner Sitzmöbel lohnte.
»Das… Das ist er!« Nacktes Grauen verzog Leivens Gesicht zu einer Fratze, die er selbst im Spiegel wohl nicht mehr erkannt hätte. Srandur war alarmiert und hatte die Hand wieder auf den Degen gelegt. Hatte er es mit einem Wahnsinnigen zu tun? Oder hatte er in der Tat etwas so wichtiges zu erzählen, dass es auch für ihn selbst um mehr als nur etwas Geld ging?
»Das ist wer?«, fragte nun auch der Gastgeber mit deutlich belegter Stimme. Doch Leiven hob nur in tonlosem Entsetzen die Hand und wies auf eine kleine braune Statue. Das kleine hässliche Ding stammte wohl noch aus der Frühzeit der Glisk-Kultur und war weit von der Perfektion entfernt, die heutigen Stücken aus Glisk-Händen zu eigen war. Es schien einen haarlosen Affen oder kahlen Mann darzustellen, der entweder einen riesigen Buckel, eine gigantische Melonenscheibe oder gar ein Kanu auf dem Rücken trug. Auf seinem Schoß saß ein kleines, nicht zu identifizierendes Tier. Die Statuette gehörte zu einem ganzen Set aus 11 Stücken ähnlicher Art. Srandur hatte die scheußlichen Dinger nur ausgestellt, weil man ihm versichert hatte, dass sie uralt waren und dass es so etwas nirgendwo in Saramee noch einmal gab.
»Der Kanumann« Leivens Stimme zitterte so sehr, dass er kaum zu verstehen war. Srandur spürte voller Zorn, wie das Grauen auf ihn überzuspringen drohte. Instinktiv holte er aus und ohrfeigte seinen Besucher so heftig, dass dieser beinahe zu Boden gegangen wäre.
»Ich bin an Deinem Gestammel nicht interessiert! Was für ein Kanumann?«, fragte Srandur mit wieder gefundener Schärfe in der Stimme. Doch es bedurfte fast unerträglicher Geduld und zwei große Gläser seines besten Likörs, bis Leiven in der Lage war, seinem Wunsch nachzukommen.
Der Nussverkäufer erzählte von dem unheimlichen Fremden, der vor drei Tagen am Hafen angekommen war. Auf merkwürdig eindrückliche Weise bestand er auf der absurden Idee, dass die uralte Statue seines Gastgebers eben diesen Mann darstellte. Natürlich war dies nichts als eine kindische Wahnvorstellung. Die Statue war nach allen Expertenmeinungen nicht nur viel zu alt, um irgendeinen Lebenden darzustellen, sondern auch so schlecht gefertigt, dass nicht einmal klar war, ob es sich bei dem Abgebildeten um einen Menschen, einen Glisk oder irgendein Tier handelte.
Ebenso lächerlich war für ihn die Vorstellung, dass ein düsterer Rächer der Glisk von einem winzigen Hund begleitet wurde. Natürlich: die Glisk waren ein pathetisches kleines Volk, aber selbst sie würden ihre mächtigen mythischen Gestalten nicht ausgerechnet mit Hunden ausstatten. Er bezweifelte sogar, dass der Fremde überhaupt einen Hund auf seiner Nussschale transportieren konnte. Vermutlich lief ein streunender Köter auf ihn zu um zu betteln und Leiven hatte ihn für ein eigenes Tier gehalten. Derzeit schien es auf den Straßen von Hunden nur so zu wimmeln. Sogar seine eigene Tochter hatte trotz ihrer strengen Erziehung eine dieser streunenden Missgeburten mit ins Haus gebracht. Im Geiste erinnerte er sich noch einmal daran, morgen entsprechendes Gift zu besorgen.
Srandur wollte die ganze Geschichte schon als albernen Aberglauben belächeln, doch dann erzählte Leiven von den Todesfällen. Er hatte nicht gewusst, das außer ihm überhaupt noch jemand aus seiner Söldnereinheit in Saramee Fuß gefasst hatte. Aber außer seinem Besucher sollte es noch vier weitere Männer gegeben haben, die alle in den letzten drei Tagen eines rätselhaften Todes gestorben waren.
Faltnar, der Papierhändler, war mitten in einer Taverne an einem Stück Braten erstickt. Es hatte fast 8 Stunden gedauert, in denen ihm niemand helfen konnte. Der alte Iarun war in seinem Keller von Ratten überrascht worden und konnte sich nur schwer verletzt auf die Straße retten. Gestern war er an einem merkwürdig aussehenden Wundbrand verstorben. Der Färber Alivan war in einen seiner Kessel gefallen und offenbar nicht wieder heraus gekommen. Es musste über 12 Stunden gedauert haben, bis der völlig von Säure zerfressene Mann endlich ertrunken war. Und schließlich war da noch Silat, der seit Jahren für die Stadtwache die Zwangsarbeiter beaufsichtigte. Nach Arbeiten an der Stadtmauer war er nicht zurückgekehrt, was aus ungeklärten Gründen nicht aufgefallen war. Man fand ihn mit einer Hand in die Stadtmauer eingemauert und von streunenden Hunden zerfleischt.
»Das ist alles sehr seltsam«, gab Srandur zu. »Aber wie soll der Fremde solche Dinge eingefädelt haben?« Innerlich beruhigte ihn seine eigene Frage mehr als er zugeben wollte. »Das ist wohl kaum möglich.«
»Aber Herr«, widersprach Leiven mit kreidebleichem Gesicht und bebenden Lippen. »Iarun und Silat haben die fliehenden Glisk mit Hunden gejagt und töten lassen. Beide wurden von wilden Tieren zerfleischt. Faltnar hat die Tochter des Häuptlings für Euch gefoltert, als dieser nicht sagen wollte, wo das Gold ist. Zum Schluss hat er sie erwürgt – und jetzt ist er nach langer Qual erstickt. Und Alivan hat die Säuglinge ertränkt – jetzt ist er ebenfalls ertrunken… nachdem er stundenlang von Säure zerfressen worden ist.« In Leivens Augen war deutlich zu sehen, dass er die Schrecken dieser Tage noch immer so klar vor Augen hatte, als wären sie gerade erst geschehen.
Unter normalen Umständen hätte Srandur die Erkenntnis, einen Mann mit so lebhafter Erinnerung in seiner Nähe zu wissen so sehr beunruhigt, dass er vielleicht sogar einen Spezialisten mit dessen Beseitigung beauftragt hätte. Jetzt nahm er diese Bedrohung allerdings nicht wahr. Stattdessen versuchte er, eine Erklärung für die Vorgänge zu finden.
»Es kann keine Überlebenden gegeben haben«, meinte er nachdenklich. Wir haben jedes Dorf umstellt, wirklich jeden Einwohner einzeln umgebracht und sämtliche Gebäude verbrannt. Es kann einfach keine Überlebenden…«
Leiven fuhr entsetzt hoch und unterbrach seinen Gastgeber mit einem unartikulierten Schrei. Beinahe wäre er in den Kamin gefallen. Srandur fuhr mit dem Degen in der Hand herum und sah in die weit aufgerissenen Augen von Cleo, seiner Tochter. Nur mit dem Morgenmantel bekleidet stand sie in der Tür. Absurderweise ärgerte er sich zunächst darüber, dass sie gegen seine ausdrückliche Anweisung handelte, indem sie diesen Raum betrat, wenn Gäste anwesend waren. Noch dazu musste sie hereingeschlichen sein, weil er sie sonst zweifellos gehört hätte. Dann aber registrierte er den Ekel, das Entsetzen und die Verachtung in ihren Augen. Offenbar hatte sie schon viel zu lange dem Gespräch zugehört.
Der Grund für den entsetzten Aufschrei Leivens saß jedoch auf ihrem Arm. Der winzige schwarze Hund, den Cleo seit zwei Tagen hingebungsvoll verhätschelte, sah ihn mit merkwürdig intensivem Blick an. Offenbar war seine Tochter hereingeschlichen, um das aufdringliche Vieh aus dem Blickfeld ihres Vaters zu entfernen.
Wütend ging er zu ihr, aber Cleo drehte sich wortlos um und verschwand im Flur. Leiven hörte eine Tür zuschlagen und gleich darauf, wie an selbiger gerüttelt wurde.
»Du öffnest sofort diese Tür«, brüllte Srandur, der jede Beherrschung verloren hatte. Als Cleo nicht reagierte, schlug er wütend mit der Faust dagegen. Obwohl der Hausherr immer wütender an der Tür tobte, wagte Leiven vorsichtig näher zu treten. Er musste einfach wissen, was es mit dem Hund auf sich hatte.
»Ich zähle bis zehn. Wenn die Tür bis dahin nicht offen ist, trete ich sie ein!«, brüllte Srandur mit sich überschlagender Stimme. Sein Besucher verstand den furchtlosen Zorn nicht, mit der der Händler auf die Situation reagierte. Er wusste jedoch, dass er in die Geschehnisse nicht mehr eingreifen konnte.
»1 . 2 . 3 . 4 . 5 . 6 .« Leiven überraschte es nicht, Srandur schon bei »6« gegen die Tür anrennen zu sehen. Es war ein alter Trick von ihm, Feinde – und als einen solchen betrachtete er seine Tochter im Augenblick wohl – mit verkürzten Ultimaten zu überraschen. Seine Tochter erwies sich jedoch als eingeschüchterter als ihr Vater erwartet hatte.
In dem Moment, als Srandur die Tür erreichte, wurde diese unverhofft aufgerissen und ließ den erbosten Vater unkontrolliert ins Zimmer stürmen. Mit fürchterlichem Krach durchschlug er die kostbaren Scheiben der Fenster und sogar die geschlossenen Fensterläden. Sein entsetzter Schrei wurde von einem ekelhaft dumpfen Geräusch unterbrochen, als er schließlich auf der gepflasterten Straße aufschlug.

Szenentrenner


Leiven war wie jeden Morgen schwer beladen auf dem Weg zum Hafen. Noch immer hatte sich die grüne Verfärbung um seine Nase nicht verflüchtigt und er fürchtete, nie wieder eine normale Gesichtsfarbe haben zu können. Zu eindrücklich waren die Bilder von Srandur, wie er mit zerschnittenem Gesicht und mehreren Duzend gebrochener Knochen in der Gosse vor seinem Haus gelegen hatte. Sogar sein Genick war gebrochen gewesen, aber Srandur hatte weiter gelebt. Das Grauen in den Augen des brutalen Mannes verfolgte Leiven noch immer. Srandur war entstellt, gelähmt und von allen Menschen – inklusive seiner Tochter – verlassen worden.
Geschickt umging er den größten Trubel, der seit es die Stadt gab, mit dem Erwachen des Hafens einherging und bog in die Promenade ein. Seine Brust zog sich zusammen, als er sah, dass er bereits erwartet wurde. Auf dem Landungssteg, an dem er auch angekommen war, stand der Fremde und schaute ihm reglos wie eine Statue entgegen. Zu seinen Füßen schlief ein kleiner schwarzer Hund. Hatte der Fremde gewusst, dass Leiven kommen würde?
Mit steifen Schritten betrat der Nussverkäufer den Landungssteg und hoffte, dass er nicht auf dem Weg zum Schafott war. Im Näherkommen sah er, dass das Kanu nun nicht mehr an der teuren Längsseite des Steges, sondern vor Kopf befestigt war. Seltsam, wie sehr solche Belanglosigkeiten ihn in einem solchen Moment auffielen. Er zwang sich, sich auf die paar Worte zu konzentrieren, mit denen er sich bei dem Glisk – oder vielleicht bei den Glisk – entschuldigen wollte.
Als er schließlich vor dem Fremden stand, brachte er jedoch kein Wort heraus. Er konnte ihm nicht einmal in seine unergründlichen Augen schauen. Nach kurzem ungemütlichem Schweigen fiel er wortlos auf die Knie und legte dem Glisk den großen Sack vor die Füße. Er enthielt alle geraubten Schmuckstücke und Gegenstände der Glisk, die Leiven bei sich selbst und bei Srandur hatte finden können. Der Hund streckte und kratzte sich ausführlich. Mit einer ähnlich alltäglichen Selbstverständlichkeit ergriff der Glisk den Sack, band ihn an ein Seil und ließ ihn in sein Kanu hinab. Anschließend wurde der Hund in bekannter Manier hinab gelassen. Leiven schien vergessen. Als der Fremde selbst Anstalten machte, in das Kanu hinab zu steigen, wagte der alte Mann doch noch, eine Frage zu stellen. Mit brüchiger Stimme fragte er:
»Ist der Tod noch immer in Saramee zuhause?« Der Hüne stutzte einen Augenblick.
»Der Tod ist das Privileg der Sterblichen«, knarrte die ungelenke Stimme. Dann wandte er sich um, stieg in sein Kanu und ruderte dem Horizont entgegen. Eine Stunde später setzte der Regen ein.

18. Jan. 2012 - Guido Krain

Bereits veröffentlicht in:

IN DEN GASSEN VON SARAMEE
C. Weidler (Hrsg.)
Anthologie - Fantasy - Atlantis Verlag - Mai. 2008

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