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Der Harlekin
von Vincent Voss

Miguel Worms Miguel Worms
© http://www.mw-illustration.com/
Dieser Turm steht Stein auf Stein
Und doch ist´s Schein
Für die Wünsche dessen, was wir nie hatten
Sie werfen im Lichte die weitesten Schatten


Der Harlekin lebte in einem Turm am Rande des Waldes und jeden Morgen, wenn er aus seiner Tür trat, um in die beschauliche Stadt zu gehen, verweilte er unter dem Torbogen zu seiner Tür und sah hinauf zu der Inschrift, die auf den apricotfarbenen Steinen prangte. So wie er dort stand, schien er sich an etwas zu erinnern. Etwas, das sehr lang zurücklag, denn er stand dort eine Weile, wiegte sich ein wenig hin und her und schritt dann die Stufen zum Weg hinab.

In dem Städtchen kannte ein jeder den Harlekin, aber niemand wusste, woher er kam, denn er lebte schon ewig in dem Turm. Keiner konnte sich erinnern, ob der Harlekin hier geboren wurde, oder ob er ein Zugereister war. Der Harlekin selbst schwieg. Er redete nie.

Der Harlekin sah hinauf zum Himmel, blinzelte in die Sonne und ging mit weiten Schritten und hinter dem Rücken verschränkten Armen auf die Straße. Wie immer war seine linke Gesichtshälfte weiß und drei schwarze Tränen rannen seitwärts am Auge entlang und seine rechte Gesichtshälfte trug schwarz und zwei weiße Tränen liefen vom anderen Auge herab. Geraden Wegs auf den Marktplatz zu, grüßte er jene durch Zunicken, die um diese frühe Stunde ihr Werk begannen. Einen Schweinehirten, einen Zimmermann und zwei Mägde, die mit Wäsche zum Fluss gingen. Am Marktplatz war er der Erste, der sein frisches Brot bekam und er setzte sich in den zarten Sonnenschein am Springbrunnen, um sein Mahl zu sich zu nehmen. Dort blieb er sitzen, bis zur Mittagszeit. Es sei denn, ein ernster Anlass hätte ihn verhindert.

Ein ernster Anlass, wie die Namensgebung eines Neugeborenen. Wurde sie gefeiert, so kam auch der Harlekin und überreichte der Mutter einen Strauß Blumen. Blumen, die einen Hauch jenseits ihrer schönsten Blütenpracht standen, man ahnte, dass sie bald welken würden und dennoch waren sie noch schön anzusehen. Und im Gelächter der Freude und der Herzlichkeit über ein neues, unschuldiges Leben, besah der Harlekin zärtlich dieses Wunder, doch kein Lächeln stand in seinem Gesicht, es war eine melancholische Bitterkeit, die ihn umgab. Der Harlekin blieb stets so lange, bis er aufgefordert wurde, das junge Kind zu halten. Und in diesem Moment schien die Zeit wie festgefroren. Egal, wie das Kind überreicht wurde, in den Händen des Harlekins wurde es zauberhaft still und nicht selten, wenn es denn schon die Augen offenhalten konnte, sah das Kind den Harlekin verzückt an, als würde es in eine andere Welt schauen oder an den Ort von wo es herkam, bevor es im Leib der Mutter zum Leben heranreifte. Dann gab er das Kind zurück und ging.

Wenn jemand von ihnen ging, so war ebenso der Harlekin Gast zu diesem Anlass. Er stand mit den Trauernden zusammen, sah Tränen fließen, sah, wie der Schmerz des Verlustes aus schönen Antlitzen Grimassen formte und hielt sich mit einem Lächeln im Hintergrund. Er lächelte immer noch, wenn jener Hinterbliebene, dessen Schmerz am unsagbarsten war, ihm gegenübertrat und ihm in die Augen sah. Und auch dieser Augenblick gefror, es kehrte Stille in den Leidenden ein, der Blick verklärte sich und wurde einer Welt gewahr, in der jemand auf den Hinterbliebenen in Liebe warten würde. Dann ging der Harlekin.

Am Nachmittag eilte der Harlekin zurück zu seinem Turm. Er verließ den Marktplatz auf einem anderen Weg, der zum Fluss führte und an ihm entlang ging er bergauf an Brücken vorbei, bis er an ein Gartentor kam, das zu seinem Grundstück führte. Er schritt die Stufen hinauf, blickte auf seinen Turm und verweilte unter der Inschrift, ehe er die Tür öffnete und verschwand.

Und niemand fragte sich, wovon der Harlekin lebte, oder wie er in den folgenden Stunden seine Zeit verbrachte, doch in dieser Zeit, in der man ihn nicht sah, reckten die Menschen oft ihren Kopf zum Turm, wie, um sich zu vergewissern, dass er immer noch da war, wo er seit einer Ewigkeit stand. Beim Jäten von Unkraut, wenn man sich erhob und durchstreckte, wenn man Gänse über den Weg trieb in einer engen Gasse und sich ein Blick darauf bot, wenn man innehielt von seinem Werk und sich einen Augenblick der Pause gönnte oder wenn man nachdachte, über den Sinn oder Unsinn allen Lebens. Die höchsten Mauerzinnen des Turms ragten unvollendet in den Himmel. Als hätte jemand vergessen, die letzten Steine zu setzen. Aber es störte sich niemand daran, auch der Harlekin nicht.

Zur Abenddämmerung verließ der Harlekin ein zweites Mal seinen Turm, schritt die Stufen hinab. Doch zum Abend ging er hinter den Turm und dort führte ein kleiner Weg in den Wald hinein. Bedächtig waren seine Schritte nun, als ob ein anstrengender Tag hinter ihm lag und Ruhe vor ihm. Er blieb im Wald, bis der Mond aufging und den Turm in einen milden Schimmer tauchte. Dann kehrte er zurück, ging in seinen Turm und ein Licht erhellte hoch droben eine Fensteröffnung und vielen Menschen war es ein Bedürfnis vor dem Schlafengehen, einen letzten Blick zum Turm zu tun. Sie schlossen die Fensterläden in der Gewissheit, dass alles seine Ordnung hatte.

Szenentrenner

Alana


Als junges Mädchen spielte Alana oft am Fluss. Sie ließ Stöcke hinabfahren und lief ihnen so lange hinterher, bis es nicht mehr ging. Mit den anderen Mädchen spielte sie Pferd und sie ärgerten die Jungs.
Im Sommer sprangen sie alle in den Heuböden herum, dessen Ernte sie geholfen hatten, hier zu trocknen und zu verstauen. Den stärksten Jungen, Jelian, bezwang sie im Raufen und seither war er von großer Bewunderung zu ihr und suchte ihre Nähe.
Auch, als Jungen und Mädchen begannen sich anders zu necken. Mit pochendem Herzen, wenn das Spielen Nähe zuließ und es zu flüchtigen Berührungen kam, die gewollt waren und im Empfinden niemals flüchtig erinnert wurden, sondern von einer Länge, die einem ganzen Sommer gleichkam.

Ihre Freundinnen bewunderten Alana. Jelian war kräftig, gutaussehend und hatte jenen Humor, der begeistern konnte. Flink und wendig war sein Geist und alle sahen, wie er um Alana warb. Auch Alana. Doch empfand sie nicht für ihn, was andere Mädchen empfunden hätten. Sie empfand überhaupt nicht, was ihre Freundinnen fühlten, wenn sie sich mit Jungs abgaben, in ihr war es leer und oft schaute sie in sich, weil sie glaubte, etwas würde in ihr fehlen.
„Alana! Was träumst du denn schon wieder?“, wurde sie zurückgerufen und ein schüchternes Lächeln bahnte sich auf ihrem Gesicht an und ließ andere sie mögen.
Doch in ihr blieb es leer.
Und abends wurde ihr das Licht im Turm zu einem treuen Freund, wenn sie am offenen Fenster stand, nach oben sah und fühlte, wie sie nie zuvor gefühlt hatte.

In der kalten Winterdämmerung stand sie am Fenster, während noch die Stimmen ihrer Freundinnen vom Marktplatz zu ihr wehten, und sah zum Turm, in dem noch kein Licht brannte. Doch es brannte in ihr und sie zog sich an, verließ das Haus und schlich eilig den Weg zum Turm. Sie sah, wie der Harlekin unter seinem Eingang stand, nach oben sah, sich umdrehte und hinter dem Turm verschwand. Vielleicht, so dachte sie, waren sie verbunden, alleine zu sein, vielleicht teilten sie ein und dasselbe Geheimnis und wenn es auch nur ihr aufgeregtes Herz war, sie beschloss, ihm zu folgen. Sie lief ihm hinterher, sah, wie er vor ihr im Wald über einen Bachlauf sprang, eine Anhöhe erklomm und stehen blieb. Inmitten von Bäumen, die unterschiedlich hoch gewachsen und von solcher Anmut waren, dass es ihr den Atmen verschlug. Dort stand er, der Harlekin und wie von einer traurigen Melodie geleitet, schritt er zwischen den ebenen Stämmen umher und berührte zärtlich Baum und Baum. Er flüsterte ihnen zu, legte seine Stirn an manch einen Stamm und wie in einem Traum verstrichen Stunden, ohne dass es Alana bemerkte.

Irgendwann richtete sich der Harlekin so auf, als ob er gehen wollte und Alana erschrak und wollte zurückweichen. Doch zu spät, der Harlekin sah zu ihr und trotz der Dunkelheit trafen sich ihre Blicke und sie wusste, sie war für ihn bestimmt.

Und er wusste, sie war für ihn bestimmt.

Alana kam nicht zurück. Nicht den nächsten und auch nicht den übernächsten Tag. Es wurde geweint um sie, es wurde ihrer gedacht, es wurde erinnert. Und wie eine ferne Insel tauchte die Gewissheit auf, dass sie dem Harlekin bestimmt war und dass die Liebe zum Harlekin für die Liebe an sich stand. Die Liebe, der immer ein Schmerz innewohnt.

Der Harlekin sah hoch zum Turm. Heute stand er länger dort. Es war ihm, als sei heute etwas anders, ein weiterer Stein vielleicht. Mit einem gemischten Gefühl, doch eher traurig als fröhlich ging er in seinen Wald und flüsterte zu seinen Bäumen. An einem jungen Stamm verweilte er besonders lang.

16. Aug. 2012 - Vincent Voss

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