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Nachtangst
von Norma Feye

Diese Kurzgeschichte ist Teil der Kolumne:

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A. Bionda
46 Beiträge / 45 Interviews / 102 Kurzgeschichten / 2 Artikel / 136 Galerie-Bilder vorhanden
Crossvalley Smith Crossvalley Smith
© http://www.crossvalley-design.de
Es ist dunkel, als ich aufwache, dunkel und still. Alles, was ich höre, ist das Rauschen meines Blutes in den Ohren und das Pochen meines Herzens.
Wo bin ich?
Die Frage drängt sich langsam, aber unaufhaltsam in meine trägen Gedanken, und plötzlich bin ich hellwach.
Wo bin ich?
Was ist passiert?

Mein Puls beschleunigt sich, und ich höre ein dumpfes Keuchen. Ich zucke erschrocken zusammen, ehe mir klar wird, dass ich selbst es gewesen bin, die dieses Geräusch verursacht hat.
Langsam setze ich mich auf. Es bereitet mir Mühe, mich zu bewegen, mein Körper fühlt sich fremd und taub an, Arme und Beine scheinen nicht zu mir zu gehören und bleischwer zu sein.
Was ist mit mir passiert?
Angst beginnt, mir die Kehle zuzuschnüren. Ein Laut drängt dennoch hinauf, vielleicht auch ein Schrei, vielleicht ein Wort, aber meine Angst hält es zurück.
Was, wenn …
Nein, ich muss es wissen. Ist hier noch jemand? Oder … etwas?
„Hallo?!“
Meine Stimme ist so rau und dünn, dass ich sie kaum erkenne. Ich hole tief Luft und versuche es erneut.
„Hallo?!“
Meine Stimme klingt nun kräftiger, aber noch immer fremd.
„Ist hier jemand?“
Ich lausche angestrengt, doch alles, was ich höre, ist Stille.
Die Dunkelheit um mich herum ist absolut – nirgendwo ein Lichtschimmer, keine Umrisse, keine Schatten.
Es fühlt sich an, als säße ich im Nichts.
Meine Hände, die bis jetzt meine Knie umklammert haben, sinken kraftlos herab und berühren kühlen, ebenen Untergrund. Es dauert einen Atemzug oder zwei, ehe ich begreife, was das bedeutet: Es gibt tatsächlich etwas in diesem „Nichts“.
Zaghaft taste ich umher, soweit meine Arme reichen. Ich fühle mich noch immer so taub und schwer, dass jede weitere Bewegung unmöglich ist.
Der Boden fühlt sich glatt an, und doch gar nicht so kühl, wie er mir erst erschienen ist.
Nein, halt! Ein Teil des Bodens ist angenehm warm, aber ein anderer, viel größerer, ist kühl, beinahe kalt. Mein träges Hirn braucht eine Weile, aber dann wird mir klar: Es ist meine Körperwärme, die ich auf dem Boden spüre.
Wie auf ein unhörbares Signal hin beginne ich zu frieren. Ich schlinge die Arme um mich und rolle mich auf dem warmen Fleck auf dem Boden zusammen, Tränen schnüren mir die Kehle zu und brennen in meinen Augen.
Verwirrt, hilflos und einsam lasse ich ihnen freien Lauf.

Szenentrenner


Ich träume.
Ein kleiner Hof, umschlossen von hellen Mauern, die im warmen Sonnenlicht schimmern. Entlang der Mauern stehen Büsche und kleine Bäume in großen, bunt bemalten Töpfen, zwei Haselnusssträucher, ein Apfelbäumchen, ein kleiner Zitronenbaum, ein Orangenbaum.
In einer Ecke steht ein alter Olivenbaum, und die knorrigen Äste werfen ihren kühlen Schatten über eine kleine, steinerne Bank voller bunter Kissen. In der Mitte des Hofes lässt ein Brunnen seine glitzernde Fontäne auf ein leuchtend blaues und rotes Mosaik herabplätschern.
Kinderlachen, Freude und Geborgenheit …


… wie eine ferne Erinnerung, mehr Traum als Wirklichkeit.
Ich fahre aus dem Schlaf auf und versuche, die warmen, hellen Bilder festzuhalten, aber schon zerfasern sie wie Rauch im Wind.
Zurück bleibt ein Gefühl von Leere und Kälte.
Keine wirkliche Kälte, die Dunkelheit um mich herum ist weder warm noch kalt, sondern ein innerliches Frösteln.
Verwundert fahre ich mir mit den Händen durchs Gesicht, ich bin tatsächlich eingeschlafen. Die Bewegung fällt mir jetzt deutlich leichter, ich finde die Kraft aufzustehen, und stehe schwankend in der Finsternis.
Ich strecke die Arme aus und taste um mich, meine Finger fahren ins Leere.
Erneut spüre ich, wie die Angst mich packen und lähmen will, doch diesmal lasse ich sie nicht gewähren, sondern weiche ihr aus, indem ich vorsichtig ein paar Schritte vorwärts mache.
Mein Herz pocht aufgeregt und ich spüre, wie meine Hände zittern.
Die Dunkelheit um mich herum ist absolut – nirgendwo ein Lichtschimmer, keine Umrisse, keine Schatten.
Es fühlt sich an, als träte ich ins Nichts.
Doch unter meinen tastenden Füßen spüre ich den kühlen, glatten Boden.
Ein Schritt … noch ein Schritt … und noch einer … gehe ich geradeaus? Ich kann es nicht sagen. Ein weiterer Schritt, mehr ein Tasten als ein echtes Vorwärtsgehen.
Wo bin ich?
Wohin gehe ich?

Plötzlich ist die Angst da, schlägt wie eine Welle über mir zusammen und raubt mir den Atem.
Ich will zurück, zurück zu diesem einen Fleck, der ein bisschen Wärme verspricht, ein klein wenig Geborgenheit.
Auf allen vieren taste ich über den Boden, eilig, hektisch. Wohin muss ich? Welche Richtung? Gibt es hier überhaupt eine „Richtung“?
Da! Ich spüre Wärme auf dem Boden, jenen Fleck, den mein Körper hinterlassen hat.
Wieder rolle ich mich dort zusammen und ergebe mich der Dunkelheit.

Szenentrenner


Ich träume
Dieser wundervolle, sonnendurchflutete Hof. Der Zitronenbaum, der Apfelbaum und der Orangenbaum blühen. Der süße Duft der zarten Blüten erfüllt die Luft, Bienen summen und bunte Schmetterlinge baden ihre Flügel in der Sonne. Auf der Bank unter dem Olivenbaum liegt ein Stück Seide, dicht und gleichmäßig bestickt mit bunten Fäden und blauen Perlen.
Eine schlanke Hand nimmt die Handarbeit auf, eine warme Stimme sagt: „Das ist wirklich schön. Du hast geschickte Hände.“
Die Frau, die spricht, ist wunderschön, ihr Gesicht strahlt Freundlichkeit aus, Freude und Geborgenheit


… wie eine ferne Erinnerung, mehr Traum als Wirklichkeit.
Noch während ich aufwache, verflüchtigen sich die Bilder, die blühenden Bäumchen, die Schmetterlinge, das schöne, freundliche Gesicht.
So sehr ich mich auch bemühe, ich kann den Traum nicht festhalten.
Zurück bleibt nur ein Gefühl von Traurigkeit und Verlassenheit.
Formlos, lautlos drängt sich die Dunkelheit um mich, scheint mich niederdrücken zu wollen, gleichzeitig aber eine wortlose Herausforderung auszusprechen.
Ein Teil von mir will die Herausforderung annehmen, ein anderer sich in mir selbst verkriechen. Gespannt, aber unbeteiligt wie ein ferner Beobachter, verfolge ich den lautlosen Disput, bis schließlich eine Seite gewinnt.
Entschlossen stehe ich auf, verharre aber nach dem ersten Schritt mit einem Fuß noch einen Moment an jenem warmen Fleck, ehe ich die Hände vorstrecke und in die Dunkelheit vorwärts gehe.
Irgendwann werde ich eine Wand erreichen, es muss einfach Wände geben an diesem Ort. Ich sehne mich danach, etwas zu finden, das der Stille und Finsternis eine spürbare Grenze setzt.
Und was dann? Vielleicht eine Tür?
Das Gefühl von Hoffnung setzt so zaghaft ein, dass ich es zuerst kaum bemerke.
Dann aber breitet es sich warm und belebend in mir aus. Meine Schritte werden fester, meine ausgestreckten Hände hören auf zu zittern und mein Herz klopft nicht mehr ängstlich, sondern erwartungsvoll.
Weit gehe ich durch die Dunkelheit, Schritt um Schritt, darauf gefasst, jeden Moment eine Wand zu ertasten.
Ich spüre, wie der Boden unter meinen Füßen ansteigt, erst unmerklich, dann immer deutlicher, schließlich so steil, dass ich die Hände zu Hilfe nehmen muss, um vorwärts zu kommen. Doch auch das funktioniert nicht lange, nur ein paar Herzschläge später spüre ich die Wand.
Die Wand? Oder doch den Boden? Ist der Boden die Wand? Die Wand der Boden?
Ich bin verwirrt.
Doch den Gedanken, eine Tür zu finden, vergesse ich darüber nicht. Über die unmögliche Schräge taste ich mich an der Wand – am Boden? – entlang.
Es kostet Kraft, sich ständig gegen die Schräge zu stemmen, viel Kraft, und mit dieser schwindet auch meine Zuversicht.
Die Dunkelheit scheint meine zunehmende Schwäche zu wittern und drängt wieder erbarmungslos auf mich ein. Das Gefühl von Hoffnung erstickt unter dem wachsenden Druck.
Schließlich schwinden meine Kräfte ganz. Ich rutsche ein Stück die kühle, glatte Schräge hinab, fast bis da, wo der Boden wieder eben ist.
Die Dunkelheit um mich herum ist absolut – nirgendwo ein Lichtschimmer, keine Umrisse, keine Schatten.
Es fühlt sich an, als sei ich ins Nichts zurückgefallen.
Ich rolle mich zusammen, wo ich gerade liege, jetzt sogar der geringen Geborgenheit meines warmen Flecks am Boden beraubt.

Szenentrenner


Ich träume.
Der stille, idyllische Hof, die hellen Wände schimmern im Vollmondlicht. Die bunten Kissen von der Steinbank sind sorgfältig unter dieser auf dem Boden gestapelt. Die Fontäne des Springbrunnens ruht. Die Obstbäume, inzwischen hoch gewachsen, stehen in neuen, größeren Kübeln und ihre Äste hängen tief, herabgezogen vom Gewicht der reifen Früchte.
Oben auf der Mauerkrone erscheint ein Gesicht, jugendlich, attraktiv, mit leuchtenden braunen Augen und umrahmt von welligem, dunklem Haar.
„Es wird Zeit“, sagt eine weiche, überaus aufregende Stimme. „Wir müssen unser Geheimnis lüften. Ich sehne mich nach dir mit jedem Atemzug.“
Seine Worte versprechen Liebe, Freude und Geborgenheit …


… wie eine ferne Erinnerung, mehr Traum als Wirklichkeit.
„Nein, bleib …!“
Was ich auch versuche ist vergeblich. Ich breche in Tränen aus, als ich spüre, wie mir dieser Traum, wie alle zuvor, entgleitet.
Zurück bleibt nur ein Gefühl von Verlust und Schmerz.
Über allem liegt eine unwirkliche, innerliche Kälte, die mich frösteln lässt, obwohl ich gar nicht friere.
Ich drücke mich fest an den Boden, damit das bisschen Wärme, das mein Körper dort hinterlassen hat, die Kälte aus meinem Innern vertreibt. Der Versuch ist ebenso vergeblich wie der, den Traum festzuhalten.
Der Boden ist dort, wo mein Gesicht liegt, nass von Tränen, und ich spüre meinen Atem, der, vom Boden zurückgeworfen, über meine feuchten Wangen streicht.
Die Dunkelheit scheint Tonnen zu wiegen. Sie liegt so schwer auf mir, dass ich es nicht wage, auch nur daran zu denken, mich zu bewegen. Sie wird mich zerquetschen, sobald ich nur einen Finger rühre. Es ist eine zweifelhafte Gnade, dass sie mir überhaupt das Atmen erlaubt.
Ich liege dort, so klein zusammengerollt, wie es nur möglich ist, und bin umgeben von Schwärze. Eine Schwärze, die sich lebendig anfühlt, die atmet und handelt, und die mich als ihr Opfer gewählt hat.
Sie drückt mich nieder, hält mich fest, saugt Gedanken und Gefühle, saugt das Leben selbst aus mir heraus, und überhäuft mein Herz und meinen Geist mit Angst.
Die Dunkelheit um mich herum ist absolut – nirgendwo ein Lichtschimmer, keine Umrisse, keine Schatten.
Es ist, als schwebte ich im Nichts.
Einem lauernden, gefährlichen Nichts, das nur darauf wartet, mich zu verschlingen.
Ich sehne den Schlaf herbei und die Träume. Wenigstens dort finde ich Frieden und Wärme.

Szenentrenner


Ich träume
Der Hof ist gar nicht mehr idyllisch, dichte Regenwolken verdunkeln den Himmel und färben die Mauern grau und matt. Der Brunnen ist trocken, die Obstbäume sind abgeerntet und wirken kahl und trostlos. Viele Menschen stehen im Hof, unter ihnen die schöne Frau, doch ihr freundliches Gesicht ist ernst und ihre Augen blicken voller Sorge, und der aufregende Junge. Fassungslos sieht er aus und aufgebracht.
„Wie könnt ihr es wagen?“, donnert eine wütende Stimme, und alle Anwesenden ducken sich unwillkürlich. „Ihr gebt diesem Knaben den Vorzug? Ihr habt sie mir versprochen!“
Der Mann, der gesprochen hat, hebt eine Hand, in der er einen schimmernden Gegenstand hält. „Ich fordere, was mir zusteht. Sie gehört mir!“
Mit diesen Worten wirft er die glänzende Flasche vor meine Füße.
Angst durchströmt mich, Verwirrung, Verzweiflung …


… wie eine böse Erinnerung, leider kein Traum, sondern traurige Wirklichkeit.
Ein Ruf weckt mich, so warm und verlockend, dass ich den schlechten Traum so schnell wie möglich abschütteln will.
Ich öffne die Augen, gerade rechtzeitig, um das Licht zu sehen, das die Dunkelheit durchdringt. Es beginnt sanft, wird aber dann immer heller und strahlender.
Der Ruf erklingt erneut, neckt mich, lockt mich, will mich verführen, ihm zu folgen.
Eilig richte ich mich auf und sehe mich um, will ergründen, wer mich ruft.
Das Licht erfüllt inzwischen alles um mich herum. Es dringt …
… durch die gläsernen Wände der Flasche, bricht sich in funkelnden Edelsteinen und elegant geschliffenen Mustern und wärmt die grausame Dunkelheit fort.
Ich stehe auf, und je weiter ich mich erhebe, desto weiter bleiben die gläsernen Wände unter mir zurück.
Ein Dschinn zu sein, ist nicht der Fluch …
… jedes Mal nach dem dritten Wunsch ohne Erinnerung in der Dunkelheit der Flasche zu erwachen, das ist der wahre Fluch.

06. Okt. 2013 - Norma Feye

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