Main Logo
LITERRA - Die Welt der Literatur
Home Autoren und ihre Werke Künstler und ihre Werke Hörbücher / Hörspiele Neuerscheinungen Vorschau Musik Filme Kurzgeschichten Übersicht
Neu hinzugefügt
Autoren
Genres Magazine Verlage Specials Rezensionen Interviews Kolumnen Artikel Partner Das Team
PDF
Startseite > Kurzgeschichten > Norma Feye > Steampunk > Nummer 6

Nummer 6
von Norma Feye

Diese Kurzgeschichte ist Teil der Kolumne:

AGENTUR ASHERA Zur Gallery
A. Bionda
46 Beiträge / 43 Interviews / 102 Kurzgeschichten / 2 Artikel / 128 Galerie-Bilder vorhanden
Peter Wall Peter Wall
© http://www.picturewall.eu
Es war ein kühler, klarer Morgen, als der Schneider Angelo Cloppenberg das Haus in der Seidenstickergasse verließ, unter dessen baufälligem Dach seine kleine, billige Mansarde lag. Während er die schmale Gasse hinunter zur Arbeit ging, freute er sich über den für einen Oktobermorgen ungewöhnlichen Sonnenschein. Gewöhnlich trieb der Fluss im Herbst jeden Morgen seinen klammen, grauen Nebel weit über das Handwerkerviertel hinaus in die Stadt hinein.
Doch Angelos Freude hielt nicht lange an. Sein Arbeitgeber, Meister Leitzinger, würde heute wieder besonders unausstehlich sein, denn die monatliche Razzia der Anbarik-Kommission stand bevor.
Alle vier Wochen erschienen die Kontrolleure mit ihren düsteren Dampfdroschken im Handwerkerviertel und durchsuchten die besonders produktiven und umsatzstarken Betriebe nach verbotenen anbarischen Geräten.
Der Gebrauch der Anbarik mit ihren vielen Vorteilen war nur dem Adel und den Wissenschaftlern in der Universität erlaubt. Das gemeine Volk war davon ausgeschlossen. War nun eine Werkstatt besonders schaffenskräftig und machte gute Gewinne, so stand schnell der Verdacht im Raum, dass dort verbotene Maschinen verwendet wurden.
Leitzingers Elegante Mode war die führende und mit Abstand erfolgreichste Schneiderei der ganzen Stadt, und so war es geradezu selbstverständlich, dass die Kommission ihre Kontrolleure schickte.
Wie sehr wünschte sich Angelo, einen Weg aus Leitzingers Atelier zu finden und seine eigene kleine Werkstatt zu gründen. Aber eine Neugründung war praktisch unmöglich, seit Generationen teilten sich die alteingesessenen Betriebe und Werkstätten Kunden, Materialien und Einkünfte des Handwerkerviertels nach einem geheimen System, und die Monopole wurden stets weitervererbt. So blieb Angelo nichts anderes übrig, als seine Arbeitskraft für einen niedrigen Lohn an Meister Leitzinger zu verkaufen.
Es gab noch einen einzigen anderen Weg, Leitzingers Werkstatt und despotischer Herrschaft zu entkommen, doch die war noch viel illusorischer: Hofschneider im Palast des Prinzregenten zu werden.
Zwölf ausgesuchte Schneider hatten diese Aufgabe inne, und wann immer einer von ihnen kündigte oder verstarb, – was beides äußerst selten geschah –, war der vakante Platz heiß umkämpft und die Bewerbungskriterien kaum zu erfüllen. Trotzdem war dort hinzugelangen Angelos größter Traum und innigster Wunsch.

Szenentrenner


Als Angelo die Werkstatt betrat, herrschte helle Aufregung. Die Lehrlinge und Gesellen standen neben ihren Maschinen und diskutierten heftig, statt zu arbeiten, und Meister Leitzinger war so vertieft in ein Gespräch mit seinem Altgesellen, dass er gar nicht bemerkte, dass die Arbeit ruhte. Gewöhnlich pflegte er schon das geringste Anzeichen von Müßiggang mit dem Rohrstock zu bestrafen und mit sofortiger Entlassung zu drohen.
Angelo nahm seinen Kollegen und Freund Ivan beiseite.
„Was ist denn hier los?“, erkundigte er sich verwirrt.
„Dass du das noch nicht gehört hast“, wunderte sich Ivan. „Wo doch das ganze Viertel schon davon spricht. Einer der Hofschneider ist heute Nacht gestorben, und alle Schneider sind aufgerufen, sich um den frei gewordenen Posten zu bewerben. Klar, dass Leitzinger den haben will.“
Angelo fühlte sein Herz bis zum Hals schlagen.
„Wie denn bewerben?“, wollte er wissen.
„Mit einem Ballkleid für die Regentengattin“, gab Ivan bereitwillig Auskunft. „Bis zum Wochenende muss die Bewerbung in Form dieses Kleides im Palast eingehen. Man sagt …“
Ivans Worte gingen in dem Rauschen unter, das plötzlich Angelos Ohren erfüllte. Sein Traum, plötzlich zum Greifen nah!
Er stürmte aus der Werkstatt und nahm gar nicht wahr, wie Ivan ihm verwundert nachrief.

Szenentrenner


Mit Händen, die vor Aufregung zitterten, und noch immer diesem Rauschen in den Ohren, stand Angelo eine Stunde später im Stofflager der Schneidergilde. In seiner Tasche fühlte sich der Beutel, in dem all seine Ersparnisse lagen, schwer und bedeutsam an.
Wie im Rausch durchwühlte er die Regale.
Zuerst die Farbe. Die Regentengattin war blond und eher blass … also Grün? Ja, das war gut.
Dann die Stoffe. Seide? Nein, dieses Jahr zu günstig zu haben. Samt? Ja, bestens geeignet für einen Überrock. Brokat? Gewagt, weil in diesem Jahr eher selten getragen. Aber vielleicht gerade deshalb … Glänzenden Taft für den Unterrock? Perfekt. Rosshaar und Fischbein, nein, Aluminiumdraht für die Tornüre, Garn, Knöpfe, Bordüren. Spitze? Nein, Spitze trugen dieses Jahr nur Kinder. Perlen? Für die Säume? Nein, nicht elegant genug. Fransenborte? Unbedingt.

Szenentrenner


Es war bereits dunkel, als Angelo, schwer beladen mit seinen Einkäufen, in seiner Mansarde ankam. Eifrig verteilte er die Stoffe und anderen Materialien auf seinem schmalen Bett und betrachtete stolz, was er mit seinen knappen Ersparnissen hatte kaufen können. Die üppigen Goldfäden in dem moosgrünen Brokat glitzerten im matten Schein der Gaslampe, der Samt in der gleichen Farbe wirkte satt, dicht und makellos. Bei dem Taft für den Unterrock war er mutig gewesen, das Blattgrün strahlte und changierte je nach Lichteinfall ins Gelblich-Goldene.
In Angelos Kopf formten sich die Stoffe bereits zu Kleidungsstücken.
Aus dem Brokat eine kurze Balltaille, ein eng tailliertes, elegantes Jäckchen, vorn spitz zulaufend und hinten mit gefältelten Schößchen, dreiviertellangen, schmalen Ärmeln, einem ovalen Ausschnitt und hinten mit goldenen Knöpfen geschlossen; hinten, nicht vorne wie sonst üblich. Was für eine Idee!
Der hellgrüne Unterrock vorn ganz glatt, hinten üppig weit mit einer kleinen Schleppe. Dafür hatte er extra mehr Material eingeplant, obwohl er sich die Tornüre, ein tunnelförmiges Gestell zum Aufbauschen der Gesäßpartie, darunter nicht allzu groß vorstellte, da die Lady eine zierliche Person war.
Den Überrock aus dem dunklen Samt knapp knielang, seitlich gerafft und mit goldener Fransenborte abgesetzt.
Vor seinem inneren Auge setzten sich alle Teile zu einem so strahlend schönen Gesamtbild zusammen, dass ihm die Tränen in die Augen traten.
Eifrig griff er nach dem Brokat, wandte sich zu seiner Nähmaschine um, die in einer Ecke stand …
… und all seine Träume zerplatzten wie eine Seifenblase.
Es waren nur noch vier Tage bis zum Wochenende! Niemals konnte er alleine diese anspruchsvolle Aufgabe meistern.
Selbst, wenn seine Nähmaschine statt Pedal und Schwungrad einen Dampfmotor und ein Gestänge gehabt hätte, und dadurch mehr als doppelt so schnell gewesen wäre, wenn er eine moderne Stickmaschine statt nur seiner Hände gehabt hätte, und einen großen Tisch zum Zuschneiden statt des unebenen Fußbodens seiner Kammer, es war einfach nicht genug Zeit!
Leitzinger, ja, Leitzinger würde es schaffen, mit seinen Lehrlingen und Gesellen, dem gut einen Dutzend Hände, das ihm zur Verfügung stand.
Aber er, Angelo, würde kläglich versagen … denn ihm fehlten einfach weitere Hände.

Szenentrenner


Es war schon mehr als nur normales Unbehagen, das Angelo beschlich, als er in der düsteren Kellerwerkstatt stand, in die sein zwielichtiger Nachbar Borninger ihn gebracht hatte.
Borninger hatte ihn auf der Treppe sitzend gefunden, kurz davor, sich mit einer Flasche billigen Fusels besinnungslos zu trinken. Der Schmuggler und Hehler hatte sich Angelos Klagen angehört, ihn dann beim Arm genommen und ihn wortlos bis in eine der schlimmsten Gegenden der Stadt geführt.
Vor einer niedrigen Kellertür hatte Borninger angehalten, geklopft und dem kleinen Kerl, der geöffnet hatte, zugeraunt: „Hilf dem Jungen.“
Die Erscheinung des kleinen, schmuddeligen Mechanikers mit seinen öligen Fingern, den strähnigen Haaren und der fleckigen Schürze, trug nicht dazu bei, Angelo zu beruhigen, als er nun in dem niedrigen Kellerraum stand.
„So, so“, krächzte der kleine Kerl und kicherte gackernd. „Mehr Hände will der Herr. Mehr Hände. Wenn der liebe Gott gewollt hätte, dass der Mensch mehr Hände …“
„Ich habe keine Zeit für so was“, brauste Angelo auf und staunte über seinen eigenen Schneid. „Können Sie mir helfen oder nicht?“
Der Mechaniker stutzte kurz.
„Gewiss, gewiss“, sagte er dann, winkte mit dem Finger und flüsterte: „Kommen Sie mit.“
Angelo folgte dem Mann in ein Hinterzimmer, wo dieser einen Schrank aufschloss und einen in Tücher gewickelten Gegenstand auf einen Tisch legte.
Unter den Tüchern verbarg sich ein Kasten mit zwei Riemen, einer Art Gürtel mit Schalthebeln und vier Kugelgelenken, zwei auf der linken und zwei auf der rechten Seite.
Wortlos wuchtete der Mechaniker den Kasten auf Angelos Rücken, zog ihm die Riemen wie bei einem Rucksack über die Schultern und schloss den Gürtel um seine Hüfte.
Angelo hörte, wie der Mechaniker etwas an dem Tornister festmachte, dann klickte ein Schalter und ein leises Summen erfüllte den Raum.
„Den Steuerhebel ganz rechts“, forderte der kleine Mann dann. „Gaaanz vorsichtig.“
Irgendetwas bewegte sich in Angelos Rücken, als er zögernd den Hebel drückte, dann schob sich etwas über seine Schulter und er sah … eine kleine metallene Hand an einem dünnen, metallenen Arm, die sich hin- und herbewegte, je nachdem, wie er den Hebel betätigte.
„Tadaa!“, krächzte der Mechaniker. „Ihre dritte Hand.“
„Wie …“, sagte Angelo, gleichsam verwirrt und fasziniert.
„In dem Tornister ist ein anbarischer Generator …“
„Anbarik ist illegal“, brach es aus Angelo heraus, doch der kleine Mann sah ihn nur mit hochgezogenen Brauen an.
„Illegal, illegal“, wiederholte er spöttisch. „Wen interessiert das? Brauchen Sie diese Hand oder nicht?“
Angelo dachte an das herrliche Ballkleid, zögerte kurz und warf dann alle Bedenken über Bord.
„Ich nehme es“, sagte er entschlossen. „Wofür sind die anderen drei Hebel?“
„Für die anderen drei Hände.“
„Drei weitere Hände?“ Angelo konnte es kaum glauben. „Die nehme ich auch.“
„Das würde ich Ihnen nicht raten. Vier Hände sind schwer zu kontrollieren“, warnte der Mechaniker.
„Ich nehme alle vier“, beharrte Angelo.
„Das kann wirklich gefährlich werden“, versuchte der kleine Mann ihn weiter umzustimmen.
Doch Angelo dachte an das Ballkleid und blieb stur.
„Ich nehme alle vier!“

Szenentrenner


Wie schnell und leicht die Arbeit plötzlich von der Hand - von den Händen - ging, dachte Angelo, als er weit nach Mitternacht von dem Stoff in seiner (eigenen) Hand aufsah.
Der Überrock war soeben fertig geworden. Damit hatte er angefangen, da Samt stets störrisch und deshalb schwierig zu verarbeiten war. Er pflegte zu verrutschen, die beiden Florseiten verhakten sich gern ineinander, Nähte wurden dadurch schief und krumm und die Teile passten nicht mehr aufeinander.
Mit Nummer 3, so hatte er den mechanischen Arm genannt, war das alles überhaupt kein Problem gewesen. Nichts verrutschte, nichts verzog sich, weil Nummer 3 alles mit sicherem Griff an Ort und Stelle hielt.
Angelo holte Nummer 4 aus einer Tasche, schloss ihn an den Tornister an, übte kurze Zeit, und machte sich dann daran, die Tornüre zu konstruieren.
Es war so leicht. Fast schien es ihm, als folgten die beiden mechanischen Arme nicht den Hebeln, die er bediente, sondern seinen Gedanken. Jeder Griff saß, und das Summen des anbarischen Generators erfüllte den Raum.

Szenentrenner


Der Unterrock nahm so schnell Formen an, dass Angelo es selbst kaum glauben konnte. Nummer 3 und Nummer 4, inzwischen verstärkt durch Nummer 5, bändigten mühelos Meter um Meter raschelnden Taftstoffs, während seine eigenen Hände Nähte und Säume absteckten, Falten legten und den Stoff unter der Nadel der Nähmaschine hindurchführten.
Ein berauschendes Glücksgefühl erfüllte Angelo. Er nahm sich kaum die Zeit, die Vorhänge zu schließen und das Gaslicht anzuzünden, als erneut die Nacht hereinbrach. Er konnte sich kaum erinnern, dass es zwischendurch Tag gewesen war, so vertieft war er in seine Arbeit.
Erst eine Nacht und einen Tag! Er konnte es schaffen, mühelos, sogar viel schneller und genauer als Leitzinger.
Es wurde Zeit für Nummer 6.

+++

Als die Kontrolleure der Anbarik-Kommission die Mansarde stürmten, fanden sie den Schneider tot.
Ein Arm jenes Gerätes, wegen dem sie gekommen waren, lag ausgestreckt neben ihm am Boden, zwei weitere hatten sich heillos in einander verstrickt, der vierte hatte sich um des Schneiders Hals gewickelt.
Grüner Brokat bedeckte das Gesicht des Toten und die Goldfäden glänzten im Sonnenlicht des neuen Tages…

20. Okt. 2013 - Norma Feye

[Zurück zur Übersicht]

Manuskripte

BITTE KEINE MANUS­KRIP­TE EIN­SENDEN!
Auf unverlangt ein­ge­sandte Texte erfolgt keine Antwort.

Über LITERRA

News-Archiv

Special Info

"Flucht aus der Komfort- zone!"
Im Sachbuch "TOP: Die neue Wissenschaft vom bewussten Lernen" geht es um die Befähigung Höchstleistungen zu vollbringen.

LITERRA - Die Welt der Literatur Facebook-Profil
Signierte Bücher
Die neueste Rattus Libri-Ausgabe
Home | Impressum | News-Archiv | RSS-Feeds Alle RSS-Feeds | Facebook-Seite Facebook LITERRA Literaturportal
Copyright © 2007 - 2017 literra.info