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Anti-Nerd
von Ladina Bordoli

Diese Kurzgeschichte ist Teil der Kolumne:

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A. Bionda
46 Beiträge / 45 Interviews / 102 Kurzgeschichten / 2 Artikel / 136 Galerie-Bilder vorhanden
Su Ehlers Su Ehlers
© http://su-ehlers.deviantart.com
Wikipedia sagt: Nerd ist die englische Bezeichnung für Fachidiot oder ganz einfach für Sonderling. Ich bin wohl beides. In manchen Fächern sicher ein totaler Idiot, im Großen und Ganzen aber ein sonderbarer Mensch. Wenn ich das jetzt behaupte, dann dürft ihr mir ruhig glauben. Niemand weiß das besser als jemand, der vierundzwanzig Stunden, sieben Tage die Woche und bei Pech, bzw. Schaltjahr, auch noch volle dreihundertfünfundsechzig Tage im Jahr, ICH sein muss. Bis und mit dreizehn war ich ein niedliches Pflänzchen, neugierig und fleißig. Danach verschlang ich Bücher, Unmengen davon. Die Philosophie, die Kunst, die Lyrik, die Physik und die Astronomie hatten es mir angetan. Ich wollte, nein musste, diese Welt verstehen. Ich glaubte fest, dass es eine Regel gab, die unser ganzes Leben bestimmte, unser Dasein erklärte und uns leitete. Von der Geburt bis zum Tod oder darüber hinaus. Wie ein Alchimist vermischte ich die Theorien der Physik mit jener der Religion, suchte in der Philosophie nach Parallelen und mischte allem eine Prise „vielleicht-habe-ich-noch-eine-bessere-Idee“ bei. Ich war die kleine Prinzessin, welche auf einem winzigen, kaum sichtbaren Asteroiden lebte. Allein mit einer betörend seltenen Rose, die sich Wissensphantasie nannte.
Ihr wisst nicht, was Wissensphantasie ist? Es ist eine seltene, ambivalente, sich ständig von einer Form in die nächste wandelnde Verschmelzung zwischen Ying und Yang.
Wissen und Phantasie.
Sein und möglich sein.
Und genau das prägte mein Leben als ich die 16er Marke knackte und mich rasend schnell den Zwanzigern näherte. Als Erstes stellte ich mit großem Schock fest, dass in der heutigen Welt weder Wissen noch Phantasie gefragte Tugenden waren. Das hätte mir auch schon früher auffallen dürfen, denn warum sonst hatte die Wissensphantasie all die langen Jahre auf einem entfernten Asteroiden gewohnt? Eins war also klar: Die Wissensphantasie musste mein Geheimnis bleiben. Sie war ein Nerd-Ding. Dennoch war sie mir das Liebste in meinem jungen Leben. Es gab nichts, was mich dermaßen verzückte, verzauberte, absorbierte und bis in meine Träume verfolgte. Die Realität, wie sie von vielen meiner Freunde und erwachsenen Bezugspersonen genannt wurde, befand sich jedoch in unaufhaltsamem Vormarsch. Ich erkannte, dass ich mir schleunigst eine Anti-Nerd-Attitüde zulegen musste, wenn ich mich im Jungel des Lebens behaupten wollte. Das hinderte mich natürlich nicht daran, meinem kleinen Asteroiden gelegentlich einen Besuch abzustatten. Ich beschränkte diese Form der Zügellosigkeit jedoch auf die Wochenenden. Montag bis Freitag ließ ich mir etwas einfallen.
Es begann mit einem Besuch beim Friseur. Meine Hanna-Montana-Mähne machte einem Sidecut Platz, der mir das Aussehen einer Kopfgeldjägerin verlieh. Ich war sehr zufrieden. Ich kaufte mir das kleinste Mitglied der iPod-Familie und versenkte den weißen Stöpsel gut sichtbar in meinem Ohr. Selbstverständlich war das nur zur Zierde. Meine eigenen wertvollen Gedanken waren schon laut genug; wer hätte sich da noch von einer gefallsüchtigen Grammy-Gewinnerin mitten ins Hirn brüllen lassen wollen? Ich konnte es nicht ausstehen, wenn Lady Gaga und Konsorten mich ständig unterbrachen, wenn ich über die wirklich wichtigen Dinge des Lebens nachdachte, wie zum Beispiel: Wer oder was genau sind die Fibonacci-Zahlen und was haben sie mit mir zu tun?
Selbstverständlich waren sowohl Fibonacci wie auch Einstein Themen, die nur laut ausgesprochen werden durften, wenn niemand zuhörte. Am Montagmorgen streifte ich mir die Kothurnen über meine Füße und spielte bis am Freitag die Hauptrolle in der Tragödie meines Alltags. Anstelle von geheimnisvollen Zahlen fragte ich nach der neusten Trendwoche bei Mc Donalds und dem Ausverkauf bei H&M. Einstein ersetzte ich durch „Jungs dort und Jungs da“. Mit diesen beiden Konversations-Konstanten lag ich selten daneben. Damit ich den Start der Fußball-WM, den neusten Trend in Hollywood und die eklatanten Geschichten aus dem Dorf nicht verpasste, besorgte ich mir ein Facebook-Konto und verbrachte mehrere Stunden auf Wikipedia und Google. In der Mittagspause konnte ich mich zusätzlich weiterbilden, indem ich mich kurzerhand an den Primadonna-Tisch setzte. Da wurde mir dann auch sofort klar, was Einstein gemeint hatte, als er sagte: „Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit. Beim Universum bin ich mir allerdings noch nicht ganz sicher.“
Wie dem auch immer sei mit der Natur des Menschen, mein Anti-Nerd-Projekt schien prächtig zu gedeihen. Mit der Zeit vergaßen die Leute um mich herum, dass ich im Grunde meines Wesens ein seltsames Geschöpf war, welches sich nach Wissen und Phantasie sehnte. Sie ahnten nicht, dass die Person, die sie vor sich sahen, eigentlich auch nur ein Produkt meiner Phantasie war, welches ich mit dem Wissen über die mir fremde Welt beseelt hatte. Da sie meine ruhelosen, nimmer stummen, stets dahinjagenden Gedanken weder hören noch einfangen konnten, hielten sie mich irgendwann für eine der ihren. Dennoch blieb der Asteroid insgeheim mein Zuhause.
ER … hatte das sofort erkannt und als Einziger durchschaut.
Tobias war neu an unserer Schule und mit seinem Batman-Rucksack und der „I love Hobbits“-Mütze war er vom ersten Tag an alles andere als populär. Während sich die meisten in der Kantine Pommes und Schnitzel holten, aß er Kartoffelsalat mit Schnittlauch und frischen Tomaten. Er benutzte Handcreme während den Wintermonaten und kaufte sich Sponge-Bob-Kaugummis. Ich weiß nicht mehr, wie es so weit hatte kommen können, aber eines Tages ließ ich zu, dass er meine sorgfältig einstudierte Rolle in der Herde gefährdete.
„Hast du dich schon mal gefragt, welche Zahl Herr Keller ist?“, fragte er mich eines Tages, als ich alleine mit ihm im Schulzimmer zurück blieb, weil ich meine Sachen nicht schnell genug im Rucksack verstaut hatte. Ich hielt mitten in der Bewegung inne und starrte ihn einen Moment lang fassungslos an. Ohne dass ich etwas dagegen tun konnte, dachte ich über seine Frage nach und je länger seine Worte in den Windungen meines Hirns widerhallten, desto plausibler schien sie mir. Nach einer Minute des absoluten Schweigens war ich mir sicher, dass jeder Mensch mit einer Zahl verglichen werden konnte.
„Hm …“ Ich seufzte. „Ich würde sagen, eine runde Zahl. Vielleicht 80? Ich meine, rund in jeglicher Hinsicht, optisch und rechnerisch.“
„Schon kapiert.“ Er nickte ernst. „Ich würde sogar noch weitergehen: Rund auf den ersten Blick, aber mit einer gewissen Häme und Missgunst, so wie eine 83, findest du nicht?“
„Was ist mit 83.7? Das hat noch etwas Eckiges und Garstiges drin“, spann ich seine Geschichte weiter.
„83.7 ist perfekt, absolut“, meinte er anerkennend und holte sich seine Handcreme aus dem Rucksack. „Willst du auch was davon?“, fragte er und hob die Augenbrauen.
„Ist wohl nicht dein Ernst?!“, stieß ich aus und warf ihm einen angewiderten Blick zu. Bloß weil wir uns jetzt mit der 83.7 einig gewesen waren, mussten wir ja nicht gleich Blutsbrüder werden. Außerdem stellte er eine Gefahr für mein Image dar. Ich hatte weiß Gott genug Talent, Wissen und Sorgfalt in mein Anti-Nerd-Projekt gesteckt, als dass mir gerade dieser „Nerd im Quadrat“, welcher überdies noch neurotische Züge aufwies, einen Strich durch die Rechnung machte und meine Tarnung auffliegen ließ.
Ein feines Lächeln umspielte seine Mundwinkel, als er die Tube wieder in seinen Rucksack steckte.
Ich wollte mich gerade locker lässig verabschieden und ihm irgendein distanziertes Abschiedswort entgegengrunzen, als er meinte: „Same same, but different.“
„Halt die Schnauze, Bilbo Beutlin!“, fauchte ich und ließ ihn im Schulzimmer stehen. Ich schüttelte ärgerlich den Kopf. Als ob wir irgendeine Gemeinsamkeit hätten!! Oder spielte er darauf an, dass ich vorgab, gleich wie alle andern zu sein und es in Wahrheit gar nicht war?
In den folgenden Tagen mied ich Tobias‘ durchdringenden Blick und gab mir Mühe, ihm nur noch in Begleitung meiner Herde zu begegnen. Selbstverständlich hatte ich nicht damit gerechnet, dass er die Frechheit besaß, mir auf die Mädchentoilette zu folgen.
„Ups, falsche Tür …“, meinte er gleichgültig und in schleppendem Ton, als er neben mir die Hände wusch und mich im Spiegel anstarrte. Er zeigte kein bisschen Reue und gab sich nicht mal ansatzweise Mühe, seine Absichten zu verbergen.
„Verfolgst du mich? Spinnst du?“, stieß ich atemlos aus und wurde rot vor unterdrücktem Zorn.
„So würde ich es nicht ausdrücken“, begann er ungerührt und lächelte, „Als Verfechter des Kausalitätsprinzips glaube ich jedoch auch nicht an Zufälle …“
„WAS WILLST DU!?“ Ich schrie jedes einzelne Wort und blickte ihn herausfordernd an.
Ich hatte mit allem gerechnet.
Nur nicht mit dem.
„Mein Vater ist krank und meine Mutter und ich können die ganze Arbeit nicht alleine verrichten. Wir brauchen Hilfe. Du bist die Einzige, die sowas kann. Man muss es verstehen … man“, er hielt inne und starrte auf seine nassen Hände.
Ich blickte ihn stirnrunzelnd an. Wovon zum Teufel redete der Nerd?
Er faltete die Hände und meinte: „Gut, ich sag‘s jetzt einfach. Bitte nicht böse werden.“ Er warf mir einen unsicheren Blick zu, als wolle er meine Reaktion erahnen. „Wir sind … eine Bestatter-Familie. Wir bestatten Menschen. Wir brauchen Hilfe dabei.“
Ich starrte ihn einige Sekunden mit offenem Mund an, strich mir eine Strähne aus dem Gesicht und brachte kein Wort heraus.
„Tja, also, wenn du nicht willst … ich wollte nur fragen.“ Er biss sich unsicher auf die Lippen und kratzte sich an seiner Hobbit-Mütze.
In mir tobte ein Sturm. Das Anti-Nerd-Projekt hatte sich soeben mit lautem Getöse verabschiedet. Tobias hatte meine Neugier geweckt. Keines der langweiligen, zum Hirntod führenden Teenie-Themen besaß auch nur ansatzweise die düstere Faszination und Mystik eines Bestattungsinstitutes. Wenn ich meinem Verlangen nach Wissensphantasie jetzt jedoch nachgab, würde es kein Zurück mehr geben. Nie mehr würde ich meine leidenschaftliche Andersartigkeit soweit zügeln können, um ein Leben in friedlicher Anonymität zu führen. Ich war am Scheideweg.
„Ich werde euch helfen.“ Ich seufzte und resignierte. Tobias‘ vor Freude glitzernde Augen vermochten meine Ohnmacht und meine Wut auf mich selbst jedoch nicht zu schmälern.
Ich war schwach geworden.
Und so kam es denn, dass das Anti-Nerd-Projekt genau dort landete, wo die meisten guten Vorsätze endeten: Im mentalen Mülleimer. Sie begannen als gute Ideen und endeten als Anekdoten, anstatt eine viel versprechende Prophezeiung zu werden.
Die Welt der 16-20 Jährigen wurde wieder zu meinem Zweitwohnsitz und meine Popularität glich der Exponentialkurve radioaktiven Zerfalls. Irgendwann hatte ich mich der Null-Grenze so weit angenähert, dass mich selbst das www.kremer-bestattungen.ch-T-Shirt, welches mir Tobias geschenkt hatte, nicht mehr unbeliebter machen konnte.
Seltsam war jedoch, dass ich mich, einmal an diesem Punkt angelangt, plötzlich unglaublich frei und erleichtert fühlte. Mein Leben war keine Reality-Show mehr und ich musste auch nicht mehr den Oscar für den coolsten Teenager gewinnen.
Ich war einfach ich.
Im Alltag ein Nerd von Kopf bis Fuß.
In meiner Freizeit eine Walküre, welche die ehrenvoll Gefallenen auf ihrem Weg ins Totenreich nach Walhall begleitete.
Übrigens: Meinen neurotischen, Nerd-im-Quadrat Freund mit dem morbiden Familienunternehmen …
… den habe ich behalten. Bis heute.
Die Frisur nicht.

01. Mar. 2014 - Ladina Bordoli

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