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Die Schokoladenfrage
von Guido Krain

Diese Kurzgeschichte ist Teil der Kolumne:

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A. Bionda
98 Beiträge / 27 Interviews / 31 Kurzgeschichten / 5 Artikel / 59 Galerie-Bilder vorhanden
Shikomo Shikomo
© http://www.shikomo.de
Prologstory zu „Argentum Noctis“

Wie wir alle wissen, leidet das britische Empire unter einem wesentlichen Mangel – empfindsame Gaumen. Dies drückt sich nicht allein im unethischen Bestreben der britischen Küche aus, kostbare Nahrungsmittel möglichst ungenießbar zu machen – ich erinnere an Kreationen wie „Rehrücken in Pfefferminzsauce“ oder „Kidney Pie“. Besonders drastisch zeigt sich die kulinarische Verirrung in einem Mangel an kultivierten Getränken, die die Seele zusammenhalten.
Dabei rede ich selbstverständlich auch nicht vom britischen Bier – dessen Qualität wäre zweifellos hervorragend, würde es nicht kurz über Zimmertemperatur serviert werden. Darüber hinaus halten alkoholische Getränke auch nicht die Seele zusammen, sondern lassen sie eher zerfließen.
Nein, wer auf den britischen Inseln ein kultiviertes Getränk sucht, wird nur selten etwas anderes als Tee finden. Keine Frage: Einen guten Earl Grey weise auch ich nicht aus meiner Tasse. Aber nichts ist so erfrischend, wie ein gepflegter italienischer Espresso oder ein türkischer Mocca. Warum ich Ihnen das erzähle? Ganz einfach, damit Sie den Eifer meines Freundes Charles Eagleton nachvollziehen können. Meine heutige Geschichte spielt lange vor den Verwüstungen in der Londoner City die – wie ich noch einmal betonen möchte – wirklich nur auf ein leicht nachvollziehbares Versehen zurückzuführen waren. Julie hatte noch nicht einmal ihren ersten Bart angezündet, Fifi noch nicht ihren ersten Gedanken gedacht und ich war noch nicht einmal geboren. Oder bereits tot. Beziehungsweise versilbert … Teile von mir jedenfalls. Na ja, Sie wissen ja, dass der Sachverhalt bei mir etwas Komplizierter ist.
Jedenfalls musste sich mein Freund Charles während seines ersten großen Abenteuers noch ohne seine besten Freunde oder seine Frau – die damals noch ein Kind war – durchs Leben schlagen.

Szenentrenner


„Doch, bestimmt!“, versicherte Norman. „Da ist Musik drin, das wird eine ganz große Sache!“ Doch Charles blieb skeptisch. Ein aufputschendes Getränk zu kreieren war bereits Normans 22te todsichere Geschäftsidee. Jedes Mal hatte der kurze blonde Mann kleine Vermögen mit derartigen Ideen durchgebracht – und selten seine eigenen. Dennoch war Norman, wenn man von seiner extrem feuchten Aussprache absah, kein unangenehmer Zeitgenosse. So wie Charles mit ihm beim Tee zu sitzen, erforderte jedoch eine gewisse Geschicklichkeit, wenn man seinen Tee unverdünnt genießen wollte.
„Na gut“, lenkte Charles ein. „Wenn du deine Formel fertig hast, setze ich mich an die Maschine.“ Als Chemiker mit zwei linken Händen und ohne Verständnis für Mathematik war Norman natürlich nicht in der Lage, seine hochtrabenden Ziele alleine zu verwirklichen. Da Charles nicht nur eine hilfsbereite Seele, sondern auch ein genialer Erfinder war, wurde er deshalb oft in dessen obskure Projekte hineingezogen.
Dennoch hatte Charles keinen Grund zu klagen. Norman hatte mehrere Immobilien geerbt und ließ meinen Freund kostenlos in einer bescheidenen Bleibe über einem verlassenen Lagerhaus wohnen. Da war es nur recht und billig, seinen Gönner ab und zu bei seinen Geschäftsideen zu unterstützen.
„Großartig!“, rief Norman und schlug seinen Becher so hart auf den Tisch, dass der Tee überschwappte. „Dann mache ich mich gleich ans Werk. Bis später, Early!“ Energiegeladen sprang er auf und knarzte die alte Holztreppe zum Erdgeschoss hinunter.
Dass er einmal den Spitznamen „Early“ getragen hatte, hat mir Charles übrigens erst viel später anvertraut. Er war sowohl eine Verballhornung seines Namens als auch ein Kompliment. Er sollte auf die zweifellos vorhandene aristokratische Ausstrahlung meines Freundes, also auf den Titel „Earl“ anspielen. Außerdem schlief Charles so wenig, dass Norman ihn – egal wie früh er kam – niemals weckte. Deshalb glaubte er, Charles würde ungewöhnlich früh, also early, aufstehen.
So schmeichelhaft der Spitzname auch war: Ich persönlich kann Spitznamen nicht ausstehen – außer meinen eigenen natürlich.
Aber ich schweife ab.

Szenentrenner


Norman kehrte jedenfalls weder an diesem, noch am folgenden Tag zurück. Später sollte Charles erfahren, dass Norman mit einer schweren Vergiftung ans Bett gefesselt war. Als Chemiker war es eben nicht unbedingt gesund, jede der eigenen Kreationen zu probieren.
Normans Idee arbeitete in Charles’ Kopf jedoch weiter. Allerdings glaubte Charles nicht, dass Drogen eine sinnvolle Hilfe gegen Müdigkeit waren. Zur Erhaltung seiner Leistungsfähigkeit war der Körper offenbar auf Schlaf angewiesen. Wenn man auf Schlaf verzichten wollte, sollte man ihn deshalb nicht hinauszögern, sondern ersetzten – so dachte er. Und da bis heute noch niemand genau sagen kann, aus welchem Grund genau wir alle jede Nacht unsere Matratzen abhorchen, kam er auf einen folgenschweren Gedanken: Elektrizität.
Er war von der Erkenntnis fasziniert, dass unsere Körperfunktionen elektrisch gesteuert würden und sogar in unseren Hirnen Ströme zu messen seien. Vielleicht war es genau diese Energie, die im Schlaf nachgetankt wurde? Zwar gab es keine Berichte über Schlafverzicht nach Stromschlägen, aber vielleicht lag das einfach daran, dass der menschliche Körper den Strom nicht so schnell speichern konnte. Schließlich ernährte er sich ja auch nicht von Blitzen, sondern von chemischer Energie. Nutzte er vielleicht den Schlaf, um diese in Elektrizität umzuwandeln?
Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Mein Freund Charles ist ein Genie, nur leider kennt er keine anderen Prioritäten, wenn er einmal einen Geistesblitz hatte. Also begann er, ein Gerät zu entwickeln, das elektrischen Strom in einfachem Wasser speicherte – nicht chemisch, wie in einer Batterie, sondern physikalisch, in ihrem ursprünglichen, aktiven Zustand. Das hört sich unmöglich für Sie an? Für mich ebenfalls. Aber Charles gelang es tatsächlich ein Prinzip zu entwickeln, elektrischen Strom für kurze Zeit in Wasser zu lösen.
Nach zwei Tagen hatte er sich die nötige Theorie mit einem Wust von Formeln erarbeitet. Voller Eifer war er in die mathematische Überprüfung seines Theoriegebäudes vertieft, als seine Blätter urplötzlich zu duften begannen. Steckrübeneintopf, konstatierte er. So tief war er in seine mathematische Welt abgetaucht, dass er die neue Eigenschaft seiner Aufzeichnungen einfach als sehr unwahrscheinlich empfand.
Dann, als habe jemand einen Schalter umgelegt, nahm er das Phänomen mit den Augen – oder besser der Nase – eines geistig gesunden Menschen wahr: Die Kladde ist neu. Sie kann nicht nach Steckrübeneintopf riechen, ging ihm auf. Verwirrt hob er die Augenbrauen und schnüffelte direkt am Papier.
Hinter ihm kicherte es.
Er fiel vor Scheck beinahe vom Stuhl. Kerzengerade fuhr er auf und drehte sich um.
„Nun gehen mir aber langsam die Ideen aus, wie man dich besuchen kann ohne dass dich der Schreck fast umbringt“, meinte eine warme weibliche Stimme. Die Eigentümerin hatte blaue Augen, die meinen Freund voller Zuneigung ansahen. Sie war recht groß und ungewöhnlich dürr. Ihre Kleidung hatte einige Löcher und mit ihrer großen Nase und den übergroßen Händen wirkte sie irgendwie verbaut. Dennoch hätte man sie ganz und gar nicht als hässlich bezeichnen können. Ihre blonden Haare waren schon fast vollständig weiß, reichten ihr aber bis zum Po und ließen sie kein bisschen alt aussehen. Hätte Charles nicht gewusst, dass sie fast doppelt so viele Sommer wie er gesehen hatte, hätte er sie in etwa auf sein eigenes Alter geschätzt. Optisch schien sie ihr eigenes Gegenteil zu sein. In ihren Händen hielt sie eine große Schüssel mit Eintopf, dessen Duft sie Charles bis eben mit dem Saum ihres Umhangs unter die Nase gewedelt hatte.
„Rosie!“, rief der Erfinder erfreut. Sofort nahm er seinem Gast das schwere Gefäß aus den Händen. Kaum hatte er das Essen abgestellt, wurde er bereits umarmt.
Ich möchte an dieser Stelle darauf hinweisen, dass Charles zu dieser Zeit nicht einmal zweiundzwanzig war. Dennoch war er durch und durch ein britischer Gentleman sodass Sie vielleicht ermessen können, wie viel Freude für diesen Gefühlsausbruch erforderlich war. Noch dazu, weil seine Bekanntschaft mit Rosie rein freundschaftlicher Natur war.
„Hallo Charlie“, sagte sie sanft. „Hast du mich vermisst?“ Es war ein Ritual. Sie fragte ihn das jedes Mal und freute sich wie ein kleines Mädchen, wenn er nickte. Dabei sahen die beiden sich sehr oft.
„Oh ja und nicht nur wegen des Essens. Du bist wirklich eine Magierin“, fand Charles. Rosies Lächeln wurde zu einem breiten Grinsen. „Eher eine Hexe“, meinte sie und tippte sich kichernd an die Sichelnase.
„Tut mir leid, Rosie“, heuchelte Charles, während er das Geschirr auf den Tisch stellte. „Ohne Warze ist das keine Hexennase.“ Schmunzelnd setzte er hinzu: „Außerdem brauen Hexen Zaubertränke und keine Eintöpfe.“
„Sei mal nicht so voreilig, Charlie“, warnte sie, während sie sich setzte. „Zum einen weißt du nicht, welche Zutaten ich verwendet habe und zum anderen ist es ja bekannt, wie gerne wir Hexen kräftige junge Kerle mästen.“ Sie zog die Schultern hoch und ließ ein hohles Kichern hören. Herzhaft lachend stimmte Charles ein.
Erst beim Essen bemerkte mein Freund, wie hungrig er war. Unter den sanften Augen der Köchin leerte er fast dreiviertel des Eintopfs. Tja, bis Fifi endlich in sein Leben trat, war Charles ständig Gefahr gelaufen, aus Gedankenlosigkeit dem Hungertod anheimzufallen. Ohne Rosies Fürsorge hätte ich ihn vermutlich nie kennen gelernt. Insofern waren die beiden quitt. Seit dem Tod ihres Mannes musste sich Rosie ihr Einkommen als Prostituierte verdienen. Mein heldischer Freund hatte sie eines Nachts schwer verletzt in einer Gasse liegend gefunden und sie dann in seiner Bleibe gesund gepflegt. Charles hatte sich noch nie lange mit Vorurteilen aufgehalten – sie war eine Frau gewesen, die Hilfe brauchte. Ihr zu helfen war für ihn selbstverständlich gewesen.
Seit dieser Zeit war sie seine einzige echte Freundin. Sie hatten beide wenig Geld, wann immer aber einer von beiden etwas übrig hatte, teilten sie es miteinander. Charles hatte ihr über Norman sogar eine ähnliche kostenlose Bleibe wie sich selbst verschafft.
Ich hatte leider nie das Vergnügen, Rosie persönlich kennen zu lernen. Bei seinem Aufstieg beteiligte er sie so großzügig an seinem Vermögen, dass sie sich ihren Traum vom Reisen erfüllen konnte. Ihren letzten Brief bekamen wir aus den Kolonien; aus einem kleinen Nest namens „Los Angeles“. Aber ich schweife schon wieder ab.
Jedenfalls beobachtete Rosie mit sichtlichem Vergnügen, wie mein selbst in seinen Zeiten der Armut stets distinguierter Freund über ihren Eintopf herfiel. Selbstverständlich aß er gesittet, aber der Löffel entwickelte schon eine erstaunliche Frequenz.
„Und? Woran arbeitest du gerade?“, fragte sie, als der erste Heißhunger gestillt war.
„Ich versuche, Schlaf zu ersetzen.“
Rosie sah erst verdutzt aus und kicherte dann. „Wie darf ich mir das vorstellen? Mit was ersetzen?“
„Mit künstlichem Schlaf.“
Ihr Ausdruck ließ ihn grinsen. Sie schüttelte die Kopf. „Verstehe. Wenn du Erfolg hattest, gehe ich zum Schlafhändler und kaufe dann drei Stunden Schlaf für einen Penny?“ Die Vorstellung schien sie sehr zu erheitern.
„So ungefähr“, bestätigte Charles schmunzelnd. „Nur, dass du deinen Schlaf natürlich umsonst bekommst.“
Für einen Herzschlag sah sie ihn mit diesem besonderen Ausdruck an, den sie immer dann zeigte, wenn ihr Freund ihr mal wieder wunderlich vorkam. „Du wirst es nicht glauben“, vermutete Rosie gedehnt. „Aber mein Schlaf kostet mich jetzt schon nichts.“ Charles lachte. „Aber stell dir vor, du müsstest nicht schlafen. Du hättest jeden Tag mindestens acht Stunden mehr Zeit.“
„Um was zu tun? Das Geld für meinen Schlaf verdienen?“ Rosie schüttelte den Kopf. „Ich schlafe eigentlich recht gerne.“
„Also wenn ich jeden Tag mehr Zeit hätte, wäre ich viel produktiver.“
„Das Einzige, wofür du mehr Zeit bräuchtest, wäre die Damenwelt. Es wird Zeit, dass du dir eine reizende Misses Eagleton angelst. Wenn du erst reich bist, weißt du nicht mehr, ob sie nur auf dein Geld aus ist.“ Sie zwinkerte ihm frech zu.
„Ja, das habe ich wohl verdient“, räumte Charles ein. Immerhin war Rosie in der vergangenen Woche vor seiner Mutter als Verlobte eingesprungen. Die alternde Misses Eagleton hatte sich schon sorgenvoll gefragt, ob ihr Sohn überhaupt an der Damenwelt interessiert sei. Gut geschminkt war Rosie ohne weiteres als Gleichaltrige durchgegangen.
„Aber bist du denn gar nicht neugierig, ob es überhaupt möglich ist?“, lenkte Charles ab.
„Doch, doch“, gab Rosie zu. „Forschung ist etwas Großartiges. Aber kannst du nicht mal etwas Normales erfinden?“
„Zum Beispiel?“
„Eine Maschine, die zum Mond fliegen kann. Oder abwaschen.“
„Deine Vorstellung von normal umfasst ein recht breites Spektrum“, fand Charles.
„Oder eine Maschine, die junge Damen für dich anspricht“, stichelte Rosie grinsend.
Die beiden ergingen sich noch ein wenig in freundlichen Kabbeleien, bis Rosie wieder zu ihrer Arbeit aufbrechen musste. Und wie jedes Mal fühlte sich Charles schuldig, dass er seine Freundin einer so würdelosen Beschäftigung nachgehen ließ. Wenigstens arbeitete sie jetzt nicht mehr in der Hafengegend.
Aber wie es bei Charles so ist: Sobald er sich wieder seiner Arbeit zuwandte, war alles andere vergessen – sogar Rosie. Er überprüfte noch einmal alle Formeln und war dann sicher, mit den ersten Versuchen beginnen zu können. Nur leider mangelte es ihm – wie immer in diesen Tagen – an der nötigen Ausrüstung.
Vor allem war es relativ schwer, an eine verlässliche Stromquelle zu kommen. Also konstruierte er zunächst aus einem alten Fass, einigen übrig gebliebenen Kupferrohren und einem deutschen Militärhelm eine Dampfmaschine, für die er vermutlich an jeder Straßenecke mehr Geld bekommen hätte, als Norman mit seinem „aufputschenden“ Getränk jemals verdienen konnte. Doch Charles wären solche geschäftstüchtigen Gedanken niemals in den Sinn gekommen. Wenn es etwas gab, was er noch schlechter als das Kochen beherrschte, war es der Umgang mit Geld.
Jedenfalls war die Konstruktion seiner eigentlichen Erfindung das kleinere Problem. Norman nutzte das Lagerhaus, über dem mein Freund wohnte, um dort einen Teil seiner Laborausrüstung zu lagern. Charles hatte keine Gewissensbisse, sich hier großzügig zu bedienen. Schließlich hätte er Norman ohnehin an jedem aus der Erfindung resultierenden Gewinn beteiligt. Allerdings hätte der Chemiker sein Eigentum kaum wiedererkannt, als Charles damit fertig war: Zwar war die Grundform der sechs Glaskolben noch immer unverändert; allerdings waren sie mit Bindfäden unter die Decke gehängt worden. Ihre filigranen Kupferhalterungen ragten als rabiat verbogene und miteinander verschweißte „Kupferspinnen“ in sie hinein. Die andere Seite der „Kupferspinnen“ steckte in lang gezogenen, mit Quecksilber gefüllten Glasspiralen. Unter dieser Konstruktion hatte Charles eine ausgemusterte Badewanne gestellt, die er notdürftig mit Gummi Arabicum abdichtete. Das Ganze war über ein aufwendiges Kabelgewirr mit der im Lagerhaus aufgebauten Dampfmaschine verbunden.
Charles hat einmal versucht, mir das Prinzip zu erklären – ich habe es leider nicht verstanden – Ich sagte ja bereits: Er ist ein Genie. Um diese Bemerkung richtig einordnen zu können sollte ich vielleicht erwähnen, dass man mir den gleichen Status einräumen könnte. Allerdings werde ich auf eine solche Erläuterung verzichten, da man sie mir als Mangel an Bescheidenheit auslegen könnte. Aber lassen Sie uns bei meiner Geschichte bleiben.
Charles brauchte lächerliche drei Tage, um seine bahnbrechende Erfindung in die Realität umzusetzen. Als sie jedoch vor ihm stand, war er so müde, dass ihm beinahe die Augen zufielen. Nur so ist es für mich erklärlich, dass er diesen Augenblick für die ideale Testgelegenheit hielt. Ohne seine Kreation zunächst an einem Tier auszuprobieren oder auch nur jemanden dabei zu haben, der ihm im Notfall helfen konnte, beschloss er, die Erfindung sofort an sich selbst zu testen.
Er setzte die Höllenmaschine in Gang und beobachtete, schwankend vor Müdigkeit, wie das Wasser in den Glaszylindern zu kochen begann. Es kondensierte an den „Kupferspinnen“ und fiel dann – ein Tropfen nach dem anderen – in die Badewanne. Das „geladene“ Wasser leuchtete wie flüssiges, weißblaues Feuer. Immer wieder entlud es sich in sich selbst; gefährlich aussehende Blitze hüpften über die Oberfläche. Aber mein Freund Charles kannte mal wieder keine Furcht.
Als genug Flüssigkeit vorhanden war, nahm er mit einer hölzernen Schöpfkelle einen großen Schluck heraus. Ich bin froh, dass ich damals nicht anwesend war. Vermutlich hätte ich hektisch versucht, ihn am Trinken zu hindern. Er aber schlenderte gelassen ans Fenster, sah einen Augenblick sinnend hinaus und leerte die Kelle in einem Zug.
Auf meine Frage, wie das Gebräu denn geschmeckt habe, hat er mir einmal geantwortet: „Es schmeckt nicht. Es ist eher so, als würde man sich das Gefühl, das einem beim Erschrecken durch Bauch und Rücken zieht, pur in den Mund gießen und gleichzeitig mit der Nase voraus gegen eine Wand laufen.“ Spätestens nach dieser Beschreibung war ich nicht mehr neugierig darauf, es selbst auszuprobieren. Mein Freund sah jedoch weniger das Trinken als die darauf folgende Desorientierung als Problem an.
„Mister Eagleton?“, fragte ein zaghaftes Stimmchen. Für Charles war es die absolute Reizüberflutung. Von einem Herzschlag zum anderen war die tiefdunkle Nacht einem strahlend hellen Sommertag gewichen. Urplötzlich taten ihm sämtliche Knochen weh, und dann wurde er auch noch angesprochen. Er war restlos verwirrt – aber unglaublich wach. So ausgeschlafen hatte er sich schon seit Ewigkeiten nicht mehr gefühlt. Etwas zittrig drehte er sich um.
„Geht es Ihnen gut, Mister Eagleton?“ Ein kleines Mädchen in Schuluniform stand neben der wagemutigen Konstruktion, die Charles in den letzten drei Tagen zusammengebaut hatte. Der Anblick war so surreal, dass er einen Moment glaubte, zu träumen. Dann erkannte er sie endlich. Die kleine Zoe Chesterfield war wie jeden Donnerstag zur Nachhilfe gekommen. Ihre Frage konnte er indes nicht ehrlich beantworten. Hatte er geschlafen? Wohl kaum. Kein Mensch konnte im Stehen schlafen. Aber was war in den vergangenen Stunden geschehen? Hatte er nur reglos aus dem Fenster geschaut? Jedenfalls war er jetzt so wach, dass er nicht glaubte, jemals wieder schlafen zu müssen.
„Natürlich geht es mir gut, Zoe. Ich war nur in Gedanken. Danke, dass du fragst“, sagte er freundlich. Sie lächelte ihn erleichtert an und schob ihre Zöpfe hinter die Schultern. Ihre aufrichtige Besorgnis freute ihn. Charles unterrichtete die Kleine seit sie sechs war, doch sie hatten selten ein persönliches Wort gewechselt. Warum eigentlich?
„Möchtest du einen Tee?“, bot er freundlich an.
„Macht Euch meinetwegen bitte keine Umstände“, bat sie höflich. Sie war schon eine richtige junge Dame geworden, fand er. Zumindest bis sie weitersprach: „Ich wäre völlig mit heißer Schokolade zufrieden.“ Die Vorfreude ließ ihre Augen regelrecht leuchten. Charles schmunzelte. Natürlich! Seit er seinen Schokoladenbereiter erfunden hatte, trank sie nichts anderes, wenn sie bei ihm war.
„Dann setze dich“, meinte er schmunzelnd. Während er den mannshohen Schokoladenbereiter in seiner Küche startete, packte Zoe schon einmal ihre Unterlagen aus. Charles nutzte den Augenblick des „Unbeobachtetseins“, um sich vorsichtig zu bewegen. Sein Körper schmerzte, als sei er verprügelt worden. Vor allem die Lendenwirbel und der Schultergürtel schienen übel misshandelt worden zu sein. Eine oberflächliche Begutachtung seines Körpers ließ jedoch keine Blessuren erkennen. Und je mehr er sich bewegte, umso mehr ließ der Schmerz nach. Sehr merkwürdig.
Als er mit einer großen Tasse Tee und einer noch größeren Tasse Kakao ins Wohnzimmer zurückkehrte, hatte sein junger Gast akkurat Bücher, Papier, Tinte, Feder und Bleistift auf dem Tisch platziert. Das Bild des braven, wohlerzogenen Mädchens wurde nur dadurch gestört, dass sie beim Anblick der heißen Schokolade hibbelig auf ihrem Stuhl hin und her rutschte. Schmunzelnd stellte Charles das braune Gold vor seinem Gast ab. Er setzte sich möglichst umständlich, um der Kleinen Gelegenheit für einen genüsslichen ersten Schluck zu geben.
„Was liegt denn heute an?“, erkundigte er sich dann.
„Eigentlich wieder nichteuklidische Geometrie“, antwortete Zoe, bevor sie sich die Karamellsahne von der Oberlippe leckte. „Aber ich hatte gehofft, dass wir heute mal etwas wirklich Anspruchsvolles machen können.“
Charles nickte amüsiert. „Aber Zoe. Die Dinge bauen aufeinander auf. Es ist nicht sinnvoll, hin und her zu springen.“ Zoe schürzte wenig überzeugt die Lippen. „Ich sage dir ´was: Ich stelle dir heute einige schwierige Aufgaben. Wenn du die lösen kannst, machen wir nächstes Mal etwas Komplexeres.“
Seine Schülerin nickte eifrig. Wahrscheinlich weniger wegen seines Versprechens, sondern eher wegen der Aufgaben. Sie liebte es, wenn er tief in die Kiste seiner kniffligsten Rätsel griff. Dabei ging es nicht wirklich um die Aufgaben, sondern um die Geschichten, die er sich dazu ausdachte. Heute zum Beispiel ließ er sie hyperbolische Grundstücke auf fremden Planeten berechnen.
Wie immer hatten die beiden viel Spaß miteinander. Wie Charles war Zoe eine Besessene, wenn es um das Lösen komplexer Probleme ging. Leider wurde sie leicht hektisch bei der Arbeit, sodass sie – wie fast jedes Mal, schließlich ihr Tintenfässchen umkippte. Allerdings störten sie sich beide nicht daran. Nach einigen Stunden hatte die Kleine alle Aufgaben bravourös gelöst. Sie tranken noch eine heiße Schokolade miteinander, dann verabschiedete sich das Mädchen. Was für eine angenehme Art, seinen Lebensunterhalt zu verdienen, fand Charles.
Er ließ den Arbeitstisch wie er war und stürzte sich dann wieder in die Arbeit an seiner Maschine. Die Gliederschmerzen hatten sich mittlerweile völlig verflüchtigt, sodass er sein Experiment für einen Erfolg auf ganzer Linie hielt. Allerdings glaubte er die Effizienz der Konstruktion noch steigern zu können.
Die Müdigkeit überraschte ihn, als er die Maschine gerade fast vollständig zerlegt hatte. Bleierne Schwere kam wie ein Gebirge über ihn, sodass er es gerade bis ins Bett schaffte. Mit noch aus dem Fußende herausragenden Beinen fiel Charles in tiefen, alles verzehrenden Schlaf.
Sein nächster wacher Gedanke war ein Déjà-vu. Er fand sich wiederum am Fenster stehend und sah in einen strahlend schönen Sommertag hinaus. Allerdings konnte er sich kaum rühren. Seine Knochen schmerzten, als wäre jeder einzelne in einem Schraubstock eingezwängt. Schultergürtel und Lendenwirbel schienen gerade mit einer groben Feile bearbeitet zu werden.
Doch Charles war hart im Nehmen. Viel bestürzender fand er den Ort seines Erwachens. Mein Freund war viel zu intelligent, um nicht sogleich zu begreifen, dass der vergangene Tag nichts anderes als eine Halluzination gewesen sein konnte. Sogar die Holzkelle hielt er noch in der Hand. Aber es war so echt gewesen! Für seinen Verstand bestand kein Zweifel daran, Opfer einer Art Droge geworden zu sein. Aber sein Geist weigerte sich geradezu empört, diese Erklärung zu akzeptieren. Charles war zu rational veranlagt, um solche inneren Dispute gewöhnt zu sein.
Er musste sich erst einmal setzen. Stöhnend drehte er sich um, erstarrte aber mitten in der Bewegung.
Seine Erfindung lag so feinsäuberlich zerlegt vor ihm, wie es nach seiner vermeintlichen Halluzination zu erwarten gewesen wäre. Noch bestürzender war jedoch der Anblick seines Tisches. Bis hierher konnte er den Tintenfleck ausmachen, den Zoe während ihrer imaginären Mathematikstunde auf dem Tisch hinterlassen hatte. Hinzu kamen zwei Tassen. Die eine war noch halb voll kaltem Tee, während der Boden der anderen eine dicke Schokoladenkruste trug. Fassungslos trat er näher.
Er hatte nie einen Schokoladenbereiter erfunden, ging ihm auf. Mehr noch: Schokolade war viel zu teuer, als dass er sie im Haus gehabt hätte. Aus lauter Verunsicherung ging er in die Küche um nachzusehen. Kein Schokoladenbereiter – und keine Schokolade. Aber woher kam das braune Gold dann in die Tasse? Und was, bei allen guten Geistern, war Karamelsahne?
Verwirrt kehrte er in sein Wohnzimmer zurück. Dann erst ging ihm auf, dass auch die Art des Nachhilfeunterrichts etwas eigenartig gewesen war. Hyperbolische Gleichungen für eine Neunjährige? Noch dazu wo die Schulbildung für Mädchen kaum über die Grundrechenarten hinaus… Die Erkenntnis traf ihn wie ein Schlag: Er hatte gar keine Schülerin. Zoe Chesterfield war die kleine Schwester von Simon Chesterfield, einem einfältigen Jungen aus gutem Hause, dem die Multiplikation nie vertrauter als die Dörfer der usbekischen Provinz werden würde. Davon abgesehen besuchten ihn seine Schüler niemals zu Hause; dafür war seine Wohngegend viel zu unsicher. Grundsätzlich war er es, der zur Nachhilfestunde ging.
Kann dennoch ein Fünkchen Wahrheit hinter allem stecken?, fragte sich seine oft überhörte irrationale Seite. Charles hatte häufig bemerkt, dass Zoe heimlich seine Nachhilfestunden belauschte. War sie am Ende so hochbegabt, wie in seiner Vision – oder wie immer er das Erlebnis nennen sollte?
Noch immer hatte er detaillierte Erinnerungen an die vielen Stunden, die er nie mit Zoe an diesem Tisch gesessen hatte. Auch die Pläne des Schokoladenbereiters hatte er so klar im Kopf, als hätte er ihn erst gestern konstruiert – dabei wusste er nicht einmal, wie man Schokolade zubereitete.
Wie war das alles möglich?
Nach einem ausgiebigen Frühstück ging Charles die Sache an, wie er fast alles in seinem Leben anging – mit eiskalter Logik.
Es gab nur eine Erklärung für die Vorgänge: Charles musste tatsächlich halluziniert haben. Die Elektrizität hatte sein Gehirn zu Höchstleistungen angetrieben. So war es ihm möglich gewesen, eine lange Geschichte zu Zoe zu konstruieren und sogar eine neue Maschine zu erfinden: Den Schokoladenbereiter. Die Schmerzen in seinen Knochen waren entweder ebenfalls eine Folge der durch seinen Körper fließenden Spannung oder einfach dem langen Stehen am Fenster geschuldet.
Also hatte er selbst in einer Art Trance den Tintenfleck verursacht und die Tassen dort hingestellt. Anschließend hatte er die Maschine zerlegt und sich wieder an das Fenster gestellt. Und vermutlich hatten die braunen Rückstände in der Tasse nichts mit Schokolade zu tun. Bei nächster Gelegenheit würde er Norman den vermeintlichen „Schokoladensatz“ zur Analyse mitgeben.
Allerdings konnte mein wissbegieriger Freund natürlich nicht warten, bis der Chemiker wieder auftauchte. Angespornt durch die faszinierende Wirkung seiner neuen Erfindung baute er die Maschine wieder zusammen. Dabei konnte er sehen, wie genau er auch in dem eigenartigen Trance-Zustand gearbeitet hatte. Damit war das eigentliche Ziel seiner Erfindung – die Zeit des Schlafes zum Arbeiten zu verwenden – noch erreichbar.
Doch als die Maschine wieder in einem Stück war, nahm er sich die Zeit, seine Strategie noch einmal in aller Ruhe zu überdenken. Er machte sich eine Arbeitsliste, die er in seiner Trance abarbeiten wollte – in erster Linie ging es um das Aufräumen und Saubermachen seiner Bleibe. Dann setzte er die Höllenmaschine in Gang und gönnte sich erneut eine Kelle voller Elektrizität. Manche Menschen schrecken eben vor nichts zurück, um „es“ ganz genau zu wissen.
Charles nächste Erinnerung war der Blick auf seine mangels Brennstoff ausgegangene Konstruktion. Auch das fertig geladene Wasser in der Wanne war wieder in seinen normalen Zustand zurückgekehrt. Seine Glieder ließen sich allerdings kaum noch bewegen. Nach Luft schnappend legte er sich aufs Bett und wartete, bis die Symptome abgeklungen waren. Dann jedoch schritt er zur Tat: Er nahm sich seine Liste vor und begann diszipliniert, jede einzelne Position abzuarbeiten. Weiter als bis zu seinem Punkt drei kam er jedoch nicht.
„Cha-ry?“, erklang es an seiner Tür. Ein zaghaftes Klopfen folgte, das Charles´ Pulsschlag wie eine Droge hochpeitschte. Yukies unverwechselbaren Akzent hätte er aus jedem Chor herausgehört. Als Tochter eines Diplomaten hatte sie schon sehr früh English gelernt, ohne jemals den Unterschied zwischen „l“ und „r“ aussprechen zu können. Charles war schneller an der Tür als er einen klaren Gedanken fassen konnte. Mit zitternden Händen riss er sie auf – und wurde wieder einmal von Yukies Schönheit überrollt. Wie immer trug sie die eleganten Gewänder ihrer japanischen Heimat. Sie hatte ihm zuliebe auf Schminke verzichtet und trug ihr Haar offen. Wie eine blauschwarze Seidenflut fiel es ihr über die Hüften. Ihre schwarzen Mandelaugen waren unergründlich, doch bei seinem Anblick begannen sie vor Glück zu leuchten.
Weder japanische Damen noch britische Gentlemen – insbesondere mein Freund Charles – sind dafür bekannt, sich in Liebesdingen durch besondere Spontanität auszuzeichnen. In diesem speziellen Fall machten beide jedoch eine Ausnahme: Ohne ein weiteres Wort fielen sie sich in die Arme und übereinander her. Während ihre Lippen im Liebesrausch gar nicht voneinander lassen konnten, bildete ihre Kleidung eine schnell wachsende Straße, die kurz vor dem Bett endete. Charles ist bei der späteren Schilderung der Vorgänge selbstverständlich nicht ins Detail gegangen. Aber seine Andeutungen genügten, um mein eigenes Liebesleben durch ein paar besonders unanständige Ideen zu bereichern. Bei all seiner Kreativität ist das für Charles eine große Leistung; immerhin bin ich Italiener.
Jedenfalls verlor mein Freund bei seiner sündigen Beschäftigung jedes Zeitgefühl. Nachdem die beiden einen ersten, kaum zu bezähmenden Hunger aufeinander befriedigt hatten, fielen sie eng aneinander gekuschelt in einen tiefen, unglaublich erholsamen Schlaf. Vielleicht, weil er mit einer gewissen Desorientiertheit gerechnet hatte, war Charles bei seinem Erwachen relativ klar. Er lag in seinem Bett, stellte er zufrieden fest. Also hatte er Recht gehabt: In der „Elektrotrance“ bewegte sich der Körper tatsächlich vom Fleck. Außerdem hatte er keine Schmerzen. Vermutlich waren die Proteste seiner Knochen also tatsächlich auf das lange Stehen in unnatürlichen Posen zurückzuführen.
Dann erst wurde ihm die erotische Natur seiner letzten Erfahrung bewusst. Seit zwei Jahren war er mit Yukie verlobt. Wegen des engen Terminplans ihres Vaters mussten sie schon viel zu lange auf ihre Hochzeit warten und so war es vielleicht verständlich, dass die voreheliche Keuschheit erodiert war. Er hatte sie auf einem Rummelplatz kennen gelernt. An einem Zuckerwattestand hatte er ihr mit seinen Japanischkenntnissen beim Bestellen geholfen. Die Fachausdrücke für Süßigkeiten lernte man als Diplomatentöchterchen eben nicht. Er lächelte. Sie war ganz wild auf Zuckerwatte.
Ich kann doch gar kein japanisch, ging ihm auf. Dennoch erinnerte er sich an jedes Wort, das er in der fremden Sprache mit ihr gewechselt hatte. Nur schwer konnte er akzeptieren, dass die Beziehung zu der mandeläugigen Schönen nur seiner Phantasie entsprungen sein konnte. Äußerst widerwillig trennte sein Verstand seine realen, von den eingebildeten Erinnerungen. Es war beinahe unmöglich – und außerordentlich schmerzhaft.
Ja, es gab eine reale Yukie, die ihm die Ehe versprochen hatte. Vor siebzehn Jahren. Als Fünfjährige hatten sie sich von einem steifen Diplomatenball davongestohlen und waren mit ihrer besten Kleidung in einen Baum geklettert. Dass er sich jetzt, nach all den Jahren in dieser Weise an sie erinnerte, hatte beinahe groteske Züge.
Aber wenn Yukie nur ein Phantom aus seiner Phantasie war, wem gehörte dann der nackte Körper, der sich so eng an ihn schmiegte? Überdeutlich spürte er einen kleinen spitzen Busen, der sich vorwitzig in seinen Bauch drückte.
Augenblicklich fiel auch das letzte Bisschen Schlaf von ihm ab. Stocksteif lag er da und wagte erst nicht, seine Bettgenossin anzuschauen. Was wenn dort wirklich seine japanische Liebste lag? Dann war sein anderes Leben eine Illusion. Und er wahrscheinlich verrückt. Wenn sie es aber nicht war, wären die Konsequenzen nicht minder dramatisch: Dann gäbe es tatsächlich keine Yukie in seinem Leben und er hätte sich an einer Fremden vergangen. Dieses Wort konnte in so einer Situation auch nur ein Brite denken.
Schließlich wagte er aber doch, den Kopf zu drehen. Blonde, im weiß werden begriffene Haare lagen wild zerwühlt auf seiner Schulter. Rosie! Mir ist schleierhaft, warum er so entsetzt war. So sehr Gentleman wie er könnte ich wohl niemals sein.
Jedenfalls fuhr er abrupt hoch, was ihr ein unsanftes Erwachen bescherte. Unwillig blinzelnd kam sie aus dem Tiefschlaf. Als sie sein entgeistertes Gesicht sah, musste sie jedoch schmunzeln.
„Guten Morgen, Charly“, sagte sie und gähnte herzhaft. Ohne auf ihre Blößen zu achten, setzte sie sich auf und streckte sich. Charles konnte nur fassungslos zusehen. Schließlich brachte er ein. „Guten Morgen …“, heraus. Gleich darauf begann er zu Stammeln: „Rosie … haben wir … ich meine …“
Sie legte den Kopf schief und kicherte. „Wie wäre es mit einem Tee, Charly?“, entgegnete sie statt einer Antwort. Als er sie daraufhin nur mit offen stehendem Mund anstarrte, schüttelte sie amüsiert den Kopf und stand auf. Splitterfasernackt ging sie an den Schrank, schlüpfte in seinen Morgenmantel und ging zur Tür. Zweifellos wollte sie die zum Lagerhaus gehörende Toilette aufsuchen.
Charles saß kerzengerade in seinem Bett und versuchte, seine Gedanken unter Kontrolle zu bringen. Jemand hatte aufgeräumt, stellte er fest. Allerdings nicht vollständig; nur die ersten drei Punkte seiner Checkliste waren abgearbeitet worden. Sein Experiment war also ein voller Erfolg gewesen. Der Gedanke, die Dinge, von denen er geglaubt hatte sie mit Yukie zu tun, in Wirklichkeit mit Rosie gemacht zu haben, ließ seine Ohren rot werden. Wie sollte er ihr nur jemals wieder unter die Augen treten können?
Er entschied sich, zunächst ihrem Wunsch nach einem Tee nachzukommen. Beim Aufstehen machte er jedoch eine erstaunliche Entdeckung. Er trug Unterhosen. Das schien nicht zu einer wilden Liebesnacht zu passen. Verwirrt setzte er Wasser auf und zog sich vollständig an. Als Rosie zurückkehrte hatte er sich so weit unter Kontrolle, dass er sich nicht mehr wie ein Trottel benahm. Ganz Gentleman war er dabei, für sich und seinen Gast ein Frühstück zu richten.
„Ich fürchte, mein Zustand hat nicht zugelassen, dass ich dich gestern angemessen begrüßt habe“, meinte er vorsichtig. Rosie saß mit angezogenen Beinen in seinen Bademantel gekuschelt auf ihrem Stuhl und schien sich köstlich zu amüsieren.
„Nun“, meinte sie und nippte an ihrem Tee. „Das ist eine Frage der Definition, nicht wahr?“ Charles erbleichte. Rosies Gesicht verschwand hinter ihrer Tasse, sodass er ihre Miene nicht lesen konnte. Nur ihr Kichern war deutlich zu hören.
„Rosie bitte.“
Sie lächelte ihn warm an. „Wenn du wissen willst, ob wir miteinander geschlafen haben, dann frag das doch einfach.“
Er atmete tief durch. „Na schön. Haben wir miteinander geschlafen, Rosie?“ Sein Ton war fast ein wenig streng.
„Oh ja“, sagte sie noch immer warm lächelnd. „Und ich habe jeden Moment genossen.“
Charles wurde kreideweiß.
„So schlimm?“, fragte Rosie traurig.
„Natürlich!“ Charles schien kaum Worte zu finden. „Ich habe dich ausgenutzt! Zur Befriedigung meiner niedersten … Ich finde gar keine Worte! Ich …“
Rosie war aufgestanden und unterbrach seinen Vortrag, indem sie ihm sanft die Hand auf den Unterarm legte. „Charly … ich habe gesagt, dass wir miteinander geschlafen haben. Von Sex war keine Rede.“ Sie zwinkerte ihm fröhlich wie ein Imp zu. „Und ich würde wohl kaum von dir befleckt werden. Es wäre mir eine Ehre deine niedersten … IchfindegarkeineWorte zu befriedigen.“ Beim letzten Teil ahmte sie seinen Tonfall meisterhaft nach. „Ich bin deine Freundin, weißt du?“
Zwischen Erleichterung und Rührung hin- und hergerissen nahm er Rosie in den Arm. Wie gesagt – eine sehr seltene Geste bei Charles. Eine Weile standen sie so aneinandergeschmiegt da. Schließlich gewann der Forschergeist in Charles wieder die Oberhand: „Aber wie kommst du dann nackt in mein Bett?“
Sie lachte leise. „Es wäre wohl sehr unhöflich gewesen, mit meiner Straßenkleidung in dein Bett zu kommen.“
Natürlich!, ging es Charles auf. Rosie hatte schon lange kein Geld mehr für Unterwäsche gehabt. Als Rosie sah, dass er verstanden hatte, grinste sie. „Ahh – das ist mein kleines Genie.“
Charles lachte. Er brachte zwei reich beladene Frühstücksteller zum Tisch „Wie hast du mich denn angetroffen?“, wollte er wissen.
„Du hast mit einer Holzkelle in der Hand vor der Maschine gestanden und blicklos vor dich hin gestarrt. Ich habe vielleicht einen Schreck bekommen! Wenn ich deine Mutter wäre, hätte ich dir wegen dieses Experimentes augenblicklich den Hintern versohlt.“
Charles lachte.
„Das ist gar nicht lustig“, sagte sie streng. „Ich habe dich dann ausgezogen und ins Bett gesteckt.“
„Das ist merkwürdig“, fand Charles.
„Ich hatte auch überlegt, einen Arzt zu rufen“, stimmte Rosie zu. „Aber das hätten wir uns nicht leisten können und ich hatte den Eindruck …“
„Nein, ich meine es ist merkwürdig, dass ich nur rumgestanden bin“, stellte Charles richtig. „Offenbar habe ich aufgeräumt.
„Das?“ Rosie schüttelte den Kopf. „Nein, das war ich. Da ich ohnehin an deinem Bett Wache halten wollte, war mir schnell langweilig. Ich habe deine Checkliste gesehen und versucht, mich nützlich zu machen.“ Charles gelang es einigermaßen, seine Enttäuschung zu verbergen. „Leider bin ich nicht weiter als bis zu deinem Punkt drei gekommen.“
„Gut! Du bist ja auch nicht meine Putzfrau“, stellte er klar.
„Das war nicht das Problem. Aber du hast plötzlich angefangen, furchtbar zu zittern. Also bin ich zu dir unter die Decke gekrochen, um dich zu wärmen.“
Ja, so ergab das alles einen Sinn. Leider einen sehr niederschmetternden. Charles schien nichts anderes als eine elektronische Droge erfunden zu haben. Als Rosie gegangen war, verbrachte er den Rest des Tages damit, die Maschine abzubauen. Er hasste Drogen.
Erst tief in der Nacht wachte er plötzlich mit einer Frage auf, die für mich schon vorher auf der Hand gelegen hatte: Wenn alle diese „alternativen Leben“ nur Halluzinationen waren, wer hatte dann während der imaginären Mathematikstunde aus seinen Tassen getrunken?
Er war vernünftig genug, diese Frage nicht allein klären zu wollen. Vielleicht gaben unsere Forschungen, über die ich bei unserem zweiten Zusammensein berichtete, einen Teil der Antwort. Eine endgültige Erklärung sollten wir aber erst viel später finden.

Wer mehr über Charles Eagleton aber auchdas höchst amüsante mechanische Dienstmädchen Fifi und die sprechende Ratte Bradley lesen möchte, kann das in: ARGENTUM NOCTIS

22. Jun. 2014 - Guido Krain

Bereits veröffentlicht in:

ARGENTUM NOCTIS
G. Krain
Roman - Steampunk - Fabylon - Mai. 2013

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