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Der schmale Pfad
von Guido Krain

Diese Kurzgeschichte ist Teil der Kolumne:

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A. Bionda
98 Beiträge / 27 Interviews / 31 Kurzgeschichten / 5 Artikel / 59 Galerie-Bilder vorhanden
Shikomo Shikomo
© http://www.shikomo.de
Story zu dem Roman „Masken der Sinnlichkeit“ (Fabylon)

Was für ein seltsames Buch, dachte Anna. Etwas hatte sie tief berührt – aber was? Die Idee, dass es absolute Dinge gab? Absolute Werte? Liebe, die bis in alle Ewigkeit Bestand hatte? Das gab es doch in jedem zweiten Schmöker! Was war es nur, was sie so ergriffen hatte?
Wollte sie das wirklich wissen?
In einer seltsamen Mischung aus Bedauern und Erleichterung reihte sie die Masken der Sinnlichkeit in ihre ausufernde Bibliothek ein. Kurz zögerte sie – gehörte das Buch neben die anderen Romane des Autors? Nein, befand sie. Der Roman war zu untypisch für ihn. Er gehörte eher zu den Anthologien, die ebenfalls in der ARS AMORIS-Reihe erschienen waren. Bestätigend nickend schob sie das Buch ins Regal.
Trotzdem ließ es Anna nicht los. Was war das nur für ein merkwürdiges Gefühl, das ihr Herz so fest im Griff hatte?
Eine Gänsehaut lief über ihren Körper. Allerdings hatte das weniger mit dem Buch als vielmehr mit der schrottreifen Heizung ihrer Studentenbude zu tun. Obwohl sie voll aufgedreht war, kletterte das Thermometer nicht mehr über zehn Grad. Für sie als Nacktschläferin wurde das Aufstehen da zur echten Tortur; ohne ihre dicken Wollsocken wäre sie vermutlich bereits am Boden festgefroren.
Schnell lief sie zu ihrem Bett zurück, streifte die Socken ab und kuschelte sich unter die Daunendecke. Warum war sie überhaupt aufgestanden? Wofür hatte sie einen Nachttisch? Irgendwie hatte sie das Buch nicht neben ihrem Bett haben wollen. Schon der Gedanke ließ das merkwürdige Gefühl von eben stärker werden. Anna hatte einen regelrechten Kloß im Hals. Beinahe ärgerlich drehte sie sich um und versuchte, Vanadis’ Geschichte aus ihrem Kopf zu verbannen. Doch so schnell ließ ihre Fantasie sie nicht in Ruhe.
Es war ein schönes Ende gewesen. Oder?
Oder?
Was wäre, wenn der Roman keine Fiktion, sondern historische Wahrheit war? Der Gedanke drängte so gnadenlos in ihr Bewusstsein, als würde er mit einem Meißel in ihren Verstand gehämmert. Plötzlich stiegen ihr Tränen in die Augen. Das Gefühl, etwas Unersetzliches verloren zu haben, lag wie ein Gebirge der Verzweiflung auf ihr. Laut schluchzend kämpfte sie um die Beherrschung, doch sie hatte keine Chance: Ihre Augen öffneten die Schleusen und sie verlor jegliche Kontrolle über ihren Körper. Von unerklärlicher Trauer geschüttelt, weinte sie sich in den Schlaf.

Szenentrenner


„Well it’s hard to be strong when there’s no one to dream on“, brüllte Bon Jovi. Der plötzliche Lärm riss Anna aus einem komatösen Nichts, das sich nur schwerlich als Schlaf bezeichnen ließ. Sie war so weit fort gewesen, dass sie für mehrere Sekunden desorientiert ihren Wecker anstarrte. „Faith! You know you’re gonna live through the Raaain …“ Meinte er sie? Reflexartig schlug Anna auf die Aus-Taste. Mit einem hässlichen Knirschen verschwand der Knopf so tief im Gehäuse, dass er wohl nie wieder herauskommen würde. Wenigstens verstummte die Musik.
Zitternd versuchte sie, sich wieder unter Kontrolle zu bekommen. Ihre Hände fühlten sich an, als seien sie zwischen Mühlsteine geraten. Sie musste die ganze Nacht auf ihnen gelegen haben. Nach einigen Minuten war sie endlich so weit, mit einem extrastarken Kaffee in den Morgen zu starten. Nach den ersten Schlucken konnte sie sich beinahe über sich selbst amüsieren. Waren das Hormonschwankungen?, fragte sie sich grinsend. Andernfalls musste sie etwas sehr Merkwürdiges gegessen haben, um eine so abgefahrene Reaktion zu zeigen. In ihrem ganzen Leben hatte sie noch nie so geweint.
Auf dem Weg in die Dusche blieb sie vor dem großen Spiegel im Badezimmer stehen. Sie war viel zu klein und mager, fand sie. Ihr Busen hatte zwar eine schöne Form, war aber ihrer Meinung nach viel zu winzig, um einem Mann gefallen zu können. Dazu hatte sie karottenrote Haare und einen Teint, für den Grufties viel Geld in Schminke investieren mussten. Ihre Haut war beinahe transparent. Am schlimmsten fand sie aber die Sommersprossen, die bis zum Bauchnabel verliefen. Sie fand sich so unansehnlich, dass sie selten länger als eine Sekunde in den Spiegel blickte.
Dann begriff sie plötzlich, warum sie heute mehr Zeit aufwendete: Sie verglich sich mit Vanadis, der seltsamen Heldin aus Masken der Sinnlichkeit. Anna wurde so blass, dass die Adern deutlich als blaue Linien hervortraten. Regelrecht wütend auf sich selbst drehte sie sich um und betrat die Dusche. Schon wieder dieses verdammte Buch, dachte sie. Vergeblich versuchte sie, den unheimlichen Einfluss abzuschütteln. Dann wurde ihr bewusst, dass es nicht an dem Buch lag. Es lag an ihr und ihren Komplexen. Sie war immer eine Außenseiterin gewesen. Sie konnte nicht über dieselben Dinge wie Andere lachen und langweilte sich bei fast allen Beschäftigungen, denen man als Jugendliche gewöhnlich frönte. Bisher hatte sich nie ein männliches Wesen für sie interessiert – zumindest keines, das sie als solches betrachtet hätte. Sie konnte sich noch nicht einmal mit der durchschnittlichen Heldin in Liebesfilmen identifizieren. In der Tiefe ihres Herzens glaubte sie, für den Rest ihres Lebens ein einsames, schüchternes Mauerblümchen zu bleiben.
Was war nur mit ihren verdammten Händen los?

Szenentrenner


Keine Viertelstunde später verließ sie dick eingepackt das Haus. Die kalte, klare Winterluft holte sie endlich wieder vollständig in die Wirklichkeit zurück. Sie hatte auch keine Zeit, um vor sich hin zu träumen. Sie musste rennen, um ihren Bus noch zu erwischen. Fluchend schaute sie auf ihre Uhr. Sie würde es nicht schaffen! Und dabei startete heute ein wichtiges Seminar. Sie konnte doch nicht gleich am ersten Tag zu spät kommen!
Sie hatte Glück. Als sie die Haltestelle erreichte, stand der Bus noch immer an Ort und Stelle. Offenbar wurde der Fahrer gerade von einer Kundin regelrecht zum Wahnsinn getrieben. In sehr merkwürdigem Deutsch und mit unüberhörbarem französischen Akzent schien sie sich von ihm bei der Auswahl eines Tarifs beraten lassen zu wollen. Dass der brummige Mann hinter dem Steuer überhaupt so viel Geduld für sie aufbrachte, lag vermutlich an ihrem Aussehen: Sie war zwar noch etwas kleiner als Anna, doch sie hatte ein elfenhaft schönes Gesicht, kinnlange blonde Haare und die strahlensten blauen Augen, die sie je gesehen hatte. Gigantische weiße Moonboots mit rosa Sohlen, eine voluminöse weiße Daunenjacke und flauschige weiße Ohrwärmer in Form von Hasenohren vervollständigten das Bild.
Als Anna den Bus betrat, war man sich offenbar gerade handelseinig geworden. Die Blondine holte ein Säckchen mit 5-Cent-Stücken hervor und begann, die Münzen einzeln auf den Münzenbehälter des Busses zu zählen. Der Fahrer stand kurz vor einem Nervenzusammenbruch.
„Oh nein! Behalte dein Geld, verdammt! Ich schenke dir die Fahrt!“
Die seltsame Passagierin reagierte darauf, als hätte sie eine Kreuzfahrt gewonnen. Beinahe machte sie einen Luftsprung. „Wirklich? Oh das ist …“
„Ja, ja, schon gut!“
Geschickt schob sie die Münzen in das Säckchen zurück und suchte sich vergnügt pfeifend einen Platz. Irgendwoher kannte Anna sie. Oder nicht? Sie und ihre ganze Art waren so merkwürdig vertraut, aber so eine Person hätte sie bestimmt nicht einfach vergessen. Jedenfalls war sie eindeutig zu jung, als dass sie sie aus der Uni kennen konnte.
Der Busfahrer warf einen mürrischen Blick auf Annas Monatskarte und fuhr dann los, bevor sie Gelegenheit hatte, sich zu setzen. Beinahe hätte sie sich bäuchlings zwischen die Sitze gelegt, doch sie konnte sich abfangen. Statt zu stürzen, taumelte sie ungeschickt durch den halben Bus. Mehrere Fahrgäste machten unsanfte Bekanntschaft mit Annas Tasche und Ellenbogen, bis sie irgendwann eine Haltestange zu fassen bekam. Sie stand direkt vor der zierlichen Blondine mit den Hasenohren, die jetzt neugierig zu ihr aufsah.
Anna merkte, wie sie rot wurde. Wieder einmal hatte sie sich in aller Öffentlichkeit als ungeschicktes Trampel erwiesen. Hastig setzte sie sich dem Mädchen gegenüber. Das Ganze war ihr so peinlich, dass sie konzentriert auf ihre Beine starrte. Blondie schien derartige Scheu nicht zu kennen. Anna spürte, wie sie ungeniert in aller Ausführlichkeit gemustert wurde. Gewöhnlich verunsicherten sie solche Blicke nur noch mehr oder machten sie wütend. Doch bei ihrem Gegenüber schien es irgendwie okay zu sein.
Einige Haltestellen später konnte sich Anna sogar überwinden, den Blick zu erwidern. Was für Augen! Sie waren von so kristallklarem Blau, wie man es eigentlich nur von geschliffenen Saphiren kannte. Jetzt erst bemerkte sie, dass auch Blondie Sommersprossen hatte. Frech sah sie aus. Und sanft. Unwillkürlich musste Anna lächeln. Die Reaktion war ein regelrechter Sonnenaufgang im Gesicht der Anderen.
„Nächster Halt: Hoheluftbrücke“, verkündete die Bandansage des Busses. Blondie schaute gespannt hinaus, als würden draußen unglaubliche Abenteuer auf sie warten. Dann beugte sie sich vor, drückte Anna einen Kuss auf die Wange und machte sich zum Aussteigen fertig.
Die Studentin war wie vom Donner gerührt. Erst als die zierliche Gestalt mit den Hasenohren aus dem Bus heraustrat, glaubte Anna endlich zu wissen, woher sie die Blondine kannte.
Erschreckt fuhr sie hoch.
„Michelle!“, brüllte sie durch den gesamten Bus. Alle drehten sich zu ihr um. Aber Blondie war die Einzige, die sich strahlend umwandte und ihr zuwinkte. In diesem Moment schloss sich die automatische Tür vor ihrer Nase.
Entgeistert fiel Anna auf den Sitz zurück. Fassungslos beobachtete sie, wie das zierliche Mädchen immer kleiner wurde und schließlich verschwand. Wurde sie verrückt? Sie hatte Michelle erst letzte Woche kennen gelernt und glaubte, sie zwischen den Seiten eines Buches zurückgelassen zu haben. Sie war doch nur eine Romanfigur …?

Szenentrenner


Nach einem halben Tag in der Uni hatte sie den Vorfall schon beinahe vergessen. Es gab bestimmt Millionen von blonden Französinnen, die Michelle hießen. Selbst die Masken der Sinnlichkeit hatten sich fast vollständig aus ihrem Bewusstsein zurückgezogen. Gegen Mittag saß sie jedoch mit Katrin im Schweinske. Und wie immer sprach ihre Freundin über Bücher. Gerade hatte sie einen dicken Schinken namens Engelstränen am Wickel, der sie völlig in seinen Bann gezogen hatte.
„Da konnte man die Macht wirklich vibrieren spüren! Und dann steht er da auf dem Turm und Melissa …“ Katrins Augen funkelten hinter der dicken Brille. Sie ging so sehr in der Schilderung der Szene auf, dass sie das Abschweifen ihrer Zuhörerin gar nicht bemerkte.
Macht.
Anna lief ein Schauer über den Rücken. Sofort standen ihr wieder die Bilder des gestrigen Schmökerabends vor Augen. Urplötzlich stellte sich das Gefühl ein, beobachtet zu werden. Sie ertappte sich sogar dabei, verstohlen nach einem eventuellen Verfolger Ausschau zu halten.
„Ich mag Lucien einfach“, beendete Katrin ihre Ausführungen. Als Anna nach einer Pause noch immer nicht reagierte, fragte sie: „Und du?“
„Ich?“, fragte Anna verwirrt.
Katrin lachte. „Du hast mir gar nicht zugehört, oder?“
„Doch!“, behauptet Anna wenig überzeugend.
„Okay, wer ist es?“ Neugierig wurde die dicke Brille zurecht gerutscht.
„Wer ist was?“
„Na, du bist offensichtlich verliebt!“, verkündete Katrin. „Und ich muss wissen, wer der Glückliche ist.“
„Ach was ich …“ Anna zögerte.
„… du …?“, bohrte ihre Freundin nach.
„Ich habe gestern ein Buch ausgelesen, und jetzt läuft mir die Geschichte irgendwie nach.“
„Hört sich toll an!“ Eifrig holte Katrin ihren Laptop hervor. Während sich die Seite des Buchhändlers ihres Vertrauens öffnete, fragte sie: „Titel?“
„Masken der Sinnlichkeit.“ Anna fühlte sich merkwürdig. Beinahe wie eine Verräterin. Das Gefühl verstärkte sich noch, als Katrin zu grinsen begann. „Typisch“, meinte die Freundin.
„Was?“
„Na, das ist so ein typischer Titel, bei dem du einfach zuschlagen musstest.“ Katrin zwinkerte.
„Ich habe nicht wegen des Titels zugeschlagen. Du weißt doch, wie sehr ich den Karneval in Venedig mag“, verteidigte sich Anna.
Aber Katrin hörte ihr gar nicht zu. Konzentriert bearbeitete sie ihre Tastatur. „Hm. Ein Buch mit diesem Titel gibt es nicht.“
„Unsinn!“ Anna bereute mittlerweile, überhaupt davon erzählt zu haben. Ärgerlich drehte sie den Laptop zu sich herum. Aber die Freundin hatte Recht: Ein Buch mit diesem Titel gab es tatsächlich nicht. Auch auf der Autorenhomepage, auf der sie letzte Woche von dem Roman erfahren hatte, war nichts zu finden. Das war ja verrückt!
„Hey, reg‘ dich doch nicht so auf“, riet Katrin, als Anna immer hektischer wurde. „Du hast bestimmt nur den Titel nicht korrekt im Kopf.“
Doch Anna bekam langsam den Eindruck, dass es eher ihr Kopf war, der nicht korrekt arbeitete.

Szenentrenner


Als sie viele Stunden später nach Hause kam, hatte die Müdigkeit die seltsamen Erlebnisse des Tages in den Hintergrund geschoben. In Ruhe gelassen hatten sie sie nicht. Mittlerweile war sie nicht mehr sicher, ob sie das Buch nur geträumt hatte.
Sie streifte die Schuhe direkt neben der Tür ab und warf den Mantel achtlos über die Garderobe. Die Bewegung war mittlerweile so selbstverständlich für sie geworden, dass sie ihr kaum noch bewusst war. Doch ihre schmerzenden Hände schienen den Mantel kaum halten zu können. Morgen würde sie wirklich etwas deswegen unternehmen müssen.
Noch mit der Tasche über der Schulter führte ihr erster Weg vor die Bücherwand. Schon auf den ersten Blick sah sie, dass das Buch nicht mehr da war. Weder nach Autor noch nach Reihe einsortiert. Eine seltsame Mischung aus Beruhigung und Panik machte sich in ihr breit. Es gab dieses Buch gar nicht! Also hatte sie auch keinen Grund, sich beobachtet zu fühlen. Andererseits klang diese Geschichte verdächtig nach Wahnvorstellung.
Beklommen stand sie mehrere Minuten vor ihrem Bücherschatz. Dann schaltete sie den Fernseher ein und machte sich bettfertig. Irgendwie war es gut, Stimmen zu hören, auch wenn es sich um eine schwachsinnige Soap handelte. Mit einem großen Glas Orangensaft und der Fernbedienung machte sie es sich in ihrem Bett bequem – bis sie einen Blick auf ihren Nachttisch warf.
Die Masken der Sinnlichkeit hatten einen malerischen Platz unter ihrer Leselampe gefunden.
Entgeistert starrte sie das Buch an. Sie widerstand dem Impuls, aus dem Bett zu hüpfen. Als sie begriff, dass sie demnach keine Wahnvorstellungen hatte, wurde sie ruhiger. Natürlich: Sie war überzeugt gewesen, den Roman in ihre Bücherwand gestellt zu haben. Aber jeder konnte sich einmal irren, nicht wahr?
Beinahe breitete sich so etwas wie Enttäuschung in ihr aus. So sehr sie sich auch gefürchtet hatte: Ein geheimnisvolles magisches Buch wäre in dieser kalten Welt wie ein Leuchten in der Dunkelheit gewesen. Aber selbst wenn die Geschichte wahr gewesen wäre – sie war ein paar Hundert Jahre zu spät geboren worden, um all die Wunder persönlich zu sehen.
Faith!, brüllte sie plötzlich der Fernseher an. Anna fuhr herum, doch statt Bon Jovi war weiterhin die Gurkensoap zu sehen. Die Hauptpappnase hatte ein Radio eingeschaltet. Don’t you know ist never to laaate?, schrie das Radio aus dem Fernseher überlaut in ihr erbleichendes Gesicht. Es war eher ein Reflex als ein klarer Gedanke, der ihren Finger die Aus-Taste in der Fernbedienung versenken ließ. Die alte Bildröhre erlosch mit einem beunruhigendem silber/violetten Glühen.
Mehrere Herzschläge lang saß sie kerzengrade in der sich ausbreitenden Stille. Dann schlug eine Welle der Furcht über ihrem Kopf zusammen. Sie musste hier ´raus! Am Rande der Panik streifte sie sich wahllos gegriffene Klamotten über und griff sich im Vorbeigehen ihren Mantel. Sie war so in Eile, dass sie beinahe ihre Schuhe vergessen hätte. Hastig schlug sie die Tür hinter sich zu. Für das Abschließen fehlten ihr jedoch die Nerven. Panisch rannte sie los. In der Hektik verfehlte sie den Schalter für die Treppenhausbeleuchtung. Die Furcht saß jedoch so fest in ihrem Nacken, dass ihr ein Umkehren unmöglich war. Wie ein dämonischer Jockey ritt die Panik sie das dunkle Treppenhaus hinunter.
Als sie endlich ins Freie trat, fegte ein eisiger Wind den unheimlichen Reiter aus ihrem Nacken. Zugleich fiel der Winter mit lähmender Kälte auch über sie her. Hastig schloss Anna ihren Mantel und setzte ihre Pudelmütze auf. Als sie ihre Handschuhe anziehen wollte, erlebte sie jedoch eine Überraschung: Sie passten ihr nicht mehr. Ihre Finger waren plötzlich zu lang! Anna schnappte nach Luft.
Du wirst verrückt, säuselte ihre innere Stimme mit beinahe gelassener Endgültigkeit. Offenbar hatte sie eine Fantasy-Story zu viel gelesen.
Ich muss unter Leute, sagte sie sich. Ja, das würde helfen. Am besten eine lärmende Menschenmenge, das würde sie „erden“. Mit betont neuem Mut machte sie sich zu ihrer Bushaltestelle auf. Doch schon tauchten erste Zweifel auf: Wo sollte sie hingehen? Das Nachtleben war ihr nicht gerade vertraut. Wohin konnte man nachts gehen? Der Kiez war ihr zu unheimlich.
Sie war so tief in Gedanken versunken, dass ihr erst nach und nach auffiel, wie verlassen die Straße war. Keine Menschen, keine Autos. Selbst die 24-Stunden Tankstelle von Gegenüber war dunkel. Vielleicht ist es zu glatt für Autos, versuchte sie sich zu beruhigen. Aber sie fühlte bereits, wie sich der dämonische Jockey erneut ihren Rücken hinaufarbeitete. Die Straßen waren vorbildlich geräumt worden.
Sie beschleunigte ihre Schritte. Sobald sie im Bus saß, würde sie wieder klar werden. Sie bewertete jeden Zufall viel zu sehr über. Dann stieg die Vision eines leeren Busses vor ihrem inneren Auge auf, in dem sie mit dem schweigsamen Busfahrer allein war. Vielleicht würde sie feststellen, dass er gar kein Mensch – oder tot war. Die Bilder waren so klar, dass ihre Schritte immer zögerlicher wurden. Vielleicht sollte sie einfach wieder nach Hause zurückgehen?
Doch dann erreichte sie ihr Ziel und sah, dass ihre Sorgen völlig unbegründet waren: Die Bushaltestelle war verschwunden. Verwirrt sah sie sich um. Ja, sie war richtig! Heute Morgen war sie genau an dieser Stelle eingestiegen! Oder du verlierst den Verstand, setzte eine kalte innere Stimme hinzu.
Unschlüssig sah sie die Straße hinunter. Sollte sie umkehren? Zu Fuß gehen? Oder einfach die Augen schließen und darauf hoffen, dass die Haltestelle zurückkam? Innerlich konnte sie nur noch den Kopf über ihre Gedanken schütteln. Sie wurde gerade verrückt. Was machte es für einen Unterschied, was sie glaubte zu tun? Vielleicht saß sie gerade zu Hause und fantasierte. Oder sie träumte. Ja! ein Traum! Das musste es sein!
Unendlich erleichtert nahm sie diese Erklärung an. Sie hatte sich schon etliche Male beim Träumen erwischt. Wenn sie dann dreimal auf der Stelle gehüpft war, war sie jedes Mal aufgewacht! Sofort hüpfte sie. Doch auch beim vierten, fünften und sechsten Hüpfer erwachte sie nicht.
Anna brach beinahe in Tränen aus, doch dann sah sie etwas in ihrem Augenwinkel. Direkt unter einer Laterne – keine zehn Meter entfernt – stand jemand. Es war kaum mehr als ein Schattenriss doch es handelte sich offenbar um einen wahren Hünen, der einen bodenlangen Mantel trug. Seine Schultern waren so breit, dass sich Annas gesamte Familie hinter ihm hätte verstecken können. Seine langen Haare hatte er zu einem Zopf zusammengefasst und er trug einen Dreispitz.
Allerdings war es ihr unmöglich, sich über die seltsame Mode zu wundern. Sie war überhaupt zu keinem klaren Gedanken fähig. Seine Präsenz erstickte alles. Wie vor dem Losbrechen eines gewaltigen Taifuns lag sie in der Luft; strich über Annas Haut, durch ihre Lunge und erfüllte ihre Seele.
Dann streckte er langsam den rechten Arm zur Seite aus. Einen Herzschlag später hatte er ein Band in der Hand. Einen flachen Lederriemen.
In ihr zündete wieder die Panik. Sie wirbelte herum und rannte die Straße hinunter als wäre der Leibhaftige persönlich hinter ihr her. Ach was Leibhaftige. Ihr Verfolger würde sich nicht mit ihrem Tod begnügen. Er würde sie … Ja, was eigentlich? Es spielte keine Rolle. Anna rannte so schnell wie noch nie in ihrem Leben die verschneite Straße hinunter. Ihre Panik machte sie praktisch blind, sodass sie zunächst nicht bemerkte, wie sich die Umgebung veränderte.
In einem lichten Moment bemerkte sie, das links und rechts der Straße Villen mit gepflegten Gärten standen. Und das Licht kam nicht länger von den gewohnten unpersönlichen Gehwegleuchten. Fantasievoll verschnörkelte Öllaternen tauchten die Straße in ein warmes Licht. Es wäre ein anheimelnder Anblick gewesen, wenn nicht jede Flamme eine exakte Kopie ihres Verfolgers gewesen wäre. Hunderte Feuergestalten hielten hunderte feuriger Lederriemen in den Händen und beobachteten ihre Flucht.
Ihr Körper war schon kurz davor aufzugeben, als sie hysterisch schluchzend um eine Ecke bog. Von einem Augenblick auf den anderen stand sie in einem nächtlichen, tief verschneiten Park. Direkt vor ihr stand ein gemütlicher Sessel nebst Beistelltisch. In einem eleganten Glas glühte eine blaue Flüssigkeit vor sich hin, von der silbriger, Dunst aufstieg. Doch Anna hatte kaum einen Blick für das kleine Wunder übrig. Denn in dem Sessel saß er.
Nicht der, den sie erwartet hatte, sondern ein Hüne mit vollflächig schwarzen Augen und einer geradezu absurd langen Nase. Einer, der viel zu kultiviert war, um ihr ein Buch zu schenken, in dem er selbst die Hauptrolle spielte. Er hatte sich gemütlich zurückgelehnt, fuhr mit dem Finger über den Rand des Glases und musterte sie neugierig. Er schien sich auf ein ganz besonderes Vergnügen zu freuen. Eine unbekannte Form von Glück flutete ihr Herz und verband sich mit der Furcht zu einem absurden Gefühl, für das Anna kein Wort kannte. Alles in ihr schrie nach Flucht. Gleichzeitig wusste sie, bis in die Tiefen ihrer Seele, dass sie noch nie in ihrem Leben so sicher wie in diesem Augenblick gewesen war. Sie würde sich nie wieder vor irgendetwas fürchten müssen – außer vor ihm. Als habe er ihre Gedanken gelesen, schmunzelte er. Ein warmes Leuchten schien von den schwarzen Augen auszugehen. Dann wurde es immer mehr von einem erwartungsvollen Glühen überstrahlt. Er war von sehr weit gekommen, um sich diesen Genuss zu gönnen. Mit der Andeutung eines Nickens zeigte er seinem Eigentum, dass es Zeit wurde. Und Anna gehorchte, ohne dass ihr Verstand auch nur den Inhalt des stummen Befehls begriffen hätte.
Als Erstes fiel ihr Mantel in den Schnee. Er wurde nicht – wie sonst – einfach abgestreift. Er fiel anmutig wie das Blatt einer Blüte, die sich dem Ende ihres Lebens beugte. Unter seinen Blicken wurde ihr Körper geschmeidig und schien sich einer unhörbaren Melodie unterwerfen zu müssen. Mit zitternden Fingern nahm sie den Saum ihres Pullovers und ließ das abgeliebte Kleidungsstück zum ersten Mal wie die Haut einer Schlange von sich heruntergleiten. Sie kannte sich selbst kaum wieder. Sie wand und drehte sich langsam unter dem Willen eines Fremden; wurde vergewaltigt und gab sich bereitwillig hin. Glück und Entsetzen gingen eine überschäumende Verbindung ein. Und das erste Mal in ihrem Leben fühlte Anna, was es bedeutete, atemberaubend schön zu sein. Dabei war sie es immer gewesen, zumindest für die Augen ihres Gottes.
Irgendwann tanzte sie nackt durch den jungfräulichen Schnee. Ungezählte Tränen der Scham, des Glücks und der Demut waren auf ihren Wangen gefroren. Die Kälte verbiss sich immer unnachgiebiger in ihrem Körper, doch Anna wusste, dass sie nicht erfrieren würde. Zumindest so lange er dies nicht wollte. Und er schien sich nicht an ihr sattsehen zu können.
Fast bedauernd beendete er nach einer Ewigkeit ihre Darbietung, indem er die Hand hob. Ein feiner breiter Lederriemen baumelte darin. Zitternd kam Anna zum Stehen. Trotz der Kälte stieg ihr die Furcht als heiße Flut den Hals hinauf. Was … bedeutete das? Würde er sie jetzt töten? Auf abgehobene Weise fasziniert begriff sie, dass dies für ihre Reaktion keinen Unterschied machte. Mit vor Kälte und Furcht weichen Knien kam sie zu ihm und kniete ehrerbietig vor ihm nieder. Seine Augen waren wie schwarze Spiegel. Ihre eigene Anmut wurde von ihnen zu Anna zurückgeworfen und ließ ihr Herz höher schlagen.
Mit einem zärtlichen Lächeln legte er ihr den Würgeriemen um den Hals. Sie wusste, wie sie sich zu verhalten hatte. Unverrückbar lagen ihre von der Kälte beinahe gefühllosen Hände mit den Handflächen nach oben auf ihren Schenkeln. In Gedanken bat sie ihn um die Kraft, sie bis zum Ende dort liegen zu lassen. Als habe er sie gehört, wurde sein Lächeln noch etwas wärmer.
Dann zog er zu.
Es war weit schmerzhafter und beängstigender, als sich Anna vorgestellt hatte. Schmerz und Todesangst wüteten wie wilde Tiere in ihrem Innern, doch ihre allumfassende Hingabe hielt die beiden unverrückbar an der Kette. Er nutzte Annas Augen als Fenster, um sich an dem Chaos in ihr zu ergötzen. Immer wieder ließ er ihr etwas Luft, nur um dann doch etwas fester zuzuziehen. Anna schien es wie Stunden, in denen er so voll lüsterner Begeisterung mit ihr spielte. Schließlich glitt sie hinüber in eine todesähnliche Bewusstlosigkeit. Ein letztes Glühen in seinen Augen begleitete sie. Er war noch lange nicht fertig mit ihr. Er würde sie mit sich nehmen. Auf den schmalen Pfad zwischen den Welten.

Wenn Sie mehr über die phantastisch-erotische Welt von Guido Krain lesen wollen, können Sie das in:
MASKEN DER SINNLICHKEIT

29. Jun. 2014 - Guido Krain

Bereits veröffentlicht in:

MASKEN DER SINNLICHKEIT
G. Krain
Roman - Paranormale Erotik - Fabylon - Okt. 2011

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