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Paris – Dakar - Mond
von Ladina Bordoli

Diese Kurzgeschichte ist Teil der Kolumne:

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A. Bionda
46 Beiträge / 42 Interviews / 101 Kurzgeschichten / 2 Artikel / 128 Galerie-Bilder vorhanden
Gaby Hylla Gaby Hylla
© http://www.gabyhylla-3d.de
Sie dachten, das Paris-Dakar Rallye wurde 1978 durch einen risikofreudigen Franzosen gegründet? Nun, das ist einfach das, was man die Welt glauben machen wollte, weil man lieber vergaß, was rund hundert Jahre zuvor auf dieser Strecke geschehen war. Das erste Rennen, welches in Paris startete und in Dakar enden sollte, wurde Mitte 1900 offiziell zum Schauplatz eines Jahrhundertverbrechens erklärt und infolge dessen aus den Annalen der Menschheitsgeschichte gestrichen. Vereinzelt gab es jedoch Menschen, welche die Geschichte – und sei sie noch so skandalös – im Flüsterton und hinter vorgehaltener Hand weitererzählten und den geneigten Zuhörer auf die wenigen Beweise hinwiesen, die man bis heute beobachten kann.
Wir schreiben das Jahr 1869, auf der Strecke Paris-Rouen findet das erste Straßenradrennen der Welt statt. Wie langweilig, dachten sich die Zwillinge Araminta und Artemus Arkham Jones, gebürtige Briten, die seit ihrem dritten Lebensjahr in Paris wohnten. Ihre Leidenschaft galt der Welt der Erfindungen, der Zahnräder, der Stromstöße und der Physik. Eine tägliche Dosis Dampf, Kohle und Schmierfett hatte ihnen noch nie geschadet, weshalb sie der Meinung waren, dass die Straßenränder ein Relikt aus alten Zeiten waren, welches man nicht noch mit einem Rennen ins Zentrum der allgemeinen Aufmerksamkeit rücken musste. Da gäbe es wahrlich interessantere Gebilde, die sich in einem Rennen messen könnten.
Und so entstand eine Idee.
„Warum machen wir nicht ein wirkliches Rennen? Eines, welches in Paris startet und irgendwo in der Wüste endet?“, fragte Araminta eines Abends. Die Wüste Nordafrikas war für sie fast so exotisch und weit entfernt wie der Mond. Ein Rennen dieser Größenordnung wäre eine Herausforderung; alles andere wirkte dagegen wie eine Rundfahrt auf dem Kinderspielplatz.
„Warum fahren wir nicht gleich zum Mond?“, antwortete ihr Artemus und ein schiefes Grinsen erhellte sein Gesicht.
Araminta seufzte.
„Du träumst immer noch davon, oder? Eine Maschine, die es bis zum Mond schafft? Das ist unmöglich!“, kommentierte sie.
„Und ich sage dir, wenn sie es bis in die Wüste schafft, dann schafft sie es auch auf den Mond. Was ist auf dem Mond so anders? Es gibt Sand da oben, da bin ich mir sicher!“
„Ich sage dir jetzt mal was!“, begann Araminta in ernstem Ton. „Wenn man von hier bis in die Wüste fährt, riskiert man sein Leben. Man muss durch Steppen und unwegsames Gelände, über Landstraßen und schließlich das Meer überqueren. Dann fangen erst diese Höllenhitze und der Sand an. Es gibt keine Straßen mehr. Keine Orientierungspunkte, nichts. Wenn man einen Wagen kreiert, der das alles schafft, dann ist man ein Genie. Wenn man dann aber damit noch auf den Mond will, ist man einfach nur ein Imbecile, ein Idiot!“, rief sie.
„Organisiere du das Rennen und animiere die hellsten Köpfe des Landes, mit ihren Maschinen daran teilzunehmen. Ich werde unseren Rennwagen kreieren. Dann werden wir ja sehen. Mit dem richtigen Treibstoff kann man fast alles!“, entgegnete Artemus und hielt seiner Zwillingsschwester die Hand hin. Sie schlug ein, was sonst.

Szenentrenner


Nach ein paar Tagen kam Araminta mit einem triumphierenden Lächeln in Artemus‘ Werkstatt.
„Das glaubst du nicht!“, stieß sie atemlos aus und ihre Wangen röteten sich leicht vor Aufregung.
„Zurzeit weilt in Paris gerade ein reicher Kaufmann aus Dakar. Er handelt mit Schmuck, Edelsteinen und Edelmetallen. Weißt du, wo Dakar liegt, Brüderchen?“ Und ohne seine Antwort abzuwarten fuhr sie fort: „In der Wüste!“
Artemus legte seine Werkzeuge beiseite. „Und jetzt möchtest du, dass er unser Anliegen unterstützt und uns bei dem Rennen finanziell unter die Arme greift.“
„Ja, warum nicht! Stell dir einmal vor, was das für den Handelsmann bedeuten würde? Aufmerksamkeit, einen Hauch von Berühmtheit. Er würde als modern und offen gelten. Wenn das Rennen Erfolg hat, wird das sein Ansehen ins Unermessliche katapultieren. Du kennst doch den Ehrgeiz dieser reichen Leute. Sie sind gerne die ersten, die etwas Erfolgsversprechendes ihr Eigen nennen.“ Araminta war von ihrer Idee überzeugt.
Und wenn sie es war, dauerte es nicht lange, und der Rest der Welt war es auch.
Araminta hatte eine überaus gewinnende Art, ein verführerisches Lächeln und Augen, die stets voller Leidenschaft glühten. Es gab niemanden, der ihrem eifrigen Charme nicht unterliegen würde.
Gesagt, getan, der reiche Handelsmann aus Dakar war von ihrer Idee begeistert. Er fand sowieso, dass seiner Region ein wenig internationales Ansehen gut tun würde. Als Schmuckhändler hoffte er immer auf große Touristenströme. Ein Rennen dieser Größenordnung und Art faszinierte in der damaligen Zeit einfach alle. Er war absolut sicher, dass die Welt den Atem anhalten würde, wenn die ersten Maschinen Paris dampfspeiend und knurrend hinter sich ließen. Eine Armee von Wissenschaftlern, Visionären und Futuristen. Etwas Bahnbrechenderes würden die Menschen nie mehr zu Gesicht bekommen! In Paris und Dakar würde Geschichte geschrieben, so glaubte er.
Damit jedenfalls, lag er goldrichtig.

Szenentrenner


Artemus verschanzte sich in der kommenden Zeit in seiner Werkstatt, während seine Schwester die Werbetrommel rührte, die Rennstrecke plante und Teilnehmer suchte. Während sie bei ihrer Aufgabe sehr erfolgreich war, verlor sich Artemus immer mehr in den Wirren seines Geistes. Er war noch immer nicht von der Mondfahrt abzubringen und das, obwohl er sich jetzt eigentlich auf anderes hätte konzentrieren müssen.
„Weißt du“, sagte er eines Abends zu seiner Schwester, „man unterschätzt die Möglichkeiten der Wissenschaft. Die Reise zum Mond ist nur eine Frage des richtigen Treibstoffes. Könnte man eine Explosion herbeiführen, die so heftig ist, dass sie das Fahrzeug bis in die Atmosphäre katapultiert wird – es dabei aber nicht zerstört wird – dann wären wir dem Mond schon sehr sehr nahe!“
Araminta legte das Besteck zur Seite und blickte ihren Bruder ärgerlich an.
„So etwas gibt es nicht und mir wäre lieber, du würdest dich nun auf die Herstellung eines schwimmfähigen, wüstentauglichen Rennwagens konzentrieren – so wie jeder andere Teilnehmer des Paris-Dakar-Rennens!“
„Das habe ich, das habe ich. Ich stelle dir das Fahrzeug gerne vor!“
Araminta folgte ihrem Bruder in dessen Werkstatt.
Sie war erstaunt, tatsächlich die Rohform eines Wagens vorzufinden, allerdings hatte er wenig mit einem Rennwagen gemeinsam.
„Der Anblick täuscht“, erklärte Artemus hastig.
„Die großen Gummireifen mit dem groben Profil sind den Kamelfüssen nachempfunden. Sie finden guten Halt im Sand und garantieren ein rasches Vorankommen. Sie sind aber auch für gewöhnliche Straßen oder steiniges Gelände sehr gut geeignet. Die Segel unterstützen unsere Fahrt auf dem Meer und in der Wüste. Dort soll es ziemlich aggressive Winde geben. Die Maschine wird durch eine Kombination von Dampf, Strom und Erkenntnissen aus der Waffentechnologie angetrieben. Je nach Bedarf. Dampf empfiehlt sich sicher für den Betrieb auf Wasser. Strom lässt sich in der Wüste sehr gut umsetzen, weil man das gleißende Licht der Sonne als Energiespender für den Stromgenerator nutzen kann. Eine Kombination der drei Antriebsarten ist deshalb sinnvoll, weil wir sehr lange unterwegs sind und man nie weiß, ob nicht plötzlich eine der Antriebsarten ausfällt. Auch musste ich mir bezüglich des Treibstoffes etwas einfallen lassen. Die Kohle ist einfach viel zu sperrig und daher zu umständlich für den Transport. Ich habe mich daher für ein flüssiges Treibstoffgemisch aus französischem Olivenöl, Pastis und Absinth entschieden. Die Hitze, die durch die Verbrennung einiger Tropfen dieses Gemisches erzeugt wird, gleicht einer Mini-Explosion und lässt den Wasserkessel zur Dampfproduktion fast augenblicklich heiß werden.“
„Und wozu ist die Antriebsart aus der Waffentechnologie?“
„Die bringt uns auf den Mond“, sagte Artemus und handelte sich einen bösen Blick seiner Schwester ein. Er nahm sie bei der Hand und wies auf die Maschine. „Das hier ist eine Art zweiter Heizkessel. Natürlich funktioniert er anders als jener der Dampf-Technologie. Ich beabsichtige, hier eine Kernspaltung von Atomen vorzunehmen.“
Araminta starrte ihn verständnislos an.
„Diese Idee kam mir, als ich letzte Nacht nicht schlafen konnte. Wir haben die Möglichkeit, Atome zu spalten, letzte Woche im Wissenschaftsgremium diskutiert. So wie es aussieht, wird dabei eine bisher noch ungeahnte Menge an Energie freigesetzt, welche bisherige Sprengstoff-Explosionen um ein Vielfaches übersteigen würde. Und genau eine solche Explosion brauche ich, um auf den Mond zu gelangen. Bisher hat es noch niemand versucht. Aber ich werde es!“, stieß Artemus triumphierend aus.
„Wie soll das denn gehen, was willst du denn spalten?“, fragte seine Schwester immer verwirrter. Ihr Bruder musste wahnsinnig geworden sein.
„Metalle und Steine. Edelmetalle und Edelsteine. Ich bin absolut sicher, dass die Spaltung von Gold- oder Diamantatomen eine besondere Form von Energie freisetzt. Die Spaltung der Atome bewirke ich, indem die Metalle und Steine elektrisch geladen und dann noch zusätzlich von herkömmlichem Sprengstoff angegriffen werden. All das geschieht in diesem speziell dafür konzipierten Titankessel, welcher mit einer elektrisch geladenen Flüssigkeit gefüllt ist. Die durch die Kernspaltung freigesetzte Energie wird in Düsen, welche am unteren Ende des Fahrzeuges sind, geleitet und dadurch wird der Wagen von der schubartigen Kraftemission ins All katapultiert.“
Araminta erbleichte bei jedem weiteren seiner Worte.
„Wessen Edelmetalle und Edelsteine gedenkst du denn für deinen Treibstoff zu nehmen?“, fragte sie daher müde, kannte die Antwort jedoch schon.
Die des Schmuckhändlers aus Dakar.

Szenentrenner


In den folgenden Wochen überstürzten sich die Ereignisse. Das große Rennen von Paris nach Dakar startete termingerecht und erfreute sich einer großen Anzahl Zuschauer, aber auch Teilnehmer. Alles, was Rang und Namen hatte, spendete einen Wagen oder sicherte sich einen Sitz in der vordersten Reihe am Startplatz des Rennens in Paris. Die reicheren Parisiens leisteten sich sogar eine Reise entlang der Rennroute und waren so von Paris bis Dakar Zeuge der unglaublichen Leistungen der Rennteilnehmer. Viele Maschinen waren auf den harten Kampf im Wasser oder in der Wüste nicht vorbereitet und so erreichte nur eine Handvoll ausgeklügelter Maschinen das Ziel in Dakar. Artemus war mit seiner Maschine ebenfalls dabei. Araminta hatte selbst nicht am Rennen teilnehmen können, weil sie die Organisation und Koordination des Rennens unter sich hatte.

Schließlich geschah das Unfassbare.
Während Araminta zusammen mit dem Schmuckhändler von Dakar den Sieger des Rennens, einen Spanier, ehrte, verschwand ihr Bruder unbemerkt mit seiner Maschine.
Seit jener Stunde wurde er nicht mehr gesehen.
Während die ganze Welt auf das sieg- und ruhmreiche Ende einer wissenschaftlich-sportlichen Errungenschaft blickte, räumte Artemus ruhig und friedlich die Schmuck-Galerien des Handelsmannes, ihres Gönners, aus.
Einzig das pilzähnliche Rauchgebilde, welches plötzlich am Himmel sichtbar wurde, ließ die freudentrunkene Menschenmenge erstarren.
Die nachfolgenden Untersuchungen zu Artemus‘ seltsamem Verschwinden und dem Schmuckraub führten schon nach kurzer Zeit in seine Werkstatt, wo man Pläne und Aufzeichnungen fand, die sein Vorhaben verrieten.
Araminta verlor all ihr Ansehen, ihr Gesicht und wurde der Mittäterschaft bezichtigt.
Ein zweites Rennen im Folgejahr wurde verboten. Ebenso die nächsten hundert Jahre.
Abgesehen von einem riesigen Explosionskrater gab es nur noch etwas, was die Leute bis heute nachdenklich stimmte.
Den Großen Wagen hatte es als Sternbild schon immer gegeben.
Bei dem Kleinen waren sich die Leute nicht mehr sicher, ob sie ihn vor dem Jahr 1869 schon einmal gesehen hatten.

12. Sep. 2014 - Ladina Bordoli

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