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Der Hut auf der Brücke
von Norma Feye

Diese Kurzgeschichte ist Teil der Kolumne:

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A. Bionda
46 Beiträge / 45 Interviews / 102 Kurzgeschichten / 2 Artikel / 136 Galerie-Bilder vorhanden
Crossvalley Smith Crossvalley Smith
© http://www.crossvalley-design.de
Upper Mowing war ein Dorf irgendwo im Nichts von Cornwall, mit einem Laden, einem Postamt, einem Pfandleihhaus, einer Apotheke, einer Kirche samt Pfarrhaus und dem unverzichtbaren Pub.
Kurzum, es war der langweiligste Ort, an den es jemanden in meinem Alter hatte verschlagen können. Meine Eltern sahen das freilich anders. Für sie war es der ideale Ort, meine Geschwister und mich großzuziehen. Meine Mutter half zeitweise in der Apotheke aus, mein Vater schreinerte Särge für den lokalen Bestatter, und beide waren durch und durch mit sich und der Welt zufrieden.
Der Ort wurde von einem kleinen Fluss in zwei Teile geteilt, und die einzige Verbindung war Cramers Bridge, eine Bogenbrücke aus grauen Bruchsteinen mit zwei uralten Gaslaternen auf jeder Seite.
Dem Fluss verdankte Upper Mowing auch den Nebel. Im Frühjahr und im Herbst und in kühlen Sommernächten lag er so dicht über dem Dorf, dass man kaum die Hand vor Augen sah.
Wie alle abgelegenen Orte hatte auch Upper Mowing seine Geschichten und Legenden. „Heb nichts auf, das du im Nebel findest“, warnten die alten Leute im Dorf mit erhobenem Finger. Ich fand sie genauso langweilig wie das ganze Dorf. Bis…

Szenentrenner


Es war an einem jener Herbstabende, an denen der Nebel als dicke, klamme Brühe über dem Dorf hing, und ich war auf dem Weg nach Hause. Als ich Cramers Bridge erreicht hatte, sah ich am anderen Ende der Brücke einen dunklen Umriss, der mit etwas Fantasie ein Mann hätte sein können.
Als ich näher kam, wandte sich der Schemen um und verschwand in dichten Nebelschwaden.
Gleich darauf hatte ich die Stelle erreicht, an der er zuvor gestanden hatte.
Der Mann hatte seinen Hut vergessen. Er lag vor mir auf der Mauer.
„Hallo, Sir?! Sie haben Ihren Hut liegenlassen!“
Ich schnappte mir den Hut und lief dem Fremden nach, konnte ihn aber im Nebel nirgendwo sehen. Seufzend sah ich auf die Kopfbedeckung in meiner Hand und fragte mich, was ich mit dem nebelfeuchten Ding anstellen sollte.
Schließlich ging ich über die Brücke zurück und die Straße zum Pub hinauf, um den Hut beim Wirt abzugeben. Ich dachte mir, dass der Eigentümer vermutlich dort danach fragen würde.
Der Wirt war gerade dabei zu schließen, als ich den Pub erreichte.
„Sperrstunde“, belehrte er mich griesgrämig. „Heute gibt’s nichts mehr.“
„Ich möchte auch nichts bestellen“, erklärte ich höflich und hielt den Hut hoch. „Ich wollte den hier nur abgeben. Den hat jemand auf der Brücke liegenlassen.“
Die Augen des Wirts weiteten sich erschrocken und wortlos warf er mir die Tür vor der Nase zu.
RUMMMS!
Verblüfft starrte ich auf das dunkle Holz der Tür, den Hut immer noch halb erhoben.
Was sollte das denn jetzt?
Etwas ratlos ging ich nach kurzem Überlegen zur Brücke zurück. Ich platzierte den Hut genau dort, wo der Mann ihn vergessen hatte. Wenn er danach suchte, würde er ihn hier wohl kaum übersehen.

Szenentrenner


Als mein Wecker klingelte, fühlte ich mich, als hätte ich keinen Moment geschlafen. Benommen zog ich die Vorhänge auf, sah zufällig zum Bett und sah auf dem Kissen … den Hut.
Verdutzt trat ich näher.
Ich war mir absolut sicher, dass ich ihn auf der Brücke zurückgelassen hatte. Wie kam er jetzt hierher?

Szenentrenner


An diesem Morgen ging ich zehn Minuten früher als sonst zur Bushaltestelle, denn mir war eine Idee gekommen, die mir vielleicht sogar einen gewissen Profit verschaffte.
Unterwegs machte ich einen Abstecher zum Pfandleiher Mr Biggs.
Doch kaum hatte ich ihm erzählt, wo der Hut her war, flüchtete er in sein Büro und warf die Tür hinter sich zu.
RUMMS!
Genervt sammelte ich den Hut wieder ein machte mich auf den Weg zum Bus.
Auf der Brücke warf ich den Hut über die Mauer in den Fluss.

Szenentrenner


Erschrocken fuhr ich aus dem Schlaf auf und betastete mein Gesicht. Irgendwas Kaltes, Glitschiges hatte mich gerade berührt. Mit klopfendem Herzen tastete ich nach der Lampe und machte Licht. Puh, was für ein Alptraum.
Ich rieb mir die Augen, um mich ein wenig zu beruhigen, dann ließ ich mich ins Kissen zurücksinken … um sofort wieder aufzuschrecken. Das Kalte, Glitschige war noch da.
Zitternd vor Schreck wagte ich es eine Weile nicht, mich umzusehen, aber schließlich tat ich es doch. Auf meinem Kissen lag … der Hut.
Triefend nass vom Flusswasser.
Mit einem Aufschrei schubste ich das Ding auf den Boden und möglichst weit von mir weg.
Den Rest der Nacht ließ ich das Licht brennen, lag wach und starrte den Hut an, weil ich mich nicht traute, ihn aus den Augen zu lassen.
Am nächsten Morgen, zum Glück war Samstag, schlich ich mich in aller Frühe aus dem Haus. Aus dem Geräteschuppen im Garten holte ich mir eine Schaufel und machte mich auf den Weg in den Wald, der unmittelbar hinter unserem Haus begann.
Unter einem umgestürzten Baum grub ich ein tiefes Loch, warf den Hut hinein und schaufelte in Windeseile die Erde wieder darüber. Eine Zeit lang schlug ich mit der Schaufel auf die lose Erde ein und hüpfte anschließend mehrmals darauf herum, um ganz sicher zu sein, dass der Boden über dem Hut dicht und fest war.
Danach setzte ich mich zu meiner Familie an den Frühstückstisch und fühlte mich endlich wieder besser.

Szenentrenner


Als ich am Sonntagnachmittag mit meinem Vater vom Sport kam, war ich bester Laune. Ich hatte tief und ungestört geschlafen, und mein Team hatte ein wichtiges Spiel gewonnen. Und weit und breit kein Hut … die Welt war wieder in Ordnung.
Genau so lange, bis ich den Ausdruck im Gesicht meiner Mutter sah, als ich das Haus betrat.
Sie hielt sich gar nicht erst mit Erklärungen auf, sondern deutete nur streng Richtung Treppe.
„Geh rauf und mach sauber“, befahl sie. „Ehe der Dreck in deinem Zimmer nicht weg ist, gibt es kein Abendbrot.“
Das Schlimmste ahnend rannte ich die Treppe hinauf, riss die Tür zu meinem Zimmer auf und fand auf dem Boden … den Hut.
Inmitten eines Haufens matschigen Waldbodens und fauliger Blätter.

Szenentrenner


Montagmorgen spielte ich krank. Meine Mutter war äußerst misstrauisch, wohl auch, weil sie mir die Sauerei in meinem Zimmer nachtrug, aber spätestens, als sie das Fieberthermometer sah, das ich in einem unbeobachteten Augenblick an die Birne meiner Nachttischlampe gehalten hatte, war sie überzeugt und ließ mich zu Hause bleiben.
Ehe sie zur Arbeit ging, instruierte sie mich gewissenhaft, im Bett zu bleiben, meinen Tee zu trinken und die Finger von den Süßigkeiten zu lassen.
Dabei stand mir der Sinn ganz gewiss nicht nach Süßigkeiten. Kaum war meine Mutter aus dem Haus, holte ich den Müllsack hervor, in den ich am Abend zuvor den Hut gesteckt hatte. Ich vergewisserte mich, dass der Sack mit einem unlösbaren Knoten verschlossen war, und wartete dann am Küchenfenster auf die Müllabfuhr.
Erst im letzten Moment, als der Wagen schon fast wieder losfuhr, rannte ich hinaus und warf den Beutel mit dem Hut in den Müllschacht des Lasters.
Zufrieden sah ich dann zu, wie der Müllwagen wegfuhr.

Szenentrenner


Ich fand es zu dreist, auch noch am Dienstag den Kranken zu spielen, also hob ich bereitwillig die Beine aus dem Bett, als mein Wecker schellte. Im nächsten Moment verlor ich den Boden unter den Füßen und schlug der Länge nach hin.
Nachdem ich die Benommenheit abgeschüttelt hatte, hörte ich die Stimme meiner Mutter unten an der Treppe: „Ist alles in Ordnung da oben?“
„Ja“, antwortete ich kleinlaut. „Alles gut.“
Mehr kriegte ich nicht heraus, denn direkt vor meinen Augen lag auf dem Boden … der Hut.
Ich war auf einer schimmeligen Kartoffelschale ausgerutscht, die er wohl aus dem Müllcontainer mitgebracht hatte.

Szenentrenner


Wieder stahl ich mich heimlich aus dem Haus, diesmal mitten in der Nacht. Wieder schlich ich mich in den Geräteschuppen und diesmal holte ich mir den Kanister, in dem mein Vater das Benzin für den Rasenmäher aufbewahrte.
Und wieder suchte ich mir ein Fleckchen im Wald. Dort legte ich den Hut auf einen Stein und goss etwas Benzin darüber.
Ich riss das Streichholz an und ließ es fallen, machte dann auf dem Absatz kehrt und rannte davon. Ich konnte hören, wie sich das Benzin mit einem leisen „Wuff!“ entzündete, aber sehen wollte ich es nicht mehr.
Nachdem ich den Kanister wieder im Schuppen verstaut hatte, schlich ich ins Haus zurück und die Treppe hinauf.
Kaum hatte ich die Tür zu meinem Zimmer geöffnet, empfing mich der Geruch nach Rauch.
Von den Büchern auf meinem Schreibtisch kringelten sich kleine Rauchfahnen hinauf zur Decke.
Ich schnappte mir das Glas Wasser von meinem Nachttisch und goss es über das entstehende Feuer. Dann riss ich das Fenster auf, damit der Geruch nicht noch meine Eltern weckte.
Zu meinem bodenlosen Entsetzen sah ich, nachdem sich der Rauch verzogen hatte, auf dem Schreibtisch … den Hut.
Dreckig wie zuvor, aber sonst unbeschädigt.

Szenentrenner


Die nächsten Tage waren ein einziger Alptraum. Jedes Mal, wenn ich in meine Schultasche blickte, rechnete ich damit, den Hut darin zu sehen. Auf dem Klo inspizierte ich erst misstrauisch den Spülkasten, um sicher zu sein, dass nicht vielleicht der Hut darauf lag. Wo immer ich mich hinsetzen wollte, stellte ich erst sicher, dass ich mich nicht etwa auf den Hut setzte.
Kurzum, ich war am Ende.
Das Letzte, was ich da brauchte, war Mrs Ramsey, die Haushälterin des Pastors, und ihres Zeichens die Klatschtante vom Dienst hier im Dorf.
„Hallo“, rief sie über den Gartenzaun des Pfarrhauses, als ich daran vorbeitrottete. „Wer lässt denn da den Kopf hängen?“
Ich raffte die letzten Reste meiner Geduld und Höflichkeit zusammen und brachte ein halbherziges: „Hallo, Mrs Ramsey. Mir geht’s gut, keine Sorge“, zuwege.
„Macht er dich also nicht wahnsinnig?“, erkundigte sie sich.
Verdutzt riss ich den Kopf hoch.
„Bitte, was?“
„Den Hut meine ich.“
„Woher …?“, setzte ich an.
„Du warst damit im Pub und bei Mr Biggs“, sagte Mrs. Ramsey so ernst, wie ich sie noch nie zuvor erlebt hatte. „Seither versuche ich herauszufinden, wie es dir geht.“
„Mir geht?“ Ich kam mir ziemlich blöd vor, ihre Worte wie ein Papagei zu wiederholen, doch ich wusste nichts anderes zu sagen.
„Er verfolgt dich, nicht wahr?“ Aus ihren Augen sprach Sorge, und sie schien zu ahnen, was in mir vorging.
„Du musst mir nichts darüber sagen, wenn du nicht willst“, sagte sie leise. „Hör mir nur eine Weile zu.“
Dann begann sie zu erzählen.
„Vor hundert Jahren gab es hier im Dorf eine junge Frau namens Jessica Cramer. Sie war die Tochter des Apothekers und Lehrmädchen bei einem Hutmacher. Als die Zeit ihrer Abschlussprüfung kam, wählte sie als Prüfungsstück einen eleganten Herrenhut aus schwarzem Filz, den sie ihrem Vater schenken wollte. Sie legte so viel Herzblut in ihre Arbeit, dass ihr Lehrer später immer wieder beteuerte, dass er nie ein schöneres Prüfungsstück gesehen habe. Als der Hut fertig war, stickte sie noch eine Widmung auf die Innenseite. Ihr Vater war zu Tränen gerührt und trug den Hut von da an jeden Tag. Kurz darauf verliebte sich Jessica in einen jungen Mann, doch er war ihrem Vater nicht gut genug. Er wies den Jungen ab, als dieser um Jessicas Hand anhielt. Jessica war darüber so verzweifelt, dass sie sich an einem nebeligen Herbstabend an einer der Laternen auf der Brücke erhängte. Als ihr Vater sie fand, begriff er, was er seiner Tochter angetan hatte, und aus Gram ertränkte er sich im Fluss. Seinen Hut ließ er auf der Mauer der Brücke liegen.
Es heißt, seither suche der Hut in nebeligen Nächten einen neuen Besitzer, der ihn ebenso schätzt und ehrt, wie es der Apotheker getan hat. Zweimal wurde er bisher aufgehoben, und beide Männer trieb er in solche Verzweiflung, dass sie sich am Ende umbrachten.“
Mrs Ramsey machte eine effektvolle Pause und sah mich besorgt an.
„Gib acht auf dich“, warnte sie mich dann. „Noch hat niemand einen Weg gefunden, dem Hut auf der Brücke zu entkommen.“

Szenentrenner


Zurück in meinem Zimmer zog ich den Hut aus der Ecke, in die ich ihn gesteckt hatte, und sah hinein. In feinen Stichen waren mit goldenem Garn folgende Worte auf die innere Kante gestickt: Für meinen Vater, William C. Cramer, in Liebe, Jessica
Nun kannte ich also die traurige Geschichte vom Hut auf der Brücke. Doch was half mir das?
Die rettende Idee kam mir ebenso plötzlich, wie sie simpel war: Ich begann einfach, den Hut zu tragen.
Denn, mal ehrlich, ein Hut, den ich nie vergessen oder verlieren kann, weil er ja immer zu mir zurückkommt, ist doch verdammt praktisch, oder?

Szenentrenner


18. Nov. 2014 - Norma Feye

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