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Erwartung
von Tanja Bern

Diese Kurzgeschichte ist Teil der Kolumne:

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A. Bionda
6 Beiträge / 24 Interviews / 2 Kurzgeschichten / 37 Galerie-Bilder vorhanden
Shikomo Shikomo
© http://www.shikomo.de
Prologstory zu NAH BEI MIR

Die Bäume standen so dicht, dass Katelyn zuerst nur Schatten zwischen dem Laub sehen konnte. Wasser floss in unmittelbarer Umgebung über Steine, die wie hingeworfen im Flussbett lagen. Eigentlich liebte sie das Geräusch des fließenden Stroms. Dieses Mal fand sie keine Beruhigung in dem Plätschern. Noch immer wagte sie sich nicht weiter, blieb zwischen den Tannen stehen, als wäre sie verwurzelt. Die Wipfel der Buchen vor ihr wiegten sich im Wind, als tanzten sie zu einer Melodie, die sie nicht hören konnte.
Ein Trampelpfad führte stetig durch das Dickicht, sie folgte seinem Verlauf mit dem Blick. Vor ihrem inneren Auge veränderte sich die Umgebung. Der Weg verbreiterte sich und ein Herrenhaus tauchte in ihren Gedanken auf. Die Mauern grau, von Efeu und Rosen umrankt …
Ein Frösteln erfasste sie. Katelyn senkte den Kopf, schaute zum moosigen Boden.
Ich muss dorthin, dachte sie mit einem verzweifelten Gefühl, das sie in diesem Moment nicht abstreifen konnte. Im Alltag verdrängte sie es. Die Empfindung lebte in ihr wie ein verborgener Schatten, dem sie das Licht verweigerte. Einordnen konnte sie es noch nicht, nur dass dort ein Verlust lauerte, den sie nicht begriff. Tränen verschleierten ihre Sicht, doch sie blinzelte sie fort, wischte sich rasch über die Augen.
Mit einem tiefen Atemzug zwang sie sich weiterzugehen. Einige Sträucher versperrten den Pfad und sie musste sich hindurchkämpfen.
Zwischen den hohen Buchen erhoben sich die Überreste eines großen Hauses. Sonnenstrahlen beleuchteten die alte Ruine. Die Jahrhunderte hatten die oberen Stockwerke vernichtet, die Natur kam unaufhaltsam zurück. Katelyn entfuhr ein leiser Laut, als ihre Brust von einem Ziehen erfasst wurde, das ihr kurzzeitig den Sauerstoff zu rauben schien. Dieses seltsame Verlustgefühl hinderte sie, näher zu gehen. Zögerlich lief sie um die Ruinen herum, entdeckte Reste von Trockenmauern. An die eigentlichen Überreste wagte sie sich nicht heran, obwohl der untere Bereich noch gut erhalten war. Die Ruine kam ihr wie ein Mahnmal vor, das auf eine Reaktion ihrerseits wartete.
Eine Wiese offenbarte sich, hohe Gräser wehten in einer seichten Brise. Wieder blitzten Bilder auf. Pferde grasten plötzlich auf der Weide …
Katelyn schloss die Lider, bevor erneut dieser Schmerz von ihr Besitz ergriff − ein Schmerz, der tief aus ihrer Seele kam. Langsam lief sie über das hohe Gras, ihre Hände strichen über die Kräuter und Wildblumen. Unerwartet fühlte sie eine Schwäche, die ihr die Kraft in den Beinen raubte. Ihre Hände spürten von der Sonne erwärmtes Moos, weichen Klee und feuchte Erde, als sie sich auf die Wiese fallen ließ. Umrahmt von den sich wiegenden Halmen, legte sich Katelyn auf den Rücken, schaute in den blauen Himmel, und schloss die Augen.
„Lass mich schlafen“, wisperte sie dem Wind zu. Nur einer konnte dieses Ziehen in ihrem Herzen mildern. Der Mann, von dem sie ständig träumte. Die Wärme der Mittagssonne, die Geräusche der Natur, erfüllten Katelyn ihren Wunsch …
Wirklich Katelyn war sie nicht mehr. In ihren Träumen war sie das nie. Doch ihr Dasein im Schlaf konnte sie ebenso wenig erfassen, wie sie verstand, warum er immer wieder im Schlaf zu ihr kam.
Sie stand auf genau derselben Wiese wie zuvor, aber Pferde grasten auf ihr und jemand stupste sie von hinten an. Verwundert drehte sie sich um und sah einen hochgewachsenen Grauschimmel, der sie sachte beschnupperte. Wie von selbst schlangen sich ihre Arme um den Hals des Pferdes, sie roch an seinem Fell, sog den vertrauten Geruch in sich auf.
Liath, dachte sie und war sich selbst nicht im Klaren darüber, wie sie auf diesen Namen kam.
Jemand ergriff ihre Hand, löste sie von dem Pferdehals. Finger verschränkten sich, fast heimlich. Sie wandte den Kopf zu ihm und ihr Herz pochte schneller, als sie in seine graublauen Augen schaute. Er sah zum Haus und sie tat es ihm nach, erkannte das verwunschene Herrenhaus, das in ihrem Leben, außerhalb des Traums, nur noch aus einer Ruine bestand. Niemand verweilte dort, keiner stand am Fenster, sie waren allein. Wieder suchte er Augenkontakt und ein versonnenes Lächeln huschte über ihre Züge. Ihre linke Hand, die noch im Fell des Pferdes gewesen war, löste sich nun von dem Tier, strich ihm eine blonde Haarsträhne aus der Stirn. So viel Liebe lag in seinem Blick, als er sich vorbeugte, ihre Lippen sanft berührte …

Katelyn erwachte von Regentropfen, die vereinzelt auf ihr Gesicht fielen. Das sonnige Wetter war einer diesigen Wolkenwand gewichen. Rasch erhob sie sich und schaute ein letztes Mal auf die Ruinen. Sie wünschte sich nichts mehr, als dass er hier im Wachen auf sie gewartet hätte. Den Kräuterduft atmete sie ein, wie eine Verzweifelte, um die Stimmung im Traum mit etwas zu verknüpfen, das sie nie vergessen würde. Dann lief sie zurück in den Wald, zurück zu ihrer Großmutter.

Szenentrenner


Voller Sehnsucht sah Chris auf den Hof seines Freundes, den er nun wieder verlassen musste, weil sein Studium zu einem Abschluss gebracht werden musste. Sein Freund Hamish war schon fort, regelte Pferdeverkäufe und arbeitete schon seit dem Morgengrauen. Und Chris musste zurück in die Stadt, fort vom Lake District, dem er sich so verbunden fühlte.
Nur noch ein paar Wochen, sagte er sich.
Ein Wiehern ließ ihn aufmerksam werden. Er war auf einem Reiterhof, hier waren Pferdegeräusche allgegenwärtig. Doch dieser Ruf rührte etwas in ihm. Im Auto lag schon seine Reisetasche und er schlenderte über das Gelände, schaute sich um und suchte das Tier.
Ein Schnauben veranlasste ihn, sich umzudrehen. Ihm stach ein Pferd ins Auge, das aus seinem Boxenfenster schaute und seine Mähne schüttelte. Es wieherte ihm zu. Mit einem Stirnrunzeln näherte er sich. Sein Fell erinnerte ihn an Milchkaffee, die sahnefarbene Mähne war zerzaust. Chris hob den Arm, streckte dem Pferd die Hand hin und streichelte ihm über Stirn und Nüstern. Obwohl das Tier ihn nicht kannte, drängte es sich gegen seine Handfläche. Aus einem Impuls heraus ging er um die Stallung herum, trat in das Gebäude, in dem angenehmes Zwielicht herrschte. Er suchte die richtige Box und erkannte, dass sein neuer Freund Bailey hieß und eine Stute war. Ein Schild mit ihrem Namen baumelte an einem Haken an der Wand. Sie drehte sich zu ihm und er schob das Metalltor zur Seite, trat ohne zu zögern ein. Wie eine Katze schubberte sie sich an Chris, warf ihn fast um.
„Du tust ja so, als ob ich dir jeden Tag Äpfel vorbeibringe“, raunte er ihr zu und kraulte sie hinter den Ohren, strich ihr über Hals und Flanke.
Da hatte sich Hamish wirklich ein wunderbares Pferd zugelegt. Bailey tänzelte in ihrer großräumigen Box um ihn herum, als wolle sie prüfen, ob an ihm noch alles vorhanden war. Ihm entfuhr ein Lachen und er suchte von sich aus die Nähe der Stute, kuschelte sich für einen Moment in ihr weiches Fell. Dabei ordnete er ihre wirre Mähne.
Mit einem tiefen Seufzen löste er sich dennoch von ihr.
„Nun fällt es mir noch schwerer zu gehen.“ Eine Zeit des Lernens wartete auf ihn. Und die Einsamkeit der Stadt. Dort fühlte er sich fremd und nicht zugehörig. Hier in Keswick war sein Zuhause. Stets kam es ihm so vor, als warte hier jemand auf ihn, den er nur noch nicht gefunden hatte.
Ein Gefühl durchzog sein Herz, das ihn innehalten ließ. Schon immer suchte er diesen Jemand, aber wem auch immer er sich zuwandte, niemand füllte diese Leere, die er in sich wahrnahm. Mit einem traurigen Laut verabschiedete er sich von Bailey. Er verließ den Stall, stieg ins Auto und ließ Keswick schweren Herzens hinter sich.
Plötzlich erfasste ihn eine Empfindung, die so drängend war, dass sie ihm den Atem nahm. Chris fuhr an den Straßenrand, stoppte abrupt das Auto.
Regen prasselte an die Windschutzscheibe. Er schaute aus dem Seitenfenster und erkannte den vertrauten Wald, umhüllt von leichtem Nebel. Solch ein Gefühl konnte er nicht ignorieren, das hatte er noch nie verspürt. Ungeachtet des Wetters stieg er aus, lief über die Wiese, die Straßenrand und Wald voneinander trennte. Wie von Sinnen rannte er durch die Reihen der Laubbäume, kam in einen Tannenhain, in dem ein Schatten zu liegen schien. Also strebte er weiter. Ehe er sich bewusst war, wohin seine seltsamen Instinkte ihn wieder geführt hatten, trat er aus einigen Gebüschen und stand vor den Ruinen des Herrenhauses.
Suchend schaute er sich um, aber niemand verweilte hier an diesem Ort. Verzweiflung überspülte ihn, als hätte er sein Schicksal verpasst. Die Nässe nahm ihm viel zu sehr die Sicht, die Ruinen wirkten wie Geistergebilde. Was immer er hier zu finden gehofft hatte − nun war es fort.

Szenentrenner


Der Wind fegte um das alte Haus und Fiona sah besorgt hinaus. Katelyn müsste längst zurück sein. Ihr Blick schweifte zur Glasvitrine, wo sich Geheimnisse befanden, die sie noch nicht enthüllen konnte. Mit einem Seufzen setzte sie sich wieder auf die Couch, ihre Finger strichen über das Säckchen, in dem sich die Steine befanden. Bedacht holte Fiona die letzte Rune hervor, platzierte sie neben die anderen, und starrte erstaunt darauf.
Die Zeichen, worauf sie seit Jahren wartete, breiteten sich vor ihr aus!
Aufgewühlt fuhr sie sich durch das hochgesteckte Haar, zerstörte die Frisur. Mit einem Unmutslaut steckte sie die Klammern wieder locker in die ergrauten Strähnen und schaute aus dem Fenster ihres Cottages. Regen verwandelte die Landschaft in ein verwischtes Gemälde. Sie schaute zurück zu den Runen. Ein Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. Ein wenig musste sie noch warten, denn hier war Geduld vonnöten, das erkannte sie sehr schnell, als sie die Bedeutung nachlas, um sich zu vergewissern.
Langsam erhob sie sich, stellte sich ans Fenster und wartete auf ihre Enkelin. Diese rannte gerade die Anhöhe hinunter, mit nassem Haar, das sich wie Algen auf ihre Schultern gelegt hatte. Katelyn erspähte sie nicht, zu sehr behinderten die Tropfen jegliche Sicht. Sie riss das Gartentor auf und flüchtete unter das Vordach.
Ein Sturm brandete auf, bog die Bäume zur Seite, wirbelte Blätter in die Luft. Fiona befürchtete, dass die sonst seichten Wellen des Sees Derwent Water wieder über die Ufer treten würden.
Die Haustür flog auf und ihre Enkelin stürzte in den Flur. Sie war durchnässt bis auf die Haut und trug diesen Ausdruck, der Fiona sagte, dass sie wieder bei den Ruinen gewesen war. Vor Aufregung klopfte ihr Herz, als sie sich der jungen Frau näherte. Bald − bald würde sie Katelyn die Dinge zeigen, die sie auf dem Speicher vor ihr verbarg …

Szenentrenner


29. Dez. 2014 - Tanja Bern

Bereits veröffentlicht in:

NAH BEI MIR
T. Bern
Roman - Romantic History - Arunya-Verlag - Apr. 2015

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