Main Logo
LITERRA - Die Welt der Literatur
Home Autoren und ihre Werke Künstler und ihre Werke Hörbücher / Hörspiele Neuerscheinungen Vorschau Musik Filme Kurzgeschichten Übersicht
Neu hinzugefügt
Autoren
Genres Magazine Verlage Specials Rezensionen Interviews Kolumnen Artikel Partner Das Team
PDF
Startseite > Kurzgeschichten > Ladina Bordoli > Phantastik > Der letzte Seelenfänger
emperor-miniature

Der letzte Seelenfänger
von Ladina Bordoli

Diese Kurzgeschichte ist Teil der Kolumne:

AGENTUR ASHERA Zur Gallery
A. Bionda
46 Beiträge / 43 Interviews / 102 Kurzgeschichten / 2 Artikel / 128 Galerie-Bilder vorhanden
Peter Wall Peter Wall
© http://www.picturewall.eu
Düsternis drängte sich durch die Straßen der Stadt Basel und streckte ihre knorrigen Finger in jede Gasse. Klirrende Kälte umschmeichelte die allgegenwärtige Dunkelheit wie eine Geliebte. Die Straßenlaternen ließen ihre leeren Köpfe stumm und ängstlich in die Höhe ragen. Ihre Hälse stramm wie Giraffen. Die ganze Stadt hielt den Atem an.
Dies war der Moment.
Die Piccolos durchschnitten die erwartungsvolle Stille des jungen Morgens mit ihren schrillen Vogelschreien. Gnadenlos wie Rasierklingen gruben sich ihre pfiffigen Stimmen einen Weg in das von Kälte und Erwartung gepeinigte Ohr des Publikums. Als die Trommeln ihre dumpfen Rhythmen einsetzten und die Laternen des Umzugs ihr fahles Licht entfalteten, wurde Tradition geboren.
Immer und immer wieder dieselbe Geschichte, jedes Jahr.
Pinguine, die sich am Straßenrand zusammendrängten und jeder Witterung trotzten. Bloß, um endlich das Licht zu sehen, die wilde Musik zu hören und den Winter zu vertreiben. Uralte Rituale, die Hoffnung auf Veränderung bringen sollten, die einen Neuanfang ankündeten, obwohl da keiner war.
Und mittendrin etwas, das noch viel älter war. Älter als die Gedanken der meisten Anwesenden zurückreichten, geboren zu einer Zeit, wo alles eins war, das Gute wie das Böse. Es brauchte keinen Herzschlag, um zu existieren, keine Elektrizität, um zu denken. Reinheit und Unschuld waren sein Manna; Seelen, so jung wie ein frisch gepresstes, weißes Blatt, sein Atem. Es gierte nach Leben, nach dieser zuckersüßen Wärme, die nur die Weiblichkeit zu geben vermochte. Seit Äonen lebte es inmitten von uns allen, ohne je bemerkt zu werden. Ein Parasit, eine Ausgeburt der Hölle, die sich stets nahm, was sie brauchte.
Duncan – „Der Düstere Mann“.
Er spielte das Piccolo als wäre es mit seinem Körper und Geist verschmolzen. Trotz der glockenhellen Stimme des Instrumentes trug seine Melodie einen unheilvollen Schatten in sich, verlockend und bedrohend zugleich. Seine bleichen, knochigen Finger tanzten über die Flöte, als würde er sie liebkosen. Hüpfend wie Wanzen sprangen die Töne locker und beinahe schwerelos durch den dämmrigen Morgen. Betörend wie der Duft einer japanischen Kirschblüte schlängelte sich das Lied des Piccolos durch das Zwielicht. Immer auf der Suche nach einem zerbrechlichen und verwundbaren Geschöpf.
Schließlich fand es zwischen den dicht aneinander gedrängten Körpern, inmitten einer Masse von bereits verdorbenen und zur gedankenverlorenen Existenz verdammten Stadtmenschen, wonach es so lange gesucht hatte.
Saftige Sinnlichkeit. Ein infantiles Kichern, umrahmt vom Glanz tintenschwarzer Rabenaugen. Ein Mund, so prall und schmackhaft wie eine reife Beere.
Und Gold. Fließendes Gold. In Wellen ergoss es sich in sündiger Opulenz über den zarten Rücken.
Ein Schauer der Erregung durchfuhr Duncan, als er die Vibrationen seiner Melodie spürte. Wie ein Bumerang kehrten sie zu ihm zurück. Ein röchelndes Flüstern unterrichtete den Meister über den schmackhaften Fund. Duncan leckte sich die spröden Lippen. Zu lange war es her. Sein Kiefer knarrte bereits und die Haut spannte sich wie brüchiges Pergament über seine spitzen Wangenknochen. Es war höchste Zeit.
In seinem Innern tobte ein Sturm der Vorfreude, der kaum zu zügelnden Gier. Doch er musste vorsichtig sein. Jahrhunderte lange Erfahrungen hatten ihn das geduldige Warten gelehrt. Eine würdige Mahlzeit bestand nicht nur aus knackig frischen Zutaten. Ohne das Genie eines virtuosen Kochs, der die Zutaten vermischte wie ein Pianist die Töne auf seinem Flügel, waren selbst die exquisitesten Rohstoffe bloß Pappkarton zwischen den Zähnen. Nein, diese göttliche Gabe musste mit Hingabe zubereitet werden, denn nur so konnte sie ihre Essenz an ihn weitergeben.
Duncan entfernte sich langsam von seiner Fasnachts-Klique und tauchte in die zur Herde gewordenen Zuschauer. Das Piccolo zwitscherte unermüdlich weiter seine Melodie und je näher er seiner Auserwählten kam, desto klebriger wurden die Spinnweben, die sein Lied um sie sponnen. Bei jedem Schritt hinterließen seine Schuhe ein hohles Klack, das wie das Zähneklappern eines Totenschädels klang. Es hallte von den blinden Fassaden der Häuser wider, doch niemand spürte sein Echo.
Nur sie, sie konnte es wahrnehmen. Noch nicht bewusst, aber dennoch unverkennbar. Das Klicken seiner Schuhe passte sich dem dumpfen Hämmern ihres Herzens an, als wären sie eins. Die Stimme des Piccolos drang mühelos durch ihre weiße, beinahe durchsichtige Haut. Ohne dass sie es merkte. Wie ein tödliches Gift breitete sich das Lied nebelartig, Ton für Ton, in ihrem Körper aus. Es kroch von den Füßen her durch die wild pulsierenden Gefäße nach oben, bis es ihren Kopf erreicht hatte. Langsam durchfraß Duncans Klang ihre Gedanken, bis sie keine eigenen mehr hatte. Sie lachte noch immer, frisch und von innen her in ihrer Jugend konserviert. Doch noch gehörte ihr, was er begehrte.
Unaufhaltsam wie eine nahende Flutwelle, die niemand kommen sah, bewegte sich Duncan auf das Mädchen zu. Sein Spürsinn hatte ihn nicht getäuscht. Fast noch ein Kind, doch unverkennbar eine Frau, war sie atemberaubend schön.
Duncan lächelte und trat auf das Mädchen zu. Sein bereits arg ausgehungertes Gesicht zu diesem Lächeln zwingen zu müssen, bereitete ihm höllische Qualen. Doch das Mädchen schien Mitleid mit ihm zu haben und schenkte ihm seine wertvolle Aufmerksamkeit. Es wandte sich kichernd seinen Freundinnen zu und meinte: „Seht nur, ein Pfeifer!“
Duncan spielte weiter, er spielte nur für sie.
Ihr Mund war leicht geöffnet und Speichel glänzte auf den Rundungen ihrer Lippen. Die unsichtbaren Fäden seines tödlichen Netzes schlossen sich immer dichter und fester um das Mädchen. Verträumt und benebelt vom Gift der Piccolo-Klänge, war das Mädchen bald nur noch eine willenlose Marionette.
Duncan drehte sich langsam von ihr ab, sein Blick bohrte sich jedoch tief in ihren. Es war, als griffe eine eiserne Faust nach ihrem Willen. Und ohne zu zögern, folgte sie seinem stillen Ruf.
Komm mit mir, komm mit mir!
Und ehe sich die Freundinnen versahen, war das Mädchen in der Masse untergetaucht. Gleich tausenden von krabbelnden Ameisen hatten die Menschen sie einfach in ihre Mitte genommen. Sie war unauffindbar. Gefangen in einem Traum.
Duncan schritt voran und bahnte dem Mädchen einen Weg durch die Stadt. Die Dämmerung war bereits fortgeschritten und die Sonne konnte jeden Moment über die Bergwipfel spähen. Das erste, zarte Tageslicht spiegelte sich auf den kühlen Wangen des Mädchens. Duncan schnupperte. Sie roch nach Orange, Zimt und warmer Schokolade.
Sie erreichten den Stadtrand. Der Lärm der traditionellen Blech-Musik hallte wie ein böser Traum weit hinter ihnen von den Mauern der Stadthäuser wider. Das Mädchen war still geworden. Erstaunt blickte es sich um.
„Wo sind wir? Warum spielst du nicht mehr?“
„Willst du, dass ich dir zeige, wie man damit spielt?“, fragte Duncan. Seine Stimme klang sanft, als hätte er Kreide geschluckt.
Das Mädchen nickte zaghaft und ihre Locken wippten leicht in der kühlen Morgenbriese. Er nahm ihre Hände, welche wunderbar weich und warm in seinen ledrigen Handschuhen lagen, und legte sie sanft auf das Piccolo. Er platzierte das Mundstück auf ihren bebenden Lippen und wartete gespannt.
Sie startete einen ersten Versuch, doch der Ton, der dem Instrument entwich, klang kläglich und verzerrt, als hätte es große Schmerzen. Sie lachte schallend und warf den Kopf in jugendlichem Übermut in den Nacken.
Ihre Porzellanhaut schimmerte wie weißer Nerz um ihren schlanken Hals und verlieh jeder ihrer Bewegungen eine unvergleichliche Eleganz.
„Du musst aus den Tiefen deines Bauches heraus spielen, als hinge dein Leben davon ab, als würdest du all deine Liebe mit einem einzigen Ton in diese Flöte hauchen“, flüsterte er. Sie blickte ihn ernst und zugleich entschlossen an. Erneut setzte sie das Mundstück an ihre Lippen und dieses Mal spielte sie nicht bloß, sie machte Musik. Ein Ton, der so zart wie ein junger Frühlingsmorgen war, entsprang dem Piccolo. Die Augen des Mädchens glänzten, die Liebe, die sie in ihrem Innern empfand, überwältigte sie. Noch nie hatte sie in ihrem Leben so etwas Gewaltiges gespürt. Und noch nie wurde etwas in ihrem Leben so blitzschnell und ohne Vorwarnung …
… beendet.
Gleich einem Raubtier sprang Duncan nach vorne, streckte seine Klauen nach dem anderen Ende des Piccolos aus und drückte die Öffnung verzweifelt an seinen dürren Mund. Seine Knie zitterten, als er die Liebe, die das Mädchen empfand, gierig in sich einsog. Seine Finger krallten sich an die Flöte, als wäre sie der erste Tropfen Wasser nach wochenlangem Umherirren in der Wüste. Sein ausgemergelter und verwesender Körper labte sich an dem frischen, unverbrauchten Leben, welches er dem Mädchen schluckweise, atemweise entzog. Ihre anfangs vor Seligkeit überquellenden Augen, spiegelten plötzlich blankes Entsetzen, als sie versuchte, die grauenerregenden Ereignisse einzuordnen. Verzweifelt und vergebens versuchte sie, ihren Mund von dem Teufelsinstrument zu lösen. Ihre schweißnassen Finger rutschten immer wieder von dem kalten Metall ab, als sie nach Luft ringend versuchte, sich loszureißen. Ihre Bewegungen wurden immer langsamer und kraftloser, als sähe sie ein, dass der Kampf gegen das lähmende Gift der Spinne keinen Sinn machte. Die Augen des Mädchens suchten den Horizont nach einem imaginären Retter ab. Die Sonne bahnte sich ihren Weg zum Himmel wie jeden Morgen. Ohne Mitleid starrte sie auf das sterbende Mädchen.
Schließlich verlor das junge Geschöpf den Kampf gegen den Dämon. Langsam sank es zu Boden. Ohne Atem, ohne Seele, nur noch eine leere Hülle. Die Haare waren plötzlich glanzlos, die Augen hart wie Basalt.
Duncan richtete sich auf und versuchte, das wilde Pochen in seiner Brust ein wenig zu besänftigen. Er durchlief eine schaurige Metamorphose.
So wie er die junge Seele in sich aufgesogen hatte, wurde seine Haut geschmeidig und glänzte bronzefarben in der Morgensonne. Seine Augen verloren diesen ungesunden, gelblichen Film und wirkten wieder frisch und klar wie ein Bergquell. Seine bis vor kurzem noch schmutzigen, grauen Haare umrahmten in speckigen, rehbraunen Locken sein plötzlich jugendliches Gesicht. Er lachte, unaufhörlich. Ein donnerndes, grausiges Siegerlachen, welches sich bald überschlug und zu einem irren, widerhallenden Kichern wurde. Ein Gefühl wie das wohlige Schnurren einer Katze breitete sich in Duncans Innerem aus.
Doch dieses Mal sollte es anders werden.
Anders als all die Jahreszeiten, die er erlebt hatte, zuvor.
Duncan war ein Getriebener, ein Kind der Schatten, welches kein eigenes Wesen besaß. Gleich einer Mistel schmiegte er sich an sein Opfer und quetschte jedes Quäntchen Leben aus ihm heraus. So kam es denn, dass er benebelt und angestachelt von seinen ureigenen Jagdtrieben nicht merkte, dass sich die Welt verändert hatte. Stets hungrig und rastlos, blieb er blind für das Offensichtliche.
Das Zeitalter der antiken Dämonen neigte sich dem Ende zu. Die Vergänglichkeit wertete nicht und sie machte auch bei jenen Kreaturen nicht Halt, die dem Tod bis jetzt als seine Boten und Diener erfolgreicher getrotzt hatten als alle andern.
Eines Tages stand sie bei Tagesanbruch vor ihm.
Eine Gestalt, in gleißend weißem Licht.
Duncan hob schützend die Hände vor sein Gesicht, er ertrug den Glanz ihrer Aura kaum.
„Wer bist du, und was willst du?“, winselte er mit schmerzverzerrtem Gesicht.
„Ich bin Vanitas, ich hole dich nach Hause, Duncan.“

07. Apr. 2015 - Ladina Bordoli

[Zurück zur Übersicht]

Manuskripte

BITTE KEINE MANUS­KRIP­TE EIN­SENDEN!
Auf unverlangt ein­ge­sandte Texte erfolgt keine Antwort.

Über LITERRA

News-Archiv

Special Info

"Flucht aus der Komfort- zone!"
Im Sachbuch "TOP: Die neue Wissenschaft vom bewussten Lernen" geht es um die Befähigung Höchstleistungen zu vollbringen.

LITERRA - Die Welt der Literatur Facebook-Profil
Signierte Bücher
Die neueste Rattus Libri-Ausgabe
Home | Impressum | News-Archiv | RSS-Feeds Alle RSS-Feeds | Facebook-Seite Facebook LITERRA Literaturportal
Copyright © 2007 - 2017 literra.info