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Diener der Festung
von John Hader

Crossvalley Smith Crossvalley Smith
Stechende Kopfschmerzen wüteten in Elandurs Kopf und weckten ihn. Es fühlte sich an, als wolle sein Schädel jeden Augenblick von innen heraus bersten. Ohne die Augen zu öffnen, wusste er, dass er auf dem Boden lag. <ĭ>Doch wo?
Es war feucht und kalt. Dazu roch es so stark nach Krankheit, Schmerz und saurem Schweiß, dass ihm beinahe übel davon wurde. Benommen versuchte Elandur die Augen zu öffnen. Er musste ein paar Mal blinzeln, doch dann sah er klar. Ebenso orientierungslos wie erinnerungslos sah er sich um. Flackernder Fackelschein drang zu ihm herein und spendete ein wenig Licht. Er befand sich in einer Zelle. >ĭ>Wie war er hierhergekommen?
Er brauchte noch einen Moment um sich zu sammeln, dann erinnerte er sich wieder. Natürlich! Er war in einen Hinterhalt geraten. Delrons Schergen hatten ihn überfallen und gefangen genommen. Somit dürfte die Frage, wo er war, geklärt sein. Dies waren die Kerker Osmalgards, der Festung Delrons, des düsteren Tyrannen.
Ein aufmerksamer Beobachter hätte sich jetzt gewundert, dass ein zufriedenes Schmunzeln über Elandurs Gesicht huschte. Doch Elandur war allein in seiner Zelle, ja der gesamte Kerker lag still und verlassen da. <ĭ>Was das wohl bedeuten mochte?
Es war kein Zufall, dass er hier war. Elandur wollte hier sein. Erst heute Morgen war er in diesem hintersten Winkel der Welt angekommen. Etliche Wochen war er unterwegs gewesen, um genau diesen geheimnisvollen Ort zu finden. Unzählige Legenden rankten sich um die Festung Osmalgard, fast ebenso viele wie um ihren Herrn Delron.
Die unheimliche Festung hatte gebieterisch vor ihm in die Höhe geragt. Die unzähligen Spitzen ihrer zahlreichen Türme bohrten sich wie Dolche in den Himmel. Osmalgard stand wortwörtlich am Rande der Welt. Auf einem einsamen Felsen erbaut trotzte sie hier seit Jahrhunderten der Zeit. Dahinter gab es ... <ĭ>nichts.
Zur Festung gelangte man scheinbar nur über einen Weg und der führte über eine alte, fast schon zerfallene steinerne Brücke. In diesem Moment war ihm klar geworden, dass es unmöglich war, dort hineinzugelangen. Die Brücke wurde von Delrons Schergen – aufrecht gehenden, menschenähnlichen Wesen, mit Eberköpfen – bewacht. Einst waren sie freie Eberlinge gewesen, doch dann hatte Delron sie mit einem bösen Zauber unterjocht. Nun waren sie seine willenlosen Sklaven. Treu ergeben bis in den Tod.
Während Elandur ratlos ein wenig umhergegangen war, waren wallende Nebelschwaden heraufgezogen und der ewig gleichstehende Mond hatte mit seinem kalten Licht alles mit einem silbrig grauen Schimmer überzogen. Elandur vermochte sich nicht einmal mehr zu erinnern, wann der Mond zum letzten Mal über den Himmel gezogen war. Seit langer Zeit stand er wie eine riesige Kugel hinter Osmalgard am Firmament. Unfähig sich aus den Fängen Delrons zu befreien, der ihn mit einem finsteren Bann eingefangen hatte.
Elandur war so in seine Gedanken vertieft gewesen, dass er den Hinterhalt erst bemerkt hatte, als es schon zu spät gewesen war. Geifernd hatten sich die Eberlinge auf ihn gestürzt. Nachdem sie ihn niedergeschlagen hatten, hatten sie ihn mitgenommen und in die Kerker von Osmalgard geworfen. So hatte er mehr oder weniger freiwillig einen Weg nach Osmalgard gefunden. Auch wenn er dies nun mit grausigen Kopfschmerzen bezahlte. Aber immerhin war er hier.
Ächzend richtete er sich auf. Jeder Knochen im Leib tat ihm weh. Sein Hemd hing in Fetzen an ihm herab und so zog er es ohne lange zu überlegen aus und warf es achtlos weg.
Das flackernde Fackellicht enthüllte nun die unzähligen Narben, welche seinen Körper bedeckten. Keine davon war älter als ein Jahr. Sie waren eine unauslöschliche Mahnung. Sie erinnerten ihn daran, warum er hier war. An seinen Auftrag.
Einst war er ein friedliebender Mann gewesen. Wie alle seines Volkes hatte er stets im Einklang mit den Elementen gelebt. Die Elemente gehorchten ihm, da sie ein Teil von ihm waren, ebenso wie er ein Teil von ihnen war. Elementargeister – so hatte man sein Volk einst genannt.
Vor ungefähr einem Jahr, als die Gerüchte über einen grausamen Tyrannen immer lauter geworden waren und nicht mehr ignoriert werden konnten, waren Delrons Schergen bei ihnen aufgetaucht. Gerne hätte Elandur behauptet sein Volk wäre tapfer kämpfend in einer Schlacht gestorben. Doch die Wahrheit war, das Delrons Schergen sie überrascht hatten. Die Elementargeister waren einfach niedergemetzelt worden.
Deshalb war er hier. Er würde Rache nehmen, oder bei dem Versuch sterben. Denn was hatte er noch zu verlieren? Frau und Kind waren bei dem heimtückischen Überfall gestorben. Es gab niemanden mehr, der ihm etwas bedeutete. Er würde Delron töten. Aber erst zum Schluss. Zuvor würde er es genießen, diesen Tyrannen leiden zu lassen, den noch nie jemand zu Gesicht bekommen hatte.
Noch etwas schwerfällig ging er zu der verschlossenen Kerkertür. Dicke Eisengitter versperrten ihm den Weg. Als ob ihn das hätte aufhalten können. Magie durchströmte seinen Körper. Mit einer beiläufigen Handbewegung und leise dahingesprochenen Worten öffnete er die Tür. Gedämpft knarrend schwang sie auf.
Entschlossen betrat er den von Fackelschein erhellten Korridor. Mit einem Lächeln und einem flüchtigen Gedanken ließ er die Flammen der Fackeln erlöschen. Der Korridor versank in Dunkelheit. Delron und seine Schergen hatten keine Ahnung, mit wem sie sich eingelassen hatten.

Szenentrenner


Vorsichtig hatte er sich durch die dunklen Gänge Osmalgards geschlichen, bis er schließlich den Thronsaal gefunden hatte. Auf seinem Weg war er an mehr, als nur einem Trupp finster dreinblickender Eberlinge vorbeigekommen. Glücklicherweise war es ihm stets gelungen sich rechtzeitig zu verbergen, sodass ihn niemand bemerkt hatte.
Argwöhnisch betrat er den großen Saal, der aber seltsamerweise vollkommen verlassen vor ihm lag. Ein gewaltiger steinerner Thron ragte in die Höhe und nahm einen Großteil der gegenüberliegenden Wand ein. Der Thron selbst war leer. Nichts außer Dunkelheit und wechselnden Schatten umgaben ihn. Delron war nicht hier. <ĭ>Wo war er?
Gerade als sich Elandur umdrehen wollte, erfasste ihn ein kräftiger Windstoß, der nicht natürlichen Ursprungs war. Das merkte er sofort. Für einen Elementargeist wie ihn war es ein leichtes, den Windstoß in ein laues Lüftchen zu verwandeln.
Verwundert sah er erneut zum Thron. Und nun erkannte er, dass dieser entgegen seiner ersten Annahme nicht leer war. In der Dunkelheit der dort herrschenden Schatten bewegte sich etwas. Eine Gestalt kristallisierte sich heraus. <ĭ>Delron.
Der Herr dieser Festung schien nur aus Schatten zu bestehen. Seine Gestalt war nicht richtig zu erkennen, egal wie sehr sich Elandur auch bemühte. Nur nach und nach verflüchtigten sich die Schatten und eine Gestalt trat hervor.
Ungläubig schluckte Elandur ein paar Mal. Er wagte es nicht, seinen Augen zu trauen. Vor ihm stand kein alter Mann mit grausamem, kaltherzigen Blick, wie er erwartet hatte, sondern eine wunderschöne Frau. Die schönste Frau, die er je gesehen hatte.
Vorsichtig lächelte sie ihm entgegen – beinahe zaghaft – so als wolle sie ihn nicht erschrecken. Ihr Blick suchte fast schon schüchtern den seinen. Was er darin las, ließ ihm das Herz schwer werden. Ihre Augen trübten sich vor Trauer und unermessliche Einsamkeit. Und einem Hauch von Verbitterung. <ĭ>Dies war keine Tyrannin, eher eine auferstandene Göttin.
Unfähig sich abzuwenden musterte er sie. Sie hatte eine anmutige, geradezu grazile Gestalt. Lange, dunkle Locken fielen ihr ins Gesicht. Ihr Haar war so dunkel wie das schwärzeste Schwarz der tiefsten Nacht. Als Elandur sie so sah, erwachte eine tiefe Sehnsucht in seinem Herzen, der er nichts entgegenzusetzen hatte. Er hasste sich selbst für dieses Gefühl, da er fürchtete, alle die er geliebt hatte damit zu verraten. Unterschwellig ahnte er mit dem letzten Rest seines einstmals klaren Verstandes, dass sie irgendeinen Zauber mit ihm trieb. Doch dieses Wissen alleine half ihm nichts. Es führte ihm nur seine Hilflosigkeit vor Augen.
»Elandur. Ich habe lange auf dich gewartet. Komm zu mir«, erklang ihre liebliche Stimme. Jedes ihrer Worte klang wie wunderschöner Gesang. Und obwohl er tief in sich wusste, dass es entsetzlich falsch war, ging er gehorsam auf sie zu. Er konnte nicht anders. Keine Macht der Welt konnte sich dem Verlangen widersetzten, welches sie in ihm allein durch ihren Anblick entzündet hatte. Wenn er ehrlich war, wollte er es auch nicht. <ĭ>Warum auch?
Er hatte nie etwas Schöneres gesehen. All das Leid, all der Schmerz und die Trauer um seine Familie waren vergessen. Unwichtig geworden. So als wäre es nicht sein Schmerz.
Die letzten Schritte kam sie ihm verheißungsvoll entgegen. Jeder Schritt schien ein Versprechen zu beinhalten. Als sie sich endlich erreichten, legte er seine Arme um sie und zog sie langsam zu sich heran. Ihre Köpfe näherten sich einander und das Verlangen in ihm wurde stärker, kontrollierte beinahe seine gesamtes Denken. Er war seinen Gefühlen hilflos ausgeliefert.
Als sich ihre Lippen schließlich berührten, erlosch die Welt um Elandur in süßem Vergessen. Ihre Lippen schmeckten wie lieblicher Wein – nie hatte er etwas Süßeres gekostet. Nie sich etwas Verlockenderem hingegeben.
Nach einer schieren Unendlichkeit und doch viel zu schnell lösten sich ihre Lippen wieder voneinander. Lächelnd sah sie ihn an. »Mein Name ist Anastasia«
<ĭ>Anastasia – ihr Name brannte sich in sein Gedächtnis, grub sich tief in sein Herz und verdrängte alles andere. All seine Erinnerungen erloschen, als hätte es sein Leben vor diesem Moment gar nicht gegeben. Ihr Name war das Kostbarste, was er je besessen hatte und nun war es auch das Einzige, was er besaß. Sein Leben gehörte ihr.
Sie war keine herzlose Tyrannin. Nein, sie war das Licht, die Güte in dieser Welt, die ohne sie noch trostloser gewesen wäre. Die anderen verstanden sie nur nicht. Warum sah das niemand außer ihm? Warum begriff niemand, dass sie nur das Beste für alle wollte?
Kurz regte sich Zweifel in seinen Gedanken. <ĭ>Was dachte er da?
Doch als würde sie seine Bedenken ahnen, lächelte ihm Anastasia glücklich zu und seine Zweifel waren wie fortgespült.
»Liebster gräme dich nicht mit deinen düsteren Gedanken. Nun sind wir endlich vereint. Gemeinsam werden wir die Welt beherrschen«, erklärte sie. Und ihr Lächeln schien dabei kälter, herzloser zu werden.
In Elandurs Augen machte sie das nur noch schöner. Er war ihr durch und durch verfallen. Sehnsüchtig beugte er sich vor um sie erneut zu küssen, doch sie wehrte ihn ab und drehte sich herum, um zurück zu ihrem Thron zu gehen.
Die plötzliche Zurückweisung ließ Elandurs Verlangen noch heller auflodern und langsam verzehrte es sein Herz, bis nur noch ein gefühlsloser Brocken zurückblieb. Nicht mehr fähig zu lieben, nur noch dazu da, um zu gehorchen. Willenlos stand er da und lauschte ihren weiteren Worten.
»Auf auf, mein Geliebter es gibt noch viel zu tun«, fordertet sie ihn auf. »Die Welt unterwirft sich nicht von allein.«
Als er ihre Worte vernahm, nickte er gehorsam verließ den Thronsaal. Er würde tun, was sie aufgetragen hatte. Ohne einen Blick zurückzuwerfen, ließ er Osmalgard hinter sich, das wie ein monumentaler Pfeiler gen Himmel ragte.

Szenentrenner


Elandur stand am Rande des Schlachtfeldes und beobachtete teilnahmslos das Gemetzel. Seine Eberlinge töteten alles und jeden. Bald schon würde er die ganze Welt unterworfen haben und dann ...
Ein nervtötendes Summen drang an seine Ohren und riss ihn aus seinen Überlegungen. <ĭ>Tut-Tut-tut- Tuttut- Tuttut-tuttut. Verwirrt sah er sich um. Alles um ihn herum begann zu verblassen. <ĭ>Was geschah mit ihm?
Seine Umgebung verblasste, bis nichts mehr davon übrig war, außer schwärze. Elandur stürzte haltlos ins Nichts ...
... und erwachte. Ungläubig drehte sich Ben herum und schlug benommen nach dem Wecker. Das nervtötende Piepen erlosch.
Er hatte nur schlecht geträumt.

26. Sep. 2015 - John Hader

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