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Dein böser Traum
von Sandra Binder

Diese Kurzgeschichte ist Teil der Kolumne:

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A. Bionda
46 Beiträge / 43 Interviews / 102 Kurzgeschichten / 2 Artikel / 128 Galerie-Bilder vorhanden
Heiko Schulze Heiko Schulze
© http://www.falpico.wordpress.com
Deine Finger tasten sich vor. Du befühlst die raue Steinwand und setzt sachte einen Fuß vor den anderen, so geräuschlos wie möglich. Doch der Sand, der den Fußboden bedeckt, knirscht unter deinen Schuhsohlen, unüberhörbar in der erdrückenden Stille. Du gehst in die Hocke und ertastest die Schnürsenkel. Deine Finger zittern, doch du schaffst es, die Schuhe von den Füßen zu streifen. Die groben Sandkörner graben sich in deine Fußsohlen und kriechen zwischen deine Zehen. Du stehst auf und legst die Finger zurück an die Wand. Der kalte Stein ist dein ungerührter Führer in der Schwärze.
Vorsichtig gehst du einen Schritt und noch einen, bis deine Finger einen Lichtschalter ertasten. Du weißt es besser, doch du betätigst den Schalter automatisch. Nach oben, nach unten und wieder nach oben. Das Klicken fährt unbarmherzig in all deine Nervenenden und löscht den letzten Schimmer von Hoffnung in dir aus. Es bleibt dunkel und aussichtslos.
Ein hysterisches Lachen entfährt dir, bevor du es verhindern kannst. Sofort schlägst du eine Hand vor den Mund, doch du hast dich bereits verraten. Er hat dich gehört ...
Und wieder erklingen die schwerfälligen Schritte.
Ein Knirschen. Sein klobiger Stiefel trifft hart auf dem sandbedeckten Boden auf. Ein Schleifen. Einen Fuß zieht er wie ein schlaffes Anhängsel hinter sich her. Sein heiseres Knurren raunt durch den Flur. Es streicht förmlich über deine Haut.
Deine Gedanken überschlagen sich, rufen dich zur Flucht. Mit aller Willenskraft versuchst du, deine Beine anzutreiben, doch sie hören nicht auf deine Befehle. Die Hand noch immer auf dem Mund, dämpfst du ein Keuchen. Du ermahnst deinen Kopf zur Ruhe, bis nur noch ein Gedanke übrig bleibt: Er darf dich nicht finden.
Plötzlich stößt die Panik ihre eiskalten Klauen in deinen Rücken. Du rennst los. Angetrieben von deiner Furcht, schneidest du dich immer schneller durch die Finsternis. Das Rauschen in deinen Ohren und dein hechelnder Atem übertönen beinahe das Knirschen und Schleifen seiner Schritte. Unmöglich zu erraten, wo er ist. Er könnte direkt hinter dir sein.
Drängender, hungriger erklingt das Knurren. Er klappert dumpf mit den Zähnen. Er ruft dich und du glaubst, seinen eisigen Atem im Nacken zu spüren.
Du presst die Hand auf den Mund und beißt dir auf die Lippen. Der metallische Blutgeschmack lässt dich würgen, doch du beißt noch fester zu. Du darfst nicht schreien.
Du rutschst auf dem unebenen Boden und der Sand frisst sich in deine Fußsohlen. Und plötzlich schlitterst du ins Leere. Für den Bruchteil einer Sekunde fühlst du dich schwerelos. Einen Herzschlag später zieht dich dein eigenes Gewicht gnadenlos nach unten. Unwillkürlich hebst du die Arme, schützt deinen Kopf und drehst dich zur Seite. Deine Schulter schlägt auf. Ein dumpfer Schmerz, der dir den Atem raubt. Du überschlägst dich. Steinkanten treffen deine Hüfte, deine Knie und dann liegst du auf dem Rücken und ringst nach Luft.
Du hörst ein Wimmern. Es kommt aus deinem Mund. Rasch beißt du die Zähne zusammen und setzt dich auf. Dein gesamter Körper ist taub und zugleich brennend heiß. Vorsichtig ziehst du dich mit einer Hand an der Wand hoch. Ein stechender Schmerz fährt durch deinen Körper, als du auf die Füße kommst. Du unterdrückst gewaltsam ein Stöhnen, humpelst weiter und verdrängst den Verdacht auf einen verstauchten Knöchel. Du kannst es dir nicht erlauben, im Schmerz aufzugehen, verletzt zu sein, langsam zu sein.
Du horchst in die Dunkelheit. Stille. Sie legt sich wie eine schwere Decke über dich. Er ist dir nicht nach unten gefolgt. Und doch spürst du seine eisige Nähe, witterst seinen fauligen Geruch. Er ätzt sich in deine Lungen und zwingt dich, flach zu atmen.
Du tastest dich an der Wand entlang und dringst tiefer in den Raum vor, bis deine Hüfte an etwas streift. Ein hölzernes Knarren verrät dir, dass du gegen einen Tisch gestoßen bist. Sofort streckst du die Hände aus und tastest über das glatte Holz. Du erfühlst Schrauben und Nägel und schließlich einen langen Holzstiel mit eisernem Kopf. Ein Hammer. Du spürst das irre Lächeln auf deinem Gesicht und umklammerst das Werkzeug wie einen Rettungsanker. Hastig fährst du mit der anderen Hand über den Tisch. Zwischen Nägeln und Draht ertastest du eine kleine Schachtel mit rauen Seiten. Du atmest auf. Endlich. Das rettende Licht.
Deine Finger zittern unkontrolliert und du lässt sie beinahe fallen, bis du die Schachtel schließlich geöffnet und ein Streichholz herausgenommen hast. In deiner Anspannung zerbrichst du es an der Reibefläche. Du willst ein Zweites herausholen, doch deine Finger verharren abrupt in der Luft.
Einen flatternden Herzschlag lang fragst du dich, ob du deine Augen wirklich öffnen sollst. Denn was sie wahrnehmen, musst du als Realität anerkennen.
Du greifst zögerlich nach einem Streichholz und entzündest den Kopf an der Reibefläche. Du musst den Weg nach draußen finden.
Der Zündkopf flackert auf, du blinzelst geblendet an der Flamme vorbei und wünschst dir im nächsten Moment, du hättest die Streichholzschachtel nicht gefunden ...
Orangerotes Licht züngelt über die Wand, beleuchtet tiefrote Flecken, Spritzer und Handabdrücke. Ein blutiges Gemälde auf steinerner Leinwand, stehend auf einem grausigen Sockel aus leblosen Körpern. Wie ausgediente Requisiten sind die Menschen aufeinandergestapelt, die zerrissene Kleidung blutüberströmt und die Gesichter blass oder verwest.
Dein Magen hebt sich. Du würgst und spürst, wie sich die Galle durch deine Kehle ätzt. Du übergibst dich hustend und verfluchst dich selbst für den Lärm. Du schluckst mehrmals, um Herr über die Übelkeit zu werden, doch du kannst den Blick nicht von den unbewegten Körpern lösen. Da öffnen sich plötzlich tote Augen in einem verfaulten Gesicht. Sie fixieren dich hungrig und durch die lippenlosen Zähne dringt ein klägliches Röcheln.
Du hörst einen Schrei, laut und durchdringend, und zuckst zusammen. Deine Kehle fühlt sich rau an und scheint zu brennen. Du bemerkst erst jetzt, dass der Schrei aus deiner Brust stammt.
Du lässt das Streichholz fallen, wirbelst herum und humpelst zurück zur Treppe. Das Röcheln und Knurren hinter dir wird lauter. Etwas knackt, etwas schleppt sich vorwärts. Du bist froh, nicht sehen zu müssen, was dort hinten vor sich geht.
Du stolperst über die erste Stufe, triffst hart mit dem Knie auf und fällst auf die Hände. Der Hammerkopf schlägt scheppernd auf den Stein. Auf allen vieren krabbelst du die Stufen hinauf und rappelst dich oben hechelnd auf. Du streckst die Arme aus und humpelst los. Dein Knöchel pulsiert heftig und weigert sich, dein Gewicht noch viel länger zu tragen, doch du wischst dir die Tränen aus dem Gesicht und ignorierst den Schmerz.
Etwas liegt dir im Weg – deine Schuhe. Du stolperst, stürzt und lässt vor Schreck den Hammer los. Der raue Sand schürft deine Knie und Handflächen auf, während deine Waffe dumpf aufschlägt und über den Boden schlittert.
Fieberhaft tastest du den Boden ab. Du spürst die Unebenheiten in den Steinfliesen und die feinen Sandkörner, doch du kannst den hölzernen Stiel nicht finden. Und mit einem Mal hörst du es wieder: Das heisere Knurren, gefolgt von dem dumpfen Klappern. Er. Das Knirschen und Schleifen seiner Schritte gibt deiner Vermutung recht. Er ist nah. Zu nah. Dein Herz beschleunigt warnend seinen Schlag.
Fieberhaft fliegen deine Finger über die Fliesen und endlich ertastest du einen hölzernen Stiel. Du hörst dich selbst schluchzen und drückst den Hammer an deine Brust.
Langsam erhebst du dich, presst dich mit dem Rücken an die Wand und lauschst dem Knirschen und Schleifen seiner Schritte. Vielleicht bemerkt er dich nicht, wenn du dich nicht bewegst. Jeder Schritt lässt dich zusammenzucken. Das Geräusch dringt in Deine Haut wie unzählige kleine Nadeln. Du hältst die Luft an und plötzlich ist da ... Stille. Sie sirrt schmerzhaft in deinen Ohren.
Das dumpfe Klappern erklingt direkt neben dir und sein tiefes Knurren vibriert in deiner Brust, dröhnt schmerzhaft in deinem Kopf. Unnatürliche Kälte lässt dich schaudern. Es ist, als stündest du vor einem Eisblock. Dir wird schlagartig bewusst, dass du noch immer nicht atmest. Du schnappst geräuschvoll nach Luft, noch bevor du dich bremsen kannst, und versenkst seinen modrigen Gestank in deinen Lungen. Unwillkürlich würgst du.
Etwas streift dich am Arm, kalt und hart wie eine Eisenstange. Du schreist auf. Doch dieses Mal ist es kein ängstlicher Aufschrei, es ist vielmehr der Schlachtruf eines ernstlich Verzweifelten.
Du hebst den Hammer und schlägst wild um dich. Feuerfunken sprühen durch die Schwärze, als der Eisenkopf den Stein trifft. Du drehst dich im Kreis, schwingst deine Waffe und triffst endlich. Der Hammerkopf bohrt sich in etwas Weiches, seltsam Klebriges.
Er faucht und schlägt seine eisigen Krallen in deinen Unterarm. Du spürst, wie er deine Haut in Fetzen reißt, dämpfst deinen Schrei jedoch zu einem leisen Wimmern. Energisch zerrst du an deiner Waffe und fühlst schließlich, wie der Hammer aus zähem Fleisch gleitet.
Er röchelt und sein kalter fauliger Atem treibt dir brennende Tränen in die Augen. Du reißt dich von seinen Krallen los, schlägst und trittst blind um dich, bis er zischend zurückweicht. Dann rennst du los. Geradeaus. Weg von ihm. Das Knirschen und Schleifen folgt dir.
Du prallst frontal gegen eine Wand und taumelst zurück. Das Ende des Flurs. Als du den Kopf drehst, erblickst du etwas wundervoll Alltägliches: einen Streifen Licht. Tageslicht. Du schluchzt auf und humpelst darauf zu. Seine Schritte, das heisere Knurren folgen dicht hinter dir. Du musst dich beeilen.
Du erreichst ein Fenster. Der winzige goldene Lichtstrahl drückt sich durch den Spalt zwischen den Holzbrettern, mit denen es vernagelt ist. Du zerrst an einem der Bretter. Deine Fingernägel graben sich in das Holz, reißen ein und das Blut brennt wie Feuer unter deinen Nägeln.
Eisige Krallen ziehen über deinen Rücken. Du keuchst, wirbelst herum und reißt dabei das Brett vollends vom Fenster. Entschlossen hältst du es wie einen Schläger vor den Körper. Und dann siehst du ihn zum ersten Mal an.
Du spürst förmlich, wie das Blut aus deinem Gesicht weicht. Sein Kopf ist ein Totenschädel mit blutigen, fauligen Hautfetzen, Überbleibsel aus einem Leben, das er vor langer Zeit einmal gelebt haben mag. Seine Augen sind leere Höhlen, die dich gierig anstarren. Er röchelt und seine blutverkrustete Kehle vibriert.
Du ignorierst die Übelkeit, umklammerst das Brett und schlägst es ihm auf den Schädel. Sein Kopf knickt in einem merkwürdigen Winkel zur Seite ab. Du hast ihm das Genick gebrochen, doch es scheint ihn nicht weiter zu interessieren. Zähneklappernd streckt er seine Klauen nach dir aus. Du drückst dich instinktiv ans Fenster. Als seine Finger das Licht berühren, weicht er fauchend zurück. Seine Hand dampft und der Gestank von verbrannter Haut erfüllt die stickige Luft.
Hastig zerrst du die restlichen Bretter vom Fenster und wirft sie ihm entgegen, zwingst ihn, immer weiter zurückzuweichen. Er faucht und knurrt, er ist wütend. Du schlägst das Fenster mit dem Hammer ein. Er brüllt und tobt, tigert in den Schatten und sucht augenfällig einen Weg um das Licht herum.
Du kletterst aus dem Fenster und springst nach draußen. Feuchtes Gras und Sand schmatzen unter deinen Füßen. Du atmest die frische Morgenluft ein und schlurfst erschöpft zu deinem Wagen.
Du blickst dich nochmals um. Die rote Sonne erhebt sich träge über einem tintenschwarzen Meer und das verfallene Steinhaus ist lediglich ein unwirklicher Schatten vor dem friedlichen Morgenrot. Als du sein Zähneklappern hörst, steigst du in den Wagen, startest den Motor und steuerst den Kiesweg hinab ins Tal.
Das alte Steinhaus verschwindet langsam im Rückspiegel und dein Verstand beginnt, die Bilder der Nacht in einen trüben Teil deines Bewusstseins zu drängen. Es war nicht real, sagt er, und du glaubst ihm.
Die Logik übernimmt die Herrschaft über deine Gedanken. Und die letzte Nacht bleibt als böser Traum in deiner Erinnerung.

28. Nov. 2015 - Sandra Binder

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