Main Logo
LITERRA - Die Welt der Literatur
Home Autoren und ihre Werke Künstler und ihre Werke Hörbücher / Hörspiele Neuerscheinungen Vorschau Musik Filme Kurzgeschichten Übersicht
Neu hinzugefügt
Autoren
Genres Magazine Verlage Specials Rezensionen Interviews Kolumnen Artikel Partner Das Team
PDF
Startseite > Kurzgeschichten > Sandra Binder > Krimi > Eure aufopfernden Ehefrauen
emperor-miniature

Eure aufopfernden Ehefrauen
von Sandra Binder

Diese Kurzgeschichte ist Teil der Kolumne:

AGENTUR ASHERA Zur Gallery
A. Bionda
46 Beiträge / 43 Interviews / 102 Kurzgeschichten / 2 Artikel / 128 Galerie-Bilder vorhanden
Sie war stolz auf ihre Arbeit. Und wie immer hatte sie ein Andenken mitgebracht. Das Päckchen hielt sie wie einen Schatz an ihre Brust gedrückt. Sie war gespannt, was Michael heute Abend dazu sagen würde.
Sie stapfte über den regennassen Rasen in Richtung Haustür. Bevor sie den gepflasterten Weg betrat, zog sie die Gummistiefel aus, spritzte sie mit dem Gartenschlauch ab und stellte sie ordentlich neben den Haustritt. Dann erst betrat sie das Haus.
Ohne Umwege marschierte sie zur Waschküche. Sie kannte das Ritual in- und auswendig: Haube und Schürze in die Wanne mit der vorbereiteten Lösung, die verdreckte Gartenkleidung mit der Bleiche in die Waschmaschine, die Handschuhe ... Oh, nein, die schönen Lederhandschuhe hatten hässliche Flecken abbekommen. Es schien beinahe, als hätte sich der Schmutz in das feine Leder geätzt. Nur einmal die falschen Handschuhe mitgenommen und schon waren die guten Stücke ruiniert. Seufzend warf sie sie in die Wanne zu Haube und Schürze. Sie waren so schön gewesen ...
Sie setzte sich auf einen Hocker und wusch sich Füße und Hände in einem Trog, den sie, wie die Lösung, bereits Stunden zuvor vorbereitet hatte. Das Natron-Wasser war inzwischen kalt, doch sie spürte bereits, wie Schmutz und Schweiß von ihr abperlten. Sie nahm die Scheuerbürste und rieb damit gründlich ihre Hände ab. Als ihre Finger schon taub waren, warf sie die Bürste in die Wanne und knetete vorsichtig ihre Füße mit einem Handtuch trocken.
Nackt, wie sie war, tapste sie durchs Haus und hinauf in den ersten Stock. Als sie ins Badezimmer kam, sah sie einen widerlichen gelben Fleck auf dem Boden. Sofort nahm sie ein Schwammtuch aus dem Schrank und wischte ihn auf. Sie hasste Schmutz jeglicher Art. Sie konnte ihn nicht ertragen.
Sie sah sich im Raum um und nickte zufrieden. Blitzblank waren die Fliesen, kein einziger Schlieren verunstaltete den Spiegel und kein Flöckchen Staub saß auf den Parfumflakons, die in Reih’ und Glied auf der Ablage thronten.
Sie griff nach einer neuen Scheuerbürste und legte sie in die Ablage der Dusche. Dann löste sie das Band, das den strengen Haarknoten an ihrem Hinterkopf zusammenhielt – vorsichtig darauf bedacht, nicht ein einziges Haar mit herauszuziehen. Aufmerksam sah sie sich auf dem Fußboden um, prüfte, ob sich ein langes braunes Haar auf den beigefarbenen Fliesen kringelte. Doch nein, der Boden glänzte im warmen Deckenlicht.
Noch einmal zufrieden nickend stieg sie unter die Dusche. Sie stellte das Wasser so heiß, wie sie es ertragen konnte, seifte sich gründlich ein und schrubbte den restlichen Schmutz mit der Scheuerbürste von sich.
Als sie ihre Haut und vor allem ihre Hände, die inzwischen rot geschrubbt waren, für ausreichend sauber hielt, stieg sie aus der Dusche, trocknete sich mit einem schneeweißen Handtuch ab, föhnte ihr Haar und wischte nochmals grob den Boden, bevor sie ins Schlafzimmer ging, um sich anzuziehen.
Sie suchte sich eine weiße Leinenhose und eine zarte, rosafarbene Bluse aus. Sie mochte helle Farben und leichte Stoffe. Sie fand, dass sie frischer und sauberer aussahen, als andere Kleidungsstücke. Und sie mochte alles, was frisch und sauber war.
Fröhlich summend marschierte sie wieder nach unten. In drei Stunden würde Michael von der Arbeit kommen. Und der hart arbeitende Polizist hatte sicherlich einen Mordshunger. Höchste Zeit, das Abendessen zuzubereiten. Darauf freute sie sich schon den ganzen Tag.
Sie machte einen Abstecher in die Waschküche, wo sie Haube, Schürze und die einstmals schönen Handschuhe einmal kurz in der Lösung rührte – sie hatten sich schon fast aufgelöst. Das Päckchen, das sie mitgebracht hatte, lag noch auf der Waschmaschine. Sie hob es vorsichtig an und trug es in die Küche. Dort nahm sie die geblümte Schürze vom Haken und begann mit den Essensvorbereitungen.
Auch dieses Ritual kannte sie in- und auswendig: Die Zutaten durch den Fleischwolf drehen, mit Eiern, Gewürzen und Mehl zu einem geschmeidigen Teig verarbeiten, Sahne steif schlagen und unter die Masse heben, danach in die mit Speckstreifen ausgelegte Kastenform füllen und glatt streichen.
Sie schob die Masse in den Backofen und stellte die Eieruhr. Dann nahm sie die Schürze ab, knüllte sie zusammen und brachte sie unverzüglich in die Waschküche. Reste der klebrigen Masse hingen daran und sie hätte es nicht ertragen, ein anderes Gericht mit derselben Schürze zu kochen. So etwas erschien ihr schlichtweg nicht richtig. Angewidert stopfte sie das Teil in den Wäschekorb.
Solange das Essen im Ofen garte, beschäftigte sie sich damit, die Küche zu scheuern, bis sie blitzte. Und weil sie noch ein wenig Zeit hatte, wischte sie den Boden nass. Und weil sie dann immer noch Zeit hatte, wischte sie auch den Boden im Flur, im Esszimmer und in der Waschküche. Dann nahm sie die Kastenform aus dem Ofen und stellte sie auf den Herd.
Während diese abkühlte, deckte sie den Tisch. Sie nahm das gute Porzellan, das feine Weiße. Sie hielt nichts davon, etwas für einen besonderen Anlass aufzusparen, der vielleicht nie kommen mochte. Außerdem war jedes Abendessen mit ihrem Ehemann ein besonderer Anlass für sie.
Sie polierte die drei silbernen Kerzenhalter, steckte die schneeweißen, langen Kerzen hinein und stellte sie in die Mitte des Tisches. Als Teller, Besteck und Gläser an den richtigen Stellen standen und im Schein der Standleuchte blitzten, strich sie noch einmal die blütenweiße Tischdecke glatt. Und als sie schließlich hörte, wie die Haustür geöffnet wurde, zündete sie die Kerzen an und entkorkte den Wein.
»Hallo, Schatz«, rief Michael ins Esszimmer.
Sie stellte sich an die Türschwelle und holte sich ihren allabendlichen Kuss ab, bevor er nach oben ging, um zu duschen und sich umzuziehen. Ihr gesamter Körper kribbelte, so aufgeregt war sie. Am liebsten würde sie ihm sofort von ihrem spannenden Tag erzählen, doch sie musste sich zügeln.
Bis er zurückkam, hatte sie den Wein und das Wasser in die entsprechenden Gläser gefüllt und saß am Esstisch.
Michael ließ sich stöhnend auf den Stuhl gegenüber fallen, prostete ihr zu und trank einen großen Schluck aus seinem Weinglas. Das schwere rotbraune Getränk hinterließ einen Schlieren, dort, wo er die Lippen angesetzt hatte. Sie befahl sich, sitzen zu bleiben und das Glas nicht nachzupolieren.
»Wie war dein Tag?«, fragte sie, obwohl sie es schon wusste.
Man konnte es ihm ansehen. Seine hübschen braunen Augen wirkten matt und die Fältchen um seinen Mund gruben sich tief in seine Haut. Manchmal hatte sie das tiefe Bedürfnis, sie mit einem Bügeleisen zu bearbeiten.
»Furchtbar«, antwortete er. »Amor hat wieder zugeschlagen.«
Sie nahm ihr Weinglas und nippte vorsichtig daran. »Ich finde den Namen lächerlich. Wieso müsst ihr den Serienkillern immer so absurde Spitznamen verpassen?«
Michael lachte freudlos. »Weil wir nicht wissen, wie sie wirklich heißen.« Er drehte das Weinglas in seiner Hand, sodass der Inhalt gefährlich nahe an den Rand schwappte. »Dieser Kerl gibt uns wirklich Rätsel auf.«
»Woher willst du wissen, dass es ein Mann ist?«
Michael bedachte sie mit einem nachsichtig amüsierten Blick. »Der Killer benutzt zwar Propofol, wodurch ein Kampf vermieden wird. Aber er wuchtet die schweren Opfer trotzdem aufs Bett, um ihren Brustkorb zu öffnen und das Herz zu durchbohren. Das ist ein bisschen zu schwere Arbeit für eine Frau, mein Schatz.«
Sie zwinkerte ihm zu. »Du glaubst ja nicht, wie kräftig eine Frau durch Gartenarbeit werden kann.«
»Wir können gerne einmal ausprobieren, ob du mich heben kannst, Süße.« Michael lächelte ein kurzes und bitteres Lächeln, bevor er wieder ernst wurde. »Nein, solche Verbrechen werden statistisch gesehen eher von Männern begangen.«
Sie liebte es, wenn er über seine Arbeit sprach. Er klang dann so intelligent und versiert. Er klang wie ein Held. Der tapfere Polizist, der sich tagtäglich für Recht und Ordnung einsetzte und sich jedem noch so morbiden, geisteskranken Abschaum der Gesellschaft stellte. Seine Arbeit zeichnete ihn aus, machte ihn wertvoll. Durch sie glänzte und blitzte er, wie ordentlich poliertes Glas.
Glänzen konnte er allerdings nur, wenn er einen Gegenspieler hatte. Die Killer machten Michael zu dem wertvollen Mitglied der Gesellschaft, das er verdient hatte zu sein. Und zu dem jeder aufsah. Michael war ein Jemand, weil es Leute gab, die gegen ihn arbeiteten. Ohne sie hätte sein Dasein keinen Sinn.
Deshalb konnte sie seine oftmals so griesgrämige Miene nicht nachvollziehen.
»Aber statistisch gesehen, müsste auch eine Verbindung zwischen den Opfern bestehen«, fuhr Michael fort. »Und die sehe ich einfach noch nicht.«
Sie musterte die nachdenkliche Miene ihres Ehemanns einen Moment lang. »Haben sie denn nichts gemeinsam?«
»Na ja, sie sind alle geschieden.« Michael zuckte mit den Achseln und ein sarkastisches Lächeln formte sich auf seinen Lippen. »Aber auch das ist statistisch gesehen nicht ungewöhnlich.« Er seufzte. »Wir haben die Exfrauen gecheckt – alles Hausmütterchen, die nie einen richtigen Job hatten und sich jetzt wundern, warum sie ihr Leben nicht allein auf die Reihe kriegen.«
Sie verschluckte sich an ihrem Wein und hob die Serviette an den Mund, um ein Husten zu dämpfen.
»Entschuldige, Schatz.« Michael sah sie an, als wäre ihm erst jetzt eingefallen, dass auch sie keine Ausbildung hatte und offiziell Hausfrau war. Hastig fuhr er fort: »Jedenfalls besteht zwischen den Frauen keinerlei Verbindung. Ich weiß nicht ... es ist mir ein Rätsel.«
»Vielleicht gibt es neuerdings eine Hausmütterchen-Mafia, wer weiß«, erwiderte sie und unterdrückte den sarkastischen Tonfall. »Also sei lieber niemals frech zu deinem Hausfrauchen. Was wärt ihr Männer bloß ohne uns Frauen, die auf euch achtgeben und sich für euch einsetzen. Und ihr merkt es nicht einmal.«
»Bitte entschuldige. Ich habe es nicht so gemeint.«
Michael wusste die Arbeit, die sie im Hintergrund verrichtete, nicht zu schätzen. Doch schließlich war ihm auch nicht bewusst, was sie so alles für ihn tat. Manchmal ärgerte es sie. Das, was er war, hatte er ihr zu verdanken. Dass er so strahlte, wie ein geschliffener Diamant, das war ihr Werk. Sie achtete auf alle Bereiche seines Lebens. Sie war es, die ihn zum Helden machte. Weil sie der wahre Held, der selbstlose Held, im Hintergrund war.
»Wahrscheinlich müsst ihr einfach warten, bis ihr Beweise findet«, meinte sie und wedelte betont unbekümmert mit einer Hand. »Fingerabdrücke, Haare, oder Ähnliches. Hinterlässt nicht jeder Täter etwas am Tatort?«
»Dieser nicht.« Michael schüttelte vehement den Kopf. »Es ist wie verhext. Der Mistkerl ist so gründlich, dass es fast aussieht, als hätten sich die Opfer selbst aufgeschlitzt.«
Sie unterdrückte ein Lächeln und nippte an ihrem Wein, um es zu übertünchen.
»Der hat einen regelrechten Putzfimmel«, meinte Michael. »Manchmal glaube ich, der bricht in die Häuser ein und veranstaltet eine solche Sauerei, nur um die Bude mal richtig putzen zu dürfen. Da findest du kein Staubflöckchen mehr. Da wärst selbst du zufrieden.« Er seufzte erneut. »Die Spurensicherung ist noch am Tatort, aber ich habe nicht viel Hoffnung, dass sie etwas findet.«
Sie erhob sich von ihrem Stuhl und stellte sich hinter ihren Ehemann. Sanft legte sie die Hände auf seine Schultern und begann vorsichtig zu kneten, sodass er erleichtert seufzte. Sie warf einen kurzen Blick auf ihre Fingernägel, worunter sich der hartnäckige Schmutz besonders gern versteckte, doch sie waren blitzeblank und der durchsichtige Nagellack war an keiner Stelle abgeblättert. Lächelnd massierte sie Michaels Schultern.
»Du machst einen großartigen Job, mein Liebster«, raunte sie. »Jeden Tag rettest du die Welt. Und nie genehmigst du dir Ruhe. Du bist mein Held.«
»Ja«, antwortete er und schnaubte. »Ich bekomme ja auch nie Ruhe. Es ist, als wüsste Amor, wann es gerade ruhig wird und dann – zack – haut er uns das nächste Opfer auf die Platte.«
Er schüttelte den Kopf und sie streichelte seinen Nacken.
»Oh, mein armer Held«, erwiderte sie mit einem Grinsen, das er nicht sehen konnte. »Vielleicht mag er es, dir bei der Arbeit zuzusehen. Vielleicht will er sehen, wie sein Held ans Werk geht.«
»Pah. Bei dir klingt das so liebevoll«, brummte er und spannte den Kiefer so fest an, dass sie es sogar von der Seite deutlich sah. »Der ist einfach krank. Sonst würde er auch nicht immer die Leber mitnehmen. Ich meine, wieso tut er das? Ist das ein Souvenir? Und vor allem, was macht er damit?«
Sie klopfte ihm noch ein letztes Mal auf die Schultern, bevor sie einen Schritt zurücktrat. Ach, wenn er doch nur wüsste, wie hart sie für ihn arbeitete.
»Das ist mein Stichwort.« Sie lächelte. »Du brauchst Stärkung. Und du hast dir dein Abendessen nun auch redlich verdient.«
Sie schlenderte zur Küche und wedelte, als sie die Tür öffnete, die Düfte in Richtung Esszimmer. Schmunzelnd richtete sie zwei Teller an.
»Was riecht denn hier ...?«, rief Michael aus dem Esszimmer. »Oh, Mann, schon wieder?«
Schwungvoll trug sie die beiden Teller durch den Flur und trat damit an den Esstisch.
»Tut mir leid«, gurrte sie.
Sie stellte einen Teller vor ihm ab und ließ sich mit dem zweiten gegenüber nieder. Mit betont nichtssagender Miene stellte sie die Ellbogen auf den Tisch, legte das Kinn auf den verschränkten Händen ab und beobachtete ihn.
Das war der aufregendste Teil. Jedes Mal wieder. Denn das war der Teil ihrer hausfraulichen und ehefraulichen Arbeiten, der ihr am meisten Freude machte. Ihrem lieben Ehemann zuzusehen, wie er die Früchte ihrer aufopferungsvollen Arbeit verschlang.
Mit widerwilliger Miene griff Michael nach seinem Besteck. »Ausgerechnet heute«, murmelte er. »Als würdest du es immer riechen.«
Sie zwinkerte ihm zu. »Lass dir die Leberpastete schmecken, mein Liebster.«

26. Okt. 2016 - Sandra Binder

[Zurück zur Übersicht]

Manuskripte

BITTE KEINE MANUS­KRIP­TE EIN­SENDEN!
Auf unverlangt ein­ge­sandte Texte erfolgt keine Antwort.

Über LITERRA

News-Archiv

Special Info

"Flucht aus der Komfort- zone!"
Im Sachbuch "TOP: Die neue Wissenschaft vom bewussten Lernen" geht es um die Befähigung Höchstleistungen zu vollbringen.

Heutige Updates

LITERRA - Die Welt der Literatur Facebook-Profil
Signierte Bücher
Die neueste Rattus Libri-Ausgabe
Home | Impressum | News-Archiv | RSS-Feeds Alle RSS-Feeds | Facebook-Seite Facebook LITERRA Literaturportal
Copyright © 2007 - 2017 literra.info