Main Logo
LITERRA - Die Welt der Literatur
Home Autoren und ihre Werke Künstler und ihre Werke Hörbücher / Hörspiele Neuerscheinungen Vorschau Musik Filme Kurzgeschichten Übersicht
Neu hinzugefügt
Autoren
Genres Magazine Verlage Specials Rezensionen Interviews Kolumnen Artikel Partner Das Team
PDF
Startseite > Kurzgeschichten > Birgit Read > Phantastik > Aswana und die Töchter der Erde

Aswana und die Töchter der Erde
von Birgit Read

Diese Kurzgeschichte ist Teil der Kolumne:

AGENTUR ASHERA Zur Gallery
A. Bionda
46 Beiträge / 46 Interviews / 102 Kurzgeschichten / 2 Artikel / 136 Galerie-Bilder vorhanden
Gaby Hylla Gaby Hylla
© http://www.gabyhylla-3d.de
Hannah erhielt ihren Namen von Pater Lukas. Er wählte diesen für sie aus, weil in der Liste des Alphabetes der Buchstabe „H“ an der Reihe war, als er sie laut schreiend vor den Toren des Klosters fand. Eine Stunde später taufte er das Mädchen. So machte er es immer.
Hannah wuchs behütet im Heim des Ordens auf. Wie alle Mädchen, die in den vergangenen Jahrhunderten vor den Toren des Klosters gefunden worden waren. Pater Lukas, Hannahs Pate seit ihrer Taufe, besuchte sie regelmäßig, traf notwendige Entscheidungen und wachte über ihr Wohlergehen.

Szenentrenner


„Ich hatte schon wieder diesen Traum. Es nervt langsam. Und es macht mir Angst. Wer träumt denn dauernd dasselbe? Niemand!“ Hannah lief wie eine nervöse Tigerin durch den Raum und gestikulierte wild mit den Armen.
Dennis, ihr Freund, betrachtete sie von der Küchenzeile aus. „Mach doch nicht so einen Aufstand wegen nichts! Es gibt garantiert Menschen, die öfter dasselbe träumen.“
„Dennis! Nimm mich bitte ernst. Das ist nicht normal! Es ist unheimlich. Ich habe schon Panik vorm Einschlafen.“
„Ach komm, Baby“, schnurrte Dennis und schlang seine Arme um sie. „Ich bin bei dir, was soll dir passieren?“
Hannah musste wider Willen lächeln. Dennis schaffte es mühelos, ihre Probleme schrumpfen zu lassen. In seinen Armen fühlte sie sich beschützt, geborgen und bärenstark.
Dennis war der Mann ihrer Träume. Hannah liebte ihn so sehr, dass es wehtat. Seit fast vier Jahren waren sie ein Paar. Vor drei Wochen hatte er ihr einen romantischen Heiratsantrag gemacht. Sie hatte „Ja“ gehaucht und anschließend hatten sie sich geliebt. Erst zart und vorsichtig, dann wild und unbändig. Dass sie dabei ein Kind empfangen hatte, ahnten sie nicht. Sie hätte die glücklichste Frau der Welt sein können, wenn nicht …, wenn nicht genau an diesem Tag der Traum angefangen hätte.

Szenentrenner


Hannah spazierte einen Kiesweg entlang. Auf einer Holzbank ließ sie sich nieder, schloss die Augen und genoss die Wärme der Sonne auf ihrem Gesicht. Unvermittelt legten sich von hinten Hände auf ihre Schulter. Erschrocken sprang sie auf. Hinter der Bank stand eine wunderschöne Frau, die sie freundlich anlächelte. „Hallo, Hannah. Da bist du ja. Wir warten schon auf dich!“
„Wer sind Sie? Was wollen Sie von mir?“
„Halte dich bereit!“, sagte die schöne Frau mit eindringlicher Stimme.
Hannah wollte weglaufen, aber ihre Beine schienen festgewachsen zu sein.
„Du kannst nicht weglaufen, Hannah“, sagte die Frau mit sanfter Stimme. „Es ist passiert und nun musst du zurück.“
„Dennis! Wo bist du? Hilf mir“, schrie Hannah voller Angst.
„Dennis kann dir nicht helfen, Hannah. Er kennt dich nicht mehr.“
Als wolle er die Worte der Frau bestätigen, kam Dennis den Weg entlang und schritt an ihr vorbei, als hätte er sie noch nie zuvor gesehen.
„Dennis!“ Hannah schaute ihm hinterher und Tränen der Verzweiflung liefen ihre Wangen hinab.
„Hannah, Liebes. Gräme dich nicht. Komm mit mir. Wir können nicht mehr lange warten. Es wird Zeit.“ Während sie sprach, hob die Frau ihren rechten Arm und streckte ihre Hand langsam Richtung Hannahs Schulter. Entsetzt erblickte Hannah die langen, spitzen Silberklauen an ihren Fingern, die ihr bedrohlich nahe kamen.
„Nein!“, schrie sie gellend.
Dann wachte sie auf.

„Hey! Hey, Hannah! Ich bin´s, Dennis. Beruhige dich, Baby. Ich bin hier.“ Mit starkem Griff zog Dennis seine heftig zitternde Freundin in seine Arme. Sanft streichelte er ihr über die vom Schlaf zerzausten Haare. „Wieder der Traum?“
„Ja“, schluchzte Hannah. „Es ist so schrecklich. Du erkennst mich nicht mehr und die Frau will mich mitnehmen.“
„Es ist nur ein Traum. Ich bin ja da. Und ich weiß ganz genau, wer du bist. Du bist die Frau meiner Träume, die ich vor den Traualtar führen werde. Daran wird mich niemand hindern. Das verspreche ich dir.“
„Halt mich bitte fest. Ganz, ganz fest.“ Weinend schmiegte sich Hannah in Dennis` Arme, spürte seinen warmen, vertrauten Körper. In seinen Armen beruhigte sich ihr aufgewühltes Inneres langsam.

Szenentrenner


„Dennis! Ich bin schwanger!“ Hannah fiel ihrem Bräutigam gleichzeitig lachend und weinend in die Arme. Dennis umschlang sie schweigend und legte sein Kinn auf ihren Kopf.
„Dennis? Warum sagst du nichts?“ Sanft drückte sie mit ihren Händen seinen Körper von sich weg und schaute ihm ins Gesicht. Sie sah Tränen über seine Wangen laufen. „Dennis?“, fragte sie ängstlich, „was ist denn los? Warum weinst du?“
„Hannah“, flüsterte er rau, „das ist das Wundervollste, das du mir jemals gesagt hast.“ Er zog sie wieder fest an sich. „Wir werden eine Familie.“
Ab diesem Moment hatte Hannah das Gefühl, nichts auf der Welt könne ihr etwas anhaben. Als Pater Lukas die Neuigkeit erfuhr, huschte ein trauriger Schatten über sein Gesicht.

Einige Nächte lang nach der freudigen Nachricht schlief Hannah fest und traumlos. Sie fühlte sich wie neugeboren. Ausgeruht und stark.
Dann kam der Traum zurück. Er begann wie gewohnt. Aber als sich Hannah auf die Bank setzte und ihr Gesicht in die Sonne hielt, spürte sie keine Hände auf ihrer Schulter, sondern nur einen kurzen, schmerzhaften Stich im Nacken. Sie schnellte auf und drehte sich um. Hinter ihr stand die schöne Frau eingehüllt in ein schwarzes Samtcape und lächelte. Ihre Lippen waren dunkelrot und zwei schwarze, ausgebreitete Flügel, wie von einem Raben, umkränzten ihr rotes Haar „Es ist soweit. Du bist schwanger. Heute musst du mit mir zurückkommen.“
„Zurück wohin?“, fragte Hannah und legte ihre Hände schützend auf ihren Bauch.
„Nach Hause. Nach Aswana.“
Hannah merkte, wie sie müde wurde. Unendlich müde. „Aber … Dennis …“, brachte sie noch heraus, bevor ihr die Augen zufielen.

Szenentrenner


Als Hannah die Augen aufschlug fühlte sie sich erfrischt und voller Energie. Sie lag in einem Meer aus weichen Kissen und Decken. Die Frau aus ihrem Traum stand etwas abseits und beobachtete sie. Neben der Frau schwebte ein gelb schimmernder Stab, den ein weißes Geflecht wie zum Schutz umrankte.
„Guten Morgen. Wie fühlst du dich?“, drang eine sanfte Stimme in Hannahs Bewusstsein.
„Gut. Ich fühle mich so gut, wie lange nicht mehr.“ Unweigerlich bewegten sich ihre Hände zu ihrem Bauch und ein Lächeln umspielte ihren Mund.
„Das ist schön. Du hast lange geschlafen. Das hat dir und deinem Baby gutgetan.“
Fragend schaute Hannah die Frau an. „Was mache ich hier? Wer bist du? Und … wo ist Dennis?“ Merkwürdigerweise löste die Erinnerung an Dennis keinerlei Gefühle bei ihr aus.
„Dennis ist da, wo er immer war. Er kennt dich nicht mehr.“
„Er kennt mich nicht mehr?“, fragte Hannah verwundert.
„Ich habe ihm das Serum des Vergessens injiziert. Er fängt ein neues Leben an und weiß von dir und dem Baby nichts mehr.“
„Und warum bin ich hier?“
„Du bist hier zu Hause. Hier wurdest du geboren. Von mir. Ich bin deine Mutter.“
„Du bist meine Mutter? Ich dachte, ich wäre als Waisenkind vor einem Kloster gefunden worden.“
„Das bist du auch. Ich selbst habe dich dorthingelegt.“
„Warum?“
„Komm mit. Ich möchte dir etwas zeigen.“ Sanft zog Hannahs Mutter ihre Tochter mit sich und brachte sie auf eine Anhöhe. Der gelb schimmernde Stab bewegte sich parallel zu ihrer Mutter, als wäre er durch ein unsichtbares Band mit ihr verbunden.
„Schau! Das hier ist unsere Heimat Aswana. Hier leben nur Frauen. Männer können in unserer Welt nicht existieren. Um unsere Art zu erhalten, brauchen wir Väter für unsere Kinder. Wir bringen die Mädchen, die bei uns geboren werden, auf die Erde. Seit Jahrhunderten legen wir sie vor dem Kloster ab, vor dem auch du gefunden wurdest. Dort kümmert sich Pater Lukas um unsere Kinder und bringt sie auf den richtigen Weg. Sie führen ein normales Leben, bis sie einen Erzeuger für ihr Kind gefunden haben. Wenn sie schwanger sind, holen wir sie zurück.“
„Pater Lukas kümmert sich um sie? Seit Jahrhunderten? Dann müsste er uralt sein.“
„Er feierte vor Kurzem seinen siebenhundertsechsundsechszigsten Geburtstag.“
„Was? Wie …?“ Hannah riss die Augen auf.
„Wir haben ihm ein zeitloses Leben geschenkt. Er wird so lange leben, wie wir es erlauben.“
„Warum schwebt dieser gelbe Stab um dich herum? Was ist das?“
„Das ist mein Erinnerungsstab. Hierin befinden sich all meine Erinnerungen. Wenn ich sterbe, wird er zu den anderen in die Halle der Erinnerungen gebracht.“
„Wieso habe ich keinen Stab?“
„Dein Erinnerungsstab ist mit dir geboren worden. Komm mit.“
Hannah folgte ihrer Mutter, die kurze Zeit später vor einer Pforte stehen blieb.
„Geh hinein.“
Zögernd öffnete Hannah den schwarzen Samtvorhang vor der Pforte und schlüpfte hinein. Es war eine geisterhafte Atmosphäre in dem dunklen Raum. Kaum wahrnehmbar schwebten eine Vielzahl glanzloser, grauer Stäbe an der Decke. Fasziniert beobachtete Hannah, wie sich einer von ihnen allmählich gelb färbte, bis er genauso schimmernd glitzerte, wie der Stab ihrer Mutter. Er löste sich von der Decke, schwebte auf sie zu und hielt in Höhe ihrer Hüfte an. Hannah ging einen Schritt nach links, der Stab folgte ihr. Sie machte Schritte nach vorn, nach hinten, zur Seite – der Stab folgte jeder ihrer Bewegungen. Mit dem Gefühl der Vollkommenheit verließ Hannah den Raum.
„Gehören all diese grauen Stäbe zu den Aswana-Kindern, die noch auf der Erde sind?“
„So ist es. Nun lass uns gehen. Die anderen wollen dich begrüßen.“
Hannah folgte ihrer Mutter in einen großen Saal, in dem sich alle Frauen zu ihrer Begrüßung eingefunden hatten. Es wurde eine lange und schöne Feier.

Szenentrenner


In den folgenden Monaten führte Hannah das Leben einer Aswani. Sie lernte und befolgte die uralten Regeln, nach denen die Frauen seit jeher lebten und die ihre Welt bewahrten. Es ging ihr gut, an Dennis dachte sie nicht mehr. Der Tag der Geburt kam und Hannah brachte ein gesundes Mädchen zur Welt. Drei Wochen lang versorgten die Aswanis sie mit allem Nötigen und ließen sie mit ihrer Tochter alleine, bis ihre Erinnerungen aneinander in ihren Stäben gespeichert waren.
„Hannah.“ Die Stimme ihrer Mutter riss Hannah aus einem leichten Schlaf. „Es ist an der Zeit. Du musst sie zu Pater Lukas bringen.“
Hannah nahm ihre Tochter vorsichtig in den Arm, küsste sie zärtlich und stellte sich vor ihre Mutter. Vorsichtig wickelte diese das Baby in ein Tuch und schlang es Hannah um den Körper. Ein kurzer Stich in den Nacken und Hannah versank in wohltuende Dunkelheit. Als sie aufwachte, stand sie vor dem Kloster, in dem Pater Lukas lebte. Sie ließ sich noch eine Stunde Zeit, küsste und herzte ihre Tochter und flüsterte ihr liebevolle Worte ins Ohr.
Vorsichtig legte sie das Baby eingewickelt in das Tragetuch vor das Klostertor und versteckte sich hinter einer Mauer. Die Trennung zerriss ihr das Herz. Durch ihren Tränenschleier hindurch konnte sie kaum erkennen, wie Pater Lukas ihr Kind fand. Erst als er sie in seinen Armen hielt, ihr liebevoll über die winzige Wange streichelte und leise Worte in das kleine Ohr flüsterte, schloss sie die Augen und ließ sich von ihrer Mutter nach Aswana zurückholen.

Szenentrenner


„Es tut weh, Hannah. Das mussten wir alle aushalten. Denke daran, du wirst sie wiedersehen und dann bleibt sie für immer bei uns. Jetzt sorgt sie für unseren Fortbestand“, flüsterte Hannahs Mutter ihrer weinenden Tochter ins Ohr. „Komm mit mir, ich zeige dir den Altar.“
Auf einem Hügel, den Hannah bisher noch nie betreten hatte, erblickte sie einen grauen Steinaltar. Davor stand eine lilafarbene mit zarten Adern durchzogene Kugel.
„Wann immer du deine Tochter sehen willst, lege dich auf diesen Altar. Dein Erinnerungsstab wird über der Kugel schweben und alles, was du von deiner Tochter siehst, speichern.“
Hannah legte sich in der ersten Zeit, wann immer es ging, auf den Altar. So stillte sie ihre unbändige Sehnsucht nach ihrer Tochter.
Mit den Jahren, die ins Land zogen, ging sie weniger auf den Altar, ließ den Müttern den Vortritt, die ihr Kind gerade abgegeben hatten. Doch die Sehnsucht blieb.
„Du musst ab heute auf dem Altar bleiben und ihr den Traum schicken“, sagte Hannahs Mutter eines Tages zu ihr. „Sie ist schwanger. Du musst sie im dritten Monat ihrer Schwangerschaft nach Aswana holen. Breite den schwarzen Mantel über dich, ziehe die Federn über dein Haar und lege die Silberklauen an.“
Hannahs Herz schlug so stark vor Freude, dass sie befürchtete, es würde aus ihr herausspringen. Drei Wochen lang schickte sie ihrer Tochter jede Nacht den Traum, den auch sie geträumt hatte.
Dann war es soweit. Hannah schob sich durch den Traum zu ihrer Tochter und stach ihr mit der Silberklaue in den Nacken. In Aswana legte sie sie auf ein Meer von Kissen und Decken und wartete, bis sie aufwachte. Nichts würde sie mehr trennen.

30. Mar. 2017 - Birgit Read

[Zurück zur Übersicht]

Manuskripte

BITTE KEINE MANUS­KRIP­TE EIN­SENDEN!
Auf unverlangt ein­ge­sandte Texte erfolgt keine Antwort.

Über LITERRA

News-Archiv

Special Info

"Flucht aus der Komfort- zone!"
Im Sachbuch "TOP: Die neue Wissenschaft vom bewussten Lernen" geht es um die Befähigung Höchstleistungen zu vollbringen.

LITERRA - Die Welt der Literatur Facebook-Profil
Signierte Bücher
Die neueste Rattus Libri-Ausgabe
Home | Impressum | News-Archiv | RSS-Feeds Alle RSS-Feeds | Facebook-Seite Facebook LITERRA Literaturportal
Copyright © 2007 - 2018 literra.info