Main Logo
LITERRA - Die Welt der Literatur
Home Autoren und ihre Werke Künstler und ihre Werke Hörbücher / Hörspiele Neuerscheinungen Vorschau Musik Filme Kurzgeschichten Übersicht
Neu hinzugefügt
Autoren
Genres Magazine Verlage Specials Rezensionen Interviews Kolumnen Artikel Partner Das Team
PDF
Startseite > Kurzgeschichten > Ian Rolf Hill > Satire > Die Weihnachtsratte
emperor-miniature

Die Weihnachtsratte
von Ian Rolf Hill

https://www.john-sinclair.de © https://www.john-sinclair.de
Der Anruf meines Chefs Sir James Powell erreichte mich kurz vor Feierabend, also zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt.
„Ah, Sie sind noch im Büro, John. Sehr gut.“
„Das finde ich nicht. Eigentlich wollte ich längst zu Hause sein. Schließlich ist ...“
„Daraus wird nichts“, unterbrach mich der Superintendent barsch. „Sie müssen noch mal raus.“
„Jetzt?“
„Natürlich jetzt!“, bellte Sir James, dem offenbar eine Laus von gewaltigen Ausmaßen über die strapazierte Leber gelaufen war.
Ich verdrehte die Augen und schaute auf den verwaisten Platz mir gegenüber, wo mein Partner Suko zu sitzen pflegte. Doch der hatte die Gelegenheit ergriffen noch schnell auf Toilette zu gehen, bevor wir uns auf dem Heimweg machten.
„Worum geht’s denn, Sir?“
„Schon besser. Eine gewisse Janet Cross behauptet sie hätte ein Problem mit einer Ratte.“
Ich kniff leicht die Augen zusammen, da ich glaubte mich verhört zu haben.
„Äh, wie war das bitte?“
„Haben Sie was mit den Ohren? Miss Cross hat ein Problem mit einer Ratte.“
„Sir, ist das nicht eher was für einen Kammerjäger? Außerdem, wenn es nur eine Einzige ist, sollte sie vielleicht einfach eine Falle aufstellen oder ...“
„John, das Problem ist, dass dieses Exemplar nicht nur besonders groß ist, es spricht auch.“
Jetzt war es an mir, zu schweigen. Größtenteils aus Überraschung. Sir James hatte mir ja schon eine Menge obskurer Aufträge gegeben, so was bislang aber noch nicht.
„Aber Sir, vermutlich leidet die Gute an Wahnvorstellungen, akustischen Halluzinationen, was weiß ich. Ist vermutlich in eine Weihnachtsdepri abgerutscht, hat ihre Tabletten abgesetzt oder zu tief ins Glas geschaut ...“
„Ist mir egal, Sie überprüfen das.“ Er zögerte. „Bedenken Sie, dass wir eine Verpflichtung gegenüber dem Volk haben. Außerdem arbeiten wir in einer strengen Hierarchie und wenn ich Ihnen den Auftrag gebe dieser Ratte auf den Zahn zu fühlen, dann tun Sie das, verstanden?“
„Ja, Sir. Wo muss ich denn hin?“
„Hill Street 6, Mayfair. Ach, und John. Immer an die Befehlskette denken.“
Danach legte er einfach auf und ließ mich sprichwörtlich im Regen stehen. Doch dann ging auf meinem Gesicht die Sonne auf, als Suko das Büro betrat und die Stirn runzelte, als er mein breites Grinsen sah.
Er roch den Braten bereits und sagte nur in der Tür stehend: „Was?“
Ich hob bedauernd die Schultern. „Tut mir echt leid, Suko. Das war der Alte.“
„Ein neuer Fall?“
Ich schürzte die Unterlippe. „Wer weiß? Er meinte, du musst auf jeden Fall nach dem Rechten sehen.“
„Und du?“
„Sir James ist der Ansicht einer reicht. Schließlich müssen wir uns ja nicht beide den Abend oder die Nacht um die Ohren schlagen.“
„Moment mal und warum gehst du nicht?“
Ich stand auf, zog die Jacke auf und erwiderte. „Weil ich dein Vorgesetzter bin.“ Auf dem Weg zur Tür, schlug ich ihm auf die Schulter. „Du machst das schon.“

*

Suko war gewiss nicht der Mensch, der schnell die Kontrolle verlor.
Auf dem Weg nach Mayfair, der ihn durch das nasskalte London führte, schimpfte er jedoch wie ein Rohrspatz und zog alle Register sämtlicher Flüche, die er in all den Sprachen, die er beherrschte, kannte. Sie bezogen sich auf einen gewissen Geisterjäger, der im Rang eines Oberinspektors eine Stufe höher in der Hackordnung stand.
Er stoppte den BMW vor einem schmucken kleinen Backsteinhaus, stieg aus und schlug den Kragen der gefütterten Jacke hoch. Heftiger Wind fegte über die Insel und trug neben der Kälte auch Schneeregen mit sich, der sich bis Weihnachten hoffentlich in richtigen Schnee verwandelte. Bis jetzt war es der reinste Matsch, der nicht gerade dafür sorgte, dass sich Sukos Laune besserte.
Das geschah erst, als auf sein Klingeln hin die Tür mit dem Adventskranz aufgezogen wurde und nicht nur eine zierliche, blasse Frau mit kurzgeschnitten schwarzen Haaren ihn empfing sondern auch der Duft nach frisch gebackenen Plätzchen.
„Ja, bitte?“
Sie sah ehrlich verwirrt aus.
„Ähm, mein Name ist Inspektor Suko. Haben Sie die Polizei verständigt wegen einer ...“ Er zögerte, nicht sicher, ob er die folgenden Worte tatsächlich aussprechen sollte. Sie waren selbst für seine Verhältnisse einfach zu … schräg. „Wegen einer sprechenden Ratte?“
„Oh“, machte sie. „Ich dachte, es würde Oberinspektor Sinclair erscheinen. Sir James versicherte mir, dass er käme.“
„Ach, tat er das? Interessant. Tja, tut mir leid, aber Oberinspektor Sinclair ist derzeit verhindert. Die ersten Silben des Dienstgrades betonte er dabei besonders.
„Hm“, sie nagte an ihrer Unterlippe. „Nun gut, ich hoffe er ist nicht allzu verstimmt. Kommen Sie doch bitte herein. Ich hab da schon was vorbereitet.“
Suko streifte die Schuhe auf dem Vorleger ab und folgte Janet Cross in die Küche, die von einer heimeligen Beleuchtung erhellt wurde. Das Licht stammte nicht nur von einer Lichterkette im Fenster, sondern drang auch aus dem Backofen, der für den verführerischen Geruch verantwortlich war, bei dem Suko das Wasser im Mund zusammenlief.
„Setzten Sie sich, Inspektor. Und verhalten Sie sich bitte ganz still.“
Zwinkerte sie ihm tatsächlich zu oder sah es nur aufgrund der schummrigen Lichtverhältnisse so aus? „Mucksmäuschenstill, wenn Sie so wollen.“
Der Inspektor legte die Jacke ab, runzelte die Stirn, befolgte die Anweisung jedoch und schob sich auf die Bank vorm Küchentisch, auf dem eine Stoffdecke lag, die mit Weihnachtsmotiven bestickt war.
Janet Cross wandte sich dem Backofen zu, holte das Backblech hervor und schloss die Klappe mit einem eleganten Schwung ihrer Hüfte wieder. Danach kippte sie das Blech schräg an, so dass die frisch gebackenen Plätzchen auf einen bereitstehenden Teller rutschten.
Das leere Blech stellte sie achtlos auf den Herd, nahm den Teller mit den Keksen und stellte ihn direkt vor Suko hin.
„Oh, das ist sehr nett ...“
„Finger weg!“, fuhr sie ihn an. „Die sind nicht für Sie.“
Ihr Augen hätten Blitze verschossen, wenn sie gekonnt hätten und Suko zuckte unwillkürlich zusammen.
„Okaaay.“
„Warten Sie hier!“, befahl sie mit erhobenem Zeigefinger und verschwand im Flur. Suko hörte, wie irgendwo eine Tür geöffnet wurde und wieder zufiel, dann herrschte Stille.

*

„Scheiße, verdammt. Wo ist Sinclair?“
Sukos Augen weiteten sich, als er die Stimme vernahm, die ihm nur zu vertraut war, wenngleich sie irgendwie leiser klang. Eine Nuance filigraner oder … piepsiger?
Augenblicklich flog seine Hand zum Gürtel, in dem der Griff der Dämonenpeitsche steckte. Geschmeidig glitt der Inspektor von der Bank und schaute sich in der Küche um, ohne den Sprecher jedoch zu sehen. Seine Hand fuhr zum Lichtschalter, aber der Schirm über dem Tisch blieb dunkel.
Logisch, ohne Glühbirne kein Licht.
„Zeig dich!“, rief Suko und fügte noch den Namen desjenigen hinzu, der scheinbar sehnsüchtig den Geisterjäger erwartete: „Asmodis.“
Eine Bewegung am anderen Ende des Tisches erregte die Aufmerksamkeit des Chinesen.
Dort schob sich ein kompakter Schatten von der Größe eines Kaninchens auf die Platte und zog einen langen nackten Schwanz hinter sich her.
Das war sie also, die ominöse sprechende Ratte, die Janet Cross terrorisierte.
Suko hatte ja mit allem Möglichen gerechnet. Mutationen, Zombieratten und natürlich auch mit verwandelten Dämonen, aber nicht unbedingt mit dem Teufel persönlich.
Der trippelte schnurstracks über den Tisch, auf den Teller mit den Keksen zu. Davor pflanzte er sich auf die Hinterbeine, schlang den Schwanz um seinen Leib und griff mit den Vorderpfoten nach dem ersten Plätzchen, an dem er eifrig herumzuknabbern begann.
Währenddessen taxierte er Suko mit seinen kleinen, listigen Knopfaugen.
„Was glotzt du so? Noch nie 'ne sprechende Ratte Kekse essen sehen?“, fragte Asmodis kauend.
„Um ehrlich zu sein, nein“, erwiderte der Inspektor und setzte sich wieder.
„Egal, was soll's?“, grummelte der Teufel in Rattengestalt und verschlang die Reste des ersten Plätzchens.
„Was willst du, Asmodis?“
„Allgemein oder speziell jetzt?“
„Speziell jetzt.“
Asmodis zögerte, gab sich dann buchstäblich einen Ruck, den er dazu nutzte sich das nächste Plätzchen zu greifen, aus dem er sich bei seiner momentanen Größe locker einen Stehtisch hätte basteln können.
„Ich bin gekommen, die Menschheit zu unterwerfen. In Gestalt dieser Ratte werde ich den Keim des Bösen verbreiten und jeden, den ich beiße zu meinem willfährigen Diener machen. Janet Cross gehört bereits zu meiner Gefolgschaft und Sinclair sollte der Nächste werden.“
Suko runzelte die Stirn. „Das ist doch Blödsinn“, entfuhr es ihm.
Verächtlich schleuderte die Ratte den angenagten Keks nach Suko. Der fing ihn auf und kostete das Gebäck. Gar nicht so übel, fand er. Vielleicht eine Spur zu viel Zimt, aber ansonsten äußerst schmackhaft.
„Wie kannst du es wagen?“, tobte die Asmodis-Ratte. „Ich bin der Herr der Hölle. Ich könnte dich zertreten wie einen Wurm.“
Suko schüttelte den Kopf. „Himmel, leg endlich mal eine andere Platte auf. Falls es dir nicht aufgefallen ist, aber du bist eine Ratte. Wenn du mich zertreten willst, dann solltest du dich geschwind in etwas Größeres verwandeln.“

*

Statt zu antworten oder Sukos Vorschlag gar in die Tat umzusetzen, griff die Ratte nach einem weiteren Keks.
„Ich warte“, rief Suko, doch Asmodis ignorierte ihn und schien wahrhaftig zu schmollen.
Der Inspektor lachte. „Ahnte ich es doch. Du kannst dich nicht verwandeln. Und mal ehrlich, warum solltest du versuchen, John Sinclair zu beißen? Sein geweihtes Kreuz schützt ihn vor deiner Magie und würde ihn meilenweit vor deiner Präsenz warnen. Wenn du so ein schlauer Teufel wärst, hättest du bereits so viele Menschen zu deinen Dienern gemacht, dass uns ihre schiere Übermacht einfach überrennen würde. Hast du aber nicht. Und weißt du auch warum?“
Asmodis antwortete nicht.
„Weil du es nicht kannst.“ Triumphierend lehnte sich Suko zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. „Die Frage ist also, warum wolltest du, dass John Sinclair herkommt?“
„Wollte ich nicht“, beeilte sich der Teufel zu entgegnen.
„Du lügst. Trotzdem ist es merkwürdig, denn nach deiner Niederlage auf Avalon hätte wir nicht mit einer baldigen Rückkehr deinerseits gerechnet ...“ Suko zögerte und beugte sich leicht nach vorne. „Das ist es“, flüsterte er.
Die Ratte sah sich hektisch über die Schulter um. „Das ist was? Keine Ahnung, was du meinst.“
„Beelzebubs Retourkutsche. Dafür, dass du und Baphomet ihn gefangen gehalten habt, hat er dich jetzt in diesen Rattenkörper gebannt und nur John und sein Kreuz hätten dich daraus befreien können.“
Asmodis fletschte die kleinen Zähne. „Und wenn schon. Vielleicht reicht ja auch die Dämonenpeitsche aus. Los, komm schon, Chinese. Oder ich zerfleische dir die Visage.“ Herausfordernd rechte Asmodis die kleine Schnauze, so dass die Barthaare zitterten.
Es sah fast sogar ein wenig putzig aus.
Suko blieb gelassen. „Und wenn nicht? Wenn ich dich einfach einfange und in einen Käfig sperre, bist du versauerst? Haben wir dann wenigstens für den Rest deines erbärmlichen Ratten-Daseins Ruhe vor dir?“
Bis zu diesem Augenblick hätte Suko nie gedacht, dass einer Ratte die Gesichtszüge entgleisen konnten. Asmodis wollte die Gunst der Sekunde nutzen und stiften gehen, doch Sukos scharfer Ruf, ließ ihn buchstäblich erstarren. „Topar!“
Und die Magie von Buddhas Stab, die für alle Lebewesen in Rufweite die Zeit für fünf Sekunden anhielt, erfüllte ihren Zweck.

*

Suko zog verärgert die Augenbrauen zusammen, als er Shaos Nachricht auf dem Smartphone las.
Beeil dich, sonst ißt John alles auf.
Das schlug dem Fass den Boden aus. Erst verdonnerte ihn der Knilch zu Überstunden und dann ließ er sich auch noch von seiner Freundin bekochen!
Na warte, dachte der Inspektor. Dafür bekommst du ein ganz besonderes Weihnachtspräsent. Suko lächelte kantig und strich über das sorgsam verschnürte Paket neben sich auf dem Beifahrersitz.
Die alte Transportbox für Katzen und das Geschenkpapier hatte er sich von Janet Cross ausgeliehen. Sie würde beides nicht vermissen, denn sie war bereits geraume Zeit tot.
Ein Jahr, um genau zu sein. Warum Asmodis ausgerechnet bei ihr erschienen war, musste noch geklärt werden. Möglich, dass die gute Janet Cross zu Lebzeiten nicht so harmlos gewesen war wie angenommen.
Mit der Transportbox in der Hand, von der nur der Griff aus dem Geschenkpapier ragte, fuhr Suko im Lift in die zehnte Etage des Hochhauses, in dem er gemeinsam mit John Sinclair und seiner Partnerin Shao wohnte.
Er klingelte gar nicht erst, sondern schloss selber die Tür auf. Noch in der Diele vernahm er die Stimme seines besten Freundes, der mal wieder eine kleine Anekdote zum Besten gab.
Kein Grund für Asmodis in aufgeregtes Fiepen zu verfallen, nur weil er seinen Erzfeind hörte. Einen Erzfeind wohlgemerkt, der seine Erlösung versprach. Allerdings nicht, wenn Suko dies verhindern konnte. Er musste seinem Freund lediglich erklären, dass dieser in Gegenwart der Ratte Vorsicht walten lassen musste, wenn er mit seinem geweihten Talisman hantierte.
Die Begrüßung blieb Suko im Halse stecken, als John (leicht angeheitert von dem importierten deutschen Bier) grölte: „... und dann riss ich mir das Kreuz vom Hals und rief 'Terra pestem teneto – salus hic maneto' ...“
Gleißendes Licht erfüllte die Diele und die Ratte zerfiel lachend zu Staub.

17. Dez. 2017 - Ian Rolf Hill

Download

Die Weihnachtsratte
PDF-Datei, 0.21 MB
[Rechtsklick > Ziel speichern unter]
Zur Anzeige dieser Datei benötigen Sie den kostenlosen Adobe Reader (Download auf der Adobe-Site, ca. 30MB).

Bereits veröffentlicht in:

Im Web: https://www.john-sinclair.de/

[Zurück zur Übersicht]

Manuskripte

BITTE KEINE MANUS­KRIP­TE EIN­SENDEN!
Auf unverlangt ein­ge­sandte Texte erfolgt keine Antwort.

Über LITERRA

News-Archiv

Special Info

"Flucht aus der Komfort- zone!"
Im Sachbuch "TOP: Die neue Wissenschaft vom bewussten Lernen" geht es um die Befähigung Höchstleistungen zu vollbringen.

Heutige Updates

LITERRA - Die Welt der Literatur Facebook-Profil
Signierte Bücher
Die neueste Rattus Libri-Ausgabe
Home | Impressum | News-Archiv | RSS-Feeds Alle RSS-Feeds | Facebook-Seite Facebook LITERRA Literaturportal
Copyright © 2007 - 2018 literra.info